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7./8. Oktober 2007

Herbstreise des Vereins Network ins Tessin

Eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Elisàr von Kupffer und dem Archiv von Harald Szeemann

 

Wiedersehen im Kreise der Networker auf dem Tessiner Monte Verità. Vor neun Jahren machten wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit diesem ‹Kraftort› der europäischen Kultur des 20. Jahrhundert.

Dank dem grossartigen und visionärem Schweizer Kurator und Ausstellungsgestalter Harald Szeemann hat dieser geschichtsträchtige Flecken Erde über Ascona seinen wohlverdienten Platz in der Kulturgeschichte; der Monte Verità stand unter anderem im Zentrum seines kuratorischen Schaffens. Er führte uns damals durch das Gelände und das von ihm ein­gerich­tete Museum in der Villa Anatta. In seiner leisen und unspektakulären Weise brachte er uns diesen Geburtsort der heutigen Moderne näher. Das Rundbild von Elisàr von Kupffer, ‹Klarwelt der Seligen›, konnten wir schon damals bewundern ... für eine Fahrt nach Minusio fehlte allerdings die Zeit.

Harald Szeemann zählte zum Umkreis des Monte Verità auch das Elisarion in Minusio. Es ist etwas salopp gesagt die schwule Variante eines idealen Lebensentwurfes. Ihr Gesamt­kunst­werk vermachten Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer der Gemeinde Minusio und dem Kanton Tessin. Nur die Gemeinde wusste nicht so recht, was damit anfangen und das Gebäude wurde im Innern in den späten Siebzigerjahren weitgehend zerstört, obschon Szeemann früh auf die kulturelle Bedeutung des ‹Sancutarium Artis Elisarion› aufmerksam gemacht hatte.

Nachdem das Werk vom Originalschauplatz verbannt worden war, gelang es Szeeman in seiner grosse Ausstellung in Ascona über den Berg der Wahrheit im Jahre 1978, das Rundbild zu zeigen. Später, 1987, wurde dafür ein Pavillon auf dem Monte Verità aufgestellt. Dieser hat sich als Dauerprovisorium erhalten. Die Vernachlässigung diesem Werk gegenüber ging so weiter – mit dem Resultat, dass die Leinwände jetzt in einem schlechten Zustand sind.

Am Wochenende vom 6./7. Oktober 2007 hatten 42 Networker die Gelegenheit, die 84 glücklichen Jünglinge in ihrem (zerfallendem) paradiesischen Zustand zu sehen!

 

Das Elisarion in Minusio

Auf der Sonnenterrasse des im Bauhausstil erhaltenen Hotels Monte Verità aus den zwanziger Jahren begrüssten sich die NETWORKer und genossen bei strahlendem Sonnenschein ein Mittagessen. Begrüssen durften wir auch Karin Kupffer, eine Grossnichte von Elisàr von Kupffer, mit ihrem Ehemann. Mit dabei auch Fabio Ricci, der kürzlich eine Dissertation über den Künstler abgeschlossen hat. Pünktlich wurden wir ins Elisarion in Minusio gefahren.

Dieses Haus wurde in den zwanziger Jahren im ‹Toskanischen Stil› gebaut als Villa und Tempel in einem. Es ist eine Art südlicher Gegenpol zum Goetheanum von Rudolf Steiner in Dornach. Wobei die Inszenierung, aussen im Garten und im Inneren wichtiger waren, als die Architektur. Wie alte Fotos zeigen, war das Haus eingerichtet ganz im schwülstigen, retourgewandten, grossbürgerlichen Habitus, der im ersten Weltkrieg untergegangen Bourgeoisie, aus der Elisàr von Kupffer und sein Lebensgefährte Eduard von Mayer her kamen. Doch auch sie suchten nach dem Zusammenbruch der europäischen Werte und Kultur einen Gegenentwurf, auch sie versuchten ein Gesamtkunstwerk zu verwirklichen. Wie eng, freundschaftlich und geistig befruchtend die Beziehungen zu den ‹Spinnern› auf dem Monte Verità waren, ist umstritten. Doch zum Umkreis sind die beiden bestimmt zu zählen.

 

Ritter, Tod und Eros

Das Buch von Fabio Ricci über die Kunst von Elisàr von Kupffer

Fabio Ricci aus Köln, der an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig eine Dissertation über den ‹Klarismus› und Elisàr von Kupffer verfasst hat, führte uns durchs Haus. Dieses sei so gebaut worden, dass der Besucher wie auf einer Wallfahrt zuerst durch dunkle Räume in den oberen Stock geleitet worden sei um dann hinter einem Vorhang in den Raum mit dem lichterhellten Rundbild zu treten. Das Allerheiligste des Klarismus, der Ort der (schwulen) Erleuchtung. Es seien nach den Erkenntnissen von Darwin viele Versuche unternommen worden, neue ‹monistische› Weltbilder zu entwerfen, welche Wissenschaft und Transzendenz zu verbinden suchten. Darin reihe sich der Klarismus ein, sei Religion und Sozialutopie in einem. Elisàr von Kupffer habe sich als Auserwählter, als neuer Religionsstifter gesehen. Seine ganze Malerei zeuge von einem idealisierten Selbstbild. Sein Lebenspartner habe für den Klarismus eine Geschlechtertheorie niedergeschrieben und in Buchform herausgebracht. Elisàr von Kupffer stammte aus einer deutschstämmigen Aristo­kraten­familie in Estland, Eduard von Mayer aus einer ebensolchen aus Russland/Ukraine, einer von der Wirklichkeit abgehobenen, privilegierten und zur Exzentrik neigenden Oberschicht.

Nach der Einführung begrüsste uns Joel Morgantini, Gemeinderat von Minusio. Er zeigte sich erfreut über unseren Besuch. Er ist sich bewusst, dass man in Minusio mit dem Elisarion etwas Besonders hat, das auch Touristen interessiert. Aber was genau, das ist unklar. Vielleicht hilft da die Dissertation von Fabio Ricci, mehr Klarheit über den Klarismus zu bringen.

Wir durchstöberten anschliessend das Archiv mit Schriftstücken, Teilen der ehemaligen Bibliothek und vielen Bildern von Elisàr von Kupffer. Seine Werke sind ein frühes Zeugnis der schwulen Sichtweise in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem menschlichen Dasein. Wobei die immer gleiche figürliche menschliche Darstellung durchaus als Bemühen gesehen werden darf, eine Typologisierung des Menschenbildes, respektive des Göttlichen zu schaffen, wie wir dies aus dem alten Ägypten oder Kambodscha kennen.

Danach Fahrt auf den Monte Verità, wo wir das Rundbild besichtigten. Es ist in einem schlecht beleuchteten, feuchten Raum. Doch irgendwie für das (homoerotische) Auge erfreuend und für das (schwule) Herz berührend. Diese Darstellung der unschuldigen Knabenliebe, obwohl auch einige Details auf handfestere sexuelle Praktiken hindeuten, diese infantil-naive Sicht einer heilen Welt, dieser homoerotische Gegenentwurf zur Wirklichkeit, ist ein manieristisches, einzigartiges, grossartiges Gesamtkunstwerk – es ist das sündlose, schwule Nirwana! 7 x 12 nackte Jünglinge reihen sich in einem heiteren Rund der Jahreszeiten zur erleuchteten vollkommenen göttlichen Zahl 84!

Anschliessend konnten wir noch das von Harald Szeemann in der Villa Anatta eingerichtete kleine Museum über die Künstlerkolonie auf dem Monte Verità besichtigen. Auch dieses Haus ist nicht in einem guten Zustand. Doch wie David Streiff erklärte, bestünden Pläne für eine umfassende Renovation.

 

Apéro und Nachtessen

Auf der Terrasse wurde ein Apéro gereicht. Zeit zur Reflektion über das Gesehene, Zeit zum Kauf des Buches (Dissertation) von Fabio Ricci, welches er breitwillig signierte. Einig war man sich, das Werk von Elisàr von Kupffer ist erhaltenswert und wichtig für das schwule Selbstverständnis. Einig war man sich, eine Wiederherstellung des Elisarions in Minusio kann nicht das Ziel sein. Ein Museum auf dem Monte Verità wäre die bessere Lösung, würden doch die Besucher der anderen Zeugnisse des Aufbruchs in die heutige Moderne mit einem unerwarteten Aspekt konfrontiert. Eine hoffentlich fruchtbare Auseinandersetzung könnte so in Gang gesetzt werden. David Streiff regte an, einen Förderverein zu gründen, um so Druck auf die Behörden zu machen. Die Networker zeigten sich hocherfreut vom Vorschlag und bekundeten ihre Bereitschaft, einem solchen Verein beizutreten.

Anschliessend Fahrt nach Losone in die Osteria dell'Enoteca. In diesem charmanten Restaurant wurde uns ein mehrgängiges Nachtessen serviert mit Tessiner Spezialitäten, Nouvelle-Cuisine-artig arrangiert. Anschliessend versuchte ein Teil der Networker noch das Nachtleben von Ascona auszukundschaften.

 

Das Archiv von Harald Szeemann

Am Sonntagmorgen Fahrt ins Maggiatal. In einer alten Fabrik ausserhalb des Dorfes Maggia befindet sich das Archiv von Harald Szeemann. Dank des Entgegenkommens seiner Witwe, der Künstlerin Ingeborg Lüscher, durften wir einen Rundgang machen. Harald Szeemann war ein leidenschaftlicher Sammler. Alles wurde archiviert, das er in seinem Leben für seine ‹Agentur für Geistige Gastarbeit› zusammengetragen und zugeschickt bekam. Vordergründig herrscht ein heilloses Durcheinander, das erst bei näherem Hinsehen die akribische Sorgfalt und Systematik der Ablage preisgibt. Eine wertvolle und wahrscheinlich die umfassendste Dokumentation über Ausstellungen und den Kunstbetrieb der letzen drei Jahrzehnte. Ein wahrer Schatz für jeden, der sich kuratorisch mit moderner Kunst befasst – ein Archiv das jedem Kunstmuseum gut anstehen würde.

Harald Szeemann arbeite seit 1969 als freier Ausstellungsmacher. Sein Konzept fasste er einmal unter dem Titel ‹Museum der Obsessionen› zusammen. Das Museum sei der Ort, wo Fragiles gezeigt und in neue Zusammenhänge gestellt werden könne, es sei die Welt, wo Spekulationen um eine Visualisierung ringen. In der Obsession sah er eine freudige Energiequelle, die sich um gesellschaftliche Akzeptanz und Verwertbarkeit nicht kümmert. Dazu brauche es Entdeckerfreude, Zeit, Raum, Wissen, Geld, Managerfähigkeiten, Geduld, Ungeduld. Aus Überzeugung sei er stets davon ausgegangen, dass eine Ausstellung anderen nur dann etwas zu sagen habe, wenn er es wage, sie zu seinem eigenen, ganz persönlichen Ausdrucksmittel zu machen.

Wenn man in einer Institution arbeite, brauche es eben sehr viel Geduld, bis man die anderen von einer Idee so weit überzeugen könne, dass sie das Gefühl hätten, sie seien selber darauf gekommen. Seit 1969, also seit der Gründung seiner eigenen Agentur, lebe er auf einer fröhlichen Insel, alle Instanzen und Kommissionen seien in einer Person, nämlich seiner, vereinigt. Da habe er die nötige Freiheit, seine Obsessionen mit der Vita contemplativa in eine Balance zu bringen ...

Abschliessend genossen wir den schönen spätsommerlichen Tag im Garten des Ristorante Centovalli und liessen bei Speis und Trank unsere Herbstreise ausklingen.

Thomas Voelkin, Oktober 2007