Lebenswerte – Heiland Kunst

Von Elisàr von Kupffer

 

Kunst oder Wissenschaft? Goethe oder Schiller? Katholisch oder protestantisch? Rote oder weisse Rosen? Trinken oder Essen?

Gerechter Himmel! was soll uns das ewige Entweder-Oder?!

Wir wollen weder verhungern, noch verdursten. Wir wollen leben. Freilich! Und Goethe hatte sehr recht, wenn er meinte, die Deutschen sollten sich freuen, dass sie zwei so gescheite Kerls hätten.

Über die erste dieser Gewissensfragen erlebte ich einen merkwürdigen Dialog oder richtiger ein Viergespräch. Eine gelehrte Frau Doktor Medicinae aus eigener Kraft und Herr­lich­keit. Eine interessante dunkle Schönheit jüdischer Ab­stam­mung, yermählt an einen italienischen Marquis. Ein Philosoph. Und ein Dichter deutscher Zunge. Was sollte sich da ergeben?

Kunst oder Wissenschaft? Wessen bedarf der Mensch wohl mehr? Frau Doktor zuckte mit leichtem Erstaunen die Achseln.

«Die Kunst – ja … sie ist ja etwas sehr Schönes. In den zehn Jahren, die ich hier lebe; besuche ich sehr geme die Museen von Florenz. Aber die Kunst … der grösste Teil der Menschen lebt doch so ziemlich ohne sie. Und was wären die Menschen ohne die Errungenschaften der Wissenschaft?! Sie sind unser täglich Brot. Aber die Kunst – nun ja – sie ist ein Glas guten Weines, das einen anregt. Ein feines Dessert. Doch man kann auch Abstinenzler sein. Und wie viele gestatten sich denn ein Dessert! Mein Gott, die meisten leben auch ohne Hummer, Austern und Champagner. Ja, wer sich das leisten kann! – die Kunst zu geniessen», vollendete sie.

Ein verächtliches Lächeln zuckte um die Lippen der Mar­chesa. «Ja – Frau Doktor, wenn Sie solche überhaupt noch zu den Menschen rechnen wollen! Leute, die ohne die Weihe der Schönheit wie das liebe Herdenvieh auf der Weide grasen. Der Mensch fängt doch überhaupt erst bei einer gewissen Stufe der Entwicklung an. Ein barbarischer Mensch steht dem Orang-Utang näher als einem Goethe oder Dante.»

«Hier, Frau Marchesa, möchte ich fast beistimmen», sagte die Gelehrte. «Wesentlich liesse sich da nichts einwenden. Wir stammen ja doch am Ende alle von irgend einem verflixten Affenpaar. Verzeihen Sie: auch der älteste Stammbaum, ob er nun auf Romulus oder König David zurückgeht, schützt uns; nicht vor diesen Ahnen. Freuen wir uns, es trotz allem so weit gebracht zu haben!»

«Nein, die Kunst ist eine göttliche Erbschaft. Je weniger sie uns bietet, desto näher stehen wir dem Tier – um so ferner der Gottheit.»

Mit einem unterdrückten Lächeln ging die gelehrte Dame darüber weg. «Übrigens, Frau Marchesa, handelt es sich hier ja gar nicht um die Noblesse unserer Abstammung. Von den Herren wurde die Frage aufgeworfen, wessen der Mensch mehr bedürfe: der Wissenschaft oder der Kunst. Und wir sind nun einmal gewöhnt, eine gewisse höhere Gattung Tier, die die­sel­ben wesentlichen Merkmale aufweist, so besonders die Sprache – Menschen zu nennen. Ist nun für dieses – Herdenvieh, wenn Sie wollen – die Kunst auch nur von einer annähernden Bedeu­tung wie die Wissenschaft? Da würde ich der Philosophie denn doch noch einen Vorrang einräumen, insofern sie auf der Basis der Wissenschaft den Menschen ihren hemmenden Aber­glau­ben nimmt. Aber das alles beruht doch schliesslich auf der Wis­sen­schaft.»

«Verzeihen Sie, Frau Doktor», warf der Philosoph ein, «wo­rauf beruht aber aller Nutzen, der aus der Wissenschaft erwächst, aus ihren einzelnen Erfahrungen und Beo­bach­tun­gen? … Notabene, wenn diese ehrlich sind, was keineswegs immer der Fall ist. Es gibt dafür Beweise, dass die sogenannte Objektivität der Wissenschaft eine Selbsttäuschung ist; dass Gelehrte, beispielsweise Lombroso, Behauptungen aufstellen, die einfach Schwindel sind, weil sie auf Tatsachen beruhen, die eben keine Tatsachen sind, die der Gelehrte, allgemein, wie er behauptet, gar nicht erforscht haben kann.»

«Ach, Herr Doktor, was führen Sie denn diesen Scharlatan an!», rief die Marchesa mit Geringschätzung aus. «Es gibt deren mehr, als die Frau Doktor glauben will. Auch in deut­schen Landen. Die Wissenschaft hat zu aller Zeit irgend einen dummen Aberglauben mit allen Waffen des Scharfsinns ver­fochten. Selbst bei Schopenhauer könnte ich Ihnen einen Fall nachweisen.»

«Nun – Irren ist menschlich.»

«Freilich. Aber dann soll man auch nicht verlangen, dass man die jeweiligen Urteile der Wissenschaft als unfehlbare Dogmen anbete, die über Wohl und Wehe des Menschen zu entscheiden haben. Gleichviel. Angenommen, dass der Gelehrte wenigstens ehrlich und gewissenhaft ist. Der Nutzen, der aus diesen wissenschaftlichen Beobachtungen gezogen wird, beruht stets – auf der Phantasie.»

«Der Phantasie?», fragte die Gelehrte erstaunt. «Wieso denn das?»

«Wie alle Philosophie – auf der Erfahrung an uns selbst und andern. Wenn ich tausend Beobachtungen mache, es bleiben doch tausend einzelne Daten, Ziffern. Ich muss sie doch erst summieren – die Gleichen, multiplizieren, divi­die­ren, z.B. durch das einzelne Individuum. Hinter jeder Beo­bach­tung steht ein Fragezeichen, weil alle Beobachtung lückenhaft ist; aber die Phantasie füllt diese Lücken aus. Kraft des Schlus­ses meiner Phantasie komme ich erst zu einem Ergebnis. Das tut am Ende jeder Gelehrte, der nicht bloss das Material zu­sam­men­trägt. So entstehen die Hypothesen, Annahmen über die Regelmässigkeit oder Notwendigkeit des Geschehens und der menschlichen Gefühle und Bedürfnisse, denen Rechnung zu tragen ist. Wie Sie sehen, beruht der Fortschritt der Mensch­heit, oder sagen wir lieber schlichter: jede Veränderung beruht zugunsten oder ungunsten unserer Entwicklung auf derartigen Phantasieschlüssen. Die Wissenschaft ist wie ein Weib, das erst durch die Phantasie befruchtet wird. Wenn Sie wollen; nennen Sie die Phantasie einen Phantasos.»

«Sonderbar! Es hat etwas für sich. Ich hatte mir freilich die Wissenschaft stets als das Männliche par excellence ge­dacht. Aber man könnte doch auch sagen: die Phantasie wird durch die Ergebnisse der Wissenschaft befruchtet.»

«Das könnte man. Das tiefste Wesen alles Geschehens ist eher hermaphroditisch. Es findet gegenseitig ein Geben und Nehmen statt. Die Physik lehrt, dass die Kraft stets vom Stär­keren zum Schwächeren abfliesst. Das ist der zweite Satz der Lehre von der Energetik. Mir dünkt, dass man nicht von einem absolut Schwächeren reden kann. Wenn sich ein Energischer und Zarter zusammentun, so ist es keineswegs der Fall, dass nun der zweite bloss der Empfangende ist. Auch der sogenannt Stärkere empfängt vom Zarten Kräfte, die sein Lebensgefühl erhöhen. Wie lebhaft äussert sich das in den erotischen Beziehungen. Sonst müsste sich ja das Männliche stets nur verausgaben. Dem ist nicht so. Die Erde empfängt von der Sonne Wärme. Gewiss. Aber ob nicht auch die Sonne Be­we­gung­san­re­gung von der Erde empfängt? Diese Kräfte quellen immer neu. Und all diese Kräfte der Phantasie werden den Menschen zuteil, ohne dass sie es wissen, wie.»

«In der Tat», unterbrach nun der Dichter. «Man ahnt nicht welch ein mächtiger Zauberer die Phantasie ist, welche schaffende göttliche Kräfte aus ihr quellen. Und was ist die Phantasie anders, als die Kunst in ihren verschiedenen Äus­se­rungs­formen. Die Philosophie leistet ihr Wesentliches, insofern sie Kunst ist.»

«Das sprechen Sie mir aus der Seele», bemerkte die Marc­hesa begeistert. «Die Kunst ist all ein, was unser Leben wirk­lich adelt. Seitdem ich in Italien gelebt habe, ist mir Paris un­mög­lich. Gewiss, es gibt auch dort Kunst, aber sie hat nicht jene harmonische Entfaltung, die sich in der Renaissance der Toskana zeigt. Abgesehen vom Rokoko ist sie dort nicht hei­misch. Diese Vergangenheit hier ist eine organische Pflanze, deren Blüten einem überall entgegenduften – in jedem Städt­chen.»

«Die Frau Marchesa schätzt die Kunst sehr hoch. Ich schätze sie aber noch höher!»

«Wenn das möglich wäre!», lachte sie ungläubig.

«Ein Wert, der Höherentwickelte beglückt, ist gewiss die Kunst. Sie besitzt aber die Eigenschaft sich allen mittelbar zu machen. Wie ein Weiser mit Kindern anders spricht als mit Erwachsenen. Wie derjenige, der die reichste Innenwelt hat, auch dem Beschränkten folgen kann. So kehrt die Kunst auch bei dem Wilden ein und bei dem sogenannten Herdenvieh. Niemand kann sie entbehren. Auch nicht der Ärmste und Tief­ststehende. Sie ist das wesentliche Merkmal des Menschen, obwohl es auch Tiere gibt, von denen man glauben möchte, dass sie eine Ahnung von ihrem Werte hätten. Ohne die Kunst wäre der Mensch tot.»

«Na! na!», die Gelehrte erhob sich fast vor Befremdung, «Da möchte ich doch sehn, ob ein Kranker Sie oder mich rufen wird, wenn er Leibschmerzen hat!»

«Gott sei Dank, wir leiden nicht bloss an Leibschmerzen! Oder sollte man es bedauern, da es noch viel schlimmere Leiden gibt, wo die Ärzte wenig Linderung schaffen können oder gar keine. Wir kennen die probaten ärztlichen Em­pfeh­lun­gen: schützen Sie sich vor Aufregung, suchen Sie sich zu zer­streuen. Ach, verehrte Frau Doktor, es gibt soviel Leidende, ja Schwerleidende, denen der Künstler ein besserer Heiland ist als der Arzt. Nicht allen ‹gab ein Gott zu sagen›, wie sie leiden. Die Aussprache der Leidenden ist oft die beste Medizin. Wer aber alles in sich hineinwürgt, ohne ein erlösendes Wort zu finden, der behält eine Menge Giftstoffe in seinem Körper, die allmählich seine Gesundheit untergraben. Ja, ein schmerz­liches Liebesgedicht kann eine wohltätige Arznei sein. Sie staunen? Kommt Ihnen das so unmöglich vor?»

«Nicht das. Es liegt am Ende etwas Wahres darin. Aber das bezieht sich doch immer auf eine Minderzahl der Men­schen. Ich glaube, es gibt doch sehr viele, die nie ein Ge­dicht lesen; denen ein Bild nicht mehr bedeutet, als ver­dor­be­ne Leinwand; deren Musikverständnis nicht über einen holperigen Walzer hinausgeht.»

«Vielleicht sehr zum Nachteil unserer Zeit. An Übermass von Gesundheit leidet unsere Zeit wirklich nicht. Sehen Sie nach Pompeji, da werden Sie sehn, wie der ärmste Mann ein Bedürfnis nach Kunst hatte, mehr als nach der Apotheke. Ich habe sogar in einer Küche eine Wandmalerei gefunden, die den Sturz des Ikaros darstellte (jetzt im Museum von Neapel), der den hohen Flug zur Sonne wagte, ohne dass ihm eigene Flügel gewachsen waren. Ein tiefer Gedanke, wenn auch in niederer Ausführung. Ich muss dabei an ein anmutiges, wertloses Bild denken, das mir als Knabe abhanden kam; nach vergeblichem Suchen fand ich es zufällig über dem Lager, wo der Kutscher meines Vaters schlief. Ich brachte es nicht über mich, es ihm zu nehmen. Jener Bauernsohn litt sicherlich nicht an Über­bil­dung. Ich glaube, Ikaros und jenes Bildchen spendeten mehr Lebenswert als die technische Bravour eines gut gemalten Fracks oder Kohlkopfes, die die schwächlichen Kunst­schwär­mer unserer Bildung zu einer wohlwollenden Kritik animieren. Freilich, was man heute oft pflicht- und schulgemäss an der Kunst zu schätzen beliebt, hat ebenso viel bleibenden Wert, wie eine moderne Schusterarbeit, wo die Sohlen mit Nägeln zu­recht­gehämmert sind. Erst wird man gestochen, dann geht die Arbeit zum Teufel.»

«Sie sprechen sehr drastisch für einen Dichter.»

«Ja, Frau Marchesa, die Kunst ist nicht bloss eine sen­si­ti­ve Pflanze, die im Glaskasten einer Orangerie gezogen wird. Sonnenschein braucht sie und Regen, aber auch frische Luft Es ist heute eine Art Witzblattmode geworden, den Künstler als einen faden Träumer darzustellen, als einen halben Idioten. Jene Herren, die sich so nüchtern weise vorkommen, gehn ja doch bei der Kunst betteln. Ja, die Kunst ist uns die Luft.»

«Na, dann wundre ich mich, dass wir noch nicht erstickt sind!»

«Mancher, Frau Doktor, ist es auch schon. Leider hat der alte Weise Kleobulos von Lindos nur zu recht: ‹Unmusisch Tun ist daheim bei den meisten Menschen.› Aber bei den Musen brauchen sie nicht immer an die zartgeschürzten Dämchen à la mode de Paris zu denken. Oft ist auch der Sturm unsre Muse und Eros, der ein sehr wilder Range sein kann. O, Sie wissen nicht, wo überall das Wirken und Walten der Kunst als Heiland einkehrt. Man hat sich so sehr an viele Erscheinungen der Kunst gewähnt, dass man sie gar nicht mehr als Kunst wertet oder empfindet. Und doch ist sie es. Ja, was nennen Sie über­haupt Kunst?»

«Nun – ein Spiel der Phantasie, das sich in dieser oder jener Form äussert, das uns in freien Stunden zerstreut.»

«O viel mehr! Frau Doktor», warf die Marchesa ein. «Die Kunst ist die zauberhafte Macht einzelner gottbegnadeter, höherstehender Wesen, die uns aus der nüchternen, hässlichen Atmosphäre dieser Erde emporträgt. Sie ist wie das geflügelte Zauberross, ohne das wir ewig am Staube kleben. Der Künstler sollte ein Halbgott sein.»

«Zuviel ist oft zuwenig. Und der Philosoph?»

«Kunst ist die Umgestaltung der Natur zu Formen, die ihr vielleicht gar nicht innewohnen, die aber der Kunstler als Ver­wirklichung seines persönlichen Lebensideals vor­weg­nimmt. Sie ist gleichsam die Morgenröte des ewigen Lebens.»

«Ja, das kann sie sein, das kann sie! In diesen Worten scheint mir die Wahrheit zu liegen. Der Grundirrtum heute ist: die Kunst wäre Nachahmerin der Natur. Was soll uns dieser Affe! Nicht einmal ein bescheidenes Landschaftsbild ist eine Nachahmung der Natur. Sie ist eigene Schöpfung. Aber eben­so­wenig ist die Kunst ein bewusster Gegensatz zur Natur, wie Goethe es bisweilen auszudrücken scheint – irrtümlich – denn seine eigene Kunst war es keineswegs. Was ist überhaupt Natur? Die äussere Erscheinungswelt, die wir mittelst unserer fünf Sinne wahrnehmen und mittelst unserer persönlichen Macht zusammenfassen. Und die Kunst? Sie ist eine Art zweiter Natur, die wir innerlich wahrnehmen, darum eine Art Offenbarung neuen Lebens.»

«Ja, aber, bitte, der Künstler arbeitet doch schliesslich mit den von der äusseren Natur aufgenommenen Eindrücken. Was ist denn das Kunstwerk anders als eine vielleicht bunte will­kürliche Zusammensetzung dieser Farben, die ihm die äussere Natur leiht? Also doch eine Art Nachahmung.»

«Das scheint so, Frau Doktor. Wäre die Kunst tatsächlich eine Nachahmung, so müsste sie sich erlernen lassen. Gewiss liegt kein absoluter Widerspruch zwischen Natur und Kunst, wie Sie ihn solchenfalls begründen möchten. Zwei Erschei­nun­gen können sehr wohl nebeneinander bestehen, ohne einander auszuschliessen, noch eins die Nachahmung des andern zu sein. Was wissen wir denn, welche Möglichkeiten noch im Weltall stecken! Mehr als einmal ist die Phantasie schon der endgültigen Entdeckung zuvor geeilt. Wenn ein Dichter vor hundert Jahren von den zauberhaften Licht- und Be­we­gungs­mög­lich­keiten gedichtet hätte, wie sie heute uns in der Elek­tri­zi­tät zu Gebote stehn, so hätte man es eben als dichterische Phantasie abgetan. Nicht wahr? Und Sie hätten damals zuerst gelacht, wie heute noch über das geflügelte Märchenschiff. Ob es aber nach zweihundert Jahren nicht doch existiert, das wissen Sie nicht. Und was heute schon da ist, auf anderen Welten – wissen Sie das? Nein. Nicht umsonst nannten die nüchternen Römer den Dichter «vates», einen Seher. Zwischen Künstler und Künstler ist natürlich auch ein beträchtlicher Unterschied. Aber sogar der Künstler, welcher selbst meint Nachahmer der Natur zu sein, täuscht sich. Er sieht doch nur aus seinem Innern heraus und in sein Innerstes hinein – soviel darin zu sehen ist. Selbst die sogenannt realistischen Kunst­wer­ke, wie sind sie oft phantastisch! Alle sind sie, wenn es hoch kommt, Möglichkeiten, nie Wirklichkeiten im Kopis­ten­sinne. Und wie wirklich kann uns ein Werk nach Jahr­tau­sen­den anmuten! Es gibt Kritiker, und heute mehr denn je, die da meinen: es gibt «das» objektive Urteil über ein Kunstwerk, ob es ein solches ist oder nicht, ob die Menschen wirklich sind oder nicht, ob sie tatsächlich dieser oder jener Kultur ent­spre­chen. Was der eine für eine Eule ansieht, scheint dem andern eine Nachtigall. Den Zeitgenossen des Louis XIV. schienen die Gestalten des Pseudoklassizismus gewiss antik und wahr. Und über die heute bewunderten archivarisch echten Theater­fi­gu­ren wird ein künftiges Jahrhundert die Nase rümpfen. Zur letzten Einsicht kommen am wenigsten die Tonangebenden einer Zeitepoche, nämlich zu der Einsicht, dass die Empfin­dung der Wahrhaftigkeit, die wir von einem Kunstwerk em­pfan­gen, viel weniger von diesem, als von dem Zustand unseres eigenen Wesens abhangt. Lebende Tonangebende stehen am tiefsten im Banne des allgemeinen Geistes, zuletzt oft wider bessere Einsicht. Das ist ja ganz natürlich. Doch das führte mich schon zu weit. Ich wollte einstweilen ja nur sagen: die Kunst ist nicht bloss ein Lebenswert der höheren Individuen, nein, ein Lebenswert aller, wohl ohne Ausnahme – auch Sie nicht ausgeschlossen, Frau Doktor.»

«O bitte, so barbarisch, wie Sie glauben, bin ich denn doch nicht. Wenn ich auch nichts weniger als künstlerisch veranlagt bin, seh ich doch in der Kunst eine angenehme Zugabe des Lebens.»

«Etwa wie das gute Dessert, das wir heute zum Souper hatten? Das ist auch so ein Irrtum, an dem wir kranken. Mög­lichst nur Fleisch, Eiweissstoff: das ist solide Nahrung wie die Wissenschaft. Nicht wahr? Ich bin kein Vegetarianer – aber: bei dieser trefflichen Nahrung werden wir immer nervöser und dekadenter. Das übertriebene Ochsen in der Schule und der ewige Ochse auf dem Speisetisch; das hat uns glücklich soweit gebracht, dass wir uns krank und entartet nennen und mög­lichst viel Irrenhäuser oder doch Sanatorien brauchen. Und dabei blüht der Weizen der Herren Kriminalisten und Psy­cho­pat­ho­lo­gen. Nach den Gehirnkranken werden die Gesunden beurteilt. Darin steht Professor Lombroso wahrlich nicht vereinzelt da, wie mit seinen Ausführungen auf dem Turiner Kongress. Im Gegenteil, man kommt sich dabei sehr human und vorgeschritten vor. Verrückt ist übrigens heute alles, was vom «petit bourgeois» abweicht. Und darum ist die Kunst a priori eine Verrücktheit. Stimmt doch?»

«Nein, die Kunst ist kein Luxusmittel, ebensowenig wie die Früchte auf dem Speisetisch. Die Mathematik ist doch gewiss eine exakte Wissenschaft und es heisst: das Denken der Schüler wird dadurch geschult. Ich kenne einen Artil­le­rie­ofi­zier, der ein fanatischer Mathematiker ist, von dessen lo­gi­schen, ehrlichen Denken ich oft einen sehr negativen Eindruck erhielt. Sein ethisches Niveau stand ungefähr auf gleicher Stufe wie die Winkelzüge und der Treppenwitz der geometrischen Beweise. Ich selbst habe von allen irgend namhaften Städten der Union gelernt, welche Produkte sie aus- und einführen, ja, von einer Provinz meines Vaterlandes, dass sie besonders reich an Schornsteinfegern ist. Dass mir das alles ein Lebenswert geworden wäre, kann ich nicht behaupten. Eher noch das Büffeln der griechischen Grammatik, aber nicht um ihrer selbst willen. Die alten Griechen selbst lebten ohne fremde Gram­ma­ti­ken sehr gut. Wenn es lauter ehrliche Übersetzer gäbe, brauch­ten die meisten auch das nicht. Ja; wenn! … Es ist mit alledem wie mit der Suppe und unsern Kindern. ‹Löffel erst die Suppe aus, sonst bekommst du das Dessert nicht!› Ja, der Suppenkasper ist ein gescheiter Junge; er will sich nicht erst den Bauch mit nahrungslosen Reizmitteln überschwemmen, er will lieber gleich den Obstkuchen oder Apfel und Birnen. Und ebensowenig das Gehirn mit nahrungslosem Ballast befrachten.

Hier war ein ehemaliger Polizeipräsident aus Asien, der entrüstete sich vor mir, dass man Kindern Märchen zu lesen gäbe, weil es Lügen wären, und man sollte nicht Lügen bei­brin­gen. Derselbe behäbige Fanatiker der Ehrlichkeit hatte sich einen fremden Namen gegeben, verriet aber doch noch bis­wei­len den geborenen Deutschen. Und als er mir die englische Übersetzung eines arabischen Buches in Gegenwart seiner Gattin zeigte, gab er dem allzu uneuropäischen verfänglichen Inhalt eine verzweifelt märchenhafte unwahre Deutung. Auch kannte ich eine pietistische Dame, die alle Dichter als Lügner bezeichnete, weil die Phantasie doch eine Lüge wäre. Dieselbe Person wusste aber genau das zukünftige Jerusalem zu be­schrei­ben und buchstäblich die Edelsteine an seinen Toren zu zählen! Es ist schwer, keine Satire zu schreiben. Doch wir brauchen weniger Satiren und Spott, obwohl auch diese heil­sam sein können, wie eine purgierende Medizin. Gibt man sie alle Tage, so stumpfen die Organe ab. Uns tut vor allem eine aufbauende positive Anschauung not.»

«Und all das erwarten Sie von der Kunst?»

«Ich erwarte es nicht erst, ich weiss, welch ein Schatz die Kunst uns ist. Wir alle müssen durch Wüstentage oder doch -stunden hindurch; wenn es da keinen Quell gäbe, müssten wir verschmachten.»

«Sie stellen dann die Kunst doch jedenfalls auch über die Religion?»

«Über die Religion? Nein, Frau Doktor. Das sind über­haupt keine Gegensätze, wenn sie es in unserer Kultur auch oft scheinen. Es gibt ja keine Religion ohne Kunst und keine Kunst ohne Religion – wobei Sie nicht an den Katechismus oder Beichtstuhl zu denken brauchen, ebensowenig wie an das Reg­le­ment einer Kunstakademie. Wie schon der Philosoph an­deu­te­te, ist die Kunst das menschliche Bestreben, die Natur – die Ja keineswegs so vollkommen ist, wie moderne Schein­at­heis­ten uns das glauben machen wollen – durch eine innere Natur­ord­nung zu ersetzen. Sie ist der Adelsbrief des Menschen, da sie ihn zum Schöpfer erhebt. In den alltäglichsten Er­schei­nun­gen der Kunst bemerken Sie dieses Bestreben, die Umwelt zu erhöhen oder zu ergänzen, nicht aber sie nachzuahmen oder gar sklavisch zu kopieren. Das erinnert mich an den bizarren Einfall des letzten Bey von Constantine. In seinem wun­der­ba­ren Palaste war ein Raum unausgeführt, weil der Maler plötz­lich gestorben war. Der Bey befahl, unter An­droh­ung des Todes, einem gefangenen französischen Schuster, ihn aus­zu­ma­len. Es heisst, seine Malereien gleichen allem, nur nicht der Wirklichkeit, und sie befriedigten den seltsamen Fürsten.

Schauen Sie den Wilden an, wie er die Teile seines Körpers zu heben sucht. Er setzt sich einen Federputz auf den Kopf, um mächtiger oder schöner auszusehn. Er legt sich eine Kette von Korallen oder Muscheln um den Hals; um Arme oder Fuss­knö­chel; er bindet sich einen Kranz von Federn um die Hüften und Knie, um Schenkel und Waden zu betonen. Ja, er malt sich Bil­der auf den nackten Leib. Das ist ihm ein Bedürfnis der Kunst, die ihm das Leben wert macht. Er bläst in eine Muschel hinein; er macht sich einen Schild und schlägt mit dem Speer daran und singt ein wildes Lied dazu, aus Freude oder Kampf­be­geis­te­rung. Er betet einen Baum oder einen Fetisch ir­gend­wel­cher Gestalt an, er spricht mit ihm in Ehrfurcht, seine Worte be­kom­men einen hymnischen Schwung. Das Gebet wird sein Gedicht. – Dann baut er sich eine Hütte aus Erde, Baum­stäm­men, Gräsern und schmückt sie mit Trophäen oder Baum­we­deln. Das ist sein Heim. Sie werden doch nicht behaupten wollen, dass die Mandingoneger an einem Überfluss von Kultur leiden? Und der Reisende Mungo Park erzählt von ihnen, dass ihre Dichter nicht zu hungern brauchten, da sie reichlich für ihre Gesänge beschenkt würden, die eine Verherrlichung des Volkes wären. Mir deucht, mancher hungernde Dichter unserer europäischen Gesittung wäre zufrieden, wenn wir jenem Neger­stamm nicht nachstünden.

Und Sie wollen noch behaupten: der Mensch, der Natur­mensch bedürfe der Kunst nicht? Er bedürfe ihrer weniger als die Wissenschaft? Selbst der Arzt des Natur­men­schen, eine Art Zauberer, ist doch weit mehr Techniker, ja Künstler als Ge­lehr­ter. Es gab und gibt noch Abertausende von Menschen, die so gut wie nichts von den Errungenschaften unserer Wissenschaft besitzen und dennoch ein leidlich glückliches Dasein fristen. Ohne Kunst hätten sie kaum einen Tag leben mögen. Gewiss, die Forschung hat uns von manchen quälenden Wahn­vor­stel­lun­gen befreit, und alle Hochachtung vor solchen Gelehrten unserer Tage! Aber wieviel Forscher leben noch heute in Wahn­vor­stel­lun­gen, die der Wirklichkeit Hohn sprechen! Meist wechseln bloss die Namen des Wahnes. Jeder Zeit scheint ihr Wahn eine reale Tatsache, auf der die Gesellschaft beruht. Hexen und Juden hat man vor kurzem verfolgt, und heute verfolgt man noch andre Mitmenschen wie Zauberer oder Bösewichte. Ein Beweis ist in Deutschland der § 175, der trotz besserer Einsicht bester Männer des Volkes noch heute seine Torturen ausübt und soviel harmlose, ja oft nütz­liche und edle Menschen in Verbannung, Unglück oder Verzweiflung treibt. Und im freien republikanischen Amerika ist es schlimmer als irgendwo. So sind noch heute in Russland die Juden so gut wie rechtlos.

Und nehmen Sie doch den modernen einfachen Menschen. Oft scheint er freudloser und barbarischer als der Wilde zu leben. Der versklavte Arbeiter von heute – ob er nun Han­dar­bei­ter ist oder im Bureau sitzt oder sich für mehr oder weniger geistreiche Aufsätze schindet – stürzt sich leicht auf masslose ungesunde Genüsse, um sich schnell zu entschädigen, da er wenig freie Zeit hat und auch wenig Genussfähigkeit. Er be­rauscht sich dann auf diese oder jene weniger edle Weise: durch Trunk, sexuelle Gewerbsgenüsse und schlechte Schau­bu­den. Da schiessen denn all die modernen Theater auf, wo er des Abends schnell eine oberflächliche Sättigung findet. Gewiss, all diese zahllosen Theater haben selten Platz für die Schwingen des Geistes, der uns emporträgt. Das geschäftliche Fabrik­thea­ter von heute entspricht dem Fabrikbetriebe unserer Arbeit. Aber selbst der vorwärtsweisende Dichter, der am meisten darunter leidet, muss doch zugeben, dass all diese vielen Schau­bu­den, obwohl sie für ihn nicht da sind, noch weniger er für sie dennoch einem tiefen Bedürfnis des gequälten Men­schen nach Kunst entsprechen, nach einer Ergänzung der Umwelt, die sie gleich einer Wüste aussaugt. Das sind keine reinen Quellen, wie sie von den hohen Bergen kommen, aber doch Wässerchen, und wenn es auch Pfützen wären, die die armen Lasttiere tränken, wenn sie nach des Tages öder Wan­derung verschmachten. Nicht anders ist es mit all den Jahr­markts­buden und Karussells; sie dienen wesentlich dem­sel­ben Bedürfnis, nur einem minder rentenkräftigen Publikum. Haben Sie nie in einem Dorfe beobachtet, wie alles zu­sam­men­drängt, wenn ein kleiner Jongleur seine Kunststücke zum besten gibt? Sie sind doch Arzt: ist Ihnen dieser Kunsthunger des Menschen nie aufgefallen? ‹Sie müssen ins Theater gehn. Sie müssen sich zerstreuen.› Welcher moderne nervenleidende Mensch hat nicht schon mal diesen Ratschlag eines Arztes empfangen! Die Kunst ist Medizin, in hohem Masse Medizin. ‹Mir gab ein Gott zu sagen, wie ich leide›, sagt Goethes Torquato Tasso. Das ist die Erlösung, die der Dichter uns bringt, wenn wir selbst jene Worte der Befreiung nicht finden. Wer würde denn sonst noch einen Dichter lesen! Wenn es in unserem Innern krampft, sei es vor physischem oder physisch-seelischem Leiden, ist ein Tränenausbruch eine Befreiung, wie ein Gewitterregen in schwülen drückenden Tagen; nachher atmet man um so freier. Das ist die Wirkung vieler Dichtung, die reich an Tränen ist.

 

Nur wer die Sehnsucht kennt

Weiss, was ich leide …

 

Oder:

 

Wer nie sein Brot mit Tränen ass,

Wer nie die kummervollen Nächte

Auf seinem Bette weinend sass …

 

wie Goethes Harfner klagt, dessen Verse die Königin Louise in ihrer Not getröstet haben.

 

Und Heines:

 

«Ich möchte weinen, doch ich kann es nicht …

 

Oder:

 

Aus meinen grossen Schmerzen

Mach ich die kleinen Lieder,

Die heben ihr klingend Gefieder

Und flattern zu ihrem Herzen.

 

Sie fanden den Weg zur Trauten,

Doch kommen sie wieder und klagen

Und klagen und wollen nicht sagen,

Was sie im Herzen schauten.

 

Heines Poesie ist überhaupt zumeist eine verschleierte Klage. Und er hatte gewiss noch ernsteren Grund zu klagen. Wie sein unglücklicher dichterischer Gegner Platen litt er unter dem kleinlichen Vorurteil seiner Mitmenschen. Er nahm dann das Entreebillet für Europa. Solang es noch hohe Personen gibt, die ihre Religion wechseln, weil es die Staatsräson so will, ist es mehr als unbillig, es einem Heine zu verübeln, dass er als «Cristiano» gelten wollte – als Mensch. Wenigstens im Ita­lie­nischen bedeutet das Wort «Christ» soviel. «Ammazzare un cristiano», bedeutet einen Menschen töten! Es kommt eben darauf an; wo einem der Mensch anfängt. Dem einen beginnt er beim Edelmann, dem andern beim Katholiken oder Pro­tes­tan­ten, dem dritten beim sozialistischen Genossen oder Arbeiter – mir: bei der Erkenntnis seines Selbst und dessen ehrlicher Vertretung.

Viele haben zu klagen und vielen löst der Dichter die Zunge. Doch die Dichtung gibt uns auch den Mut, über diese Tiefen hinwegzufliegen, sie zeigt uns, wie die Sonne zuletzt in dem Regentropfen schimmert.

 

O horch! in deinem Leid ist Melodie;

Und Leid und Lied, wie bald verklang das Ganze!

In deinen Tränen perlt das Sonnenlicht,

Das schöne Licht. O scheine du im Herzen!

Nacht wird es erst, wenn müd das Auge bricht.

O krankes Herz, was zählst du deine Schmerzen?

 

Und zuletzt gar:

 

All meine Tränen und Leiden

Hab ich wie Perlen gereiht,

Ich schaue sie an und lächle

Ob ihrer Vergänglichkeit.

 

Sie verzeihen, wenn ich mich hier auf mich selbst berufe, aber Persönliches spricht in der Kunst allzu lebendig. Jene erlebten Stunden werden zu Kunstwerken und nachher erfreuen wir uns ihrer schillernden Reize. Ist es dem Menschen, nicht ein wun­der­barer Trost zu sehn, wie selbst aus jenen Augenblicken, die des Lebens Unwert zu besiegeln scheinen, schöne Blumen spriessen, die oft noch einen berauschenden Duft geben und für andre ein heilsames Mittel werden? Ist das kein Lebens­wert?»

«O gewiss!», rief die Marchesa aus. «Ich finde, es sollte jeder Frau eine zauberhafte Genugtuung sein, zu wissen, dass sie einen Künstler reich beschenkt hat, dass sie der Anlass schöner Werke gewesen ist, die sie mitgeschaffen hat. Man hat d’Annunzio so hart verurteilt, weil er Eleonora Duse zurück­ge­stos­sen hatte, um einer anderen willen. Ich finde das unbillig. War sie nicht glücklich, als sie ihn besass? Hat er sie nicht reich gemacht und mit ihr soviel andre Menschen, die sich immer an den Schöpfungen der Liebe entzücken werden? Und gar einer Künstlerin sollte das nicht Genüge bieten?! Oh, ich finde das spiesserhaft. Eines solchen Opfers muss ein Weib fähig sein. Auch der Menschheit hat die damit gedient … und wenn sie unterginge!»

«Das klingt sehr verlockend, Frau Marchesa. Man solite erwarten, dass jeder Künstler dazu Ja und Amen sagte. Und doch: so wie Sie es sagen, möchte ich es nicht annehmen.»

«Freilich!», warf die Gelehrte ein. «Warum soll allein der Kunstler das Leben nach Willkür geniessen und das Recht haben, soviel Menschen unglücklich zu machen! Wenn der Weg zur Kunst über soviel unglückliche Existenzen geht, so ist ihr Wert doch zweifelhaft. Die moralischen Grundsätze sollten alle verpflichten.»

«Ach, Frau Doktor, wer soli sie aufstellen! Soviel Völker, soviel Zeiten, soviel Anschauungen! Warum denn nicht lieber soviel ethische Werte als es Menschen gibt, die Werte bilden? Jener missverstandene ‹Übermensch› tut uns freilich nicht not. Aber darum handelt es sich gar nicht. In diesem falschen Sinne ‹Übermensch›, ein Mensch, der alles aus eigenem Interesse niedertritt, ist der Künstler in der Regel viel weniger als ein andrer. Dazu hat er gewiss kein Recht. Vergewaltigung derer, die nicht vergewaltigen, ist die einzige wirkliche Sünde. Wer darauf ausgeht, hat seinen Teil an der Dankbarkeit der Menschheit verwirkt. Der Künstler ist meist eine für alle Eindrücke sehr empfängliche Natur. Ausser dem schaffenden männlichen Element, lebt und wirkt in ihm das empfangende weibliche. Wenn er nicht im reichem Masse aufnehmend passiv wäre, könnte er ja nie Gestalten schaffen, die der Umwelt ähneln. Je tiefer und reicher er ist, um so reicher werden die Eindrücke sein. Mit tiefer Einsicht sagt Isolde Kurz (Im Zeichen des Steinbocks, 1905): ‹Ja, wären nicht die grossen Dichter, die imm er ein doppeltes Geschlecht haben, so hätte kaum je ein Laut die dichte Atmosphäre, in der die Seele des Weibes lebt, durchdrungen.›

Alle Eindrücke verwandeln sich in ihm wie im Mutterleibe, und so entsteht ein neues Wesen, das keine Nachahmung der Umwelt ist, wenn es auch verwandte Züge aufweist. Darum kann die Kunst nimmermehr Nachahmung sein: ihr Werk ist ein organisches Wesen, kein Homunkulus, der nach einem bestimmten Rezepte gebraut wird. So ist der Kunstler gleich dem Weibe meist der Leidende und nicht der gewissenlose sogenannte Übermensch, der von Genuss zu Genuss schreitet. Die mächtigen und schönen Dinge der Welt dringen bezau­bernd auf ihn ein, oft kann er sich ihrer kaum erwehren; ja man könnte eher von einer Vergewaltigung des Künstlers durch die Umwelt reden. Die Seele des Künstlers ist noch den meis­ten ein dunkles Gebiet. Wenn er von Blume zu Blume flattert, gleich dem Schmetterling oder vielmehr gleich der Biene, so geschieht es nicht aus Willkür, den Schmelz der Blüten zu rauben. Ein unwiderstehlicher Drang zieht ihn nach dem Dufte seiner Lieblingsblüten. Die Macht der Blume, die An­zieh­ungs­kraft, die von ihr ausgeht, ist noch gar nicht richtig erwogen worden. Näher und näher lockt sie die Biene in ihren Bann­kreis, bis diese zuletzt in ihren Kelch taucht, um nachher das süsse Werk zu schaffen, an dem wir uns erlaben.

Wenn wir bei Goethe oder Byron die Blumen zählen, die sie verherrlichten, dann erhebt sich bei vielen ein ‹Aber!› über den verbrecherischen Leichtsinn der Künstlerseele. Und wären es auch zwanzig, die ein ganzes Leben beseelten, was wollen sie gegen die Tausend besagen, die der stumme Mensch in den Dienst seiner sinnlichen Triebe stellt! Viele gibt es, die öfter als jede Woche nach einer neuen Blüte flattern und oft nach solchen, die welk und faul sind; das macht in einem Jahr mehr als zweiundfünfzig. ‹Von ihren Taten meldet kein Lied, kein Heldenbuch.› Das ist der Unterschied. Der ‹leicht- sinnige› Byron ist ein Waisenknabe gegen die schweigsamen Helden unserer Gesittung. Was faselt man da vom besonderen Leicht­sinn der Künstler! Das ist ja ein kindisches Märchen. Wie recht hatte Goethe, wenn er in seinem Schenkenliede klagt:

 

Erst sich im Geheimnis wiegen,

Dann verplaudern früh und spät!

Dichter ist umsonst verschwiegen

Dichten selbst ist schon Verrat.

 

Weil aber die Kunst nun nicht Nachahmung ist, so ist es auch grundfalsch, sie an einer historischen Wirklichkeit zu messen. Die historisch-kritische Schule hat das auch auf die Kunst über­tragen. Mit jedem Kunstwerk tritt eine eigene Welt ins Leben, die an sich selbst gemessen werden muss. Seine Seele und die Seele der Umwelt, wie sie sich in ihm spiegelt, gibt des Dichters Werk. Der Hass unserer Tage gegen die historischen und grossen Dramen erklärt sich wohl, und aus zwei Gründen. Einerseits wandte man sich gegen die poetisierende Behand­lung eines beliebigen Stoffes aus beliebiger Zeit, wo weder vergangene noch gegenwärtige Menschen auftraten, sondern moralische oder unmoralische ‹Figuren› die nach oder wider die Kantischen Paragraphen handelten. Das waren auch keine lebendigen Wesen der Phantasie. Sie waren einfach langweilig wie alle ausgestopften Paragraphen. Ein zweiter Grund war, dass seit den Bürgerrevolutionen allmählich ein Hass gegen alles Heroische aufkam. Die Könige waren ja geköpft oder vertrieben oder doch zu Statthaltern der Bourgeoisie he­rab­ge­drückt. Zuletzt wollte man sie nur noch als Serenissimi Simpli­cis­simi sehn, beileibe nicht als Helden, zu denen man be­wun­dernd aufblickt. Höchstens als historisches Rari­tä­ten­ka­bi­nett wollte man die alten Könige und antiken Herren noch dulden. Darum wurde die kritische Sonde angelegt, um zu prüfen, ob sie auch wirklich echt historisch vergangen waren und sich nicht etwa bloss verkappt in unsere moderne Zeit einschlichen, als gefährliche Feinde der Bourgeoisie und des dämmernden Arbeiterstaates. Daher bemühte sich Gerhard Hauptmann mit so eingehenden Archivstudien, als er seinen Florian Geyer schrieb. Mir selbst wurde in Prag grob heimgeleuchtet, weil meine Helden von Äthiopien gar nicht echt-altäthiopisch waren. Und jener Kritikus hinter den Kulissen kannte sehr vermutlich die Geschichte Äthiopiens weniger als ich selbst. Ebenso wurde mir von anderer Seite bei meiner ‹Tragödie der Schönheit› bemerkt, die Hellenen des Stückes entsprächen nicht dem vierten Jahrhundert post Christum. Na, ich kenne die Geschichte mehr als zufällig ziemlich genau und bin selbst ‹leider› wohl etwas hellenischer als jener Herr – aber zum Kuckuck, was geht das mich an! Was ging es Shakespeare an, wie die römischen und attischen Spiessbürger dachten, als er seinen ‹Julius Cäsar› schrieb oder seinen ‹Timon von Athen›, in den er die Bitternis seiner Menschenkenntnis hauchte! Oder wagt es jemand zu behaupten, dass sein ‹Troilus und Kressida› auch nur annähernd der Zeit von Troja entspricht! Den Stumpf­sinn möchte ich verkörpert sehn.

Shakespeare war ein grosser Menschenkenner, vielleicht noch mehr als Dichter. Den Menschen kannte er, sich und seine Umwelt. Das war viel. Nicht ganz mit Unrecht nannte Schiller die ‹Iphigenie› Goethes ‹erstaunlich ungriechisch und modern›. Alle archivarischen Genauigkeiten bilden kein Kunst­werk. Das schafft nur die Anschauung des Lebens und die Phantasie. Ob der Held Napoleon, Bismarck oder Julius Cäsar heisst, ob das Stück 44 vor Christus oder 1898 nach Christus spielt, ist für die Kunst gleichgültig. Ob wir den Fürsten Bülow auf der Bühne sehn oder den Herzog von Friedland oder den Bürgermeister von Posemuckel: das hat nichts mit der Kunst zu tun. Ja, ich könnte es beweisen, dass Cäsar und der Fried­län­der dem Künstler förderlicher sind. Nach zweihundert Jahren mag das anders sein.

Aber es soll eben keinen Helden geben, der zugleich Mensch ist. Und doch ist das gerade die höchste Aufgabe der Kunst, Menschen zu erschauen und zu schaffen, die aus sich selbst emporwachsen, die Kämpfe des Lebens kämpfen und leiden und uns womöglich den Weg weisen, der aus den Nie­de­run­gen emporführt. Wenn jemand Shakespeare be­wun­dert hat, so bin ich es, und dennoch muss ich heute bekennen, dass sein dichterischer Flug zuweilen versagt, das er sich bisweilen zu sehr in der Kenntnis der kleinen Menschenseele gefällt und dann niederdrückend wirkt. Dieser Othello, Lear, Macbeth, Richard II. und III. sind gewiss wahr erschaute Menschen, aber: die grosse vorwärtsweisende Seele fehlt ihnen allen. Die anerkennende Kritik Rudolfs von Gottschall sagte mal von meinem Jugendwerke ‹Der Herr der Welt› ihm fehlte der sitt­liche Ausgang Shakespearischer Werke, obwohl es sonst von dessen Kraft der Gestaltung verrate. Und ich behaupte jetzt, dass dem grossen Shakespeare der hohe ethische Flug zu oft fehlt. Das wird unbewusst an ihm geschätzt, besonders von der Moderne. Aber gerade eine höhere Ethik des Helden, der nicht innerlich gebrochen wird – war, mein Bestreben. Und heute ist mir diese Erkenntnis reifer denn je geworden. Das mangelnde Verständnis der Wort- und Tonanführer von heute muss ich dafür in den Kauf nehmen. Nicht meine eigne Kraft wird mir zum Siege verhelfen, sondern, wie ich hoffe – die Entwicklung der Dinge. Geduld ist eine wertvolle Tugend, aber – sie kostet Geld!

Das Urteil Friedrichs des Grossen über Shakespeare war gewiss höchst unbillig; in diesem ungerechten Urteil steckte aber doch ein Kern von Erkenntnis. Wir bedürfen der Schwin­gen. Wer soll sie uns geben, wenn nicht Religion und Kunst! Wir haben alle den Kampf mit Leben und Alltag zu führen, uns selbst zu erkennen und durchzusetzen. Sonst gehen wir unter. Man kann äusserlich Erfolg haben und doch innerlich sklavisch verkommen. Und man kann von Misserfolgen heimgesucht sein und dabei innerlich wachsen. Schillers bespöttelter Marquis Posa bleibt ein gewaltiger Sieger vor dem grossmächtigen König Philipp. In diesem Posa steckt wohl Schiller selbst darin. Wie beschämt, wie niedergeschmettert steht der lebendige Herrscher an der Leiche dieses von ihm ermordeten Un­ter­ta­nen. Wie gewaltig ist diese Szene! des grössten Dichters wür­dig! Ohne dass ich deshalb Schiller gegen Shakespeare aus­spie­len möchte. Jene beflügelnde Macht bleibt der unsterbliche Zauber Schillers, für jeden, der nicht abgestumpft ist, und erst recht für die Seele des echten Germanen, die sich selbst be­haup­ten will. Maria Stuart, die in den Tod geht, scheint uns doch wie verklärt von dem Bewusstsein ihrer geläuterten Seele. So ist ihr Enkel Karl I. in den Tod gegangen. Das sind his­to­rische Tatsachen, menschliche. Dagegen Richard II., der schau­ernd vor den Mördern aus einer Ecke in die andre flüch­tet! Doch lag es mehr an der Darstellung im Königlichen Schau­spiel­hause. Aber Romeos zufälliger Tod, weil Julia etwas zu spät erwacht! Ebenso Cordelias Tod! Bei Shakespeare waltet zu oft ein grässliches Verhängnis.

Gewiss sind in einem Drama alle menschlichen Gestalten berechtigt. Wir treffen genug des Kleinlichen im Leben. Nur zu oft scheint uns der Zufall blind die schönsten Keime und Blü­ten zu zerstören. Aber es ist nicht die Aufgabe des Künst­lers, den Augenblick zu photographieren. Wer sich einmal die Mühe gab, eine Zeichnung nach einer Photographie aus­zu­füh­ren, überzeugte sich wohl bald, wieviel Phantasie dazu gehört! Ein Wirrwarr scheint das photographische Bild. Da gilt es erst die wesentlichen Linien und Schatten zu entdecken. So ist es mit dem Leben. Aus den wirren Zufällen und dem Durcheinander der Wirklichkeit können wir keine Welt der Kunst schaffen, wenn wir nicht eine eigene Ordnung ersinnen. Chaotisch ist die Natur und das Geschehen für den menschlichen Blick. Das Auge des Künstlers schafft eine neue Welt. Wenn er sich ängst­lich an die Eindrücke klammert, die ihm in Auge und Ohr fallen, wird er wenig Erhebendes leisten. Eine zweite Natur ist die Kunst, keine Nachahmung der Natur. Das Schöpferische ist es, was uns am Künstler fesselt. Sonst hätte schon längst der Photograph den Maler, hätten Phonograph und Ariston den Sänger und Musiker verdrängt. Wozu brauchen wir Bilder zu kaufen, wenn wir dasselbe ‹in natura› besser sehn! Auch Tra­gö­dien und Komödien gibt es draussen und daheim. Brauchen wir dazu Dichter und Bühnen! Der Alltag fällt uns genug auf die Nerven. Genügt es nicht, wenn wir die blutrünstigen Wirklichkeiten in der Lokalchronik lesen, mindest ein halbes Dutzend in jeder Nummer?! Das alles peinlich zu Protokoll zu bringen, soll die Aufgabe der Kunst sein? Welch ein Blödsinn!

Nein. Auf Flügeln der Phantasie soll sie uns heben und tragen in all die bunten Welten ihrer Zauberer – der Künstler. Gemüsegärten und Viehställe sind nützlich, aber wir, wollen nicht ewig Kohl, Petersilie und Dünger riechen. Wir träumen von einer Welt, wo wir ohne diese Güter glücklich werden, ebenso wie ohne – Polizisten und Staatsanwälte. Die echte Kunst ist wie eine balsamische Pflanze, die heilsamen Saft zur Genesung und Erleichterung des Lebens ausscheidet. Schon das persönliche Gebet ist ein Ausdruck der Kunst. Und dann die Gebete der Kirchen, der Dienst vor dem Altar, die Heilige Messe, aus der ja das Drama der christlichen Zeit erwuchs, wie das antike aus der religiösen Feier des Dionysos. Kunst und Religion weben und leben eine durch die andere. Ja selbst die Technik der Kunst wechselt mit den religiösen Empfindungen und Überzeugungen.

Die Kunst an und für sich existiert gewiss nicht, eben­so­wenig wie ‹die Natur›, wie alle Abstrakta. Es sind die einzelnen Werke der Künstler, die wir unter diesem Namen zusam­men­fassen.»

«Und was halten Sie von der Architektur?»

«Von aller Kunst gilt wesentlich dasselbe. Sie gab dem Menschen das Heim. Die erste Stätte, die sich der Mensch in der Höhle schuf, wurde ein Ausdruck seines künstlerischen Dranges.»

«Aber es war doch Notdurft?»

«Alle Kunst erwächst aus der Notdurft. Wenn wir erst Hunger und Durst in primitiver Weise gestillt haben, verlangt es uns, das Leben bunter, reicher zu gestalten. Die Natur ist eine Stiefmutter. Wenn wir uns nicht selbst durch die Kunst hülfen, wären wir schlimm daran. In der freien Stiefmutter Natur wurde es dem Menschen bald unbehaglich, wenn der Regen niederrieselte, wenn der Frost seine Glieder erstarrte, wenn die Glut des Sommers ihn brannte. Da suchte er eben die Höhlen auf, schmückte sie mit erbeuteten Tierfellen, um wär­mer und weicher zu ruhen. Oder er baute sich ein Zelt aus Stäm­men, Zweigen und Gräsern und verzierte es mit den Tro­phäen seiner Beute, wie er sich selbst mit Federn, Steinchen und Fellen schmückte. Die Gehöfte der wilden Völker belehren uns noch heute darüber. Und die Pfahlbauten unserer frü­hes­ten Vorfahren sind kunstarme Ahnen der venezianischen Paläste oder der Isaakskathedrale in St. Petersburg, wo die Last des Hauses auf Pfählen gestützt werden muss, die in den sumpfigen Boden gerammt werden. Ihren letzten Ursprung hatten sie alle in der Notdurft, die über sich hinausstrebt. So war es die Kunst, die den Menschen erhob, die ihn der übrigen Tierwelt als göttliches Wesen gegenüberstellte. Die Kunst erhob den Menschen erst zum Menschen in einer mangelhaften feindseligen Natur, die ja nichts andres als den steten Kampf verschiedener Mächte bedeutet. Die Kunst ist wie die Vor­ah­nung einer gebändigten Natur. Daher ist sie göttlichen Geistes – wenn sie sich treu bleibt. Darum drängte es den Menschen, sobald er mehr Herr seiner Kunstfertigkeit wurde, seiner Kunst eine heilige Stätte zu schaffen, wo er den göttlichen Mächten für ihre Gaben dankte und wo er sie um ihren Beistand anrief. Das ist der tiefste Grund, warum es den Menschen drängt, nicht bloss in freier Natur die Götter zu ehren, sondern ihnen ein kunstreiches Heim zu bauen – ihnen, den Spendern dieses übertierischen Gutes.

So entstanden die Tempel und Kirchen. Darum sollte jede Stätte dieser Andacht dem Menschen heilig sein, gleichviel ob es ein hellenischer oder buddhistischer Tempel, eine katho­lische oder protestantische Kirche, eine Moschee oder Syna­go­ge ist. Welch ein Barbar war der Lord Kitchener, als er das Grab des Mahdi zerstörte! Alle sind sie der Ausdruck mensch­licher Sehnsucht über sich hinaus. Meist artete diese leider zu einer blinden Leidenschaft aus, der der Mensch jedes Opfer, selbst Menschenopfer brachte, um die Gottheit gnädig zu stimmen. Das ist ein götzendienerischer Wahn. (Vgl. Olympia und Golgatha.) Bestehn bleibt aber dennoch, dass diese Hei­lig­tümer der Kunst dem Menschen in vielen Nöten des Lebens zum Heiland werden. Zu ihnen flüchtet er sich, wenn er die höchsten Feste seines Lebens feiert. Je reicher die Kunst wurde, um so schöner gestalteten sich diese geweihten Bauten. Und sie alle zeugen von dem religiösen Geiste, der sie schuf. Himmelhoch streben die Dome des Mittelalters, in fast krank­haf­ter Sehnsucht von der Erde fort. Die spitze Nadel bohrt sich in den Äther und in die Wolken. Krückenähnliche Stützen brauchte der gotische Dom zuletzt, um nicht zu­sam­men­zu­bre­chen. Bizarr und verworren wie seine Theologie sind die Verzierungen der Architektur, die Drachen von Notre Dame. Und daneben der hellenische Tempel! Seine schimmernde Säulenreihe ist auch ein mächtiges Gebet der Sehnsucht, wie ein feierlicher Festzug hoher schöner Gestalten. Und dazu stand er noch meist auf Höhen und schaute weit auf Land und Meer hinaus wie eine Warte der Gottheit, ein geweihtes Wahrzeichen der Kunst. Aber sein Gebälk legte sich in stiller Harmonie auf die strebenden Säulen des Umgangs. ‹Sei ruhig, mein Volk, deine Götter wandeln unter dir.› Und so schmückte der olympisch Gläubige Giebel, Metopen und Fries mit den heiligen Mythen seines Glaubens und seiner Heroengeschichte. Trotzig wie ewige Gesetze steht der ägyptische Tempel da. Die Phantasie der orientalischen Märchen yerkörperte sich in den Türmen und Zieraten der Moscheen und anders in den bizarren abenteuerlichen Tempeln der indischen Religion.

In gleicher Weise entwickelte sich auch das persönliche Heim des Menschen. Wie aristokratische Museen thronen die germanischen Burgen auf den umwaldeten Hügeln. Prunk- und gastreich öffneten sich ihren Vasallenhöflingen die Arme der Versailler Schlösser in allen Landen. Trutzig verschliesst der Florentiner Palast seine reichen Kunstschätze vor der Menge wie in einem fürstlichen Verliess. Lauschig versteckt sich im Grün das arkadische Häuschen des Rokoko. Prahlerisch prunkt in der breiten Strassenflucht der modernen Grossstadt die prächtige Mietskaserne mit Riesenfenstern, zahllosen Bal­ko­nen, Erkern und Loggien. Nüchtern steht das Bürgerhaus der bourgeoisen Triumphjahre in der schmalen grauen Strasse. Von der Hütte des Wilden und dem schindelgedeckten Häus­chen des Bauern mit blühenden Malven oder grossen Son­nen­blu­men bis zu dem glänzenden Schweriner Fürstenschloss, allenthalben regt sich der Geist der Kunst in un­wi­der­steh­li­chem Drange, und ohne ihn würde sich der Mensch. nie und nirgends heimisch fühlen. Ja, wo die Kunst heimisch wird, belebt sich die Einsamkeit, auch im bescheidensten Heim. Die antiken Bäder und Palästren waren heilsame Heimstätten der Kunst. Nicht bloss weil der Schönheitsdrang des Menschen sie mit Säulengängen im Hofe schmückte, mit Reliefbildern und Statuen, nicht bloss weil sie der gesunden Entwicklung des Leibes durch Reinigung und Übungen dienten – vielmehr auch weil sich die lebendige Kunst der Anschauung in ihnen ent­wickelte, weil die Bewegungen des Leibes unter ständiger Beo­bach­tung zu einer Art ‹dynamischer Kunst› wurden, die sich von da ins tägliche Leben übertrug und so das künst­le­ri­sche Auge schärfte und jene schöne Fülle von Gestalten ermöglichte, die wir noch heute bewundern – und meist bloss in Abbildern!

Ja die Plastik ist vielleicht die gesundeste Kunst. Sie gibt uns die unmittelbarste Wirklichkeit der neuen Welt der Kunst. Sie ist dabei freilich meist auf das einzelne Individuum be­schränkt, das sie in seiner ganzen Wirklichkeit erstrebt. Was sie gibt, gibt sie reicher als die Malerei, aber sie gibt weniger an Breite und noch weniger darin als die Poesie, die in Kürze das Bild einer ganzen Welt oder eine Reihe von Empfindungen und Geschehnissen vor das Gemüt zaubert. Und die Musik ist überhaupt der Gegensatz der Plastik – die Kunst, die am ehesten Melancholie erzeugt. Die Musik schüttet oft ein Füll­horn von Sehnsucht auf uns aus, das sich nicht genügend zu gestalten vermag und daher ein unruhiges Bilden und Sehnen wach hält. Die Plastik tritt uns mit dem fertigen Gebilde entgegen. Entspricht dieses unserer Sehnsucht, so erfüllt es uns mit tiefstem Behagen, in anderem Falle stösst es uns ab. Dieser Trieb nach realen Gebilden ist eine gesunde Sehnsucht, er ist ein Seitenzweig des erotischen Triebes. Die Natur, die wir so oft als höchste Schöpferin bewundern, ist doch nur eine geniale Dilettantin für das Verlangen unseres Ideals, unserer Vorstellung von einer schöneren Bildung. Und so schuf uns jener Trieb all die anmutigen Gestalten der Götterwelt und der schönen Menschheit, die sich den Göttern nähert. Diese unwiderstehliche Sehnsucht des Menschen, etwas zu schaffen, das über ihn hinauswächst, ist das tiefste Mysterium, dessen letzten Grund wir nie und nimmer vernünftelnd, gleich einer algebraischen Unbekannten, finden werden. Dieses x bleibt unserem Gehirn ein ewiges Geheimnis. Unsere Vernunft ist ja nur eine Laterne, die, heller oder dunkler, in die Tiefe unseres Wesens hinableuchtet. Eine wunderbare Tatsache aber ist, dass der Mensch diese Sehnsucht hat, und dass diese sich aus den umwaltenden Naturmächten nimmer herleiten lässt, einfach weil sie über all diese Mächte hinausgeht. Nähme der Mensch nur die Kräfte der Umwelt, seines Milieus, auf, so könnte diese grosse fördernde Unzufriedenheit gar nicht in ihm entstehen. Das ist der gewaltige Irrtum der Milieulehre, die wohl neunzig Prozent der Erscheinungen erklären mag, aber längst nicht alle, und gerade das Mysterium der Kunst nicht. Sie bemühte sich wohl, die Kunst für eine Nachahmerei zu erklären, das ist aber eben keine Erklärung, sondern barer Unsinn. Gewiss verwendet die Kunst Erscheinungen des Daseins, doch wer sie damit erschöpft zu haben glaubt, der hat sie nie verstanden, der versteht von der Kunst weniger als ein moderner Händler von den Produkten des Pseudo-Handwerks, die er verkauft. Die Kunst bietet uns Erscheinungen, die in der Natur gar nicht vorhanden sind, sie ist eine menschlich erhöhte Natur. Wo ist das dichterische Gebet in der Natur? – Ja, ich behaupte, dass kein einziges Bild der Wirklichkeit gleicht. Deshalb ist es noch längst nicht minderwertig; in seiner Art übertrifft es oft die Natur. Gewiss ist eine stümperische Malerei noch längst nicht deshalb bewundernswert, weil sie anders als die Natur ist. Ebensowenig ist aber ein Bild schlecht, weil es nicht der ‹be­kann­ten Natur entspricht, wenn es nur seine eigene Le­ben­dig­keit und Plastik hat. ‹Das ist unnatürlich!› ruft da ein Zu­schau­er vor einem verglühenden Abendgemälde aus – weil er ‹so etwas› noch nicht gesehen hat. Genug wenn einer solches in sich erschaute! Das ist ein Stück neue Welt. Schau du sie an und freue dich ihrer! Dein alltäglicher Sonnen­un­ter­gang wird dir deshalb nicht gestohlen. Und überhaupt: wird deine Welt dadurch ärmer, weil die Welt mehr umfasst als deine?

Ging ich da unlängst in eine internationale Ausstellung mit einem modernen blasiert-sein-wollenden Kunst­ent­hu­sias­ten. Unter anderem waren da zwei Bilder. Eines war ein tech­nisches Bravourstück – so meinte er – ein verwitterter Bau­ern­kopf, ein Papagei und etwas Essbares. Das andere Bild litt vielleicht an technischen Mängeln. Eine nackte junge Gestalt steht an umblühten Meeresfelsen, um ihre freie Andacht schiessen die Vögel mit den Schwingen der Sehnsucht. Die Vögel waren weniger studiert als der Papagei, die Blumen weniger als die Rüben. Und doch: wieviel mehr Schwung der Seele lebte in diesem Bilde als in manchem Bravourstück. Der eine konnte noch Bedeutendes leisten, wenn die Phantasie vollendete Herrin der Technik wird. Der andre kann noch zwanzig Jahre malen, er liefert immer – Kohlrabi. Das erfreut die kleinen Geister.

Als Ikaros zu kühn gegen die Sonne flog und die strah­len­de Glut das Wachs seiner Flügel schmolz, das der Jüngling herabstürzte, da spöttelte vielleicht unten auch ein Frosch: ‹Wärest du wie ich nur eine Handbreit gehüpft! Etsch! Ich habe doch etwas erreicht. Da sitze ich nun auf einem neuen Stein und fange fette Fliegen, du aber bist im Meer ersoffen!› Und doch war der Flug des Ikaros tausendmal so be­wun­derns­wert. Ein genialer Dilettant der mit der Entwicklung und Schu­lung seiner Technik nicht rechnet, dessen Schwingen noch nicht zu weitem Fluge gewachsen sind, dem aber die Phantasie übermächtig in den Fittig rauscht – dieser Ikaros ist, in seiner Seele, ein grösserer Künstler als der vollendete Rübenlieferant und Stiefelfabrikant. Ein Paar gut gemalte Stiefel waren mehr wert als eine unvollendete Phantasie? Dann hängt euch doch ein Paar neue Stiefel an die Wand oder einen Bund Rettiche. Das ist jedenfalls noch ‹natürlicher›. Zwei Stiefel- und zwei Rettichwelten brauchen wir nicht. Die natürlichen stinken schon genug.

Gewiss wird der wahre Meister nach vollendeter Be­herr­schung streben, aber nicht auf Kosten seiner Welt. Denn er hat eine eigene. Interessant ist die Broschüre ‹Das Geheimnis der alten Meister›, die Hugo Struck soeben über die Farbentechnik der Renaissancemaler veröffentlicht hat. Wir rühmen uns der Technik in der Kunst. Und wie vergänglich, wie stumpf sind die modernen dickleibigen Farben, im Vergleich zu vielen Male­reien des Quatro- und Cinquecento. Struck hat das zu er­grün­den gesucht. Ich bin selbst durch unbewusste Versuche dazu gedrängt worden, die Farbe so durchsichtig als möglich auf­zu­tragen und habe merkwürdige plastische Erscheinungen erzielt – so in einem Bilde ‹Dionysos auf den Höhen von Florenz›. Die fernen veilchenblauen Berge, dann die abendschimmernde Stadt im Tale, Zypressen und Olive im dritten Grunde, zwei Tempelsäulen und ein betender Jüngling im vierten, und vorn im fünften Grunde Dionysos an der blauen Quelle der Be­geis­ter­ung gelagert, deren göttlicher Spender er ist. ‹Kitsch!›, ‹Ramsch› – oder wie die geweihten Richtersprüche sonst noch heissen – würden es moderne Kritiker nennen. Aber was besagt das! Die Kunst hat eine andre Aufgabe als die Herren es glau­ben. Mangelnde Arbeitskraft gestattete mir nicht die not­wen­dige Ausbildung in der zweiten Kunst, aber die Erkenntnis ist mir doch geworden, dass unsere Zeit – mit löblichen Aus­nah­men – das Wesen der Kunst gänzlich miss­ver­stan­den hat.

‹Historiasis› oder ‹Protocollitis› möchte ich unsere Zeit­krankheit nennen, so sehr ich selbst die Geschichte schätze – als die einzige Wissenschaft. Erkennen der Tatsachen und ihrer Gründe ist das Wesen aller Wissenschaft, also historisch. Aber die Kunst ist keine ‹ancilla historiaea› (Handlangerin der Geschichte). Erscheinungen der Geschichte oder der Gegen­wart peinlich für das Archiv der Zukunft festzuhalten, ist nicht die Aufgabe der Kunst. Das mag für Schneider- und Sitten­ge­schich­te, für Stiefel-, Vogel- und Rassenkunde, für Botanik und weiss Gott was interessant sein – für das Wesen der Kunst ist das nicht ausschlaggebend. Unser moderner Symbolismus war ja eine natürliche Reaktion gegen die versklavte Afferei des übertriebenen Naturalismus, nur verrannte er sich wieder ins andre Extrem. Möge der heilige Geist der Kunst uns wie­der­keh­ren wie der ‹FrühIingssturm› im Gemälde Ludwig von Hofmanns, der Jüngling mit den beiden Jungfrauen, am Ges­tade des Sees in blühenden Farben dahereilend!

Überall der Drang aus der Notdurft zur Sättigung der Seele, im Heim der Menschen, im Heim der Götter, ja selbst auf den Friedhöfen der Toten.

Der Wilde greift zur Muschel und entlockt ihr bunte Töne; der Hüterjunge schnitzt sich die Flöte aus der Rinde der Weide und erfreut sich Tag um Tag an ihrem Spiele; der Liebende schüttet im Gesange sein Herz allen Winden aus; die Krieger, die in die blutige Schlacht ziehn, berauschen sich an den Klän­gen des Horns und der Trompete, wie die Spartaner vom Sänger Tyrtäos begeistert. Der Schlag der Trommel bannt ein Regiment in gleichen Schritt und Tritt. Das einsame Mädchen, zu dem die Liebe nie einkehrt, nährt ihr Herz und ihre Phan­ta­sie mit singen und spielen – oft zu ihres Nachbarn Weh und Ach. Der musikalische Genius Beethovens baut träumend eine ganze Welt voll Leiden und Jauchzen in seiner Sonate auf und ringt sich, wenn er stark ist, zu erhebenden Akkorden durch, an denen Bach so reich ist. Wer kennt nicht die lachenden Tränen Chopins! Das weinende Murmeln und Rauschen Schu­manns! Und den silbernen Wasserfall Mozartscher Töne, die unter lauschenden Blumen rieseln! Die ringenden Un­wet­ter, Sonnenblitze und Windesharfen Wagners! Die Cham­pag­ner­per­len eines Offenbach! –

Die Nonne, die ihr ‹letztes› Lied auf Erden spielt, im schönen Bilde von Hermann Kaulbach, sie beschwingt ihre Phantasie, um sich zum letzten Fluge ins Jenseits zu stärken. Der reife junge Mann, in dessen Auge die Tränen blinken, hinter dem der lange Pfad der Enttäuschungen liegt, wie in Giorgiones tiefsinnigem Gemälde, greift in die Tasten der Orgel, um seinen Lebensweg mit heiligen Bildern zu beleben. Ein Heiland ist ihnen die Kunst. Welch bunten Reigen der Geister kann die Musik erwecken, aus Vergangenheit und Zukunft! Aber darin unterscheidet sich die Musik, besonders die in Andacht genossene, von den anderen Künsten, das sie – dem Zuhörer wenig Gegenwartsinhalt gibt, darum leicht schwer­mütig stimmt. Doch wirkt sie dann eben oft wie eine heilsame Medizin, die die angesammelte Bitterkeit des Lebens wie Gifte in rauschen- den Wallungen, ja in Tränen aus­schei­det. Niemand braucht sich solcher Tränen zu schämen, sie sind keine weinerliche Sentimentalität. Auch die Begeis­te­rung kann die Augen feuchten.

Auf das ungebildete Gemüt kann die Musik eine bän­di­gen­de Wirkung ausüben, sie hemmt auch die wilden oder rohen Triebe; ist sie doch bei der Zähmung der Bestien von mäch­ti­gem Einfluss. Sie kann auch Entschlüsse hemmen, indem sie die Fülle der Vorstellungen weckt, die uns unschlüssig machen. Man denke an die Szene im ‹Faust›, wo der Lebensmüde den Giftbecher ansetzt und durch Osterglocken – und Gesang von seinem Beginnen abgelenkt wird. Wie das Wasser auf den Körper wirkt, das Blut in Wallung bringt, aufregt oder be­sänf­tigt, je nach seiner Beschaffenheit – so die Musik. Sie hat eine starke physiologische Wirkung; sie drängt sich uns auf, wir können uns ihrer Wirkung kaum entziehen.

Die Musik entfesselt aber auch den Tanz, denRhythmus der Glieder. Wie in aller Kunst, wirkt auch hier das religiöse Hinausstreben über die Grenzen der Erde und ihrer all­täg­lichen Erscheinungen. Hymnische Bewegtheit kommt in den Leib, der an diese Erde gekettet scheint; es ist, als ob ihm Flügel wüchsen, als ob er mit seiner Sehnsucht beseelten Schritt hielte, wie ein verklärter göttlicher Leib. Daher ist der Tanz religiösen Ursprunges. Der Reigen der Siegesfeste, wie ihn der Dichterjüngling Sophokles anführte, war der Ausdruck glückseligen Schwunges. Der Tanz war herzerfreuend – gott­ge­fäl­lig. Unser moderner Tanz hat freilich unendlich an Schön­heit und Begeisterung verloren, er ist oft nur eine Art Mittel zum Zweck geworden, besonders im Salon; aber es blieb ihm dennoch etwas von seinem heilsamen erfreuenden Geiste. Besonders der Tanz des Volkes, auf freier Flur, die Kirch­weih­tän­ze und ursprünglichen Tänze an Heiligenfesten, wie ich sie selbst in Cava dei Tirreni gesehn, verraten noch den alten Zauber der Kunst, der nicht in Überkunst besteht. Plastische Musik ist der Tanz. Ja selbst die kleinen Theater-Varietees, die fast alle Welt gern sieht und doch niedrig einschätzt, haben ein tiefes Anrecht auf Kunst, wenn sie auch nur ein schwacher Ausdruck dessen sind, was sie sein könnten – erotisch le­ben­dige Kunst: die Liebessprache des bewegten Leibes. Sie ist die Kunst, die wir noch am wenigsten verstehen und in der Regel als ‹Orgien› verketzern – die Kunst der lebendigen Schönheit, die freilich nicht in Oterobrillanten und komischen Zoten besteht. Die ‹Tarantella› in Italien ist ein Ausdruck dessen, wenn auch in der Regel ein modem umkleideter. Diese ‹lebende› (dynamische) Kunst ist die Quelle der bildenden Kunst, vor allem der Plastik, aber auch – des plastischen Denkens, und zwar tausendmal mehr als Mathematik und Anatomie. Wo solche lebende Kunst der Bewegung im täglichen Leben nicht gedeihen darf, versiegt dieser Quell, und damit leider auch Gesundheit, Anmut und Lebensfreude. Die alten Griechen brauchten nicht so unsre prächtig-kümmerlichen Varietees schielender Lebenslust; sie sahen den Leib wohl täglich in unverschneiderter nackter Schöne sich natürlich regen oder spielen, im lauteren Licht des Tages und der Sonne.

Alle Kunst ist ursprünglich der Heiland des Künstlers selbst, der sich durch sie läutert und reinigt, und sie wird es den andern, die in verwandter Stimmung das betreffende Werk geniessen. ‹Ich schaffe für mich›, sagt der wahre Künstler. Gewiss. Aber veröffentlichst du deine Werke, so willst du auf andre wirken. So sei ehrlich! Wer sich nicht selbst befriedigt, befriedigt keinen andern. Die Kunst, auch die ernste, sollte uns in ihrer Nachwirkung heiter stimmen (was nicht lächerlich heisst). ‹Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.›

Aber nicht in dem Sinne, dass sie mit Heiterkeit geboren wird, im Gegenteil, die Kunst wird wohl immer aus irgend einem Leid geboren – wie die Perle – selbst wo wir glücklich lieben. Denn im Augenblick höchsten Glückes, Genusses, fragen wir nicht nach der Kunst. Kunst, die uns niederdrückt, ist Gift, ist ihrem ursprünglichen Wesen untreu geworden. Die Kunst hat weder das Leben zu unterbinden, noch sklavisch nachzuahmen. Sie ist kein Kabinett von täuschend realis­ti­schen Wachsfiguren mit haarechten Perücken.

Was ist uns die Kunst?

Der Quell, aus dem wir die Welt unserer Sehnsucht schöpfen, in der Gegenwart; wir hoffen: die Welt einer Zukunft.»

 

 

Lebenswerte, Heiland Kunst, PDF

Lebenswerte, Die Märchen der Naturwissenschaft