Die Bedeutung der Lieblingminne
von Elisàr von Kupffer

Vor mehr als fünfzig Jahren erschien im Verlag Max Spohr, Leipzig, ein kulturhistorisch bedeu­ten­der Band «Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur». Er ist heute längst vergriffen. Nach dem jüngst in Deutschland erschienenen Pamphlet gegen die homoerotische Liebesneigung, gegen das ich an anderer Stelle unsere Stimme erhebe, scheint mir der nachstehende Auszug aus der Einleitung des Verfassers zu seiner bedeutsamen Sammlung erneut zu einem wesentlichen Beitrag zu werden, der den Autor der Schmähschrift blossstellt und den durch seinen «religiösen» Anspruch verwirrten Kameraden Klärung in ihrer christlichen Haltung zu geben vermag. – Rolf.

 

Jede Erscheinung des Lebens, die unterdrückt wird, artet im Verborgenen zu einer häss­lichen Schattenpflanze aus. Es ist daher die Aufgabe eines vernünftigen Staatswesens, alles, was nicht Gewalttat wider den Staat und das Gemeinwesen ist, wie Mord, Raub. Diebstahl usw., an die Sonne des öffentlichen Lebens zu ziehen. So auch das innige Verhältnis von Mann zu Mann. Erste Bedingung ist dabei freilich, dass das Strafgesetzbuch keinen beschmutzenden Paragraphen dagegen enthält, es sei denn gegen einen Gewaltakt. Das ist wohl die Grundlage einer gesunden Entwicklung, genügt aber noch nicht: wir sehen das praktisch im heutigen Frankreich und Italien, wo die Lieblingminne Gesetzesfreiheit geniesst und doch zu keiner Kulturblüte gelangt, mithin dem öffentlichen Leben nicht dienstbar geworden ist. Es handelt sich nicht darum, die Augen vor einem Laster zuzudrücken oder eine Unzurechnungsfähigkeit zu dulden. Das ist eine fruchtlose Halbheit. Es handelt sich vielmehr darum, Nutzen zu ziehen aus einer Erscheinung des Lebens. Es liegt mir ferne, hier dafür Stimmung zu machen, dass die gesetzgebende Regierung sich gewisser «Enterbter» des Lebens erbarme, die von der Natur stiefmütterlich behandelt seien; nein, mir liegt es daran, darauf hinzuweisen, dass wir uns eine Quelle der Kraft entgehen lassen.

Ja, eine Quelle der Kraft: das können diese Verhältnisse sein. Wenn wir mit offenen Augen in der Geschichte blättern, werden wir auch Beweise dafür finden. Obenan steht das alte Griechenland, um nicht töricht von der Antike zu reden, denn Römer und Griechen gleichen einander wie Franzosen und Deutsche. Die Griechen waren gewiss kein tadelloses Idealvolk. Wo gäbe es ein solches! Wer aber behauptet, diese Liehe «die daran schuld gewesen, dass sie politisch zu Grunde gingen, beweist nur, wie wenig er die Geschichte kennt oder kennen will. Es wäre ebenso töricht, wie zu behaupten, dass Christus an den Greueln des Christen­tums schuldig sei. Die Zerfahrenheit, die Spaltung und die wachsende demokratische Verständnislosigkeit für grosse Politik und grosse Männer, sowie das Wachsen äusserer Mächte (Makedonien und Rom) wurden am Untergange Griechenlands schuld. So ging auch die frühere Grossmacht Schweden durch Preussens und Russlands Wachsen zurück. Und welches Volk wird nicht zuletzt zur Geschichte? Gerade in der Zeit des Verfalls verschwindet in Hellas die Lieblingminne als ehrlicher, staatlicher Faktor, gleichzeitig mit dem Zerbröckeln aller alten, grossen Institutionen. Dass es sich nicht um Verführung von Kindern handelt, versteht sich von selbst. Es ist auch in Griechenland nicht der Fall gewesen. Es ist auch ganz willkürlich und nur eine Folge unserer Gewohnheiten, wenn jemand behauptet, die Hingabe vertrage sich nicht mit dem Ehrgefühl des Mannes; sie hat sich stets damit vertragen bis heutigen Tages. Aus welchem absoluten Geiste lässt sich so etwas herausdüfteln! –

Was denken sich die weisen Lehrer und Eltern von der männlichen Jugend, die doch erst meist in der zweiten Hälfte der Zwanzig oder gar später zur Heirat schreiten kann? Wenig oder nichts. Wer denkt daran, wie viele ihr Nervensystem schädigen, weil man auf ihre natürlichen Funktionen keine Rücksicht nimmt, die doch ihren Weg gehen müssen, und bald in Selbsterschöpfung, bald bei der verseuchten Käuflichkeit ihre Befriedigung suchen müssen. Wie lange soll diese Nichtachtung der von Gott geschaffenen Natur die Nervosität und Verseuchung der Geschlechter bis ins Grenzenlose steigern! Statt den Forderungen der Sinne und des Gemüts mit offenen Augen in massvoller Weise gerecht zu werden, lassen wir sie im Dunkeln wuchern, um unserer trägen Beschränktheit den gewohnten Lauf zu lassen. Wir ignorieren und leugnen, was doch da ist, oder erheben ein untätiges Klagegeschrei über geheime Sünde und Verderbtheit.

Im offenen Anschluss aneinander muss sich die Jugend der Jugend freuen. Im Anschluss an einen andern verlernt der Mensch nur an sich zu denken; in der Liehe und Fürsorge und Belehrung, die der Jüngling von seinem Liebhaber erfährt, lernt er von Jugend auf die Wohltaten der Hingebung kennen; in der Liehe, die er erweist, bei den kleinen und grossen Opfern eines innigen Verhältnisses gewöhnt er sich an die Hingabe seiner selbst an einen andern. So wird schon der junge Mann zu einem Gliede des Gemeinwesens herangebildet, zu einem nützlichen Gliede, das nicht nur sich und immer sich im Sinne hat. Wieviel näher verwächst da der Einzelne mit dem Einzelnen, so dass das Ganze sich in der Tat als Ganzes fühlt. Heute scheint das vielen lächerlich, weil sie von ihrer Selbstsucht nicht lassen können. Unsere studentischen Verbindungen haben ihre nationale Aufgabe erfüllt und sind nur noch von geringem äusserlichen Nutzen für das Gemeinwesen, mögen sie auch nebenbei manches treue Verhältnis fördern. Meist steht doch der eine dem andern wie einem eventuellen Feinde gegenüber, den er fordern muss, sobald ihn ein schiefer Blick trifft; es ist stets ein Bürgerkrieg im Kleinen, der im Keime da ist, und das ist dem Staate wahrlich nicht förderlich.

Der rauhe Verkehr von Mann zu Mann erstickt die Keime einer feineren Kultur und lässt jenen Unteroffizierston aufkommen, der wenig zur Veredelung eines Volkes beiträgt. Ich muss an das Gespräch denken, das der weise Solon mit dem Barbaren Anacharsis bei Lukianos führt. Der Shythe denkt es sich etwa so, wie es hei uns hergeht, und Solon lehrt ihn die Bedeutung der ästhetischen Erziehung Athens. Die Frauen selbst könnten nur dabei gewinnen, wenn die Männer ein feiner geschultes Gemüt mit sich brächten.

Das enge Verhältnis zweier Männer bewirkt ferner, dass man unwillkürlich und nicht ohne Grund von dem einen auf den andern schliesst; ist also der eine achtbar und ehrenwert, so wird ihm naturgemäss daran liegen, dass auch der andere ihm nicht Schande bereite. Es entsteht somit ein Band der moralischen Verantwortlichkeit in bezug auf die Tüchtigkeit. Und was kann dem gemeinen Leben förderlicher sein als wenn sich seine einzelnen Glieder für einander verantwortlich fühlen? — Das ist es doch, was den nationalen Sinn ausmacht, die Kraft eines Volkes, dass es ein in sich geschlossenes Ganzes ist, wo eins sich im andern angegriffen fühlt. Solche Verbindungen können von höchstem sozialen Werte sein, wie es die Familie ist. Gerade in der Stunde der Gefahr erprobt sich die Wirkung dieser Geschlos­sen­heit, denn wo einer mit dem andern steht und fällt, wo die Opferfreudigkeit, im kleinen geschult, gleichsam zum warmherzigen Instinkte wird, da gibt es eine Macht von unbe­re­chen­barer Bedeutung, eine Macht, die nur die Torheit gering achten kann. Die stählende Kraft dieser Bündnisse hat sich ja auch schon praktisch erwiesen, wie in der heiligen Schar der Thebaner, die den Sieg von Leuktra erfocht (vgl. Plutarch, Epaminondas und Flaubert). Dies erklärt sich doch wohl auf höchst natürliche, psychologische Weise: wo jemand sich mit Leih und Seele dem andern verbunden fühlt, sollte er da nicht alle Kräfte anspornen, um ihm förderlich zu sein, um ihm diese seine Liebe auf jede Weise darzutun? Wer das nicht einsehen kann und mag, dessen Verständnis oder guten moralischen Willen dürfte man mit Recht anzweifeln. Natürlich wird es immer Subjekte geben, die allein dem grossen Egoismus und einzig der Befriedigung ihrer nächstliegenden Instinkte huldigen. Diese Elemente werden wir nie ausrotten, mit ihnen haben wir immer und unter allen Gesetzen zu rechnen. Es ist aber, gelinde gesagt, eine Torheit, nach den schlechten Elementen die guten zu beurteilen.

Nur noch einen Blick vom christlich-religiösen Standpunkte. Es hiesse die Seele des Men­schen verkennen, wollte man nicht mit der Religion Christi rechnen. Die Religion überhaupt ist ein Bedürfnis der Menschen. Daher ist es nicht zu vermeiden, dass auch der Staat und die Regierung auf sie Rücksicht nimmt. Die völlige Trennung von Kirche und Staat ist schon aus dem Grunde nicht gut möglich, weil die Regierenden selbst doch Menschen sind mit religiösen Bedürfnissen. Was ist denn Religion? Die Art und Weise, wie wir uns mit dem Leben auseinandersetzen, mit dem Werden, Wachsen und Vergehen. Es ist eine Welt­an­schauung, die für den Einzelnen zur Welterlösung werden kann. Bei uns ist die Person Jesu Christi der Brennpunkt einer solchen Religion. Es ist neuerdings Mode geworden, mit tönenden Worten und einem aufgeklärten Achselzucken über das «Christliche» hin­weg­zu­gehen. Man kommt sich dabei so frei und vorgeschritten vor. Aber «es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten»! Wer mit seiner Unabhängigkeit prahlt, gemahnt mich stets an einen freigelassenen Sklaven, der im geheimen noch den Druck der Fesseln spürt. Wer innerlich frei geboren ist, kann auch in den Schranken einer überkommenen Welt­an­schauung freier sein, als jener. Man kann ein Christ sein und doch vorurteilsloser und ehrlicher sein, als ein Atheist und Freidenker, wie etwa ein Schopenhauer, der gewiss die Antike und Geschichte kannte und doch sich dazu hergab, eine beschränkte Unwahrheit zu schreiben, die sein Wissen nicht verantworten konnte, indem er diese Neigung einzig dem Alter zuschrieb — und das einer spekulativen Konstruktion zuliebe.

Erscheinungen, die in der Geschichte der Menschheit ergraut sind, kann man nicht mit einigen Phrasen in die Rumpelkammer werfen; man muss sie behutsam sichten und klären. Es ist wahr, wir haben mit dem heutigen Christentum zu rechnen, das im ganzen nur ein Zerrbild ist. Das ist das Los aller Ideale, dass sie zu Zerrbildern werden. Wenn wir das alles christlich nennen wollten was im Laufe der verflossenen anderthalb Jahrtausende geschehen, es wäre lächerlich. Fast die ganze Geschichte des Christentums ist ein Protest gegen die Persönlichkeit Christi. Hass und Verfolgung, Blutvergiessen und grausame Kämpfe, ein gegenseitiges Zerfleischen ohne Schonung des Nächsten … Und das alles im Namen Dessen, der da gebot, seine Feinde zu lieben, im Namen Dessen, der da sagte: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt»! Und all das Schimpfen und Beschmutzen, die Sucht, Fusstritte auszuteilen — im Namen der Moral Dessen, der da verlangt, dass wir alles zum Besten kehren. Ist es nicht eine stumpfe Blindheit, den schreienden Gegensatz da zu verkennen?

Nach der Anschauung Christi ist es vor allem die Gesinnung, welche den Unwert, die Sünde einer Handlung bestimmt. Daher sein Unwillen über die Pharisäer, welche auch heute noch zu Gericht sitzen. Käme doch heute derselbe Heiland und spräche dieselbe Sprache und triebe die Feilscher aus seinem Tempel! Was würde man wider so groben Unfug sagen! In einer Notiz der Lokalchronik würden die Zeitungen den Heiland der Welt abtun, und dann kämen die Witzblätter … ein dankbarer Stoff neben all den sogenannten verlumpten Baronen und albernen Leutnants wie man sie heute für einige Groschen der grossen Menge auftischt. — Das Reich Christi ist nicht von dieser Welt, also hat er auch keine Staatsgesetze in dieser Welt. Wem fiele es denn auch ein, die wirklichen ethischen Forderungen Christi zum Gesetz zu machen. Das wäre den Herren viel zu unbequem, dann müssten ja fast alle hinter Schloss und Riegel sitzen. Oder sind die Herren am Ende so gerecht, dass sie alle Gebote Christi erfüllt haben? Dann brauchten wir ja den Erlöser nicht mehr. Darin hat die katholische Kirche recht, wenn sie den Unglauben für schlimmer als irgend eine sündige Tat ansieht. Denn so sagt es Christus seihst: « … Und wo euch jemand nicht aufnehmen wird, noch euere Rede hören, so gehet hinaus aus jenem Hause oder jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füssen. Wahrlich, ich sage euch, dem Lande der Sodomer und Gomorrher wird es erträglicher gehen am Tage des Gerichts als denn solcher Stadt … » (Matth. 10). Aber Christus hatte auch dafür keine irdischen Strafen, geschweige denn Gefängnis und Scheiterhaufen. Wahrlich, ein Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, braucht doch keine Polizeispitzel und Kerker, um seine Hoheit zu wahren; das sind mensch­liche, rein staatliche Einrichtungen. Sein Reich ist aber nicht von dieser Welt. Christus hielt wahrlich nicht mit seinen Worten hinter dem Berge, er rügt, wo er rügen will. Verhältnisse, wie sie die Lieblingminne mit sich bringt, hat er nie mit einem offenen Wort verurteilt. Es findet sich keine solche Stelle in sämtlichen Evangelien. Lag es nicht gerade im Orient nahe, davor zu warnen, wo diese Verhältnisse gang und gäbe sind, und gar in einer Zeit, da sich der griechische Geist so stark in Palästina verbreitet hatte. Wir erfahren nur eins immer wieder, dass Christus einen Jünger halte, den er vor allen liebte, obwohl es doch selbst­verständlich war, dass er ihn als seinen Nächsten lieb hatte; aber es wird stets betont, dass er zu ihm in inniger, persönlicher Beziehung stand. Und die ganze christliche Kunst hat es nicht anders verstanden, als dass sie diesen Jünger Johannes als einen schönen Jüngling von zartem Gemüte darstellte. Ich ziehe deshalb noch keine übereilten Schlüsse.

Und dennoch klammert sich unsere sogenannte christliche Welt gerade einzig an den ehemaligen Pharisäer Paulus, der mit Christus nicht einmal persönlich in Berührung gekommen war und der Einzige ist, bei dem sich eine Stelle findet, die aber beweist, wie wenig Paulus die ethische Bedeutung dieser Verhältnisse im Auge hatte und dass er dabei einzig an bloss einseitige Beziehungen der Übersättigung dachte, wie sie die käufliche Lust noch heute mit sich bringt. Das geht auch nur die jüdisch-römischen Buchstabengläubigen was an. Wer sich als Christ allein an die Person Christi hält, findet nichts dawider und wird sich nicht der Erkenntnis verschliessen, dass Christus mehr als Paulus ist und dass letzterer, als er das schrieb, nicht genügend Einsicht in die Sache genommen, wie das auch heute noch hei vielen ehrenwerten Männern der Fall ist; denn Paulus war als Pharisäer streng im alten Gesetz aufgewachsen, in dem es auch heisst: «Aug um Auge, Zahn um Zahn», wogegen sich ja Christus ausdrücklich tadelnd wendet. In keinem Falle greift Christus mit Gewalt in das Staatsleben ein, denn sein Reich ist nicht von dieser Welt. Freilich, die christlichen Kirchen sind einmal in ihrer Ordnung da und rechtens; aber sie werden sich sagen, dass sie durch Verfolgung und Ignorierung dieser Macht sich mehr Feinde als Freunde machen, mehr Gläubige verlieren als gewinnen; und es fehlt auch schon nicht an dieser Einsicht. Eine wie kurze Weile ist es erst her, dass man noch Hexen verbrannte — im Namen Christi! Aber verkennen wir es nicht es war ein Christ, der Jesuit Friedrich von Spee, der zuerst seine Stimme gegen diesen Wahn erhob. Und es werden sich auch Christen meiner Erkenntnis nicht ewig verschliessen.

Geschrieben in Pompeji um 1899