Technik und Kultur – Teil III – Der Geist der Technik

Der Geist der Technik

23. Technischer Geist und Lebensanschauung

Der Geist der Technik, das Wesen der Technik als selb­stän­dige Macht betrachtet ist also:

– mittels der Arbeitsteilung den Menschen zu zerstückeln;

– durch die Arbeitseinheit ihn zu entpersönlichen;

– durch die Arbeitsgemeinschaft ihn zur Masse zu machen;

– durch die technische Unterordnung ihn innerlich und äusserlich zu entgeistigen.

So wird er, entwürdigt, zum willenlosen Gemächte der mono­theis­tischen Idee zu Händen ihrer politisch-sozialen Ver­kör­perung, der militärisch-bürokratischen Staatsgewalt. Der Monotheismus hat also der Technik viel zu verdanken; aber die Religion …?

Religion1 gilt heute den einen für die überflüssigste Sache und den lächerlichsten Unsinn: sie verstehen unter Religion aber nur Bevormundung, die Unterwürfigkeit unter priesterlich verfälschte Sagen, pries­ter­lich eigensüchtige Bräuche, pries­ter­lichen Dünkel und Hass. Die andern reden nur von Glau­bens­ei­fer, Gottesdienst und Gotteswort und hal­ten daher die Religion für das Unentbehrlichste. Diese sehen darin die Stütze des Staates und das Mittel der Volks­be­herr­schung, instinktiv rich­tig, weil der Staat ihnen die Grenze der Lebensanschauung ist. Und fürwahr! die Orthodoxie religiöser Buchstaben kann nicht besser Fleisch werden, als im Massen­staat. Jene fürchten eine Beschränkung ihrer modernen Ten­den­zen – mit Unrecht! Denn was ihnen modern heisst, der Kampf gegen alle Hindernisse der vollen technischen und sozialen Entfaltung, dazu treibt, wenn auch langsamer, doch um so gründlicher, der Staat gerade durch seine scheinbaren Bremsanstalten, Heer, Beam­ten­tum und Kirche.

Aber es gibt doch noch Empfindungen ausser der bour­geoi­sen Sehnsucht nach gründlichster und der proletarischen nach schleunigster Entwicklung zur Masse. Ausser dem Zwil­lings­paare – Mono- und Atheismus – lebt denn doch noch ein Selbstgefühl, das von innerer Macht der Weltgestaltung redet. Und dieses Gefühl sträubt sich gegen den Massenstempel, der den Menschen zu einem Staube des Zufalls oder von Al­lein­gottes Gnaden macht, zu einem ererbten Werke der Masse oder der Alleinheit. Diesem Gefühl der Persönlichkeit im eigenen und jedem Naturleben hat die Technik unendlichen Schaden zugefügt. Je mehr sie wuchs, um so nachhaltiger. Ihr Geist bildete sich ja mit ihrem Aufschwunge immer deutlicher he­raus, der Geist der Unpersönlichkeit und Mechanisierung. Mit ihrer gewerblichen Schwester arbeitete die priesterlich-chris­ten­tümliche Kirchentechnik Hand in Hand, dem gemeinsamen Ziele zu – oft mit verteilten Rollen, scheinbar verfeindet. Denn so ergibt es sich, der Mensch fühlt sich so sicherer, je nach Anlage, ent­weder in der «Freiheit» der technisch-modern-li­be­ra­len An­schau­ung oder unter dem «Schutze» der orthodox-konservativen. Es kommt jedoch auf eins heraus, hier auf dem Umweg, des Ge­müts, dort auf dem der Arbeit, und so steuerte der Mensch dem Hafen der Entpersönlichung zu.

Besonders gefährlich ward aber eben der technisch-ge­werb­lich-moderne Weg, weil er so frei und gangbar scheint, weil er den Menschen bei seinem besten lockt, dem Frei­heits­ge­fühl. Der Drang nach Freiheit ist nicht so negativ, wie das Wort selbst, nicht nur die Leere der Nichtbehinderung. Viel­mehr ist es der tiefe Kampfesruf der Persönlichkeit, die, um schöpferisch zu sein, um sich gestaltend zu verwirklichen – min­des­tens nicht gewaltsamer Behinderung unterliegen darf. Sonst wird sie eben Masse. Freiheitsgefühl, Überzeugungs­treue, Persönlichkeit, echte Lebensempfindung, natürliche Reli­gion: es sind nur Phasen und Formen des kosmischen Dranges. Und die Technik, die urwesentlich persönlich erlebter Umgang mit der Natur war, schien dem Menschen alles zu versprechen. […]

Der Vatikan ist elektrisch beleuchtet, Leo XIII. schickte seinen Segen auf der Phonographenwalze in die Welt, der Ultramontanismus versteht Presse und Parlament meisterlich zu handhaben. Das beweist eben, dass die Technik an sich noch gar kein Fortschritt ist – erst ihre Nutzanwendung durch den Menschen kann sie dem Aufstiege des Lebens dienstbar ma­chen. Das ist aber offenbar das schwerste Stück der ganzen Menschheitsarbeit.

Bedeutungsvoller ist aber wiederum, dass die Wissen­schaft als rechte Hand der Technik immer mehr die Urkunden des Alleingottestumes als unhaltbar zerfasert hat, philologisch, geschichtlich und naturwissenschaftlich – das Alleingottes- tum ist ganz unglaubwürdig geworden. Schliess­lich musste es dahin kommen, dass die monotheistische Tech­nik die Ab­setz­ung des Alleingottes verkündete.

Jedoch: hätte das Allein­got­tes­tum mittels der von ihr geförderten Technik nur sich selbst ermordet – es wäre ein Verdienst. Nun hat aber der Geist der Technik, der Geist der allein glücklichma­chen­den und allein geduldeten Technik, der Geist der zur Despotie angepeitschten Technik – nicht irgend­einen Gott umgebracht, wohl aber das natürlich religiöse Gefühl des Menschen erwürgt und damit eine wesentliche Lebensbedingung zerstört. Weil dem Menschen gelehrt wurde, dass der Alleingott die Welt erschaffen hat, musste in ihm dieser Glaube siechen, als er erkannte, dass sie unerschaffen ist. Weil ihm eingehämmert worden war, dass der Alleingott nur im Bibelbuche richtig zu finden sei, musste der Glaube sterben, als dieses Buch sich als grandiose Fälschung ent­pupp­te. Vor allem aber: der Mensch hatte gelernt, dass Gott nur das Gegenbild des Menschen sei, der Gegensatz alles mensch­lichen Wesens, dass es daher nur einen Gott geben könne, dass Gott Einer wäre, oder Keiner. Als nun die vom Alleingottestum gehegte Technik den Alleingott umgestossen hatte, da gab es überhaupt keinen möglichen Gott mehr. Geblieben ist ein mehr oder minder unklarer, un­per­sön­li­cher, chaotischer Pan­theis­mus, der sich nur im seherisch-dichterischen Gefühle wieder schüchtern dem naturechten Polytheismus nähert, im philo­so­phisch-ethischen Empfinden aber ganz verblasst. Goethe ist nicht etwa der ins dichterische übersetzte Spinoza, sondern die Umkehr von pantheistischer Formlosigkeit zu hellenisch-poly­theistisch-individuellem Monis­mus. Und ein moderner Dich­ter, Elisàr von Kupffer, er­öff­net uns den Blick in eine neue religiöse und sittliche Welt2 – über Olympia und Golgatha:

 

Die Schönheit naht, sie sendet ihre Boten,

Der Frühling jubelt in zerstörten Mauern,

An allen Zweigen frische Knospen lauern.

Lebendig wird es in dem Reich der Toten!

 

Hör auf, mein Sinn, hör endlich auf zu trauern!

Denn Christus lebt in deinem Opferherzen,

Und Dionysos deinen heitren Scherzen,

Und deiner Liebe – Eros-Aphrodite!

 

Lass dir dein Glück von keinem Feinde merzen!

Erwache Welt, der ich den Gruss entbiete,

Und bete an, vor dem die Sehnsucht kniete,

Dein Seelenheim, dein himmlisches Verlangen!

 

Leer’ deinen Kelch, an dem die Lippen hangen,

Und ward er auch vergiftet, ohne Bangen!

 

Florentine XXVIII: «In Pompeji» aus: «An Edens Pforten – aus Edens Reich»,
sufische Gedichte 1906/7, E. Pierson, Dresden

 

Aber die moderne Naturwissenschaft – Nährmutter und Impresario des technischen Wunderkindes, stammt durch Spinoza vom Monotheismus ab.

Die Bibel hat mit der Technik Gott erschlagen: nicht nur ihren Alleingott, sondern mehr – den Glauben an un­ver­gäng­liche, persönliche, gestaltende Mächte in jedem Naturgebilde, an die kosmische Göttlichkeit, die in jedem selbständig und persönlich dem grossen Ziele der Freude zustrebt, an die welt­bil­dende Kraft der Form, an eine Welt lebendiger Mittelpunkte, die unsere Sprache nun einmal «göttlich» nennen möchte. Wirk­lich, der sinaitische Gedanke hat gesiegt. Unsere Zivi­li­sa­tion ist die des mosaischen Ideals. Darum ist es eine lä­cher­li­che Inkonsequenz, wenn die Staats-, Weltpolitik- und Tech­nik­schwär­mer sich gegen die Juden sträuben. Diese wenden ja nur die Grundsätze des technischen Allstaates unbeirrter und er­folg­reicher an. Sie gehören in unsere Gesittung. Der Anti­se­mi­tis­mus als Gegner der Vaterlandslosigkeit hätte einen Sinn von echtem Volksgefühl aus. Aber das ist durch Staat und Technik längst verwirtschaftet worden. Heute darf Antisemit nur sein, wer den kategorischen Staatswahn überwunden hat. Und wer das hat, ist sicherlich nicht mehr anti irgend einer besondern der herrschenden Machtgruppen, sondern über sie alle hinaus, über alle Parteien, über alles Unpersönliche.

24. Die moderne Erziehung

Der Bibelgeist der Technik hat die persönliche, natürliche Religion ausgerottet und damit die Grundlage des persönlichen Gefühls; er hat aber auch die Sittlichkeit untergraben.

Zwar nicht jene Sittlichkeit, die im äusseren Mitmachen der Lebensbräuche besteht, in der klugen Verheimlichung etwaiger Eigensprünge, in der tatsächlichen oder angeblichen Unterwürfigkeit unter die jeweils geltenden Anschauungen, im charakterlosen Verzicht auf das Recht eigener Lebensführung. Diese entartete Sittlichkeit hat zweifellos grosse Fortschritte gemacht, in dem Masse, als der dreieinige Geist der Technik – Gewerblichkeit, Staatlichkeit, Priesterlichkeit – sich entfaltet hat. Doch diese Anständigkeit – denn mehr ist sie nicht – ist genau so das Zerrbild echter Sittlichkeit, wie die Masse das Zerrbild des Gemeinlebens ist; sie ist genau so Vernichtung des ethischen Gefühles, wie die Masse Vernichtung der Per­sön­lich­keit ist.

Sittlichkeit ist schliesslich nicht mehr noch minder als kosmische Treue. In der Persönlichkeit bedeutet sie also die ehrliche Entfaltung der eignen Empfindungen an den Per­so­nen, Dingen und Kräften der Umwelt, zu gemeinsam höherer Lebensform. Im Gemeinleben ist sie die Achtung vor jeder Individualität, die nicht gewaltsam oder fraudolenza ihr Gebiet erweitert, ist sie die zielbewusste Förderung des Ganzen durch anerkennenden Ausgleich der einzelnen Naturen, durch Zucht eines Jeden selbst und Duldung der anderen, die natürlich-freiwillige Unter- und Überordnung der Individualitäten.

Von dieser Ethik kann aber der Geist der Technik nichts wissen wollen. Denn seine Scheinkosmik beruht erstens nicht auf freiwilligem Anschluss der Naturen aneinander, sondern auf dem technischen Zwang der mechanischen Anhäufung, und ist zweitens die Verneinung der Persönlichkeit von Grund aus. Ganz kann die Technik den Menschen ja nicht verwandeln und einen Ansatz von wahrem Gemeinleben – in der Familie – muss sie immer wieder dulden. Denn ihr, die aus der Mas­sen­ver­mehrung geboren ist, liegt ja gerade so sehr an Men­schen­ma­te­rial. Und dafür sorgt am besten die monogamische Ehe. Doch eine solche nutzensüchtige Duldung kann auch hier nur zerstören.

Die geflissentliche Hast, mit der unsere Zivilisation an die Schaffung von – Familien? nicht doch! sondern von Ehen denkt, lässt das kleine Gemeinleben von vornherein falsch be­gin­nen. Die Frage wird ganz und gar nicht so gestellt: passen diese beiden Menschen zum Leben zusammen? Sondern die Antwort ist vor der Frage fertig: dieses Weib kann Kinder ge­bä­ren, dieser Mann kann Kinder zeugen, aus ihrer Verbindung müssen Kinder hervorgehen und darauf kommt es an.3 […]

Die meisten Ehen sind weder sehr gut noch sehr schlecht. Das ist aber für die Ethik des Gemeinlebens das Aller­schlimms­te. Es liegt nicht Grund genug zu wirklicher Entfremdung, gar Trennung vor, aber längst fehlt die Kraft, ein wirkliches Mit­ei­nan­der­leben zu erschaffen. Ob die Kinder aus solchen durch den Massengeist unseres öffentlichen Lebens zusammen­ge­wür­fel­ten Ehen biologisch viel taugen, ist sehr zu bezweifeln. Greif­barer jedenfalls ist der Schaden, den ihre jungen Per­sön­lich­keiten in solch unechtem Familienleben nehmen. Sie finden gewiss meistens alle Fürsorge für ihr leibliches Wohl. Aber in Wohlstand wie Armut lernen sie immer nur, dass des Lebens Inhalt eben «Essen und Trinken, Kleider und Schuh, Haus und Hof» sind. Und dieses Nur-Hungerideal ist der Grundschaden unserer Gesittung. Die Kinder lernen an den Ehen ihrer Eltern als höchste Möglichkeit des Gemeinlebens schätzen, was nur ein Rohstoff dazu sein sollte, die wirtschaftliche Zu­sam­men­ge­hö­rig­keit. Über diese kann der gewerbetechnische Sinn unserer Zeit überhaupt nicht hinausdenken.

Demnächst vertieft sich der negative Schaden an der kind­li­chen Ethik durch den positiven: dass die Kinder gar keine wahrhafte Erziehung erhalten, gar nicht zum Gemeinleben geschult werden – und das doch glauben gemacht werden! Bei den Eltern war im ganzen Leben die Persönlichkeit nicht zu ihrem Recht gekommen. Darum wecken sie die Persönlichkeit in den Kindern nicht nur nicht, sondern verderben sie glei­cher­wei­se durch Härte wie durch Verzärtelung. Selbst wenn sie es grundgut meinen, wissen sie nicht mehr, wie es anzufangen, und finden keinen, der es ihnen sagt. Bilden sie sich etwas auf sich selbst ein, dann wird das Kind zu blindem Gehorsam an­ge­halten – sonst wird es zum Tyrannen des Hauses entwickelt. Als ob Persönlichkeit die eigensinnige Willkür von Au­gen­blicks­wün­schen wäre! Nein: das Kind kann sehr wohl ge­hor­chen lernen, ohne seinen Willen einzubüssen oder starrsinnig zu werden, und kann sich entfalten, ohne unausstehlich zu werden. Nur darf der Gehorsam nicht der Willkür von El­tern­lau­nen dienen, sondern soll Erziehung des kindlichen Willens zur Einordnung heissen. Nicht gebrochen soll der Wille wer­den, sondern sich frühzeitigst gewöhnen, am Ganzen des Fa­mi­lien­lebens als Glied teilzunehmen, und begreifen, dass es sich naturgemäss einfügen heisst. Dieses Einfügen am richtigen Ort, im richtigen Masse, das soll die Elternkunst sein.4 So, seinen Anlagen entsprechend dem kleinen Gemeinleben ein­ge­glie­dert, lernt das Kind beides: gehorchen, das ist sich als organischen Teil einer Einheit fühlen –, und zugleich Per­sön­lich­keit sein, das ist, sich als frei mitgestaltende Kraft zu wissen. Statt dessen: entweder nennt man Per­sön­lich­keit das Austoben ungezügelter Willkür – eine Verhöhnung des Wesens der Persönlichkeit; oder man lehrt durch Verbote sich willenlos ducken – das ist der Weg zur Masse.

Unsere Unfähigkeit zur Erziehung ist nur der Ausdruck des technischen Geistes. Durch geschlechterlange Züchtung der öffentlichen Meinung hat er sein Werk vorbereitet und setzt es noch energischer in der Kinderstube fort. Heisst es im Staats- und Erwerbsleben sich entpersönlichen, so fängt damit die Erziehung an – als naturnotwendige Ergänzung wird dann über die Stränge geschlagen. Und wie sollte es anders sein?! Unsere Unfähigkeit zur Erziehung ist nur der Ausdruck des tech­ni­schen Geistes. Durch geschlechterlange Züchtung der öffent­li­chen Meinung hat er sein Werk vorbereitet und setzt es noch energischer in der Kinderstube fort. Heisst es im Staats- und Erwerbsleben sich entpersönlichen, so fängt damit die Er­zieh­ung an – als naturnotwendige Ergänzung wird dann über die Stränge geschlagen. Und wie sollte es anders sein?! Das Kir­chen­dogma der Sündigkeit zerrüttet das Gemütsleben des Kindes. Es erkennt entweder als Mittler zwischen sich und Gott die Befehle der Eltern, die befohlenen Lehren der Kirche, die befohlenen Zwecke des Staates an – dann ist das Spiel einfach gewonnen. Oder es beginnt ein Leben auf eigene Faust, sobald es irgend kann, dann aber immer mit dem Stachel der eigenen Schlechtigkeit. Und dieser Stachel treibt dazu die innere Un­zu­friedenheit durch möglichste Masslosigkeit zu betäuben und den Katzenjammer abermals zu betäuben, bis das Spiel auf die­sem Umwege dreifach gewonnen ist – in der Erschöpfung des Eigenwillens, in der scheinbaren Weisheit schlechter Er­fah­run­gen, in der Geldbedürftigkeit kostspieliger Vergnügungen.5

Wenn ein Kind aus heutiger Mittelehe ins Leben hin­aus­tritt, kennt es als Lebensinhalt nur: möglichst ertragreichen Erwerb durch abstumpfenden, technischen Beruf. Und als Lebenszweck: die grösste Unterwürfigkeit unter alle herr­schen­den Einrichtungen, Anschauungen und Bestrebungen, die Ver­wirklichung des kategorischen Imperativs der Masse. Dessen wahrer Sinn – seit dem Sinai her – hat sich ja in Kants per­ver­sem Satze offenbart, sittlich wäre nur die Handlung, die ohne Freude geschieht. Zwischen die nagenden Mahnungen der unterdrückten, unverstandenen Persönlichkeit und die nach­drück­lichen Forderungen der öffentlichen Meinung gestellt, muss der Mensch hin- und herschwanken. Vom staatlich-tech­ni­schen Geiste des echten Gemeinlebens entwöhnt, von der öffentlichen Bevormundung in der sittlichen Selbstverantwort­lich­keit vernichtet, glaubt der Mensch alle nur erdenklichen Pflichten gegen das Leben erfüllt zu haben, wenn er nach arbeit- und vergnügsamer Junggesellenzeit als guter Steuer­zah­ler und nervenkranker Mann neue kränkliche Wesen zur Erhaltung von Staat, Gesellschaft und Grossarbeit in die Welt setzt. Wie deren Leben innerlich verlaufen wird, ist ganz belanglos, wenn sie nur militärdienst- und steuertauglich sind – heisst es doch in der Bibel: «Seid fruchtbar und mehret euch! Bete und arbeite! Jedermann sei der Obrigkeit untertan!»

25. Unsere Lebensbehaglichkeit

Der Geist der Technik hat durch die entpersönlichte Ar­beits­tä­tig­keit unmittelbar, mittelbar durch die Staats­er­zieh­ung und die monotheistische Anschauung den Menschen seiner kosmischen Aufgabe entfremdet. Er hat aber auch das tägliche Leben zerrüttet und verkehrt.

Der Mensch will, als Abschlagszahlung auf das grosse, ferne Ziel des Kosmos, die tägliche Lebensfreude. Sie wird ihm am echtesten, wenn seine Persönlichkeit, den Leib beseelend, der Weltharmonie entgegenlangt – in der Liebe, im geistigen Schaffen, im Heldentum, in den künstlerisch-religiösen Em­pfin­dun­gen, und allgemeiner in jeder freien Volltätigkeit des Menschen. Mit der Unterdrückung der Persönlichkeit, mit der erzwungenen Stücktätigkeit und der Ernüchterung der Lebens­an­schauung, mit der Verpönung der Liebe – ausser der staat­lich geprüften Kindererzeugung – sind dem Menschen die unmittelbarsten Wege zur Freude gesperrt worden. Doch so plump der Geist der Technik auch ist – ganz den Menschen totschlagen kann er nicht. Für die mangelnde Freude der natürlichen Bedürfnisse hat er ihm andere Bedürfnisse und andere Freuden gegeben, aber es sind Surrogate.6

Was anders als Surrogate sind denn die Herrlichkeiten der erkünstelten Lebensbehaglichkeit, die unsere Technik uns ge­währt? Sie versorgt uns mit Alkohol und Delikatessen, mit Häu­sern und Kleidern – wozu? Alkohol – zum künstlichen Schnell­rausch, da der natürliche Freudenrausch der sich er­fül­len­den Persönlichkeit unmöglich geworden ist. Wie dürfen diejenigen gegen den Alkohol kämpfen, die für die technische Arbeit und staatliche Unterwürfigkeit eintreten?! Der Alkohol ist der verkörperte Geist unserer Gesittung. Delikatessen? – weil mit der Persönlichkeit die Fähigkeit verloren gegangen ist, den Genuss in voller, heller, persönlicher Erfassung der Gegen­wart zu finden. Deshalb müssen starke Mittel reizen und brau­chen doch noch nicht zu schmecken. In dem städtischen Ar­beits­leben steigert sich die Zubereitung der Speisen und Mahl­zei­ten mit der abnehmenden Genussfähigkeit. Und je um­ständ­li­cher die Speisen sind, desto mehr Abwechslung ver­lan­gen sie. Brot kann man jeden Tag essen! So steigert sich die Kost­spie­lig­keit der Ernährung in geometrischem Verhältnis. […]

Unsere moderne Technik leistet, hier einsetzend, der Masse fünffache Handlangerdienste. Erstens, moralisch-anti­ethisch, beschafft sie die Kleidung, um dadurch die Erin­ner­ung an den Leib – diesen Urort der Persönlichkeit – zu ersticken; und in langen Geschlechtern ist ihr das überraschend ge­lun­gen. Zweitens, sentimental-antihygienisch, erlaubt sie durch die Kleidung allen schwächlichen Kindern sich ins Leben weiter zu schleppen und bis zur Fortpflanzung zu gelangen … immer der Zweck der Zahlenvermehrung! Und die gesunden Kinder verweichlicht, schwächt sie eben dadurch: vermehren werden sie sich doch, aber das stolze Kraftgefühl wird geknickt, die Fähigkeit zur Freude verringert, das Bedürfnis nach teuren Surrogaten geweckt. Drittens, ökonomisch-sozial, zwingt sie den Menschen zum Erwerbe der Kleidung, zum Erwerbe von ärztlicher Hilfe – dadurch leben so viele Menschen, werden so viele Gewerbe reich, und er selbst muss mehr arbeiten, als er sonst brauchte, hat sich tiefer zu entpersönlichen. Viertens, psychologisch-sexuell, beschlagnahmt sie alle wachen Kräfte des Menschen, so dass er am Feierabend doch irgendein Heim wünscht. Und da schliesst er nach der Studienzeit des pros­ti­tu­tio­nellen Verkehrs die erste – schlechteste Ehe. Vermehrte Menschenzahl für die Masse und vermehrte Arbeit für ihn selbst sind die Folge. Fünftens, industriell-kapitalistisch, ge­stattet sie durch Arbeitsgelegenheit für ihn und dermaleinst die Kinder solche proletarische Ehen.

Innerlich und äusserlich treibt die Technik den Menschen zu Paaren, und was sie ihm bietet, sind Steine für Brot.

Es klingt ja wunderbar, wenn unsere Lebensmittel durch grossartige Verkehrsanstalten wer weiss woher kommen: sie sättigen den heutigen Menschen aber nicht im geringsten mehr, als den Urmenschen seine Wildnahrung. Nur weil es da­ran mangelt, nur weil die Masse zu gross geworden ist, muss­te der Verkehr beginnen, und nur zur Abhilfe der Massen­not dient die gesamte Technik. Das ist ebenso wunderbar, als dass die Blumen im Sommer blühen und Schnee im Winter fällt, einfachste Naturfolge. Der einzelne Mensch hat nichts dadurch gewonnen. Verloren hat aber mit der Menschheit, die ihr Kul­tur­ziel nicht mehr erreichen kann, seit ihr geniales Kultur­mit­tel ihr über den Kopf gewachsen ist, auch der Einzelne – un­be­dingt! Er muss in Riesenhäusern der Grossstädte wohnen, in die Masse eingepfercht, mit ihr und durch sie jeder Hun­gers­not, jeder Feuersgefahr, jeder Seuche ausgesetzt, in den Ma­ga­zinen und Warenhäusern auf die Waren des Massengeschmacks angewiesen, abgewiesen mit jeder persönlichen Regung, hilf­los, wenn die glanzvollen öffentlichen Institute von Bahnen, Was­ser­leitungen, elektrischen Anlagen, Zentralheizungen durch Zufall versagen.7

Ein armer Bettler von der Gesamtheit Gnaden, das ist der Mensch geworden, als er sich vermehrend, vermassend in Fab­riken, Städten und Staaten zusammendrängte: unpersönlich in seinem Willen und seiner Tätigkeit, abhängig in allen Be­we­gun­gen seines Lebens, abgestumpft durch die Entfremdung von der lebenden Natur des Landes, ein see­len­loser Höriger seines eigenen Riesenwerkes. Der Prunkpalast der modernen frei­heit­lich-technischen Zivilisation ist in Wahrheit ein ungeheures Gefängnis, in dem ein jeder lebenslänglich Zwangsarbeit zu verrichten hat, aber auch einer leidlichen Ernährung gewiss ist. Wohin doch der Hungerteufel den Menschen gebracht hat!

 

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