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il Sodoma

Der Maler der Schönheit
Giovan Antonio – il Sodoma

Eine Seelen- und Kunststudie

Ein Wahres find ich in der Rede:

Dass jedem Gefühl im Herzen geweiht,

So sehr es auch unsre Meinung befehde,

Gott selbst den Adelsbrief verleiht.

 

König Jerwen in «Aino und Tio»

 

Vorwort

Mühe and Arbeit ist es gewesen – das wird jeder wissen, der sich solcher Forschung widmete, zumal wo die Vorarbeiten äusserst gering sind; denn gibt es doch kaum erst eine Mono­graphie dieses grossen Künstlers, in deutscher Sprache ei­gent­lich gar nicht. Diese Schrift ist in mancher Beziehung gleich­sam eine Entdeckung dieses Meisters als eines künstlerischen und seelischen Neulandes, wenngleich ich mich zu erwähnen freue, dass sich schon einzelne Forscher beiläufig mit wirk­li­cher Anerkennung über ihn äusserten, wie Professor Franz von Reber. Aber von einer wirklichen Erschliessung seiner Per­sön­lich­keit konnte noch nicht recht die Rede sein. Auch beute dürfte die Zeit für ein volles Verständnis nicht reif sein. Das religiöse Empfinden besteht in unsern Tagen einen Gär­ungs­pro­zess, und wer darin etwas zu sagen hat, gerät in der Regel zwischen zwei Feuer, die ihn von «rechts» und «links» an­grei­fen, oft aus blossem Missverständnis.

In mancher Beziehung hatte diese Arbeit sich beschränken können, wenn es nicht gegolten hätte, mit alten Vorurteilen einen eingehenden Strauss zu fechten. Und dazu bedurfte es vieler Auseinandersetzungen, ja oft heftiger Züge, die aber mit offenem Visier geführt werden. Dagegen hätte ich gern manche Bilder eingehender erwähnt, beschrieben und in ihrem Wesen erläutert, besonders wäre ich noch gern hie und da auf des Meisters Art der Komposition eingegangen, da ich meine fünf­fache Betrachtungsweise der Komposition in der Malerei (ar­chi­tek­tonische = Aufbau, zeichnerische = Linienfluss, lu­mi­nis­ti­sche = Licht und Schatten, malerische = Far­ben­zu­sam­men­stim­mung, und seelische = innere Beziehungen und Ideen) noch nirgends so ausgeführt gefunden habe. Da das Lebens­werk dieses Meisters weiteren Kreisen so unzugänglich ist, wä­ren noch mehr Bilder am Platze gewesen, besonders auch aus Monte Oliveto und dem Oratorio und Santo Spirito in Siena; aber es galt sich in den Rahmen dieser Arbeit zu be­schei­den. Sollte eine neue Auflage des Einzelwerkes nötig werden, so liesse sich da einiges ergänzen.

Ich kenne Italien durch Jahre und weiss, wieviel Dank ich seiner alten Kultur schulde – unbeschadet des Giorgio Vasari, der hier etwas unsanft gezaust werden musste. Ich bin aber glücklicherweise blinder unglücklicher Liebe nicht fähig und konnte nicht umhin, einiges zum Verständnis heranzuziehen, was nicht nach der üblichen unerwiderten Hofierung aussieht, die der Deutsche so gern dem «Lande des ewig blauen Him­mels», wie er es nennt, als einen Tribut zollt. Leider ist der Himmel längst nicht so ewig blau – doch nehmen wir die Wol­ken in den Kauf und auch einen Vasari und etliche Ver­schlimm­bes­se­rer des Giovan Antonio. Und werden wir trotz alledem nicht müde, die wir den Born der Dichtung und Phi­lo­sophie besitzen, auch aus dem Borne des Geistes zu schöpfen, der heute noch schier unerschöpflich aus Hellas und der Renaissance und auch aus dem Volksleben des Südens quillt.

 

Florenz 1908

Am Tage des Heiligen Sebastian

Der Verfasser

Herkunft und Lehrzeit