Die Klarwelt der Seligen – einer der wichtigsten Paradiesentwürfe
des frühen 20. Jahrhunderts

 

In seiner Autobiographie schrieb Elisàr von Kupffer, dass er bereits mit sechs Jahren die Inspiration zum Rundbild gehabt habe. Schon damals sah er im Traum eine Figur auf einer Riesennymphea, was eine klare Andeutung auf Buddhas Geburt beziehungsweise auf die spätere Geburt seiner eigenen Religion ist. Um 1920 finden sich in der Literatur erste Hinweise auf die Realisierung der Klarwelt der Seligen, des «Parthenonfrieses des Erosglaubens».

1923 wurden skizzierte Figuren in einem Rasterverfahren auf die grosse Leinwand übertragen. Erste Teile der farbigen Ausführung müssen 1924 vollendet gewesen sein. Damals wurden sie in der Galerie der befreundeten Malerin und Galeristin Clara Wagner-Grosch dem Publikum gezeigt. 1927 wurden Teile des Rundbildes provisorisch im noch nicht vollendeten Sanctuarium ausgestellt. Erst 1939 wurde es im eigens errichteten Rundbau fest installiert.

In den späten 70er Jahren nahm das Rundbild Schaden durch eindringendes Wasser. Zusätzlich wurde es während der Umbaumassnahmen des Gebäudes von den Trägern gerissen und dabei beinahe zerstört. Harald Szeemann brachte es auf den Monte Verità, wo es in einem Holzpavillion auf einer Liegewiese der ehemaligen Künstlerkolonie ausgestellt wurde. Hier ist es bis heute zu sehen. Feuchtigkeit, unsachgemässe Temperierung und Missachtung lassen das kolossale Rundbild in einem Zustand des zunehmenden Verfalls, dem dringend Einhalt geboten werden muss.

Das Rundbild Die Klarwelt der Seligen stellt in einem Zyklus wechselnder Jahreszeiten und Landschaften 84 vollkommen unbekleidete, oftmals mit Blumen oder Wadenbändern geschmückte Gestalten mit angedeuteten Aureolen in 33 Motivgruppen dar, die dem Bildraum seine rhythmische Struktur verleihen. Mittel- und Hintergrund sind deutlich voneinander getrennt. Die lineare Komposition ist klar aufgebaut: Während im Hintergrund durch die Horizontlinie und im Vordergrund durch die liegenden Gestalten eine Waagerechte, sich im Mittelgrund hingegen durch die Bäume verschiedene Vertikalen offenbaren, bilden die Figurengruppen zahlreiche pyramidenförmige Linienanordnungen, die teilweise ineinander verschoben sind und welche die statischen Gesamtkonstruktion auflösen. Scharen an Faltern repetieren den Duktus der Figurengruppen und verleihen dem Rundbild eine rhythmotropistisch motivierte lineare Komposition, die den Betrachter der 360° Darstellung energetisch in die Paradiesvorstellung einbinden sollte.

Die im Hintergrund gezeigte Gebirgslandschaft durchzieht die Jahreszeiten des Winters und des Frühlings. Anschliessend ist eine ebene, mediterrane und sommerliche Landschaft vor dem Hintergrund eines Gewässers und eines verschneiten Gebirgszuges dargestellt. In der Darstellung des Herbstes steigt die Landschaft wieder zu einem Gebirge an. Im Mittelgrund zeigen sich neben bewaldeten oder auch verschneiten Hügeln verschiedene Bäume aus unterschiedlichen Klimazonen und in unterschiedlichen Wachstumsphasen. Es werden verschiedene Landschaften und Vegetationsarten, Farben und Phänotypen aufgereiht, um die Natur in der Komplexität ihrer tropistischen Wirkung darzustellen.

Die Figuren wirken durch ihr einheitlich helles Inkarnat und die schematisierten, entindividualisierten Gesichtszüge stereotyp.

 

Die 33 Szenen des Rundbildes sind mit einem Gedicht erklärt.

Zur Vertiefung in das Sanctuarium Artis Elisarion – Einführung von Eduard von Mayer