Weihestunde – eine Entschlüsselung

Vor dem Hintergrund eines rotgrundigen Teppichs steht frontal in der Mittelachse eine Figur, die Blickkontakt zum Betrachter aufnimmt. Sie ist lediglich mit einem grünen Schleier bekleidet, der durch einen Brustgurt gehalten wird. Durch Mimik und Gestik scheint die rätselhafte und sehr eigentümliche Figur in Kontakt zum Betrachter stehen zu wollen. Wer ist sie? Elisàr von Kupffer?

Auch hier handelt es sich um ein verschlüsseltes Bild, das lediglich vor dem Hintergrund des Klarismus zu verstehen ist: Die dargestellten Attribute Salbgefäss, Schleiergewand und Brustgürtel deuten auf den 14. Gesang von Homers Ilias hin. Hera leiht sich Aphrodites Brustgürtel und versetzt mit einer List Zeus auf Ida in den Schlaf. Der Araphrodit (nach dem Verständnis der klaristischen Geschlechter­theorie das ausgewogene Verhältnis zwischen Mann und Frau, entstanden aus Aphrodite und Ares) verweist hier auf seine göttliche Herkunft. Wie Hera zeigt er sich hier bar jeder Befleckung, der ‹reizende Wuchs› mit Öl gesalbt. Das Gewand, bei Homer als ambrosisch beschrieben, ‹so ihr Athene zart und künstlich gewirkt und reich an Wundergebilde›. Hera nutze den Brustgürtel, um an die Grenzen der Erde zu gehen. In ihm liegt der Zauber der Liebe und der Sehnsucht, die im Klarismus als Hauptelement gesellschaftlicher Veränderung gelten.

Der Araphrodit trägt die Züge von Kupffers, der in seinem eigenen Gesicht und Körper eine vollkommene Ausgewogenheit des Männlichen und Weiblichen sah. Auch der Hintergrund verweist auf den Zustand geschlechtlicher Ausgewogenheit: Die Farben rot und blau, das ‹männlich› emporstrebende, das ‹weiblich› ausgleichende (Horizontale/Vertikale) und die Wahl eines Teppichs deuten auf den Zustand ‹paradiesischer Ausgewogenheit› hin. Der Teppich gilt im islamischen Verständnis als Abbild des Paradieses.

Der Araphrodit fordert also den Betrachter direkt auf in die ‹Klarwelt›, den ÜBER-Zustand geschlechtlicher Indifferenz einzutreten.

In der Begehungstruktur des Gebäudes stellt die ‹Weihestunde› eine Vorbereitung auf den Eintritt in das Panorama-Gemälde, die ‹Klarwelt der Seligen› dar.

Die Abbildung eines überaus schrillen Transvestiten stellt sich bei genauer Betrachtung als Figur einer hochkomplexen neureligiösen Geschlechtertheorie heraus und zeigt eindeutig das Spannungsfeld, in dem sich der Nachlass des Klarismus bewegt!