Elisàr von Kupffer, 1872–1942

Am 20. Februar 1872 kommt Elisàr August Emanuel von Kupffer als drittes von vier Kindern zur Welt. Der Geburtsort – Sophiental in Estland – liege, worauf der Künstler später in bemerkenswerter Weise in seiner Autobiographie verweist, auf dem gleichen Meridian wie Delos, die «Insel des Lichtspenders Apoll»›.

Sein Vater, der Arzt Adolf von Kupffer (1833–1896) entstammte einem traditionsreichen, deutschstämmigen Adelsgeschlecht, dessen Wurzeln sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen lassen und das als Teil einer ethnischen Minderheit im Baltikum bewusst die deutsche Kultur pflegte.

In gesundheitlicher Hinsicht verläuft die Jugend Elisàrs äusserst labil, schon als Fünfjähriger wird er von Hirnhautentzündung und Gelenkrheumatismus befallen. Hinzu kommt eine allgemeine «Empfindlichkeit der Nerven», die ihn von allen «Jugendspielen und Treiben»› fern halten. Eine Erkrankung an Scharlach mit acht Jahren führt zu einer einseitigen Schwer­hörigkeit, die Masern werden zur Ursache für seine Kurzsichtigkeit. Seine physische Existenz beschreibt er als den Eintritt in eine «Wirrwelt» durch die «Stiefmutter Natur», doch allen gesundheitlichen Widerständen zum Trotz entwickelt er sich zu einem geistig sehr regen Kind, das bereits mit fünf Jahren liest, literarische Interessen entwickelt und mit neun Jahren sein erstes Drama Don Irrsino verfasst.

Nicht zuletzt seine deutschbaltischen Wurzeln zieht er wiederholt als Erklärung für die Herausbildung seines Intellekts und seiner Begabungen heran. Er selbst bezeichnet sich als ein schönheits­liebendes Kind mit «instinktiver Angst vor Hässlichkeit».

Rückblickend stellt Elisàr bereits an diesem Punkt die Komponenten fest, die sein Gesamt­werk später kennzeichnen sollten: «deutscher Herrengeist», die Führungs­position eines sich über Generationen hinweg «veredelnden» Standes, ein ausgeprägter Sinn für Ästhetik, aber auch das Wissen um die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz und politischer Systeme.

Ein erster Eindruck dieser Instabilität zeigt sich im Jahr 1881 mit der Ermordung des russischen Zaren Alexanders II., eines Herrschers, der die sprachlichen und religiösen Rechte der deutschen Minderheit im Baltikum unterstützte. 1883, das Jahr der Einschulung in Reval fällt mit den Krönungsfeierlichkeiten für Alexander III. zusammen, unter dessen Regentschaft der Panslawismus siegt und die Deutschstämmigen gewaltsam russifiziert werden. Auch die Familie von Kupffer ist davon betroffen. Mit acht Jahren beginnt Elisar, Russisch zu lernen – eine Sprache, die er nicht als Teil seiner Kultur anerkennt und die er niemals fehlerfrei erlernt. Im gleichen Jahr 1883 zieht die Familie von Sophiental in das Herrenhaus von Jootma. Das baltische Rittergut im Empirestil mit tempelartigem Vorbau bleibt bis an das Ende seines Lebens nicht nur der Inbegriff von Heimat, sondern prägt auch seine Vision eines unberührbaren Paradieses.

Als Neunzehnjäriger wird Elisàr 1891 zur Beendigung seiner Schulzeit auf die deutsch­sprachige St.-Annen-Schule in St. Petersburg geschickt. Unweit dieser Stadt, nämlich in Lewaschewo, lernt er im August Eduard von Mayer kennen, der ihm neben der gleichaltrigen Freundin Agnes von Hoyningen-Huene ein wichtiger Freund und späterer Lebensgefährte wird.

1892 erkrankt seine Mutter an Krebs, dem sie im April des darauf folgenden Jahres, unmittelbar vor seinem Abitur, erliegt. Der Tod dieser wichtigsten Bezugsperson zeigt sich als ein gravierender Einschnitt, die emotionale Belastung distanziert ihn vollends von seinem «alten Glauben».

1893 beschliesst er nicht mehr in seine Heimatstadt zurückzukehren, sondern in St. Peters­burg orientalische Sprachen zu studieren. Bald gibt er dieses Studium auf, weil es so «schulmässig zuging» und wechselt an die juristische Fakultät, an der er 1894 seine erst­jährigen Examina besteht. Gleichzeitig verlässt sein Freund Eduard von Mayer St. Peters­burg, um erst nach Südrussland zu reisen und anschliessend in Lausanne ein Studium zu beginnen. Er selbst bleibt unentschlossen zurück und schreibt:

«Es herrscht eben eine unheimliche Windstille in meiner Seele, aber ich habe nicht das Gefühl, als ob ein Gewitter­sturm darauf folgen müsste. Gerade wo ich von einer Entscheidung zur anderen gehe, bin ich ruhiger denn je ... ich hoffe, dass mich der Glaube noch aus manchem Schiffbruch retten wird.»

In Jootma schreibt er das Drama Die toten Götter, Ausdruck seines zerrütteten, pro­tes­tan­ti­schen Glaubens, an dem er schon als Zwölfjähriger erste Zweifel gehegt hatte. Seiner Orientierungslosigkeit und religiösen Aufbruchstimmung versucht er mit einer Umsiedlung nach Deutschland zu begegnen. Die Welt, in die er hinausziehe, sei kalt und er selbst sei eine Art Parzival, schreibt er, doch irgendwo in der Welt werde er eine Gralsburg gründen – eine «heilige Burg».

Deutschland sieht er im Oktober 1894 zum ersten Mal. Berlin empfindet er als aufregend, doch auch als abweisend. Auch das katholische München bleibt ihm fremd. Neben seinem Studium der Geschichte und Philosophie vertieft er sich in seine eigene literarische Pro­duk­tion. Neben kleineren literarischen Erfolgen des Jahres 1895 – sein erster Gedichtband Leben und Lieben wird veröffentlicht – liegt der Einschnitt eines Selbstmordversuchs seines Freundes Eduard von Mayer im Januar. Er selbst bezeichnet diese Zeit als «Selbstwerdung» und «evolutionäre Wandlung». Seine literarischen Ambitionen sieht er als gescheitert an, da Gerhard Hauptmann in dieser Zeit mit seinen naturalistischen Werken Erfolge feiert.

Den Sommer 1894 verbringt er in Estland. Auf Jootma stellt er fest, dass ihm die deutsch-baltische Adelswelt zu eng wird. Emotional steht er zwischen Agnes von Hoyningen-Huene und Eduard von Mayer. Die aufkommenden Sexualtheorien der Zeit bezeichnet er als «schief», seine eigenen Empfindungen hingegen klassifiziert er im platonischen Kontext als die eines «geborenen Antiken».

Im Herbst siedelt er nach Berlin über, wo er sich mit Eduard von Mayer ein Zimmer mietet und sich an der Akademie der Künste immatrikuliert. Gemeinsam hören sie Vorträge über Geschichte, Völkerkunde, Sozialwirtschaft und Kunstgeschichte.

Im Frühling des Jahres 1896 stirbt der Vater Elisàrs, gleichzeitig gerät Eduard von Mayer aufgrund eines Bruches mit der Jugendliebe in eine zweite Lebenskrise und beschliesst nach Amerika auszuwandern. Unter grössten Mühen gelingt es Elisàr, seinen Freund von diesen Plänen abzuhalten. Eduard von Mayer setzt sein Studium in Halle fort, während Elisàr mit Agnes von Hoyningen-Huene bricht.

Diese Zeit ist für Elisàr von einer grossen literarischen Produktivität gekenn­zeichnet. Er schreibt das Drama Der Herr der Welt, sowie drei Einakter unter dem Titel Irrlichter. Keines der Stücke wird jemals aufgeführt. Kennzeichnend für diese Periode des literarischen Schaffens sind die Themen Religion, Ethik und Sexualität, so auch in der Novellensammlung Ehrlos, die 1897 begonnen und im Jahr danach veröffentlicht wird. Schon hier zeichnet sich eine Zusammenarbeit der beiden Männer ab, die sich in den folgen den Jahren intensiviert.

«Uns beide bewegte das Gefühl, dass wir um neuer, ehr­licher Ideale willen in verschiedener Hinsicht für eine gerechtere Ethik zu werben hätten, als sie nach über­kom­me­nen Ehr­be­grif­fen galt; es war auch ein Mitgefühl angesichts sozialer Missstände.»

Während Eduard von Mayer sein Studium in Halle 1897 mit einer Dissertation über Scho­pen­hauers Ästhetik beendet, bricht von Kupffer sein Studium an der Berliner Kunst­aka­demie, das er als zu verschult empfindet, ab.

Seine weitere Ausbildung in der Malerei vollzieht er von nun an autodidaktisch. Ab dem 18. Juni 1897, nach dem bestandenen Examen von Mayers, führen die beiden Männer ein gemeinsames Leben. Eine Reise führt sie über den Gotthard und Lugano nach Venedig. Von dort aus reisen sie weiter nach Florenz, Rom, Neapel, Capri, Ischia, Pompeji, das, wie Elisàr schreibt, intensiv auf ihn einwirkte. Er fertigt Kopien an, bevor sie weiterreisen: Taormina, Messina, Catania, Syrakus, Palermo, Rom, Monte Carlo, Avignon, Genf und wieder Berlin. Die Erinnerungen an Pompeji bleiben.

In regelmässigen Abständen finden weitere Reisen statt. Elisàr leidet an Herz­be­schwer­den, sein Freund an Asthma und man versucht der Grossstadtluft zu entkommen. Den Sommer 1898 verbringen sie in Thüringen und Heiligendamm. Zurück in Berlin beginnt Elisàr an einer ‹zeitraubenden Nebenarbeit›, nämlich den Recherchen zu Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur, einer Anthologie mit Texten über die ‹sogenannte Homosexualität›. Hier lernt er auch den jungen Sohn der Vermieterin, Adolf Schmitz (1886–1916), kennen, der als ‹Fino von Grajewo› oder ‹Eros Bote› immer wieder im Werk des Künstlers auf taucht.

1899 führt eine weitere Studienreise nach Italien. Elisàr bleibt dieses Mal mehrere Wochen in Pompeji, um zu kopieren. Der stilistische Einfluss der antiken Wand­gemälde ist in seinem späteren Werk unverkennbar. Im Herbst nehmen seine gesundheitlichen Schwächen zu und um Weihnachten herum erleidet er Todes­ängste. Er muss in Rom bleiben und sein Arzt verordnet ihm vollkommene Ruhe. Diese Krisis ist es, die Elisàr seinen «neuen Glauben» ent­decken lässt. Mit seiner langsamen Genesung spürt er das bevorstehende 20. Jahrhundert als ‹beginnenden Frühling der Welt›. Seinen Glauben, der 1900 entsteht und nach drei Generationen erblühen soll, nennt er Klarismus und spielt in der Namens­gebung auf einen Gegenentwurf zum damals verbreiteten Monismus an.

Er selbst nennt sich nun Elisarion von Kupffer, ab 1911 nur noch Elisarion. Im gleichen Jahr, 1900, erscheint seine Anthologie in Berlin, wo sich die beiden Männer nun nur noch ge­le­gent­lich aufhalten, da sie weiterhin ausgedehnte Reisen nach Italien unternehmen. 1902 verlassen sie Berlin endgültig, nicht nur aus gesund­heit­lichen Gründen, sondern auch, weil Elisàr von Kupffer

«… bei der naturalistischen Zeitströmung des Theater­we­sens für sich die Aussichtslosigkeit erkannt hatte, sich mit seinen Dramen auf der Bühne den Platz seines öffentlichen Geisteswirkens zu gewinnen.»

Die beiden Männer ziehen nach Florenz, wo sie sich in den folgenden Jahren hauptsächlich der inhaltlichen und der künstlerischen Gestaltung des Klarismus und dem Studium der italienischen Renaissance widmen. Die Vormachtstellung des Naturalismus und gesund­heit­liche Gründe waren sicherlich wichtige Argumente für einen Umzug. Es sei jedoch auch angemerkt, dass die Umsiedlung nach Italien angesichts des § 175 des Reichs­straf­ge­setz­buches eine verbreitete Massnahme gemeinsam lebender Männer darstellte, eventuellen Erpressungsversuchen zu entweichen.

1911 wird in München durch Eduard von Mayer und Elisarion der «Klaristische Verlag Akropolis» gegründet, der als Organ des neuen Glaubens dienen soll und in welchem noch im selben Jahr die beiden programmatischen Werke Hymnen der Heiligen Burg und Ein neuer Flug und eine Heilige Burg veröffentlicht werden. 1912 erscheint Der Unbekannte Gott und bis etwa 1920 eine Fülle an weiteren programmatischen Schriften. Im April 1913 findet im Kunsthaus Brogi in Florenz eine erste Ausstellung mit den Werken Elisàr von Kupffers statt, der sich nun «Maler des Klarismus» nennt.

Erst 1915 verlassen die beiden Gründer des Klarismus aufgrund zunehmender Deutsch­feind­lich­keit Italien und ziehen in den Tessin, wo sie 1922 die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangen. 1923 lernen sie Rita Fenacci kennen, welche die Männer als Freundin und Haus­häl­terin bis zum Tod von Eduard von Mayer begleitet.

In Muralto, im Schlafzimmer seiner Wohnung, beginnt Elisarion mit der Aus­ar­bei­tung seines Rundbildes der Klarwelt, das 1924 zum ersten Mal in Einzelteilen in der Galerie einer be­freun­deten Künstlerin ausgestellt wird.

Schon vorher, nämlich 1911, gründen die beiden in Weimar, 1913 in Zürich eine Klaristen­gemeinschaft und 1926 die Elisariongesellschaft, um den neuen Glauben weiteren Kreisen nahezubringen. Mittelpunkt und Versammlungsstätte der neuen Religion soll ein Weihebau mit Standort Eisenach werden, der jedoch niemals realisiert wird.

1925 wird ein Grundstück in Minusio erworben, auf dem am 1. August 1927 das Sanc­tua­rium Artis Elisarion eröffnet wird, das gleichzeitig als Wohnhaus für die beiden Männer dient.

In den folgenden Jahren befasst sich Elisàr mit der Ausgestaltung der Räume und der Vollendung seines Rundbildes Die Klarwelt der Seligen, das erst 1930 ab­ge­schlossen wird. Seine literarische Produktion lässt in diesen Jahren dramatisch nach. Vielmehr scheint der Gründer einer ‹neuen Religion› mit den Besuchern seiner «Weihestätte» beschäftigt zu sein, die propagandistischen Tätigkeiten der Klaristen zu forcieren, auf Kritiken zu reagieren und finanzielle Quellen für den abschliessenden Rundbau aufzutun. Dieser wird erst 1939 dank öffentlicher Unterstützung, einer Erbschaft und verschiedener privater Zuwendungen eröffnet, und das Rundbild findet seinen endgültigen Aus­stellungs­raum.

Der in den 30er Jahren verheissungsvolle Besucherstrom reisst mit Beginn des zweiten Weltkrieges langsam ab. Resigniert und Vereinsamung befürchtend arbeitet Elisarion weiter an der Verbreitung des Klarismus, zieht sich aber aufgrund zunehmender gesundheitlicher Probleme bis zu seinem Tod am 31. Oktober 1942 immer weiter zurück.

 

Fabio Ricci

 

 

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