1904: Raphael Friedeberg – Die Anarchisten-Kolonie Ascona

«Lag der organisatorische Mittelpunkt des deutschen Arbeiter-Anarchismus in Berlin, so gab es sozusagen einen geheimen Treffpunkt der (anarchistischen) Intelligenz in Ascona am Lago Maggiore», diese Unterscheidung trifft Ulrich Linse in seiner Dissertation «Organisierter Anarchismus im deutschen Kaiserreich» (Berlin 1969). Und die Ascona-Dossiers im Bundesarchiv zu Bern und dem Kantonalen Archiv in Bellinzona sind die Belege für die Massierung syndikalistischer und individueller Anarchisten in Ascona. Dr. Raphael Friedeberg machte mit seiner Kur bei den «Pflanzenfressern» den Anfang, und durch ihn kamen in der Blüte ihrer Boheme-Zeit Erich Mühsam, Johannes Nohl, aber auch der Grazer Psychiater Otto Gross, der Zürcher Anarchist Ernst Frick, Dr. Fritz Brupbacher, der Schriftsteller Leonhard Frank, um nur die wichtigsten zu nennen. Mühsam widmete Ascona eine Broschüre gleichen Namens (Locamo 1905), in der er zuerst mit der vegetarischen Kolonie abrechnete («ethische Wegelagerer mit ihren spiritistischen, theosophischen, okkultistischen und potenziert vegetarischen Sparren»), um dann seine Vision darzulegen: «Daher wünsche ich in tiefster Seele, Ascona möchte einmal ein Zufluchtsort werden für entlassene und entwichene Strafgefangene, für verfolgte Heimatlose, für alle diejenigen, die als Opfer der bestehenden Zustände gehetzt, gemartert, steuerlos treiben und die doch die Sehnsucht noch nicht eingebüsst haben, unter Menschen, die sie als Mitmenschen achten, menschenwürdig zu leben.» Das Lumpenproletariat bestätigte auch Psychiater Otto Gross in seiner Theorie, dass die Psychoanalyse den Boden der Wissenschaft zu verlassen und in den Dienst des ganzen Leidens der Menschheit zu stellen sei. Sein Plan war, in Ascona eine Hochschule zur Befreiung des Menschen zu errichten, Befreiung von allen Zwängen, Befreiung vom Vater, das Zurückfinden zur Mutter und ins Paradies.

1908: Franziska Gräfin zu Reventlow – Animalisch unbeschwert, kosmisch und sozialkritisch: Die Literaten kommen

Ascona war, seitdem Erich Mühsam 1904 das erste Mal einige Wochen dort verbracht hatte, zu einem Boheme-Zentrum vor allem für Münchner und Berliner Künstler und Schriftsteller geworden. Sie fanden dort das ruhige Leben, ein angenehmes Klima und eine Bevölkerung, die sich gegenüber fremden Zuwanderern tolerant oder zumindest indifferent verhielt. Zudem liess sich dort billig leben. Emil Ludwig, Else Lasker-Schüler, Emil Szittya, Johannes Nohl, Klabund und viele andere hielten sich schon früh in Ascona auf. Zu den Lebensreformern auf dem Monte Verità gab es kaum Beziehungen, oder sie gründeten auf Verachtung oder gar Feindschaft. Dem autoritären bürgerlichen Indi­vi­dualismus der Monte-Veritaner stand der bindungsunwillige Individualismus der Boheme gegenüber. Nur Hermann Hesse, 1907 zur Alkoholentziehungskur auf dem Monte Verità, war der Richtung der Lebensreformer auf eine wohlwollend-kritische Art gewogen.

Franziska Gräfin zu Reventlow schrieb im November 1910 in einem Brief aus Ascona: «… möchte wieder Menschen sehen. Hier gibt's keine, nur Narren und Propheten.» Sie ist das Inbild der Bohémienne, die ein Leben lang «in die volle Sonne» wollte, wie sie selbst schrieb. Ihr Leben ist von exemplarischer Intensität und spiegelt zugleich jenes Zeit­zeichen der grundsätzlichen Verunsicherung, die seit der Jahrhundertwende alle Klassen des Wilhelminischen Deutschland ergriff. Die Reventlow suchte ein Gegengewicht in einer grösstmöglichen Loslösung von der Bevormundung und Kanalisierung, die mit ihrer Herkunft verbunden war. Ihre Tagebücher und Briefe zeigen eine Frau, die die Freiheit gleichzeitig gegen und mit ihrem Gefühl nicht nur zum Prinzip machte, sondern auch danach lebte. Diese Ungebundenheit erkaufte sie durch einen verzweifelten Leidens­weg der sozialen Ächtung, der materiellen Not, der psychischen Isolation.

Theo Kneubühler

 

Du 10/1978, weiter