1913: Rudolf von Laban – Körperferien

1910 gründete der aus Ungarn stammende Rudolf von Laban in München eine Schule des freien oder absoluten Tanzes, der von der Bewegung ausgeht und nicht Musik interpretiert oder illustriert. Laban verstand Tanz als umfassende Bewegungs- und Körperkultur, der es, ohne jedes sektiererische Beiwerk, um die Rehabilitation des durch einseitige Verstandes- oder Gefühlsherrschaft verkümmerten Körpers ging. 1913 eröffnete er auf dem Monte Verità als Teil der «Schule für Kunst» eine Sommerfiliale seiner Münchner Schule. Zwischen Laban, den Tänzerinnen seiner Schule (Mary Wigman, Suzanne Perrottet, Katja Wulff, Berthe Trümpy) und dem Dada-Kreis herrschte eine teilweise sehr enge Beziehung. Laban spricht von einer «Tanzfarm» – der Tanz also nicht als isoliertes künstlerisches Ereignis, sondern als integrierter Teil des Lebensablaufes. Auf dem Monte Verità setzte Laban fort, was er in München mit seinen Tanzdichtungen begonnen hatte. Nach einem alten babylonischen Epos schuf er das Tanzdrama «Istars Höllenfahrt»; «Der Trommelstock tanzt» wurde durch altmexikanische Tempelsprüche angeregt. Immer ging es dabei – auch im Reigen «Sang an die Sonne», 1917 auf dem Monte Verità uraufgeführt – um eine Rückkehr zu einer einfachen und naturnahen Haltung und Lebensweise.

Theo Kneubühler

1919: Charlotte Bara – Die gotisch-ägyptische Tänzerin

Charlotte Bara, in Brüssel mit deutscher Nationalität geboren, kam 1919 nach Ascona, nachdem sie seit 1915 in Lausanne Unterricht bei Alexander Sacharoff genommen hatte und bereits 1917 in Brüssel mit einem eigenen Programm, darunter «Tanz der Mumie», aufgetreten war. Charlotte Baras Ausdruckstanz gründet in religiös-mystischen Wurzeln und sucht in verhalten-ruhigen Gesten und Bewegungen den Körper zum bilder­ähn­lichen Zeichenträger werden zu lassen. Nach Auftritten in Holland, Berlin, Wien, Paris, Florenz, wo sie von Gabriele d’Annunzio bewundert und verehrt wurde, trat sie 1922 erstmals im Tessin, im Kursaal von Locamo, auf, wo sie unter anderem den «Sterbenden Schmetterling» nach Musik von Chopin und ihren «Ägyptischen Tanz» zeigte. 1927/28 liess ihr Vater vom Architekten Carl Weidemeyer in Ascona das Teatro San Materno bauen, wo die Bara bis 1958 verschiedentlich auftrat: 1932 «Die Visionen der Jeanne d’Arc», 1934 «Das verlorene Paradies» und «Die Versuchung der Wüste», 1935 alte ägyptische Tänze, an Ostern «Bilder aus der Passion», im Sommer Mysterientänze aus dem Neuen Testament, 1939 «Mittelalterliche Legenden und Visionen aus dem Orient». Die Bara trat auch als Choreografin und Regisseurin hervor. So führte sie unter anderem in Ascona mit Laiendarstellem 1943 das «Totentanzspiel» auf.

Theo Kneubühler

 

Du 10/1978, weiter