Nach dem Zweiten Weltkrieg: Armand Schulthess – Barrikade und Schleuse aus Worten

1951 zog sich Armand Schulthess, nachdem er zwölf Jahre Bundesbeamter in Bern gewesen war, nach Auressio zurück, das 15 Kilometer von Locarno entfernt liegt. Bis zu seinem Tode 1972 wurde sein 18 000 Quadratmeter grosses Waldgelände zu einem Wissenskosmos. Er beschriftete Tausende von Tafeln, die er im Wald verteilte, mit Wissen in Form von Stichworten, Tabellen, Buchverweisen aus allen Gebieten, so dass eine Enzyklopädie entstand, die die Gegensätze der Kulturen, Rationalität/Irrationalität, Physik/Metaphysik, Mann/Frau in einer überblickbaren Ordnung aufheben sollte. Das Zeichen wurde lebendig, ersetzte Leben, indem es Leben bedeutete. Armand Schulthess verkleinerte den ganzen Kosmos so, dass er in seinem Waldunterzubringen war. Er kultivierte seinen Garten und dachte an die ganze Welt. Der Komplexität und Undurch­schau­barkeit der Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts entfloh er in eine geschlossene Zeichenordnung, die die gesprochene Kommunikation überflüssig machte.

Theo Kneubühler

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Individuelle Mythologie

Seit 1944 wohnt am Monte Verità ein Mann, der, wie vor ihm Ernst Frick, dem Zauber dieser Landschaft erlegen ist, den Findlingen, den Opfersteinen, den Spuren der Kelten. Gleich hinter dem Monte Verità hat er seither unermüdlich an einem Skulpturenweg gearbeitet, längs einem von ihm anhand der Mäuerchenüberreste und Baumstellungen als keltisch identifizierten Fluchtweg gegen Arcegno und den Balla Drum hin. Jahr für Jahr, wenn Pilz- und Kastaniensucher seine Figuren umgeworfen haben, stellt er sie wieder auf, die Wächter, die «chinesischen» Prinzessinnen, über neunzig von ihm getaufte Personen, deren Steinphysiognomien ihm die Namen suggerieren für die Gesprächspartner in seinem Pantheon. Die leblosen Steine leben und geben ihm Leben, und der Zauber dieser Stillen ist oft übermächtig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Ascona – Alterssitz und Sterbeort

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Tessin für Künstler und Schriftsteller zum Alterssitz. Entsprechend der Entwicklung zur Konvergenz, der Verschmelzung von allem mit allem, als Kriterium vor allem der späten fünfziger und sechziger Jahre, zogen sich deutschschweizerische, deutsche, englische, ungarische und französische Künstler und Schriftsteller ins Tessin zurück: Ehemalige deutsche Frontsoldaten und amerikanische Offiziere, Emigranten aus Hitler-Deutschland und solche, die zumindest geistige Wegbereiter des Nationalsozialismus waren, Sozialisten und Bestsellerautoren, die die Träume zur Ware machen. Alte Dadaisten kehrten ins Tessin zurück: Hans Arp, Hans Richter, Richard Huelsenbeck, Walter Mehring; Emmy Hennings lebte bis zu ihrem Tod, 1948, im Tessin: Erfolgsschriftsteller wie Hans Habe und Erich Maria Remarque; Emigranten und Sozialisten wie Robert Neumann, Karl Otten, Julius Hay, Heinz Liepmann, Fritz Hochwälder; Intellektuelle, die präfaschistisches Gedankengut verbreiteten, wie der aus dem George-Kreis stammende Rudolf Pannwitz; kämpferische Intellektuelle und Schriftsteller wie Max Horkheimer, Erich Fromm, Pollock, Alfred Andersch, Max Frisch; unpolitische Maler und Schriftsteller wie Fritz Huf, Julius Bissier, Ben Nicholson, Fritz Glarner, Hans Purrmann, Karl Kerényi.

Theo Kneubühler

 

Du 10/1978, weiter