Das literarische Werk von Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer

Elisàr von Kupffer betätigte sich, ebenso wie Eduard von Mayer, schon in Kinderjahren literarisch. Mit sechs Jahren verfasste von Kupffer das Drama Don Irsino, weitere, teilweise unveröffentlichte Dramen, folgten in den darauffolgenden Jahren. Zwischen 1895 und 1900 folgten diverse Lyrikbände, Dramen und Novellen.

Seit 1900 findet sich ein umfangreiches literarisches Werk beider Männer, das sich der Darstellung und Verbreitung des Klarismus widmet. Diese Werke lesen sich teilweise als religiös motivierte, naturwissenschaftliche Texte oder aber als philosophische Texte. Ebenso finden sich mathematische Berechnungstabellen neben kunstwissenschaftlichen Theorien.

Diese, meist im Verlag der Klaristen erschienenen, Werke umfassen mit Titeln Das Mysterium der Geschlechter, Fürsten und Künstler, Pompeji in seiner Kunst, Die Zukunft der Natur, Was soll uns der Klarismus, Hymnen der heiligen Burg mehrere tausend Seiten. Zusätzlich befinden sich im Archiv unveröffentlichte Werke, Briefwechsel und hunderte selbstverfasster Artikel.

Das 1899 mit Adolf Brand herausgegebene Werk Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur ist das einzige neu aufgelegte Werk von Kupffers. Es zählt bis heute zu den Standardwerken der homoerotischen Literatur und prägt die Rezeption des literarischen Gesamtwerkes

 

Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur

Die Gedichte im Buch stammen aus einer Vielzahl von Quellen und Orten wie dem antiken Griechenland, dem römischen Reich, der Bibel, der arabischen Welt, Japan, Italien der Renaissance, England im elisabethanischen Zeitalter und Deutschland des 19. Jahrhunderts. Das Buch enthält auch einige wenige Gedichte des Herausgebers selbst.

Zu der Zeit, als von Kupffer das Buch schrieb, gab es noch keine derartige Zusammen­stellung, so dass es aufwändiger Nachforschungen bedurfte, um passende Texte zu finden. Erschwert wurde dieses Unterfangen noch dadurch, dass es entweder noch keine Übersetzungen fremdsprachlicher Gedichte gab oder diese durch homophobe Zensur verstümmelt waren, beispielsweise durch die Ersetzung männlicher Pronomen durch weibliche. Von Kupffer musste zunächst einmal also etliche Gedichte übersetzen bzw. von Freunden übersetzen lassen, falls sie in einer Sprache vorlagen, die er nicht beherrschte. Im Lichte dieser Schwierigkeiten erscheint es beachtlich, dass von Kupffers Auswahl an Gedichten zeitlos geworden und sich in den Kanon der schwulen Dichtung eingereiht hat.

Elisàr von Kupffer erstellte die Anthologie teilweise aus Protest gegen die Haft von Oscar Wilde in England.

 

Von Kupffers Vorwort – ein schwulenemanzipatorisches Manifest

Wohl ebenso interessant wie die Anthologie selbst ist das 1899 in Pompeii von Elisàr von Kupffer verfasste, überaus politische Vorwort. In ihm spricht er sich dafür aus, dass Homosexualität nicht bloss durch die Gesellschaft toleriert sondern zu einem ihrer Grund­pfeiler gemacht werden solle, bestehend aus (im wesent­lichen platonischen) homosozialen Bindungen zwischen Jungen und Männer und Männern untereinander, wodurch die Gesellschaft in einem stärkeren Masse als durch heterosexuelle Beziehungen alleine jemals erreichbar gestärkt werden solle.

Von Kupffer greift auch die Bezeichnung drittes Geschlecht an, ein Konzept das seiner Meinung nach von Schwulenrechtsaktivisten wie Magnus Hirschfeld erfunden wurde um eine rechtliche Anerkennung der Homosexuellen zu erreichen und bestehende Gesetze gegen homosexuelle Praktiken aufzuheben. Er wendet sich auch gegen eine revisionistische Geschichtsschreibung, in der historische Personen wie etwa Alexander der Grosse oder Julius Caesar als Schwule dargestellt werden, wobei er davon ausgeht, dass das moderne Konzept des Schwulseins sich um das feminisierte männliche Verhalten nach dem Modell des dritten Geschlechts dreht, das auf die Verhältnisse in der damaligen Zeit schlicht nicht zutreffe.

Weiterhin kritisiert von Kupffer den «Kult der Frau», von dem er behauptet, er entspringe dem kaiserlichen Frankreich und dem Hof Ludwig XIV. Ein Klima, in dem Mann-Frau-Beziehungen gefördert und Mann-Mann-Bindungen als verdächtig angesehen werden, sei schädlich für die Gesellschaft. Die alleinige Befürwortung von Heterosexualität führe zu einer vergleichsweise einsamen Gesellschaft, in der soziale Interaktionen und Kultur in grösserem Massstab (wie etwa in der griechischen Polis) weitgehend fehlen.

Trotz Kupffers Argument jedoch, dass heutige Männer wie die idealen griechischen Bürger der Vergangenheit sowohl entschieden maskulin in ihrem Verhalten als auch gleichzeitig kultiviert genug zur Führung homoerotischer oder homosexueller Beziehungen sein sollten, betont von Kupffer, dass er kein Misogynist sei und die Misogynie in Wahrheit von heterosexuellen Männern ausgehe, die sich unbewusst eingeschränkt in ihren Ehen fühlten.

Dieses Vorwort bleibt auf vielfältige Weise auch heute noch aktuell, denn die Meinungs­ver­schie­den­heit zwischen von Kupffer und Hirschfeld spiegelt sich später in ähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Adolf Brand und Hirschfeld oder ab den 1960er Jahren zwischen Befürwortern päderastischer Beziehungen und der Hauptströmung der Schwulenbefreiungsbewegung.

Alles in allem läuft es auf die fundamentale Frage hinaus, ob Homosexualität eine blosse Alternative zur Heterosexualität ist und es deswegen gleiche Rechte wie z.B. die Ehe geben sollte, oder ob sie wichtiger als heterosexuelle Beziehungen ist, nämlich ein integraler Bestandteil der Gesellschaft, der durch seine Bindungen, seien sie mit einem Alters­unter­schied verbunden oder nicht, der Gesellschaft als Ganzem nützt.

 

Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur:
Das Vorwort von Elisàr von Kupffer