Lebensgesetze der Kultur – Zweiter Teil – Die Werte der Kultur: Die Frühzeit

XI. Das Werden des Gemeinlebens

Die Liebe

Sobald der junge Mensch zum Gebrauche seiner Glieder gelangt war, lief er seiner Wege, nährte sich von dem, was ihm der Zufall bot und seiner Kraft gemäss war und wuchs heran. Wenn ihm dann in guter Stunde, wo der Hunger schwieg und alle seine Säfte und Kräfte wohlig geschwellt waren, ein andrer Mensch in den Wurf kam, dann erwachte in ihm die volle Lust der Sinne; gleichgültig, ob gleichen oder verschiedenen Ge­schlech­tes, näherten und näherten sie sich einander, bis Leib sich um Leib schlang, Leib sich an Leib presste und in der innigsten Vereinigung die volle Auslösung eintrat. Einmal die Süssigkeit der höchsten leiblichen Lust kostet, wurde der physische Trieb auch zum geistigen Bedürfnisse und nach und nach zu einer der edelsten Begierden des Menschen, weit über die dumpfe Notwendigkeit der Ernährung erhaben.

Traf es sich aber, dass nur der eine der beiden Menschen liebebedürftig war, der andre aber noch nicht die Stunde seines Begehrens gekommen fühlte, dann floh dieser wohl, wenn er sich, ob Weib oder Jüngling, schwächer fühlte und reizte den andren zur Verfolgung, sein Verlangen durch die Mühe noch steigernd, wohl auch selbst dabei zum Verlangen erwachend. War umgekehrt der stärkere, tätigere Teil, der vollkräftige Mann unlustig zur Liebe, dann näherten sich ihm das Weib oder der Jüngling und suchten ihn anzuspornen. Das Begehren des Liebespendens und der Wunsch nach Liebesempfang entwickelte sich so im menschlichen Bewusstsein, jenes ganze Liebesspiel, das die Geschichte und die Kunst aller Zeiten und Völker erfüllte.

Begegneten sich nun aber bei diesem Liebesspiel mehrere Bewerber, so brach auch hier das menschliche Urelement, der Kampf, neu hervor, und daher nimmt neben den Kämpfen um Nahrung und wirtschaftlichen Besitz der Kampf um geliebte Personen fortan eine solche Stelle im Leben der Menschen ein. Ja der Kampf um sie erhöht ihren Gemütswert, wie die lang anhaltende Sitte des Frauen- und Knabenraubes, etwa des im alten Kreta üblichen, beweist, selbst in reifen Zuständen des Gemeinlebens, wo die Frauen- oder neben ihr, wie in Sparta, die Lieblingminne 25) längst eine soziale Einrichtung gewor­den ist, wirken frühere regellosere Beziehungen als heiliger Brauch noch nach, jedoch nicht nur als blindes Herkommen, sondern aus dem Gemüt stets neu quellend. Selbst die Sagen spiegeln diesen Urzustand noch, die Gewalt und Gewaltsamkeit der Liebe, denn so raubt ja Zeus den Ganymedes oder die Europa, raubt Poseidon den Pelops und Apollo die Daphne.

So jagte denn der Urmensch von Beute zu Beute, von Liebe zu Liebe, von Kampf zu Kampf durch die Weite, bis ihm ein friedliches oder blutiges Ende nahte.

Die Vorzüge der Weibergemeinde

Anfangs mochte der Mann ja vielleicht wirklich nur des­halb zu der Weibergemeinde zurückgekehrt sein, weil sein Jagdnetz zugrunde gegangen war und er nicht die Zeit hatte, ein neues zu knüpfen; bei den Weibern hingegen fand er fertige Netze vor: war es doch ihre Kunst, vielleicht von ihnen er­fun­den und ihm von ihnen angewöhnt. Natürlich beschränkte sich der Besuch nicht auf die Erlangung neuen Jagdgerätes, son­dern knüpfte alte oder neue Bande zwischen Mann und Weib.

Überdies wird das Leben in der Weibergemeinde schon manche Bequemlichkeiten entwickelt haben, die dem Manne beim einsamen Umherstreifen abgehen mussten. Bevor er lernte Feuer zu machen, war Feuer am ersten da vorzufinden, wo es gewartet und unterhalten werden konnte, also in der Weibergemeinde, die vielleicht irgend ein sorgsam genährtes Naturfeuer, ob aus heisser Lava oder brennenden Gasen oder Blitzschlag entstanden, zum Mittelpunkte ihres Aufenthaltes gewählt hatte. Und das Feuer war, selbst von der religiösen Verehrung abgesehen, seiner Wärme wegen, gleicherweise wie als Schutz gegen die wilden Tiere geschätzt; wenn es ihm also am Feuer lag, musste er zu den Weibern heim: und in der ganzen Geschichte erscheint so das Weib als die Hüterin des Feuers, des Herdes, und daher später des Heimes.

Wahrscheinlich hatten die Weiber auch gelernt, noch ehe es an eigentlichen Ackerbau ging, die essbaren Früchte der verschiedensten Pflanzen einzusammeln und sich Vorräte an­zu­legen. Auch diese sichere Nahrung musste den Mann anlocken. Eines kam zum andern und so knüpften sich zahllose Bande, aus der Jugendgewohnheit in die Mannestätigkeit hinüberreichend, von einem Geschlecht zum andren an Boden gewinnend, innerlich durch die wachsende Empfänglichkeit des Mannes begünstigt, äusserlich fort und fort durch kleine Verbesserungen und Fortschritte des Lebens in der Weiber­ge­mein­de verstärkt.

Nicht mit einem Male, sondern allmählich wuchs der Mann in die Weibergemeinde hinein, und die Einverleibung war eigentlich mit demjenigen Manne vollzogen, der zuerst die grössere Hälfte seines Lebens bei den Weibern erbrachte. Wenn auch später längst überholt, stellen sich solche Zu­stän­de, die enge, herrschende und hütende Weibergemeinde über­all da ein, wo die Männer auf längere Zeit in die Ferne hin­aus­ziehen, um zu verdienen; so besonders in allen Küsten­ge­gen­den, wo die Männer auf Fischfang oder Seeraub über das nahe lockende Element hin­aus­ziehen, wie in Norwegen oder der Bretagne. Aber die daheimbleibenden Weiber im «Weiber­dor­fe» bilden doch den festen Punkt, zu welchem die Männer sich wieder zurückgezogen fühlten, weil an ihnen ihre Lebens­auf­gabe, ihre Lebensart, ihr Lebensinhalt hängt.

Die Zähmung des Mannes

Mit dem Augen blicke, da der Mann in der Weiber­ge­mein­de seinen Ort erkannte, war der Grundstein des Staates wirk­lich an seine Stelle gelegt und der höhere Bau musste begin­nen. Zweifellos hat die Menschheit – und in ihr die Natur – durch diese dauernde Gemeinschaft von Mann und Weib ge­won­nen; auch jeder einzelne der Teile hat dadurch viel Vorteile erlangt, aber zugleich auch viel verloren.

Die Weiber gewannen durch die grössere Sesshaftigkeit des Mannes erstens eben Liebhaber und Väter für ihre zu gebärenden Kinder. Die Zahl der Geburten musste sofort steigen, während das Weib früher oft bei einer Geburt ihre Mutterpflichten erfüllt sah – sehr wider ihren Willen. Aus diesem Anwachsen der Geburten zog das Gemeinleben stetige Stärke und Macht. Aber dieser Gewinn an Liebe war für die Weiber doch zugleich eine erhöhte Last: sie mussten für mehrere Kinder sorgen. Nun war allerdings der Mann da und brachte seine Beute heim, allen zur Nahrung; aber seine herrische Natur wusste sofort auch das Weib zu meistern und zu Arbeiten anzuhalten, die in erster Linie ihm nützlich waren. So kam das Weib und kamen die Weiber unter den Mann.

Dem Gemeinleben war auch das Gewinnst, weil nun der Manneswille Ordnung, Stetigkeit und Ziele in die Weiber­ge­mein­de brachte, die ihre Gemeinschaft wohl auf Gründe der Not gebaut hatte, aber nicht zum Werkzeug von Lebenszwecken gemacht hatten. Diese grundsätzliche Wandlung ging vom Manne aus, der geborene Angreifer, Eroberer und Herr, die gegebnen, vorgefundenen, von ihm gar nicht geschaffenen Zustände sofort in ihrem weiteren Werte erkannte, benutzte und zum Sprungbrett der grossen Tätigkeit und Entfaltung machte, zu der ihn die Natur bestimmte.

Und zu dieser neuen Tätigkeit ward dem Manne die Bei­hilfe und Vorarbeit des Weibes, richtiger der Weiber. Denn was er baute, schuf und anordnete, fand willige Unterstützung, Förderung und Sicherung durch das Weib; sie fügte sich unter seine Leitung, sie eignete sich seine neuen Schöpfungen an und war bereit, sie bis aufs äusserste zu erhalten und zu ver­tei­di­gen, ob es nun um Geräte, Häuser, Pflanzungen, Städte ging oder um Gebräuche, Sitten, Rechtsformen und Reli­gions­ge­dan­ken. Die Kulturwerte schafft eben der Mann, das Weib erhält und überlieferte sie; er ist der Herr, sie der Torhüter der Kultur. Überdies kam dem Manne zugute, dass er seine Kräfte an grössere Aufgaben setzen konnte, ohne fürchten zu müssen, die Versäumnis der kleineren Alltagsaufgaben würden sich an ihm rächen: denn für Stillung des Hungers, wie für Obdach sorgten die Weiber.

Aber diesen Gewinn hatte der Mann nun auch zu erkaufen. Er hatte nicht mehr für sich allein zu sorgen, sondern für viele andre Menschen, er musste mehr erbeuten, erjagen, erarbeiten, als sein eigner Hunger verlangte. Er war nicht mehr frei in seinem Belieben, sondern an ein festes Tagewerk, eine feste Lebensaufgabe gebunden; er musste immer vorwärts gehen, und doch, wenn er Neues wollte, musste er das Alte als un­an­tast­bar mit in Kauf nehmen; der frisch-fröhliche Anfang aus sich selbst war ihm verwehrt, und die Bräuche, Sitten, Gesetze, die er mit Seinesgleichen geschaffen hatte, hingen ehern auch über ihm selbst. Zwar war das Weib eigentlich Sklavin ge­wor­den, aber auch der Mann war nicht mehr, als der erste Diener des Gemeinlebens.

Immerhin lernte der Mann jetzt andre Zwecke zu haben, als das rastlose Jagen von Augenblick zu Augenblick. Ihm war es im Grunde ja nie um enge Zwecke gegangen, er hatte immer nur seiner Tätigkeit gelebt, die, gleichgültig wie, nur geschehen musste. Als er darum jetzt in halbwegs geordnete Zustände geriet, da wurden sie ihm zum Tummelplatz seiner Tätigkeit; und was für Zwecke, was für Erfolge seine Phantasie seinem Willen auch vorspiegeln mochte, in Wirklichkeit war es das alte, ewige Mannesleben der rastlosen Tätigkeit auf höherer Stufe. Der Kultur genügte es aber, dass der Mann Willen genug besass, um nicht auf der Bärenhaut liegen zu bleiben, Phan­ta­sie genug, um in der regellosen Umwelt eine geregelte Zukunft zu erträumen, und Nüchternheit und Tatsachensinn genug, um vom festen Boden des Gegebnen aus weiter zu schreiten. In ein Chaos zerstörender Kräfte gestellt, macht sein Tätigkeitsdrang den Menschen und vor allem den Mann zum Zerstörer; aber die Möglichkeit, richtungslose Kräfte zu zügeln, zu vereinigen, der Ansatz geregelter Zustände machen den Mann sofort zum Schöpfer und Ordner: auch so verwirklicht sich sein Taten­drang.

So wurde aus dem Ameisenhaufen der Weibergemeinde durch das Eingreifen des Mannes die feste Grundlage des Kulturstaates.

 

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