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Aus einem wahrhaften Leben

Der Weg der Liebe

Die stille beglückende Wärme der Liebe erlebte ich zuerst schon in früher Kindheit durch meine Mutter Elisabeth, nicht bloss weil sie die «Mutter» war, sondern weil sie in herzlicher, immer gleicher Wärme, ohne jede Laune, mir das wundersame Gefühl der Harmonie und Geborgenheit gab, auch ohne jeden befehlenden Zwang. So hatte meine Botschaft vom Göttlichen, Klarweltlichen irdische Wurzeln schlagen können.

Dazu kam, dass auch mein Vater ein durchaus freiheit­li­cher Mann war, dessen positiver Glaube, obwohl kirchlicher Art, nie einen Zwang ausüben wollte. Mit 5 Jahren überraschte ich meine Eltern, indem ich ihnen einen Roman vorlas, nach­dem ich an «Max und Moritz» lesen gelernt hatte. Dann bekam ich mit 8 Jahren eine Hauslehrerin, Marie Klein, mit der ich freundschaftlich stand. Und ebenso, seit meinem zehnten Jah­re, mit Henriette Diesfeld, die mir noch in ihrer letzten Le­bens­zeit herzlich schrieb und mir meine allerersten kind­lichen Zeichnungen schickte, als sie – 1939 aus Estland mit den an­dern Deutschbalten gerettet – in einem Altersheim im Posen­schen geborgen war, wo sie auch hochbetagt gestorben ist.

Für Anmut und sinnliche Wärme empfänglich fand ich doch in der Schule, in Reval, keinen Anschluss an eine Freund­schaft, wenn auch Kameraden mich etwa fragten, ob ich wüss­te, wie hübsch ich wäre. Ich litt, als ich zur Schule in die ferne Stadt musste, sehr durch die Trennung vom herzlichen Wesen daheim, wo auch die kluge väterliche Grossmutter dem Knaben geistiges Verständnis entgegenbrachte; sie starb, als ich 15 Jahre zählte, und von ihr habe ich mein erstgemaltes kleines Porträt noch da.

Das erste lebhaft erotische Erlebnis im üblichen Sinne kam zum Bewusstsein, als ich 16–17 Jahre zählte. Das war auf dem Landgut im weissen Schlosse von Lechts durch die damals 11–12 Jahre alte Agnes, die Tochter des Freiherrn von Hoy­nin­gen-Huene. Ihre Pflegeschwester, die meines Alters war, hatte mich, als ich 8 oder 9 Jahre war, um einen Kuss gebeten, doch meinerseits kein Entgegenkommen gefunden, weil sie mir nicht entsprach. Agnes’ Mutter, die Baronin, hat es später scherzend erwähnt, dass der «Knabe mit den träumerischen Augen» es ablehnte – aber nun ihre eigene Tochter «Agi» liebte. Diese Liebe zu Agi war nicht vorübergehend, im Gegenteil, sie wuchs. Beide Eltern waren mir wohlgesinnt, die Mutter, weil sie den «Dichter» gerne hatte, denn ich habe im weissen Schlosse – im «verschollenen», wie ich es später in einem Gedicht nannte – oft Gedichte vorgetragen. Und was den Baron anbetrifft, so sagte mir Agi mal, als sie 14 war und ich 19: «Sie wissen doch, dass mein Vater hübsche junge Männer gern hat.» Wir haben oft miteinander geplaudert über allerhand Dinge, auch im romantischen Garten – aber zu einer direkten Erklärung kam es nicht recht, obwohl ich leidenschaftlich für sie empfand. Ich wusste, dass es einer guten Lebensstellung bedurfte, um der verwöhnten Baronesse ein entsprechendes Leben zu sichern. Und bis dahin war es noch weit! Sie selbst hat mir dann 40 Jahre später in einem Brief gestanden, dass die mich bewun­dert hätte, aber dass es damals für ein junges Mädchen ihres Standes unmöglich war, so etwas deutlich zu sagen. In den Ferien waren wir oft zusammen.

Die Russifizierung der Schulen in Estland zwang mich 1891, als ich 19 Jahre hatte, nach St. Petersburg überzusiedeln, wo es noch das Sankt Annen-Gymnasium gab mit vorwiegend deutschem Unterricht. Ich verlor wieder Zeit, wie schon früher durch Krankheit, sonst wäre ich, da mir alles Geistige (bis auf die Mathematik) sehr leicht fiel, schon über das Abiturium hinaus gelangt. Aber damals kam ich in Beziehung zur Familie des 1883 verstorbenen Wirklichen Staatsrates Dr. Carl von Mayer, dessen jüngster Sohn Eduard mein Lebensgefährte werden sollte. Im Sommer weilten sie nahe der Grenze von Finnland in Lewaschewo, wo wir uns kennen lernten, beson­ders nah bei einem Abendfest im Park des Hauses, wo zahl­reiche Gäste waren und ich auch über Nacht blieb.

Aber es war keine unmittelbare Beziehung der Liebe, wie manche fälschlich glauben, denn ich war noch in Banden der Liebe zu Agnes, und Eduard von Mayer zu einem jungen balti­schen Mädchen, Elisabeth Freiin von Stackelberg, die er als 13-jähriger in Estland im Sommer kennen gelernt hatte und seit­her, ohne sie wiedergesehen zu haben, liebte; was ihn gegen andere Zuneigungen spröde machte. Wir sprachen von dieser beiderseitigen Liebesgebundenheit, aber was zu unserem Gefühlsband wurde, waren die geistigen Interessen, und sie sollten uns ein Leben lang verbinden. Im August 1941 konnten wir des fünfzigjährigen Tages unserer ersten Berührung geden­ken – wohl ein ganz seltener Fall einer derartigen und so fruchtbaren Freundschaft.

In den Ferien war ich wieder zu Hause in Jootma und in Lechts. 1893 machte ich gerade mein Abiturium, da starb nach vielen Qualen meine heissgeliebte Mutter. Ich vereinsamte. Meine gute Schwester trat mir näher.

Mein Studium an der russischen Universität in St. Peters­burg, das anfangs in Arabisch, aber bald in Jura bestand, wollte ich trotz eines sehr guten ersten Examens aufgeben, als mein Freund Eduard mit der Familie ins Ausland übergesiedelt war, zunächst an den Genfersee.

Ich kam vom Militär frei und besuchte im Sommer 1894 meinen Vetter Arthur von Kupffer in seinem Sommeraufenthalt bei Reval, in Kosch; da logierte ich bei meiner Tante, der Gene­ra­lin Olga von Kupffer, bei der ihre beiden Grosskinder zum Sommer da waren. Meine schöne Kusine Anna von Kupffer hatte mit 18 Jahren den Ulanenrittmeister Woldemar Edlen von Rennenkampff geheiratet, einen Bruder des aus dem ersten Weltkrieg bekannten Generals von Rennenkampff. Alice und Waldy hiessen diese Kinder. Meine Kusine Anna war 11 Jahre älter als ich, ihr Sohn Waldy nur 9 Jahre jünger als ich, damals 13 Jahre. Da geschah etwas, was mich tief beeindruckte. Ich hatte immer auf eine Klärung meiner Liebe mit Agnes gehofft und das in einer Dichtung zum Ausdruck gebracht, wo der junge Held durch einen Kuss des Mädchens erweckt und be­glückt wird.

Eines Morgens – ich schlief noch trotz des schönen Sommermorgens – wurde ich da plötzlich durch einen Kuss aufgeweckt, und da stand der bildhübsche Waldy und lachte mich an.

«Du wecktest mich wie der Beseeler Eros …», habe ich 10 Jahre später gedichtet, als er, ein junger Leut­nant der zaris­ti­schen Armee im russisch-japanischen Feldzug in der Mand­schu­rei stand. Mein kleiner Verwandter war reizend zu mir; auf einem Hügel am Meer haben wir geplaudert und uns geherzt. Das war ein bedeutsames Erlebnis.

Ich sprach in Schloss Lechts mit Begeisterung davon, so dass die Baronesse lachend sagte: «Sie sind ja ganz verliebt in Ihren Neffen-Cousin.» Aber die Liebe zu Agi war dadurch noch nicht erlöscht.

Nun sollte ich ins Ausland zum Studium. Ich wählte Mün­chen, um die katholische Welt kennenzulernen, für deren Geschichte ich lebhaftes Interesse hatte. Aber ich war dann in München allein, da Eduard in Lausanne studierte.

Ich fühlte mich bald sehr einsam und gar nicht wohl in dem Biermilieu dieser Stadt. Erotisch fesselte mich nichts, und als an einem Karnevalsabend jemand mich fragte, ob er mir einen Kuss geben dürfte, da liess es mich kalt. Ich hatte schwe­re Erlebnisse: mein Freund Eduard in Lausanne war nahe am Selbstmord gewesen, als seine Jugendliebe sich einem andern verlobte. Ich dichtete:

 

«Ich möchte sterben in der Frühlingsnacht –

Wenn Licht und Leben rings um mich erwacht …»

 

Den Herbst darauf, 1895, zogen wir zusammen nach Ber­lin, um dort an der Universität die Studien gemeinsam fort­zu­set­zen. Weihnachten 1895/96 war für mich tieftraurig; Eduard be­such­te seine «englische» Schwester und ihren Mann in Schweden, wo dieser Pfarrer der englischen Kolonie in Göte­borg war. Ich übergehe die Erlebnisse, um zum Wesent­lichen des Berichtes zu kommen.

Ein schwerer Schlag traf mich, als plötzlich im März 1896 mein Vater starb; diese telegraphische Nachricht erhielt ich, gleichzeitig mit einem Brief des Vaters, am Abend spät in Schloss Bethusy bei Lausanne, wohin ich mit Eduard zusam­men zu den Osterferien von seiner Mutter eingeladen war. Nun ging es sofort noch nachts in toller Fahrt nordwärts über Berlin, bis wir, denn Eduard begleitete mich, zur Beerdigung in Jootma eintrafen. Ergriffen hörte ich von meiner Schwester, wie man ihr den Vater in der Winternacht tot vor die Füsse gelegt hatte. Mein Vater war auf einer ärztlichen Schlittenfahrt von Schloss Linnapäh nach Jootma plötzlich gestorben und in den Schnee gefallen, als unweit der Stelle meine Schwester von Schloss Lechts heim fuhr.

Er sah noch wie ein Schlafender aus, als wir eintrafen, und es waren doch schon 7 Tage vergangen.

Zur Beerdigung waren von den verschiedenen Land­schlös­sern Teilnehmer gekommen. Bald nach der Beerdigung fuhren mein Freund und ich wieder in ruheloser Fahrt tagelang, ohne zu nächtigen, von Jootma über Polen und Wien nach Lausanne an den Genfersee, wo wir noch ein paar Wochen uns in Schloss Bethusy bei seiner Mutter erholen sollten. Ich erkrankte.

Ende April fuhren wir dann wieder nach Berlin, unsere Studien fortzusetzen – ich in schweren Sorgen um meine Zu­kunft, da mir die Hilfe meines Vaters fehlte. In Schloss Kurro hatte ich noch Ende März einen Besuch in Begleitung meines Freundes gemacht, wo meine Tanten, die Baronessen von Maydell, lebten. Tante Mathilde von Maydell, die meinen Vater geliebt hatte, gab mir einen kleinen Beitrag fürs Studium.

Im Juli dieses Jahres 1896 fuhr ich dann nach Jootma, wo meine Schwester das ganze grosse Haus aufzulösen hatte, da sie zum älteren Bruder nach Petersburg ziehen sollte. Schloss Jootma und das Rittergut waren ja nicht unser Besitz, sondern gehörten dem Baron von Maydell, Mathildens und Anettens Bruder.

Unterdessen fuhr Eduard nach Norden, wo er auf der Insel Bornholm ins Meer abstürzte, aber ohne zu verunglücken.

Tief melancholisch weilte ich in Jootma, in dem ich einst frohe Stunden erlebte und nun sah, wie alles ein Ende nahm. Von einem verkauften Pferde erhielt ich den Betrag. Da traf mich ein Schlag, der mein Nervensystem erschüttern sollte: Eduard schrieb mir, dass er Europa verlassen und nach Ame­ri­ka fahren wolle.

Ich schrieb ihm verzweifelt, denn ich hatte doch auf seine Anregung hin mein erfolgreiches Studium in St. Petersburg aufgegeben, das mir eine angesehene Laufbahn in Aussicht stellte, um so mehr als ich auch Verwandte in hohen Stellungen hatte. Der Rektor Geheimrat Nikitin hatte mir zwei Jahre zuvor geraten zu bleiben, ja wollte mir Urlaub auf einige Zeit fürs Ausland geben. Und doch hatte ich mich entschlossen, Russ­land aufzugeben. Zuerst war ich zwar allein geblieben in Mün­chen, dann aber doch mit Eduard in Berlin zusammen­ge­zo­gen und hoffte in Deutschland eine Zukunft zu erlangen. Und ich durfte auf seine Hilfe hoffen, da er sie mir im Herbste 1894 zugesagt hatte. Nun war aber der Tod meines Vaters ein­get­re­ten, und wenn Eduard mich jetzt im Stiche liess und seinen abenteuerlichen Plänen nachging, und wär’s für ein Jahr, so ging mir alles verloren, trotzdem er seine Zusage finanzieller Hilfe erneuerte – aber wie wenn er irgendwie in Amerika umkam? In dieser Aufregung bekam ich im Saal in Jootma die ersten Herzkrämpfe, Vorläufer des Leidens, das mich später jahrelang quälte und durch Jahrzehnte in meinem Schaffen behinderte. Es gab eine schwere Korrespondenz. Da zogen wir hinaus aus den vertrauten Räumen des Landschlosses, mit einem Teil der Möbel, die meine Schwester mit nach St. Peters­burg nahm. Ich litt dabei furchtbar, als ob alles zusam­men­bräche. Agnes’ Vater, Baron Hoyningen-Huene, kam noch auf die Station, um von uns Abschied zu nehmen. Meine Schwes­ter, ich, mein Bruder Adolf und eine estnische Magd bestiegen den Zug nach St. Peters­burg. Ich sollte das Land meiner Heimat nie Wiedersehen.

Nun galt es für mich noch mit Eduard zusammen­zu­kom­men, bevor er seinen verhängnisvollen Plan zur Ausführung brachte. Soviel erreichte ich, dass ich im Frühherbst nach Berlin reisen konnte, um ihn zu treffen. Am Warschauer Bahn­hof in Petersburg nahm ich Abschied von meinen Ge­schwis­tern und verliess Russland für immer.

Nun stand mir eine sehr schwere Aufgabe bevor: ihn um­zu­stim­men. Es ward schwer, sehr schwer. Nie werde ich jene Stunde in Berlin vergessen, da ich alles versuchte, ihn herzlich zu bewegen mich vor dem Äussersten zu bewahren. Endlich gab er nach. Ich war wie erschöpft, innerlich, hatte dabei auch allem Stolz meines Wesens entsagen müssen. Eine höhere Macht stand wohl dahinter, die mich zu einer schweren, aber grossen Lebensaufgabe weiterführen wollte. Und dazu war wohl Eduard notwendig.

Nun kamen noch schwere Monate. Eduard entschloss sich, auf Wunsch seiner Mutter seinen Doktor phil. zu machen und fuhr dazu nach Halle, um ungestört zu sein. Ich blieb zunächst allein in Berlin, aber Einsamkeit und seelische Schwermut erdrückten mich. So entschloss ich mich auch nach Halle zu gehen, auch mein Studium an der Berliner Kunstakademie, das ich die Monate des Herbstes 1896 zum Eintritt betrieben hatte, aufzugeben, wie sowieso die Universität. In jener Stille in Halle – Eduard und ich lebten in getrennten Chambres garnies und waren nur über Mittag zusammen – dichtete ich meine «Irr­lich­ter» und schrieb eine Lebensgeschichte «Flugsand», die bis heute verborgen blieb.

Im Frühling 1897 machte Eduard sein Doktorexamen und fuhr zu seiner Mutter an den Genfersee. Ich trat allein eine Radtour durch Thüringen an. In Stuttgart erwartete ich Eduard, der zu seinem Geburtstag, den 17. Juni «neuen Stils» dort eintraf. Seitdem sind wir stets verbunden geblieben, zusammen lebend und schaffend – obwohl sehr verschiedene Naturen.

Sein Wort, das ich ihm im Herbst 1896 in Berlin abrang, hat er gehalten und seinen unruhvollen Drang nach Mög­lich­keit zu überwinden gestrebt. Wenn es auch mitunter nicht leicht war für beide Teile, so ist doch ein bedeutsames Zu­sam­men­leben und Wirken geworden.

Im Spätsommer 1897 traten wir dann eine gemeinsame Reise nach Italien an, zu der er die Mittel von seiner Mutter erhielt. Diese Reise führte uns durch ganz Italien bis in den Süden von Sizilien. Für ihn war es eine Befriedigung seines Reisedranges, für mich ein vielfältiges Erleben des Südens. In Rom weilten wir im Oktober und kehrten über Lausanne nach Berlin zurück.

Über das Einzelne schweige ich nun, auch über die ner­vö­sen Leiden, die mich schon heimsuchten, auch über mein dich­te­ri­sches Schaffen der Jahre.

Ich spreche ja vor allem hier vom Wege der Liebe; und da ist eine Klärung sehr nötig, da ich so oft falsch beurteilt wurde. Meine erste warme Liebe galt ja einem Mädchen, der Agnes des weissen Schlosses, aber ich war auch sonst für Mädchenreize empfänglich. In St. Petersburg fesselte mich die hübsche junge Schwedin Anna Svenson. Aber – wie konnte ich eine bür­ger­liche Familie gründen, ohne einen einträglichen Beruf? und ich fühlte in mir eine grosse schwere Aufgabe geistiger Art, die wenig oder nichts «abwerfen» konnte. Zart war immer meine Gesundheit. Ich hatte keineswegs eine Scheu vor dem Weibe, nur – damals noch nicht bewusst – war es eine andere tiefe Scheu, die ich hatte: nicht «horror feminae», sondern «horror infantis», das heisst: ein Menschenkind in diese Welt zu set­zen, davor scheute ich. Zum Teil, weil ich selbst zu viel gelitten hatte und eigentlich selber dieses Leben als eine schwere Lei­dens­auf­gabe empfand, obwohl ich alles Schöne und Freudige liebte. Ich war selber äusserst der Liebe bedürftig, einer herz­lichen Beziehung, doch ohne eine Familie gründen zu müssen, denn ich brauchte alle Kräfte für eine grosse Aufgabe, die mich innerlich erfüllte und irgendwie zur Erfüllung drängte, als Boten einer ganz anders gearteten Welt.

Da zogen wir 1898 in ein Haus in Charlottenburg, wo wir zwei Zimmer mieteten, von denen wir das eine als Salon benützten. Die Frau, die uns die Zimmer vermietete, machte einen feinen polnischen Eindruck, schien fast ein Mädchen, hatte aber doch schon drei Töchter und einen Sohn von 12 Jahren. Sie lebte getrennt von ihrem Manne, der Rheinländer war, während sie selber aus Masovien stammte. Da sie gar keine Ähnlichkeit mit ihrer Schwester und ihren Brüdern hatte und ihre alte Mutter eine sympathische lebensvolle Frau schien, war ich stets der Meinung, dass sie das Kind eines polnischen Aristokraten war, denn sie erinnerte an die Prin­zessin Radziwill.

Dieser ihr Sohn Adolf, ein hübscher Knabe, bemühte sich um meine Bekanntschaft; so brachte er mir einen schönen Falter, um mir eine Freude zu machen. Wie er mir später ge­stan­den hat, hätte er sich bald in mich verliebt.

Auch mir gefiel seine warme natürliche Art, und als er zu Weihnachten am brennenden Weihnachtsbaum stand, in seinem kleidsamen Matrosenkostüm, und Verse aufsagte, da fühlte ich, dass ein tieferes Band der Liebe zwischen uns entstand.

Als ich im Februar erkrankte, durch Erkältung, da ging er selber die beste Milch für mich besorgen und plauderte mit mir. In meiner Genesung kam er zu mir und wir spielten mit­ei­nan­der, und dann gab es einen Kuss, und mehrere.

Im April aber verliessen wir Berlin und fuhren nach Neapel. Da schrieb er mir feine sehnsüchtige Briefe, die ich ebenso erwiderte.

In Neapel und Pompeji zeigten sich dann verstärkt meine nervösen Herzleiden. Zu Weihnachten 1899 erkrankte ich schwer an Herzbeschwerden; es war in Rom, wo ich mich viel beim Studium in den Museen angestrengt hatte. Wir lernten auch die kluge liebenswürdige Gräfin Lovatelli, geb. Prinzessin Caetani, kennen, die Freundin von Gregorovius.

In diesen schweren Wochen, in denen ich fast zu sterben glaubte, erstand zu voller Klarheit mein «Klarglaube» oder Klarismus. Mein Gedicht, das in einer Herbstnacht in Frascati entstanden war, sollte sich erfüllen, menschlich und geistig.

In den hohen Bergen der Schweiz, wohin wir im Sommer, vor dem Winter in Rom, geeilt waren, war mein Zustand noch schlimmer geworden als in Neapel. Damals entstanden denn doch die Verse in Dankbarkeit an Eduards treue Fürsorge, die mit den Jahren zunahm. Ich habe ihn später «Edelwart» ge­nannt.

 

Und böte alle Sterne

Mir Gott als Reiche an,

Ich wählt’ sie nicht so gerne

Wie dich, von dem ich lerne,

Wie treu man heben kann.

 

Im Sommer 1900, nach einem in Florenz verbrachten Frühling und einer Kaltwasserkur in Grenchen bei Biel, die mir gar nichts half, waren wir zunächst in Zürich, und Eduard fuhr extra nach Berlin, um Adolfino – Adolf S., oder Fino, wie ich ihn seitdem immer nannte, abzuholen zu mir in die Schweiz, wie die Mutter gern erlaubt hatte. Ich fuhr ihnen nach Neu­hau­sen entgegen. Die schönen Wochen in Luzern, am Thunersee und auf der Reise wurden leider durch meine Herzneurose hin und wieder getrübt. Aber unsere Liebe war uns ganz offenbar geworden. Damals ward er 14 Jahre.

Auch in Berlin, wohin wir im Herbst 1900 gingen, litt ich wieder oft und im Frühsommer 1901 fuhr Eduard mit mir zu einer Kur nach Bad Cudowa in Schlesien, wozu mir der be­rühm­te Arzt Dr. Gerhard in Berlin geraten hatte. Fino schrieb mir herzliche Briefe und einige Wochen später kam er zum 17. Juni selber aus Berlin zu uns nach Cudowa. Um Eduard gerecht zu sein, muss ich hier sagen, was er in dieser Zeit aus Liebe zu mir damals durchmachte, ohne es mir zu sagen, weil er meine Gesundheit in der Kur nicht stören wollte. Seine dritte Schwes­ter, die schon erwähnte englische Frau Pfarrer, war Mis­sio­na­rin in China gewesen und hatte dort Einblick in das Leben natürlicher Völker gewonnen. Bigott-intrigant, wie sie war, hatte sie «christlich» gegen uns gearbeitet bei ihrer kirchlich-bigotten Mutter – immer gegen uns, zumal gegen mich. Eduard litt schwer darunter und wollte es in der Kur mich nicht wissen lassen. Das kam mir von der sogenannt christlichen Kultur der Nächstenhebe her.

Diese Kur tat mir aber doch gut, wenigstens für einige Zeit. Wir fuhren dann alle drei zusammen über Prag und München nach dem Genfersee. Trotz allem eine schöne Reise! Erst war ich einen Tag allein mit Fino in Lausanne, indes Eduard in journalistischer Pflicht ein Passionsspiel aufsuchte, und erlebten ein schönes Feuerwerk am See in Ouchy. Dann fuhren wir hinüber nach St-Gingolphe an der französischen Savoyer Grenze. Eduard sollte seine Mutter in den Bergen besuchen. So blieb ich mit Fino allein in einer Pension in St. Gingolphe in völlig französischer Gesellschaft, darunter eine alte Dame aus Versailles. Man war sehr liebenswürdig zu uns. Natürlich ward ich als «Russe» gefeiert und Fino als «Pole». Er spielte abends zuweilen im Salon auf seiner Mandoline. Und die Franzosen fanden uns ein charmantes Paar. Fino war ja auch sehr hübsch und schmuck in seinem weissen Kostüm mit dem Rosa-Hemd und dem federgezierten Hut. Ich freute mich aber doch, als Eduard von seiner Mutter zurückkehrte und wir gemeinsam nach Clarens bei Montreux fuhren, wo wir ge­mein­sa­me Ferientage erlebten.

Bezeichnend war ein kleines Erlebnis in der Pension. Eine fromme Dame hatte Fino gefragt, ob er mein Bruder wäre, wo­rauf er sagte: «Ja, ein Cousin.» Als sie mit mir von ihm sprach, sagte ich offen: «Nein, wir sind gar nicht verwandt.» Da lä­chel­te die fromme Dame nur dazu und sagte: «Da hat uns der liebe Junge einen Bären aufgebunden.» Das bewies doch, dass unsere Erscheinung so sympathisch günstig wirkte, dass keine Bosheiten aufkamen.

Zum September musste Eduard nach Berlin, wo er an der «Deutschen Zeitung» als Theaterkritiker eine Stellung an­ge­nom­men hatte, um uns weitere Mittel zu beschaffen. So war er herzlich bereit, uns nötige Hilfe zu erschwingen für weitere Ausgaben. Ich blieb noch mit Fino in Clarens und freute mich an seiner Liebe und dem schelmischen Bestreben, mich immer wieder aufzuheitern. Damals malte ich sein Bild mit dem Kranz der Herbstzeitlosen, das noch jahrelang nachher soviel Beifall fand und öfters abgebildet wurde.

Dann fuhr auch ich mit ihm über Zürich nach Deutschland zurück, zuerst nach Stuttgart und nach Weimar, wo wir ins Theater gingen und den «Oberon» sahen, immer in herz­lich beglückter Stimmung. In Stuttgart wurden wir wieder für Brü­der gehalten.

Nun folgte der Winter in Charlottenburg, zunächst mit einem peinlichen Erlebnis, da bornierte und böswillige Men­schen mein Verhältnis zu verdächtigen suchten. Fino war unglücklich, ich ging aber furchtlos zur Mutter und sie fand sich mit Anerkennung zu unserer Beziehung, da er ja auch bei uns Unterricht bekam, Französisch und Geschichte bei mir, Englisch und Mathematik bei Eduard. Jeden Samstagabend kam er zum Abend zu uns und blieb die Nacht bei uns, öfters nach vorhergegangenem Theaterbesuch.

Leider stellten sich meine nervösen Herzstörungen immer wieder ein, so dass ich die Freibillette im Theater, die Eduard als Kritiker erhielt, selber fast nie benutzen konnte. Auch Eduard vertrug das Klima schlecht. So verging der Winter, und im Frühling sollte ich eine Kur in Herrenalb im Schwarzwald versuchen, die meinem Bruder Adolf geholfen hatte. Aber mir sollte diese kalte Wasserkur nur schlecht bekommen.

Fino schrieb mir reizende Briefe, um mich aufzuheitern. Ich fühlte, dass meine und Eduards Gesundheit eine Über­sied­lung nach dem Süden verlangte, aber ich wollte nicht Finos Umgang und erfreuende Herzlichkeit verlieren, so wandte ich mich an seine Mutter mit der Bitte, ihn uns zu überlassen, wir wollten für seine Ausbildung als Kunstphotograph sorgen, wie sie in Italien Vorzügliches leisteten; und er hatte auch weitere Aussichten. Die Mutter schrieb mir, sie sähe ein, dass er bei uns besser aufgehoben wäre, willigte also ein.

Mit meiner Kur ging es sehr ungünstig, so dass ich eher mehr litt und der Arzt mir schliesslich riet, nach dem Hügel­land ans Meer zu gehen. Eduard holte mich ab, und über Berlin, wo wir Fino mit uns nahmen, fuhren wir nach Rügen. Er wurde nun 16, und ich freute mich auf Italien, das Land der Sonne und der Freiheit. Fino war im Grunde sehr eifersüchtig, und es besorgte ihn, dass in Florenz, wohin wir übersiedeln wollten, ein Knabe lebte, der mich lieb hatte. 1900 hatte ich den kennen gelernt und dessen Mutter sagte auch beim Ab­schied zu diesem Guido: «Gib doch dem Herrn einen Kuss.» Und so geschah. 1902 schrieb er mir noch, dass er in den Sommerferien in Viareggio am Meere als erstes jeden Morgen mein Bild küsste. Das ereiferte Fino – aber meine Liebe galt doch vor allem ihm, der mir entsprach und seine Liebe be­wie­sen hatte.

Von Rügen fuhren wir nach Berlin und dann zunächst an den Genfersee, wohin Fino bald nachfolgen sollte.

Aber da geschah etwas, was mich sehr erschüttern sollte. Fino kam nicht, denn die Mutter hielt ihr Versprechen nicht, sie gab ihn einem Zahnarzt in die Lehre, und sie hoffte so, einmal an ihm ein gesichertes Einkommen zu erleben, wie sie auch ihres Bruders Verlöbnis zu zerstören wusste, damit sein Verdienst der Familie erhalten bliebe.

Das war für mich ein harter Schlag. Zurück nach Berlin zu gehen, verbot unser beider Gesundheit. Und so fuhren wir nun doch allein nach Florenz, wo wir seitdem, mit sommerlichen Unterbrechungen, viele Jahre in einer Pension lebten. Som­mers waren wir oft am Genfersee, wo ich in der Pension den Sohn des Besitzers kennen lernte, der sich mir herzlich an­schloss; aber ich litt immer unter der Trennung von Fino, den ich wahrhaft liebte.

Im Sommer 1905 war das einzigartige Bacchus- und Win­zer­fest in Vevey, wo ich den Knaben Albert, der den Bacchus darstellte, skizziert und später gemalt habe. Und im Hotel des Alpes lernte ich eine elegante, hübsche junge Dame kennen, Renee Marguerite Patry – gerne sah sie mir zu, wenn ich malte, und wir plauderten auf der Dachterrasse des Hauses, wo man den schönen Blick auf den See hatte. Sie war mir sehr sym­pa­thisch in ihrer feinen und muntern Art, und sie schenkte mir ihr hübsches Bild mit einer warmen Widmung. Sie stammte aus einer Genfer Familie, lebte aber in London und schrieb mir von dort und später aus Indien.

Bei dieser Gelegenheit will ich auch noch einer andern Frau gedenken, einer Schweizer Aristokratin, deren Vater neapolitanischer General gewesen war. Auf einer Bahnfahrt von Luzern nach Locarno lernte ich sie kennen, und sie folgte uns ins Hotel in Locarno, wo wir damals das erste Mal nur einen Tag blieben. Christine de G., eine Freundin der Gräfin Diesbach bei Bern, lebte in Frankreich und besuchte mich in Florenz. Sie liebte mich ohne Zweifel, und sie schrieb mir noch öfters Briefe; etliche Jahre älter als ich, glich sie einer Dame aus dem Rokoko. Sie würde sicher versucht haben, mich ka­tholisch zu machen.

In Bologna lernte ich eine Baronin Verano mit ihrer hübschen jungen Tochter kennen, die mir gut gefiel, und wir wechselten auch einige Briefe; aber ich konnte doch an keine ernstliche Verbindung denken, schon der Folgen wegen, und weil ich selbst keine entsprechenden Mittel hatte. Eduard war mein Hort, wenn ich auch stets im Gegensatz zu seiner Familie lebte. Mein Leben war eigentlich wie eine Wanderung auf einem Steg über den Abgrund, denn wehe! wenn Eduard vor mir starb. Mein Nervenleiden machte es mir unmöglich zu erwerben, auf dem harten Wege des Lebens. Aber gearbeitet und geschaffen habe ich ununterbrochen. Das steht als Zeugnis in meinen grossen und kleinen Gemälden da, es liegt in meinen gedruckten und noch vielen ungedruckten Manuskripten vor. Es war also wahrlich nicht Scheu vor anstrengendem Einsatz der tagtäglichen Kräfte, die mich gehindert hätte, den Unter­halt einer Familie zu erwerben.

Noch gedenke ich hier zweier amerikanischer Frauen. Die eine war eine schlanke, energische Dame aus Ohio, die einen viel älteren, katholischen Deutschen geheiratet hatte, Martha B. Wir haben uns zwei Winter angeregt, Abend für Abend, in Florenz in der Pension unterhalten. Sie liebte mich, verstand mich auch und sagte einmal: «Mit jedem neuen Buch werden Sie von den Menschen weniger verstanden werden.» Bei un­se­rer Trennung standen die Tränen in ihren Augen. Während des ersten Weltkrieges ist sie gestorben. Die andere Amerikanerin, deren Mann, ein gebürtiger Norweger, in New York als In­ge­nieur verdiente, während sie in Europa zu ihrem Vergnügen reiste, war eine schlanke, elegante und auch hübsche, noch junge Frau. Ich lernte sie in Lausanne kennen; als ich in Luzern weilte, reiste sie mir dahin nach und hoffte, ein Ver­hält­nis zu erreichen. Jeden Tag fast hatte sie eine schöne Toilette, und ein alter holländischer Exkonsul machte ihr den Hof, besonders als dessen Frau zur Kur woanders weilte, aber es gelang ihm nicht, ihre Gunst zu erringen, trotzdem er sie oft zum Five-o’clock ins Grandhotel von Luzern führte, indessen ich oben am Gütsch blieb. Er wurde so erbost, dass er einmal sagte: «Was ein Mann schöner ist, als ein Aff, das ist vom Übel». Das war auf mich gemünzt, verfing aber bei Mrs. Phila B. nicht, die alle Künste spielen liess, um mich zur Rolle eines Geliebten zu bewegen, und zwar geschah das ohne viel Um­schwei­fe. Ich hatte aber damals triftigen Grund, um traurig zu sein: sie war eine intelligente Frau und versuchte, an die Stelle zerstörter Liebe zu treten, denn es war, nachdem ich Fino im Frühjahr hatte in Berlin Wiedersehen können und ihn voll unveränderter Zuneigung und Herzlichkeit gefunden hatte; da hatte die Mutter ihn gezwungen, mir einen verletzenden Bruch­brief zu schreiben. Das habe ich Frau Phila alles erzählt. Von ihrem fernen Manne sprach sie wie von einem eher brutalen; aber ich konnte mich nicht, obwohl sie mir gefiel, und mochte mich nicht auf eine solche Weise in flüchtige Liebesbeziehung verstricken lassen. Die andere, weniger hübsche, hatte doch Gefühl, Geist und Charakter gehabt. Aber beide Frauen gaben mir einen Einblick in das selbstbewusste Leben der ameri­ka­ni­schen Frau.

In Florenz trat ich in Beziehung zu einer italienischen Familie, deren männlicher Vertreter italienischer Offizier war, damals Hauptmann, der viel später als General Bandozzi ge­stor­ben ist. Er trug mir und Eduard das freundschaftliche Du an, das wir nicht ablehnen konnten. Seine Frau war eine ge­bo­re­ne portugiesische Baronesse (Paiva d’Andrade), und seine Nichte Tedda war aus einer Pisaner Adelsfamilie. Diese Nichte empfand stärkere Zuneigung zu mir, und es wurde auch in Fragen der Tante klar, dass sie erforschen wollte, wie es denn wäre, wenn einer von uns beiden heiraten wollte. Scherzend sagten wir, man müsste uns beide nehmen. Der Verkehr in der damaligen italienischen Gesellschaft fesselte mich nicht, da er sehr oberflächlich war und zum grossen Teil in üblichen Phra­sen bestand. Die geborene Portugiesin war eine feine Frau, die unter den Extratouren ihres Gatten zu leiden schien, und mit ihr hätte ich mich gerne unterhalten, aber nach deutscher Art ging das nicht, in privatem Verkehr, nur in mir nicht ent­spre­chen­den Jourfixe-Empfängen. In meiner «Florentine» XLIII habe ich ein Momentbildchen jener Gesellschaftsabende fest­ge­halten. Tedda schrieb mir, wenn wir im Sommer fort waren, aber auch das blieb sehr äusserlich, und sie fesselte mich gar nicht. Wir verliessen Florenz, und ich hörte nur von ihr, als sie endlich eine Anzeige ihrer Vermählung sandte, mit einem öster­reichischen Marquis, nachdem sie immer feindselig von den Österreichern gesprochen hatte. Nun, dieser Mann, dessen Vater oder Grossvater beim Hofe des letzten toskanischen Gross­herzogs gewesen war, de Blaisel, zog dann zu ihr nach Italien.

Ich möchte nochmal auf mein erwähntes letztes Zusam­men­tref­fen mit Fino eingehen. Es war 1904, als er 17 zählte. Wir fuhren nach Berlin im Einverständnis mit ihm und ohne Wissen seiner mir feindlichen Mutter, die den ökonomischen Nutzen an ihrem Sohne zu verlieren fürchtete. Es waren einige schöne Pfingsttage, und er wusste mich alle Tage aufzusuchen, in warmer Liebe wie früher.

Aber es sollte das letzte Mal sein!

Als ich auf seine Anregung hin wieder einmal einige Jahre später mit ihm in schriftliche Beziehung trat, und wir ab­mach­ten, uns in Deutschland zu treffen, da erhielt ich schon in Bozen eine Nachricht – von der Mutter, die ihn und mich ge­häs­sig angriff; ja, sie scheute sich nicht, den eigenen Sohn bei mir anzuschwärzen, um mich von ihm zu lösen. Es war er­schüt­ternd, und ich habe die Reise von Bozen bis München mit Herz­krämpfen bestanden. Und das nennt sich Mutterliebe! Er hatte mir doch selbst geschrieben, er wäre bei seiner Mutter nur ein Ackergaul zur Arbeit. Aber Fino hatte leider einen grossen Fehler: ihm fehlte ein selbstsicherer Charakter, und er scheute sich vor Kämpfen. Ein Jahr später hat er mir noch einen schönen Brief geschrieben, in dem er sagte: «Ich weiss nicht, was meine Mutter Dir damals geschrieben hat, aber ich versichere Dich: ich habe Dich geliebt, ich liebe Dich und wer­de Dich immer lieben — aber Du hast recht, mir zu zürnen.»

Diesen Brief hat Eduard mir damals aber nicht abgegeben; er fürchtete, ich würde mich Fino wieder in Liebe zuwenden und da könnte sich über kurz oder lang ein erneutes Erlebnis des Versagens einstellen, das meine Gesundheit untergrub. Als ich den Brief, etliche Jahre später, las, da war es zu spät. Im Herbst 1915 erhielt ich noch einen Gruss von ihm aus einem Lazarett in Brüssel. Mein Fino ist dann am 7. Juli 1916 unweit Peronne für sein deutsches Vaterland gefallen, durch Fran­zo­sen, deren Sprache er bei mir gelernt hatte. Er hat als Sani­täts­korporal bei der Garde, wo er gedient hatte, sein Ende ge­fun­den.

Zwei kleine Erlebnisse muss ich hier noch anfügen, weil sie beweisen, wie natürlich menschlich man im ersten Viertel dieses Jahrhunderts in Italien sein konnte, ohne ordinäre Gehässigkeit. 1903 kam ich in Florenz an einem Zeitungskiosk ins Gespräch mit einem Florentiner Jungen von 14 Jahren. Er besuchte mich mal in der Pension, in der ich weilte, und ich wollte ihm eine hübsche Krawatte schenken, da sagte er mir ablehnend, die könnte er doch nicht tragen, da sein Vater sich wundern würde, woher er sie hätte. Da sagte ich ihm: «Weisst du, ich möchte deinen Vater kennenlernen, damit er weiss, mit wem du zu tun hast.» Sein Vater war Steinmetz-Bildhauer, und der Knabe half in seinem Atelier, wo vor allem Kopien antiker und Renaissance-Statuen für den Verkauf hergestellt wurden. Amleto war bereit dazu, die persönliche Bekanntschaft ins Werk zu setzen und führte mich in das Atelier des Vaters, den ich als einen sehr intelligenten, energischen und freundlichen Mann kennenlernte, mit dem ich auch über vieles plaudern konnte. Offenbar machte ich ihm einen guten Eindruck, und seitdem durfte der Sohn ungestört mit mir verkehren. Er war sehr sportbegeistert, als Läufer prämiert, und doch konnte ich ihn als … Madonna malen! wie Raffael auch männliche Modelle für manche Madonnen hatte.

Das zweite, verwandte Erlebnis schloss sich nachher da­ran. Durch den jungen Hamlet (der Vater hatte ihm aus Li­te­ra­tur­verehrung diesen Namen gegeben, wie seinen andern Söh­nen die der drei Musketiere) lernte ich auch einen Knaben Corrado kennen, dessen Vater ein angesehener Architekt und Professor an der Akademie der Künste war. Nach meiner Som­merabwesenheit am Genfersee kam ich wieder nach Florenz und siehe da, Corrado war auf der Strasse nicht mehr zu sehen, wo er sonst sich oft zeigte, wenn er aus dem Gymnasium kam. Er interessierte mich, da er ein aufgeweckter Knabe war, doch freilich ungestümer als Amleto. Ich schrieb einfach dem Pro­fes­sor R., wo denn sein Sohn geblieben wäre, den ich durch den Kameraden kennengelernt hätte und mit dem ich geplaudert hätte. Da kam ein freundlicher Brief des Professors, in dem er mir erklärte, er hätte den Sohn in ein Collegio nach Prato tun müssen, da er zu aufgeweckt wäre und er selber als Witwer in seiner beruflichen Stellung ihn nicht genügend überwachen könnte. Er war aber bereit, mit mir nach Prato zu fahren, um den Sohn zu sehen. Ich besuchte dann den Professor R., lernte einen klugen, lebensvollen Mann kennen, der mir, nach Ein­sicht­nahme eines Selbstporträts von mir, ein Zeugnis aus­stell­te, dank dem ich als Maler dann die amtliche Erlaubnis erhielt, gratis alle Museen zu besuchen. Eduard besass diese Erlaubnis dank seinem Buch über «Pompeji in seiner Kunst».

Professor R. fuhr nun mit uns nach Prato; der Direktor des Collegio kam zur Begrüssung, und Professor R. erklärte ihm, dass ich das Recht hätte, seinen Corrado auszuführen. Corrado erschien auch, und ich gab ihm einen Kuss in Gegenwart des Direktors und des Vaters. Zeugt das nicht von einer natürlich menschlichen Kultur, wie in der hellenischen Antike? Anders wie in gewissen Gebieten, wo immer gehässige Dummheit alles beschmutzt.

Einmal, als ich den Knaben photographisch aufnahm, kam gerade der Vater und freute sich daran; und er hat mich mal gebeten, ob ich seinen Sohn nicht liebevoll bessern könnte, dass er sein Leben ernster und gewissenhafter nähme, auch im Studium. Naturam expelles, tarnen revertitur, d. h. die ein­ge­bo­re­ne Natur ist nicht ganz auszutreiben, sie macht sich immer wieder geltend. Im Grunde war Corrado ein freimütiger, gar nicht schlechter Mensch. Ich habe ihn etliche Jahre später wieder gesehen, und er machte immer noch einen jugendlichen Eindruck; mittlerweile war er Tänzer geworden und viel in England gewesen, wohin ihn der Vater zu Verwandten gesandt hatte. Italien hatte damals doch etwas von seiner eingeborenen Antike bewahrt, besonders in Toscana – Siena und Florenz –, wo die natürliche Intelligenz sich nicht so beherrschen liess von der Kirche, wie in Umbrien, in Ligurien und Piemonte. Die männliche Jugend war in Italien durchaus freier gehalten, als die weibliche – damals. Eine schon reife Dame, wie das adlige Fräulein Tedda, von der ich schon sprach, durfte nicht allein ihre Besuche in Florenz machen, nicht einmal bei der ameri­ka­ni­schen Dame, die wir gemeinsam kannten. Die Italiener meinten, das ginge nur für Nordländerinnen an, nicht für die heissblütigeren Italienerinnen.

Und nun komme ich zu einem wundersamen Erlebnis, das in der Folge auch für mein künstlerisches Lebenswerk be­deut­sam wurde. Ich hatte den Heiligen Sebastian Jahre hindurch studiert in den Kunstwerken Italiens, denn an ihm, der nackt dargestellt werden musste, hatte sich die mittelalterliche Kunst mit dem Menschen betätigen dürfen, und in der Renaissance war Apollon im San Sebastiano lebendig geworden. So spürte ich in Städten und Kirchen nach diesen Darstellungen.

So kam ich auch in Genua in die Kirche Santa Maria del Castello, wo Eduard in einer Sakristei ein solches Altarbild entdeckte. Ich wollte es selbst aufnehmen. Und dabei wollte mir ein Knabe helfen, der bei den Dominikanermönchen lebte und in einer Woche 16 Jahre erreichte. Es war ein hübscher, sympathischer Knabe mit einer Fülle schwarzblauen Haares und dunklen, schwarzbraunen Augen, dabei von sehr zartem, hellem Teint. Sein Ausdruck hatte etwas Melancholisches. Ich gewann ein inneres Interesse an ihm und erfuhr bald, dass er bei den Mönchen nicht glücklich war. Sein Vater war ein pie­mon­te­sischer Landmann, der ausser dem eigenen Besitz das Gut eines reichen Turiner Herrn verwaltete.

Luigi T., so hiess der Knabe, hatte nicht in den Land­be­trieb gepasst und war nach andern Versuchen in jenes Kloster gekommen. Ich sprach mit ihm, und er brachte mir Neigung entgegen, besuchte mich auch flüchtig im Hotel in Genua, wo ich eine hübsche Zeichnung von ihm machte. Wir – Eduard und ich – fuhren bald nach Savona, von dort schrieb ich ihm, blieb aber ohne Antwort. Wieder zurück in Genua trafen wir uns in der Sakristei, wo er gestand, dass mein Brief von dem Prior des Klosters geöffnet worden war und dass man ihn ausgefragt hätte. So schloss er sich noch herzlicher auf und entschloss sich, brieflich mit mir durch die Posterestante zu verkehren, da wir nach Florenz zurückfuhren. Ich aber war entschlossen, den Vater zu befragen, ob er den Sohn, den ich stets Gino nannte, in unsere Dienste treten lassen würde. Der Vater gab ihm die Erlaubnis, da der Knabe im Kloster sich unglücklich fühlte. Gino hat mir auch mancherlei aus dortigen Erlebnissen erzählt, was mir bewies, dass er einen aufrichtigen Charakter hatte, dem alles falsche Spiel mit der Sünde zuwider war, besonders ein Erlebnis in der Kirche, das er zurückwies, weil er eine ehrliche Lebensführung allein schätzte.

Wir korrespondierten, und zu Weihnachten besuchte er mich in Florenz. Im Februar 1910 habe ich ihn dann, da der Vater einverstanden war, sozusagen aus dem Kloster befreit, und der Prior konnte es nicht verhindern. Mit seinem Köf­fer­chen kam er zu uns ins Hotel, und wir verliessen Genua, zu­nächst nach Lugano, wo ich wieder durch meine Herzneurose zu leiden hatte und daher wieder nach Milano fuhr. Dann machten wir eine Reise zu verschiedenen «Heiligen-Sebas­tian»-Werken, da ich nun doch auch diese herzliche Bekannt­schaft dem San Sebastiano verdankte, und zwar an seinem Altar. Dann waren wir am Lido von Venedig, und ich freute mich an seiner natürlichen, freundwilligen und franken Art, und in einem halben Jahre hatte er, der 16-jährige Deutsch so gut gelernt, dass er ein Gedicht von mir auswendig kannte. Dann fuhren wir über Österreich – wo ich bei Salzburg mit meiner Kusine Anna von Rennenkampf für eine Woche zu­sam­men­traf, in sehr angenehmem und verständnisvollem Verkehr – nach München. Das völlig ungewohnte herrschaftliche Leben mag ihn zuerst etwas aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Aussehen tat er ja wie ein junger Contino oder Graf, aber er musste doch auch sich fügen lernen in neue Zustände, oft auch im Umgang mit deutschen, ihm fremden Ver­hält­nissen. Im Winter waren wir in Florenz und dann an der Riviera in Via­reg­gio in einem schönen Hotel, das im Winter sehr preiswert war. Als ich wieder mal ein paar Tage infolge des «Libeccio»-Windes sehr an den Nerven litt und zu Bett lag, während Gino und Eduard im Speisesaal assen, da erlebte ich etwas Pein­li­ches. Das Zimmermädchen wollte eine Beziehung zu mir, ja ihre Kameradin bat mich direkt, jene doch mal zu mir ins Bett zu nehmen. Daran war ja nicht zu denken, obwohl sie mir nicht missfiel und auch sonst ganz freundlich war. Das Sexuelle war bei mir nie bestimmend, nun gar mit Gefahr von Folgen musste es für mich ausgeschlossen sein, sowohl aus reiner Men­schlich­keit, als auch wegen meiner Lebensaufgabe und den Mitteln. Was mich an meinem 17-jährigen Freunde Gino immer freute, war die Lauterkeit des Empfindens.

1911 entschlossen wir uns dann zu einer eigenen Wohnung im ländlichen Teil von Florenz unterhalb von Fiesole. Gino bil­dete sich immer mehr aus, so dass er später, 1913, sein Frei­wil­li­gen-Examen machen konnte und 1915 im Kriege als Of­fi­ziers­aspirant eintreten konnte und bald Leutnant wurde; er hatte immer ein grosses Bildungsstreben und viele geistigen Inte­res­sen. 1911 machten wir im Sommer eine Reise durch Deutsch­land. Unsere langjährige Berliner Freundin, die wir in Jena besuchten, sagte sofort bei seinem Anblick: «Der reine Anti­nous!» Auf der Reise wurde er oft bewundert. In München äusserte unsere Bremer Freundin, eine Schriftstellerin, er wäre zu schön, um nicht in Deutschland Bedenken zu erregen. Das empörte mich, als ob wahre Schönheit nur sexuell zu werten (oder entwerten) wäre! Ich war doch selbst ein urechter Ger­ma­ne und habe nie so gedacht. Ein natürlich denkendes Kul­tur­volk sollte über so widersinnige und unreine Den­kungs­art hinwegkommen. Darin war Italien ein Vorbild. Und das fühlte auch Gino, obwohl er durchaus deutschfreundlich war und allmählich ein gutes Deutsch sprach. Auch –Italienisch lernte er durch uns, da er zunächst an das Piemontesische gewohnt gewesen war. So lebten wir in unserem Florentiner Heim, bis der Weltkrieg ausbrach, gerade als er sein Frei­wil­li­gen­jahr erledigt hatte. Eduard und ich, die über den Juli in der Nor­man­die gewesen waren, kamen damals mit einem der letzten Züge von Paris nach Basel.

In Zürich erlebten wir die Unruhen des Kriegsausbruches und beeilten uns, nach Italien und Florenz zurückzukehren.

Es gilt nun zu erklären, welche Bedeutung Gino für meine Entfaltung der Malerei gewonnen hatte. Zwar hatte ich auch schon Studien an Fino gemacht, und hatte 1905 das oft be­wun­der­te Gemälde «Fiorenza» gemalt und dann 1908 das Bild, wo der dunkle Adler als Tod den Jüngling Ganymedes in eine andere Welt entführt, während das Hündchen als Erdenrest sich noch an ihn klammert. Aber bisher waren meine Studien des Körpers doch wesentlich an mir selbst erfolgt, dank Auf­nah­men, die Freund Eduard nach meinen genauen künst­le­ri­schen Angaben machte; und es waren darunter vorzüglich gelungene, wie auf der griechischen Reise 1908, und schon 1905 in Pompeji, die wohl beweisen dürften, dass der Leib des Dichter-Künstlers antiken Epheben entsprach und so seinem bildnerisch-geistigen Schaffen dienen konnte. Das galt für Form und Linie und Gestaltung, aber durch Gino, der in jenen Jahren einen ähnlichen Leib besass, ward es mir möglich, auch gründlich die körperlichen Farben zu studieren, auch draussen in freier Luft, im Grünen und am Meere. Da ich, meiner un­be­re­chen­ba­ren Herznerven wegen, nie einen Tag zuvor oder kaum eine Stunde hatte bestimmen können, ein «Modell» zum Studium zu bestellen, ward es für mich eine Befreiung, dass ich nun einen überzeugten, innerlich zustimmenden jungen und schönen Freund zur malerischen Verfügung hatte, sobald Tag und Stunde mir günstig waren. So ward diese Liebe zu einer Förderung grosser Kunst.

Im Frühjahr 1912 besuchte mich meine liebe Schwester Frieda, die ja in St. Petersburg mit ihrem Manne lebte, nun nach langen Jahren der Trennung in Florenz. Es beglückte mich, mit welchem Verständnis diese kluge, warmherzige, feingebildete und natürliche Frau meine bereits entstandenen Gemälde aufnahm und auch mit welch überlegener Güte sie meinem Gino entgegenkam. Sie reiste dann noch nach Rom und Neapel und verweilte wieder bei uns, um dann über Deutschland und Schweden nach St. Petersburg zu­rück­zu­keh­ren. Ich sah sie nie mehr wieder. Durch sie erfuhr ich, wie sich schon damals in den sogenannten «Huliganen» oder pöbel­haf­ten Rowdies der Bolschewismus vorbereitete. Mein älterer Bruder, Direktor der Kaiserlichen Pulverfabrik in Schlüs­sel­burg, durchaus arbeiterfreundlich, hatte das auch beobachten können, wie er mir erzählte, als ich ihn das letzte Mal sah, 1913, mit seiner feinen, hübschen Frau in München: es könnte so nicht lange mehr dauern, und der Umsturz wäre da. 1929 ist er ein Opfer des bolschewistischen Wahnsinns geworden, da Stalin keine überzeugten Christen, wie mein Bruder es war und bekannte, noch als beliebten Arbeitsleiter duldete.

Als der Weltkrieg begann, hatte ich schon, abgesehen von Farbstudien, die Gestalten meiner «Klarwelt» in kleinem For­mat gezeichnet. Diese sind dann von mir in Grösse ver­dop­pelt worden, und dann abermals vervierfacht; dadurch entstand dann die Reinheit und ausgereifte Harmonie der Linien. Der erste Kriegswinter 1914/15 wurde in Florenz ein schwerer für uns.

Gino kam zwar nach dem Einjährigen-Dienst zunächst zu uns zurück, aber die Gefahr, dass Italien gegen die Ver­bün­de­ten des Dreibundes eintrat, wuchs. Nun gehörten wir zwar als Balten zu Russland und zur Entente, aber als Germanen waren wir doch Feindseligkeiten ausgesetzt, da Italien Rasse und Sprache vor allem betont, nicht den Pass. Auf unserer Tür stand mal: «Morte ai Tedeschi», Tod den Deutschen! So ent­schlossen wir uns auf Anraten von Florentiner Freunden, Florenz zu verlassen und in die Schweiz zu reisen. Tieftraurig blieb Gino zunächst allein in unserer Wohnung.

Vom Kriege will ich hier nicht reden, nur von herzlichen Dingen. Gino trat bald darauf, als der italienische Krieg zum Ausbruch kam, ins Heer und reiste an die Front gegen Ös­ter­reich. Leicht war es ihm nicht, da er in uns die deutschen Geistesschöpfer kennen und lieben gelernt hatte. Jede Woche schrieb er mir zweimal von der Front. Ich war stets besorgt um ihn und schrieb ihm aus Locarno ebenfalls jede Woche an die Front. Einmal, als ich ohne Nachricht blieb und Schlimmstes fürchtete, richtete ich ein Telegramm an die Front: wie es ihm ginge, und erhielt auch einen telegraphischen Bescheid des Vorgesetzten, zum Erstaunen eines deutschen Herrn im Hotel in Locarno, der so etwas für ganz vergeblich erklärt hatte. Doch man war dort menschlicher, was ich hier durchaus betonen möchte. Auf seinen Karten hatte er auch stets seinen Gefühlen Ausdruck verliehen, «affettuosi saluti e baci» gesandt: lie­be­vol­le Grüsse und Küsse. Davon sollten auch andere Völker, so meine lieben Deutschen, lernen, dass wahre Kultur in herz­li­cher Aufrichtigkeit besteht und nicht in unwahrhafter Dressur gegen das Gefühl des einzelnen Menschen, wenn er sonst seine Pflicht gegen Volk und Land erfüllt.

Den 7. Juli 1916 ist dann in diesem Weltkriege, wie ich schon erwähnte, mein geliebter Fino auf deutscher Seite für sein Vaterland gefallen. Gino aber wurde damals zum Ober­leut­nant ernannt.

Bei einem Aufenthalt in Zürich hatte ich 1913 eine Frau Margarete von B. kennengelernt, deren Mann Deutsch-Ame­ri­ka­ner war. Sie fasste eine tiefe Zuneigung zu mir. Nun, im Kriege erlebte der Mann, der in Amerika prodeutsch wirkte, ein peinliches Abenteuer, das wohl politisch gespitzelt worden war, um ihn unmöglich zu machen; aber davon schweige ich lieber. Bei Frau v. B. lernte ich einen Knaben Jeanli B. kennen, der mit ihrem Sohne Harald spielte. Da er mir guten Eindruck machte, lud ich ihn ein, um ihn zu malen. Und so kamen wir uns näher, allmählich schloss er sich herzlich an. Die Eltern waren einfache, eher arme Leute, die Mutter eine Italienerin, die Grossmutter ein guter italienischer Typ (an Finos polnische Grossmutter gemahnend), aus der Heimat Tizians und uns bald freundlich gesinnt.

In den Kriegssommern waren wir monatelang in Zürich, und Jeanli, wie er genannt wurde, hat mich dann immer be­sucht, so dass unser Verhältnis sich mehr und mehr vertiefte in Liebe. Wir, Eduard und ich, entschlossen uns, ihm eine bessere Laufbahn zu eröffnen, als die Vormundschaftsbehörde in Zü­rich plante, die die Familie, des erkrankten Vaters halber, un­ter­stützte. Zuerst konnten wir ihn in eine Zeichenschule brin­gen. Er kam dann zu einem guten Architekten in die Lehre und konnte sogar nach Winterthur ins Technikum. Hin und wieder besuchte er uns in Locarno, und ich hatte so auch wieder Ge­le­gen­heit, meine Studien zum Kunstwerk zu ver­voll­stän­di­gen. 1917 verbrachte er mit uns zwei Monate in Lugano. Trotzdem ich manchmal durch meine Herzneurose litt, gab es doch schöne Tage, und eine Dame, die wir noch von Florenz her kannten und die ihn mit uns in der Pension sah, sagte, wie ich es schon erlebt hatte: «Welch ein hübscher Anblick – so schick ist der kleine Freund!» Ja, die jungen Wesen, die sich mir herz­lich anschlossen, hatten immer etwas Feines, ja Adliges an sich, und niemand konnte einen sozialen Klassenunterschied zwischen mir und ihnen empfinden – sie gehörten ja auch in Wahrheit durch inneren Anstand und geistige Interessen zu mir, und der äussere lag ihnen auch ganz natürlich. Herz­lich­keit ist auch eine Überbrückung törichter sozialer Klüfte und Spannungen.

Fünf Jahre hatte diese liebende Beziehung gedauert, und zwar auch von Seiten des Jünglings an werbender Art immer zunehmend, wie seine Briefe bewiesen. Auch der Klarglaube erfüllte ihn damals, und mit 18 Jahren äusserte er, dass er mich nicht überleben wolle. Da trat ein schweres Erlebnis der Wirrwelt aufs neue ein. Der Vater war tuberkulös, die Mutter zart und kränkelnd, und es waren ausser Jean noch vier Schwestern und ein jüngerer Bruder, dazu die Grossmutter; sein Verdienst wurde zu harter Notwendigkeit, die Last von sieben Personen fiel zum grossen Teil auf seine Schultern. Die Hoffnung, in meine Nähe zu ziehen, schwand. Da ergriff ihn der halb verzweifelte Trieb, sich den Verwicklungen zu ent­zie­hen und nach Amerika auszuwandern. Schweren Herzens musste ich auf ihn verzichten, was meine ohnehin schwache Gesundheit zeitweilig noch mehr erschütterte, besonders da wir, Eduard und ich, in Locarno sehr vereinsamt waren, denn für mein warmherziges Empfinden war die sich abschliessende, eher geschäftskühle Umwelt ein hartes Klima in seelischem Sinne, trotz der schönen Lage und des sonnigen physischen Klimas. Es war der geistige Austausch, den wir nach aussen hin vermissen mussten, da wir recht eigentlich zum Wirken veran­lagt und begabt waren.

Ich lernte damals eine sehr sympathische und herzliche Frau kennen, die uns dann in unserer bescheidenen Wohnung aufsuchte und trotz der für sie neuartigen Gemälde un­ver­hüll­ter Gestalten, die schon geschaffen waren, so ergriffen wurde, dass sie darum bat, ihren Geburtstag, der auf Karfreitag fiel, bei uns verleben zu dürfen. Ihr Mann lebte in Buenos Aires und war als Deutscher Argentinier geworden, sie selbst war die Tochter eines hohen Konsistorialgeistlichen in Mecklenburg, Maria H. de B. Wir kamen uns immer näher, und sie half mir auch mit Mitteln, um meiner Kunst zu dienen. Ja, als wir, Eduard und ich, Schweizerbürger des Tessins wurden, was mit hohen Kosten verbunden war, da fand ich eines Morgens im Briefkasten ein Kuvert mit 1000 Fr. als Beitrag zur Ein­bür­ge­rung. Welche edle Art zu helfen! Einmal bekannte sie, als junges Mädchen würde sie gerne meine Frau geworden sein, wenn wir uns damals begegnet wären. Nun war sie ja zehn Jahre älter als ich, aber noch eine liebenswerte Frau, und dabei Mutter von drei Töchtern und zwei Söhnen. Sie war ihrer Gesundheit wegen bisweilen in Europa – und hatte viel rein menschliche Geduld mit ihrem Manne, der sehr ungeniert seinen sexuellen Trieben nachlebte.

Eines Tages sollte ich auch ihre Tochter Elsa ken­nen­ler­nen, die an einen Juristen in Hannover verheiratet war, aber nicht glücklich. Diese Tochter fasste eine lebhafte Liebes­zu­nei­gung zu mir und besuchte mich. Ja, sie wollte mich gerne heiraten und erklärte sich mit meinem vielseitigen seelischen Liebesempfinden einverstanden, das ja eben immer neben dem Sinnesgefühl von herzlicher Wärme bestimmt wurde. Als sie nun zu ihrem Manne heimfahren musste, wollte sie dann sofort umkehren, um mir und meinem Leben behilflich zu sein. Der Vater war selber mit ihrem Gatten unzufrieden und wäre für eine Scheidung gewesen, durch Unterstützung mit Mitteln. Hätte ich zugesagt, so wäre da eine Lösung gewesen, und Eduard würde alles, was mir herzlich hätte wohl tun können, auch in treuer Verbundenheit gefördert haben. Aber da war es die Mutter, die mich uneigennützig warnte, da ihrer Meinung nach ich mit ihrer Tochter nicht glücklich werden könnte. Dann griff auch der ferne Gatte kategorisch ein, und Elsa sah mich nie wieder. Später wurde sie doch geschieden. Mit der feinen Mutter, die viel gelitten, blieb ich befreundet. Herz­lei­dend, wie sie war, ist sie in Argentinien gestorben, nach ihrem Manne, der nicht so reich war, wie er schien und ihr deswegen auch nicht den Wunsch erfüllen konnte, eine Villa zu kaufen, die sie bei Locarno gerne erworben hätte. Ich denke gerne an diese mir herzlich verbundene Frau, die eben leider nicht für immer in Locarno bleiben konnte, wo sie Eduard und mir, die wir uns einsam – wenn auch zwei-einsam – fühlten, viel Liebes erwiesen und von uns empfangen haben würde.

Mit Leidenschaft und Geduld machte ich mich um die Zeit nun an die Ausführung meines grossen Lebenswerkes, der «Klarwelt».

Zuvor muss ich aber noch einer Frau gedenken, die mir durch Jahre in treuer Herzlichkeit verbunden war und sicher auch glücklich gewesen wäre und alles getan haben würde, mich glücklich zu machen, wenn wir zu gemeinsamem Leben gekommen wären. Wir lernten sie 1915 kennen, als wir ihren Bruder Heinrich, der in Florenz Buchhändler gewesen war und im Alter nach Zürich heimgekehrt war, besuchten. Karoline H. – später Lia genannt – tat vom ersten Tage an, soweit ihre angeborene Scheu es erlaubte, alles was sie mir an den Augen absehen konnte. Oft waren wir im Sommer Gäste bei ihr, ja, wenn sie in den Ferien war, durften wir ihre Wohnung be­woh­nen. Nie hat sie es an Güte und Herzlichkeit fehlen lassen, ja, nachdem sie sich in seelischer Grösse mit meiner Beziehung zu Jeanli innerlich verständigt hatte, erwies sie auch ihm alle Freundlichkeit, ja Unterstützung. Auch mich unterstützte sie durch Ankauf einiger Gemälde von mir. Sie war mir in jeder Beziehung sympathisch, ihr – wo sie sich vertrauensvoll geben konnte – quickes, nobles Wesen tat mir wohl. Aber sie war an ihr Modegeschäft in Zürich gebunden und ich – an mein Lebens­werk. Die Verwandten freilich sahen mit Besorgnis ihre Liebe zu mir, denn sie fürchteten, dadurch die allezeit hilfs­be­reite Schwester und Erbtante einzubüssen.

Nur flüchtig erwähne ich eine leidenschaftliche Frau im Tessin, Amalia M., deren Mutter Deutschschweizerin war, und die um mich warb, ja mich einige Jahre jede Woche mal be­such­te; aber sie war im Grunde ein harter, eigensüchtiger Charakter, getrennt von ihrem brutalen Mann, der als Italiener in Südamerika weilte und sie nicht freigeben wollte durch eine Scheidung. Eines Tages nahm diese Beziehung ein jähes Ende, wie das eine Dame, die sie und mich kannte, vorausgesehen, weil sie die Ziele dieser leidenschaftlichen Frau durchschaute. Diese andere Frau war eine gute Künstlerin, schon verwitwet und ganz besonders auf meinen Freund Eduard eingestellt, in wirklicher Liebe, wenn auch zehn Jahre älter als er. Wir haben viele angenehme Stunden mit ihr verbracht, wenn sie auch mitunter von Eifersucht heimgesucht wurde. Sie hatte viel Verkehr und Erfolg als Porträtistin; allmählich gewann Clara Wagner-Grosch auch ein tieferes Verständnis für meine Kunst und die geistige Welt darin. Bis zu ihrem Tode, 1932, blieb sie eine treue Freundin und hat auch testamentarisch in schöner Weise meines noch fehlenden Rundbaues gedacht und mich mit einer namhaften Summe dafür bedacht, gewiss ein seltenes Ding bei einer selbst kunstschaffenden Persönlichkeit, die so oft von Neid geplagt sind. Sie hat da in meinem Sinne ge­han­delt, denn auch mir ist jeder Neid wesensfremd.

Nach der Trennung von meinem jungen Schweizer Freund, der übrigens viele Jahre später geheiratet hat und einen Sohn hat, wandte ich mich mit gesammelter Energie meinem grossen Kunstwerke der Klarwelt zu, das ja seit Jahren vorbereitet war, ganz abgesehen von all den andern grossen Gemälden, die inzwischen entstanden waren und schon eine schönheitfrohe Galerie ausgemacht hätten. Nach all den Studien ging ich nun an die Vergrösserung der Klarweltgestalten und der Voll­en­dung der Gruppen. Für eine der Gestalten diente mir noch einmal ein deutscher Knabe, Walter Sch. aus Frankfurt, der zur Erholung von seinen Eltern zu uns geschickt worden war; es war in der schlimmen Inflationszeit.

Da trat ein neues Ereignis in mein Gefühlsleben. In der kleinen Wohnung, die wir seit 1919 hatten, bediente uns eine junge Tessinerin, die auswärts wohnte, zu der ich aber keine innere Beziehung hatte, nur dass ich ihr aus Gefälligkeit, auf ihre Bitte hin, bisweilen kleine Brieflein für ihre verliebten Stelldicheine aufsetzte. Da musste sie aus Familienrücksichten, nach etwa 3 ½ Jahren, den Dienst bei uns aufgeben, um in ein eigenes Geschäftsunternehmen einzutreten. Das besorgte mich sehr, da es nicht leicht war, eine zuverlässige Person zu finden, was Rina immerhin gewesen war.

Eines Abends, im Januar 1923, brachte jene Rina nun ein anderes junges Mädel zu uns und sagte, dass dieses eventuell bereit wäre, uns zu bedienen. Als ich es sah, hatte ich einen so angenehmen Eindruck, dass wir bereit waren, es mit ihm zu versuchen, obwohl es erst 16 Jahre zählte. Es war noch sehr scheu, aber wie es mir später sagte, hätte es gleich Freude an meinen schönen Bildern gehabt. Es kam aus einer streng ka­tho­li­schen Tessiner Familie, hatte aber durchaus etwas Natür­lich-Warmes, was mich erfreulich ansprach. Und es sollte sich als dauernd erweisen; bald hatte es sich auch an unsere Le­bens­weise und die Verpflegung gewöhnt, doch wohnte es selbst noch bei seinen Eltern. Rita, so nannte ich Margherita Fenacci, sah nun von Tag zu Tag die grossen Zeichnungen zur Klarwelt entstehen, und hat sich wohl im stillen gewundert, da in ihrem elterlichen Heim Kunst völlig unbekannt war. Aber sie fand Freude daran, und teilnehmend staunte sie, wie ich meine Kräfte opferte, öfters leidend, um nur das grosse Kunstwerk weiterzuführen und zu vollenden. Manchmal legte ich mich hin, wenn ich angegriffen war, und stand wieder auf, um weiter zu arbeiten. Einmal zeichnete ich auch die 17-jährige Rita für einen Kopf in der Klarwelt.

Endlich waren die grossen Gestalten vollendet und auf die grossen Papierflächen der Kartons übertragen und teilweise, besonders die Köpfe und Linien, mit Farbstift und Aqua­rell­farben so ausgeführt, dass sie ein deutliches Bild gaben. Ja, diese grossen Kartons wurden gleichsam ein Werk für sich, und später hat ein Schweizer Maler geäussert, dass sie einen wun­der­baren Eindruck gäben, wie lebensgrosse Vasenbilder. Die Grösse ist in Wirklichkeit nur etwa drei Fünftel der Lebens­grösse, aber sie wirken so «wirklich».

Dann ging ich an die farbige Ausführung, und 1924, im Herbst, waren einige grosse Teilstücke soweit auf der Lein­wand gediehen, dass ich mit freundlicher Erlaubnis unserer Malerin-Freundin, Frau Clara Wagner, in ihrem grossen Aus­stellungssaal diese grossen Leinwandbilder in leuchtend lichten Farben, die wie Wandgemälde al fresco oder Tempera wirkten, ausstellen konnten. Da erlebte ich die erste grosse Wirkung auf Besucher. Unter denen war auch der katholische Pfarrer von Minusio, dem Heimatort unserer Rita. Er war so ergriffen, dass er eintrug: «Ich gehe als ein Besserer hinaus, als ich hereinkam.» Ich schuf nun weiter, ein Teilstück nach dem andern, ich sah sie nie zusammen, und jedes fertige musste aufgerollt und weggestellt werden, weil ich keinen Platz für sie hatte – der Raum, in dem ich sie schuf, das kleine Schlaf­zim­mer, gab mir überhaupt nur einen Spielraum von 1 Meter 20 zwischen Fussende des Bettes und der Wand. Fachleute wie Laien haben sich nicht genug wundern können, wie ich unter solchen Umständen das habe leisten können, ein monu­men­ta­les Wandgemälde von über 26 Meter Länge und über 3 Meter Höhe zuwege zu bringen. Die künstlerische Leidenschaft und nicht weniger die Leidenschaft des Gewissens, diese mir, wider meine schwachen Kräfte, gewordene Aufgabe zu erfüllen, gaben mir die Energie, der Materie das abzutrotzen, was der Geist forderte, um sich offenbaren zu können. Und es wurde.

1926 wurde ich von der Stadt Eisenach aufgefordert, dort­hin zu kommen, wo man bereit war, die Heilige Burg für mich zu erbauen, mitten in der Zeit der Erniedrigung ein hohes Werk des Geistes als nationale Tat vollenden zu helfen. Ich ging zunächst darauf ein, einige Teile dort zu Gesicht zu brin­gen. Im alten Schloss wurde eine grosse Holzwand errichtet. Ich wurde mit meinem Freunde Eduard gebeten, im Grand­hotel auf Kosten der Stadt zu logieren. Es verlief zunächst alles sehr schön, sogar die Sozialisten wurden gewonnen. Im stillen setzten aber doch Intrigen ein von Seiten der Künstler, aber besonders von Seiten der Juden, die befürchteten, meine religiöse neue Auffassung könnte durch das Bekanntwerden des Klarweltgemäldes und gar der Heiligen Burg zu Kenntnis und Wirkung kommen und das «Christentum vom ver­derb­li­chen, altjüdischen Einfluss lösen», wie es mir ein namhafter Vertreter des Judentums in Eisenach ausdrücklich sagte. Sie haben es dann vereitelt.

Aber all das führt hier zu weit, nur erwähnen möchte ich noch, dass mir der Oberbürgermeister Dr. Jansen sein Amts­auto zur Verfügung stellte, uns den bestgeeigneten Platz für die Heilige Burg auszusuchen.

Wir kehrten zunächst nach Locarno zurück, wo mir der Pfarrer Don Serafino Danzi sagte, warum ich denn Locarno ver­lassen wolle, dessen Klima meiner zarten Gesundheit güns­tig wäre. Ich sollte doch da bleiben und mein grosses Werk vollenden, das auch hier sicher sei, eine grosse, schöne, er­zie­he­rische Wirkung auszuüben. (Farà una gran bella educa­zione.)

Einen Platz hatten wir schon 1925 erworben, trotz gehäs­si­ger Angriffe. Aber was ich hier schreibe, ist ja mein Weg der Liebe und nicht des Hasses. Doch was ich hier berichtet habe, gehört als eine entscheidende Strecke mit dazu. Wir begannen nun im Herbst 1926 mit dem Bau des Sanctuarium Artis Elisa­rion, als eigene Architekten, nur hin und wieder freundlich beraten vom Architekten O. Tognola, der mein Gemälde­werk bewunderte und liebte.

Eines hatte ich vor Beginn des Baus zur Bedingung ge­macht: dass Rita ganz zu uns überziehen solle und mit uns im Bau leben würde. Wir waren uns ja schon so herzlich nahe­ge­kom­men, dass ich sagen kann: wir liebten uns und freuten uns an gegenseitiger Zärtlichkeit, und Rita war nun 20 Jahre ge­wor­den. So ward nun unser Leben noch gemeinsamer in Liebe. Und mir gab es innerliche Ruhe und Arbeitskraft, sie immer um mich zu wissen, für mich und Eduard mit herzlicher Bereit­wil­lig­keit sorgend. Sie hat ein grosses Verdienst um mein Werk. Das soll ihr unvergessen bleiben.

Es wurde ein ganz eigenartiger Bau, in erhöhter Lage in Minusio, mit dem Blick auf den Lago Maggiore – wie ich es einmal als Knabe geträumt hatte, als nicht die allergeringste Aussicht dafür bestand! Der Bau war auf den Zentimeter für die verschiedenen Gemälde berechnet – so, in den Mitteln be­schränkt, war es wie ein Tanzen in Ketten. Wohl hatte Eduard nach dem Tode seiner Mutter volle Verfügung über das ererbte Vermögen, aber in der deutschen Inflation gingen, für unsere Verhältnisse sehr grosse Summen verloren. Die Säulen für Bau und Hof hatte ich genau erprobt in unserer kleinen Wohnung, und ein verständnisvoller Italiener Pellegrini erprobte auch in Gips nach meinen Angaben die Kapitale, die an Tulpenkelche erinnern. Erst im Frühling war der Bau soweit, dass das Dach gesetzt werden konnte und bald dann auch der Säulenhof: es ergab eine Art ungedeckten Peristylions oder Kreuzganges, der mit der Zeit von blühenden Ranken überdeckt worden ist. Zum August 1927 wurde alles vollendet und der Bau eröffnet.

Im September machten wir dann zur Erholung einen Aus­flug nach Italien, zuerst mit Rita nach Mailand – gleichsam eine erste Brautreise. Wir beide fuhren noch zur Riviera und kehrten dann nach Minusio zurück, wo Rita uns im nun ge­mein­sa­men Heim erwartete.

Ein Jahr lang erlebten wir die Besucher, die über Erwarten gut reagierten, trotzdem die grossen Wandgemälde der Klar­welt noch nicht im geplanten, eben noch nicht errichteten Rund­bau hingen, sondern im Hause verteilt waren: ein Haupt­teil in der Eintrittshalle und ein anderer Hauptteil im Ober­licht­halb­rund im ersten Stock, wo die grosse «Aula» ist mit dem Säulenbogen und dem Ausblick – damals in die schöne Landschaft des Gemäldes mit den lichten Gestalten; jetzt seit Erstellung des Rundbaus (1939) auf die «Vision im alten Dome», dem die erlösten Gestalten flügellos entschweben.

Im zweiten Spätsommer machten wir den Ausflug mit Rita nach Luzern, wo sie zuerst etwas von der Nordschweiz kennen­lern­te; sie fuhr dann heimwärts, indes Eduard und ich noch eine Irreise über den Genfersee und Annecy nach der Adria­küs­te und Abbazia überstanden. 1929 reisten wir mit Rita nach Zürich, während ich noch zu einer Kur nach Wiesbaden fuhr, die ich aber bald aufgeben musste, weil ich dort in der Luft elend wurde; und wir kehrten über Badenweiler heim. In Wies­baden hatte ich im Hotel ein junges, hübsches und sym­pa­thi­sches Mädchen kennengelernt, die mir aus erwidern­der Sym­pa­thie noch ihr reizendes Bild nach Locarno sandte.

Unseren vierten Ausflug mit Rita machten wir dann 1930 über Basel nach Badenweiler, von wo als Erinnerung eine sehr hübsche Aufnahme von Rita und mir an einem besonnten Brunnen mitkam. Dann waren wir noch in Freiburg i. B., wo wir das schöne Theater besuchten, trotzdem Rita wenig deutsch verstand – sprachlich eben weniger veranlagt und aufgelegt, als Gino es gewesen war. So waren Rita und ich einander immer vertrauter geworden, in herzlich natürlicher Liebe verbunden. Nun könnte jemand fragen, warum ich sie nicht offiziell zu meiner Frau machte, da wir doch schon einige Jahre zusammenlebten.

Die Antwort darauf sollte schon klar sein. Gewiss nicht, weil es an Liebesempfinden fehlte, denn die Liebe bestand auf beiden Seiten. Rita, die sich immer herzlich erwies in jenen Jahren, drängte nie zu einer Ehe. Es war auch gar nicht Hoch­mut meinerseits, weil sie aus einfacher Familie stammte, denn ihr Wesen hatte etwas freundlich Gewinnendes, das auch auf Besucher und Freunde einen sehr guten, bescheidenen Ein­druck machte. Nie war sie anmassend im Wesen, blieb aber immer stark mit dem elterlichen Haus verbunden, so dass sie täglich den Ihren Besuche machte. Ich habe sie nie daran gehindert, obwohl ich selber gar keine nähere Beziehung zu ihrer Sippe gewann, wo ihnen all mein Bildungswesen und Schaffen fern stand und blieb. Ich liebte Rita und liebe sie heute noch, wo sie bald 20 Jahre mit mir zusammen lebt. Aber eine Familie mit ihr zu gründen war aus mehrfachen Gründen nicht möglich. Ich bin nie das gewesen, was man homosexuell zu nennen pflegte, sagen wir: überhaupt mehr seelisch als sex­uell eingestellt, obwohl durchaus leidenschaftlich von Natur. Meine erste lebhafte erotische Liebe war ja ein hübsches Mädchen, die Baronesse Agnes gewesen. Und meine Liebes­be­zieh­ungen zu den Knaben und Jünglingen war stets vor allem seelisch-erotisch, etwa wie in der hellenischen Antike, wo der Knabe von seinem Liebhaber auch geistig beglückt und erzogen wurde. Aber ich stammte von zwar edlen Eltern, die mir aber keine robuste Gesundheit mitgaben, dazu kam viel Erkrankung und eine durch die Russifizierung Estlands geplagte Jugend, so dass ich früh die Leiden des Lebens kennenlernte und davor zurückscheute, an einem weiteren leidensvollen Leben durch irdische Zeugung schuld zu sein. Dagegen sträubte sich ein besseres Gefühl in mir, auch da, wo ich das Mädchen liebte. Und dann kam noch die geistige Aufgabe hinzu, die alle meine Kräfte in Anspruch nahm, so dass ich keinen Beruf des Er­wer­bes für eine Nachkommenschaft dauernd erfüllen konnte, besonders noch, seitdem ich durch die Erlebnisse 1893 und 1896 und die Folgen von 1899/1900 so an meinen Herznerven litt, dass der harte Kampf um den Erwerb mit tagtäglicher Verpflichtung einfach unmöglich wurde. Dass ich trotzdem so viel schaffen konnte, dass Menschen, die nur einen Teil meines malerischen Schaffens sehen, ohne den Dichter zu kennen, darüber höchst erstaunt sind, verdanke ich, neben der ein­ge­bo­re­nen Willensenergie, die sich im Glauben an Gott und seinen Auftrag an mich immer wieder stärkte, der Fürsorge meines Freundes Eduard, die er seit dem entscheidenden Jahre 1897 getreu zu beweisen strebte. Er würde mich nicht von einer Eheschliessung abgehalten haben, wenn es sachlich gewis­sen­haft möglich gewesen wäre.

Noch ist mein Leben nicht ganz abgeschlossen, aber ich darf wohl sagen, dass ich Rita nie anders behandelt habe, als ob sie meine rechtmässige Lebensgefährtin in Liebe, Treue und Fürsorge gewesen wäre, bis heute noch. Wir haben noch, als die Mittel reichten, kleine Erholungsausflüge gemacht, so nach Venedig 1932, nach Rom 1933 und dann Jahr für Jahr nach Nervi bei Genua, zuletzt 1939, kurz bevor der Krieg ausbrach.

Rita war nicht nur eine gute, liebende Fürsorge, sie ver­stand es auch, die fremden Besucher meiner Weihestätte der Kunst zu empfangen, obwohl sie das Deutsche nur mangel­haft kannte. Höchst anzuerkennen war es, wie sie die Aufgaben eines grossen Hauses mit solchen Empfangsaufgaben zu ver­ei­nen wusste – zumal wenn Freund Edelwart, wie ich ihn unter Freunden offiziell zu nennen pflegte, zu nötigen Be­sor­gun­gen in die Stadt gegangen war. Sonst war er es, der die Besucher, jeden nach seiner Eigenart, zu nehmen und ins Verständnis einzuführen wusste; ich begrüsste die Besucher erst, wenn sie Verständnis erwiesen hatten. Sprachkenntnisse waren freilich eine Hilfe, einmal, im April 1930, wurden fast zu gleicher Zeit fünf Sprachen gesprochen: deutsch, italienisch, französisch, englisch und russisch.

Wo Rita so mit mir in liebevoller Verbindung lebte, sollte man meinen, es wäre mir ein Leichtes gewesen, auch die weib­liche Leiblichkeit für die Kunst zur Verfügung zu haben. Aber das hatte doch seine Schwierigkeiten, da sie sehr scheu war, etwas darzustellen und gern sagte: ach, der weibliche Körper entspräche nicht der Harmonie eines schönen Jüng­lings­kör­pers und würde eher disharmonisch irdisch zu meinen idealen Schöpfungen wirken. Vielmehr wäre mein eigener Körper noch jetzt diesem Schönheitsideal ähnlich.

Dabei muss ich daran denken, wie es auch in Italien gar nicht leicht war, ein schönes weibliches Wesen als Modell zu finden. Und ich denke dabei auch an eine Zeichnung Raffaels, des erfolgreichen und schönen Künstlers, der zum Studium einer Madonnengestalt einen Jüngling genommen hat, denn auch unter dem Gewände müsste man eine wirkliche Gestalt ahnen und erkennen.

1938 zeigte sich die Aussicht, den Rundbau für die Klar­welt zu erstellen, da ich einen Beitrag für «Arbeits­be­schaf­fung» von der Regierung des Kantons Tessin und vom Bunde erhielt, wie es in Bellinzona die Fürsprache einiger namhafter Tessiner erreichte: des verehrten Priesters Don Serafino Danzi, des Bürgermeisters von Minusio, Grossrat Merlini, des Semi­nar­direktors Professor Ferrari, des Kurdirektors Bolla – für Bern aber der Kantonalbankdirektor Scherz, ohne den ich mein Lebenswerk wohl nie an der vollendeten Stätte hätte sehen können. Ich danke diesen Männern, dass sie durch ihren Ein­fluss mir halfen. Immerhin war die Geldhilfe gering, und wir mussten selber ein bedenklich grosses Opfer bringen, um das zu verwirklichen, was wir in Jahrzehnten erstrebt hatten. 1939 im Juli konnte das Wandgemälde der Klarwelt in den Bau einziehen und windet sich wie ein Reigen um den kleinen, von sechs Säulen getragenen Monopteros in der Mitte. Davor ist ein kleiner, halb- dunkler Raum mit dem Genius des Sieges über Tod und Lüge, mit den Zügen von Fino. Mich selbst malte ich noch für diesen Gruftraum als aufgebahrten Toten, über­schwebt von der eigenen Gestalt in Verklärung. Ich hoffe, in diesem Raum wird dermaleinst meine und Eduards Asche in einer gemeinsamen Urne von dem Abschluss eines grossen Freund­schafts­le­bens reden.

Beim Aufhängen und Anbringen der grossen Leinwandteile im Rundbau half uns mein junger Basler Freund Dr. Hans Diet­schy. Ich muss hier seiner noch ausdrücklich gedenken. Ich lernte ihn kennen, als er etwa 19 war und noch studierte. Er kam zu mir gleichsam als Erbe seines verstorbenen Zwillings­bru­ders Rudolf, der vordem ergriffen bei mir weilte. Hans D. reifte immer mehr in meine Welt hinein, in den geistigen Gedanken des Klarismus mit dessen «trialistischer» Auf­fas­sung der Welten von: Eigenwesen, Wirrwelt, Klarwelt. Er gewann auch immer mehr Einkehr in die Welt des Heiligen Eros, wie er sich als Gotteswirkung in meinem grossen Kunst­werk spiegelt. So durfte ich Nino, wie ich ihn unter uns nannte, als einen liebevollen Getreuen betrachten.

Im Sommer 1940, während des zweiten grossen Krieges, ward mir eine besondere Überraschung der Freude durch den Besuch eines jungen Mädchens, das anmutvoll und geistig lebendig meine Stätte betrat: Nelly Lenz. Schon beim ersten Besuch erwachte ihr Verständnis so lebendig, dass Nelly einschrieb: «Ich suchte ein Kunstwerk und fand ein Wunder: den Glauben an den Höhenflug der menschlichen Seele.» Das war so tief und schön gesagt, dass der folgende Besucher, ein katholischer Ordenspriester und Professor Dr. Frei davon beeindruckt wurde. Auch er hat dann seinem Eindruck tiefen Ausdruck verliehen, mit einem Dank an den Schöpfer des Werkes.

Da ich in Gott den Seelenführer und Seelenverbinder in Freundschaft erkannte, habe auch ich immer versucht: Men­schen zu verbinden; namentlich meine Freunde möchte ich vereint sehen. So forderte ich denn Freund Nino auf, Nelly einen Gruss in ihr Heim zu tragen, wenn er da vorbeikäme. Er kam, sah, und – sie gewannen einander lieb. Und sind seit wenigen Wochen ein Liebes- und Ehepaar. So ward das Sanc­tua­rium Artis ein erstes Mal zum Brautwerber des Heiligen Eros.

Noch muss ich mit Dank und herzlicher Verehrung eines getreuen Schweizers gedenken, der sich seit 1929 wiederholt darum bemüht hat, mein Lebenswerk, das ihn beglückt und mit Liebe erfüllt hat, den Menschen zuzuführen, was gewiss keine leichte und bald dankbare Aufgabe war. Es ist Professor Dr. Karl Matter von Aarau, der einmal sogar eine Gruppe Schüler zu mir führte, wie ich es von vornherein gewünscht habe. Meine Welt war wohl noch zu neu und vielen zu hoch. Die Verbindung von wahrhafter, innerer Freiheit mit geläutertem Schönheitssinn und Adel blieb vielen noch ein Rätsel. Freund Matter wallfahrtete alle Jahre zweimal zum Sanctuarium und mir.

Wie lang wird es noch dauern, bis Europa aus einem Banne erwacht, der die adlige Lebensfreude an der Harmonie der Gestalt wie eingesargt in fremder Tradition hält? die dem Gestaltungsfeindlichen des Mohammedanismus wesens­ver­wandt ist. Die Renaissance suchte sich davon zu lösen, aber es gelang ihr nur halbwegs, und das reine Gewissen erstand noch nicht, das nur aus der freien Verantwortung einer Seele kom­men kann, die sich Gott gegenüber als zwar zu Ihm bestimmt weiss, aber nicht als «Kreatur», sondern «Eigenwesen», dessen Ich im Du und Wir Erfüllung sucht.

Das habe ich in meiner Kunst erstrebt: ein reines, lauteres Gewissen in Freude am Schönen, wo es sich in der Wirrwelt offenbart als Ausschau in eine andere, göttliche Welt: in die Klarwelt. Und ich habe in meiner Weihestätte der Kunst seit fünf Jahren erleben dürfen, wieviele die Sehnsucht in sich erstickt haben, verschüttet haben und sich angesichts meines Werks beglückt fühlten, wie erlöst, wie auferstanden – wenn auch nur für Augenblicke.

Mangel an Mut, um nicht zu sagen Feigheit, ist das arge Hindernis, welches eine weite Wirkung zur Genesung wie vereitelt. Mehr als ein Arzt, ja Psychiater, haben mir gesagt: diese Kunststätte Elisarion ist nicht bloss ein Sanctuarium Artis, sondern auch ein Sanatorium Animae – eine Heilstätte der Seele. Protestanten wie Katholiken, ja Juden haben das gleiche gefühlt, sogar solche, die sich Atheisten nannten. Viele Frauen und junge Mädchen fühlten sich beglückt, innerlich geläutert.

Und hier muss ich sagen, was geradezu eine Tragik in meinem Leben ist: gerade die Homosexuellen – woran bei der ausgeglichenen Harmonie der Übergeschlechtlichkeit meiner Gestaltenwelt solche, die nur haben «Glocken läuten hören», denken oder manche Übelwollende es nachsprechen – gerade diese reagierten am wenigsten gut. Diese Art Menschen in ihrer extrem ungünstigen Anlage waren oft meine heimlichen Fein­de, so dass ich sie ungern bei mir sah. Sie suchen meist nur ihren speziellen sexuellen Typ oder Fall – recht un­künst­le­risch, auch wenn sie Literaten und Kunstkritiker sind; und da sie immer an ein maskenhaftes Scheinleben gewohnt sind, damit man ihre Gefühle nicht errate, so ist ihnen mein klares, un­be­schränktes Wesen wie Schaffen fremd, und sie fürchten ent­schleiert und durchschaut zu werden in ihrer Einseitigkeit. Ich kannte in Rom einen solchen, der sich öffentlich mit zwei­fel­haften Weibern sehen liess, um sich damit ein entsühnendes Alibi zu verschaffen. Traurige Erscheinungen unserer chris­ten­tümlichen Kultur, die den Menschen oft zum Lügner macht, nachdem sie ihn zur Kreatur entwürdigt hat.

Mein Standpunkt war der einer gesunden, unverlogenen Entfaltung auch der männlichen Jugend, und ich habe darin Erfahrung gehabt. Gino ist jetzt glücklich verheiratet und Vater, ebenso Jean. Was das Liebesleben des Menschen an­be­trifft, so ist einzig vernünftig und sozial förderlich eine Er­kennt­nis und Verwertung des natürlich Gegebenen im ein­zel­nen Menschen, gerade wenn man ihn nicht zu einem abson­der­lichen und abseitigen Egoisten machen will. Jede Ver­gewal­ti­gung führt zu Verlogenheit und sozial ungesunder Fehl­ent­wick­lung. Und dahin gehört auch die Tatsache der natürlichen Lie­bes­anlagen des jungen Menschen, die nicht einfach um einer Scheinmoral willen zu einer Schattenpflanze erdrückt werden darf. Bedeutsam ist für den Knaben seine ge­schlecht­liche und damit auch gemütvolle Entwicklung, besonders vom 14. bis 19. Jahr. An eheliche Verbindung ist in unserem Europa in solchen Jahren nicht zu denken, und doch regt sich im Pubertätsalter meist ein lebhaftes Verlangen nach Liebesumgang und Liebe, das nicht mit Phrasen und Schwärmerei zu erledigen ist; eben­so­wenig wie die beginnenden Regeln beim Mädchen weg­zu­be­ten sind – nur dass diese, weil Unwohlsein und nicht Lust erregend, geduldet werden … müssen; während das lustvolle Naturgefühl des Männlichen und seine Äusserung in der falschen Kultur getadelt, ja beschimpft wird, weil es nicht Menschlein, sondern Lebensüberschwang erzeugt.

Das hat man in der Antike des grossen hellenischen Kul­tur­volks, wie bei den Naturvölkern weit besser verstanden – nicht als Dekadenz, sondern als unmittelbare Lebenskraft; für Hellas reden deutlich, nach den Forschungen Hillers von Gärtringen, die frühen Inschriften auf Thera. Heute aber wird die Gestaltung des Körpers und die Freude daran in der Neu-Hellas mit verlogener Scheinfrömmigkeit verdrängt, ja, wie mir ein Künstler in Athen sagte: sie würden als Sünder betrachtet, weil sie nicht nur byzantinisch Unlebendiges malen; und ein Knabe in der Kunsthandlung in Athen erklärte, eigentlich sei es eine Sünde, auch nur die Statuen zu photographieren und die Photographien zu verkaufen. Das in – Hellas! Da spielt nach der langen kunstfeindlichen Herrschaft des Islams auch die Furcht der Geistlichkeit mit: der vielleicht doch vorhandene, eingeborene Drang zu der plastischen Vision der alten Götter – der Lügengötter, wie mir griechische Schulknaben sagten, als ich sie, die mich, den am Skizzieren Sitzenden, umringten, nach Apollon befragte – dieses «Heidentum» könnte doch wieder erwachen.

Der normal wertvolle Knabe, der einmal das Leben wird zu bestehen haben, will einen Helden bewundern oder doch einen reiferen Mann, dem er Verehrung und Liebe zollt. Die Ver­däch­ti­gung solcher Beziehungen ist unsinnig und entstammt dem alten Judentum, das allzusehr das bloss Sexuelle betont und gefördert hat. So musste in unseren europäischen, dem jü­di­schen Geiste hörig gewordenen Nationen das Natürliche ver­ket­zert werden zum Nachteil des sozialen Ganzen; denn was sich nicht in freier Herzlichkeit vollziehen darf, wird zur Käuf­lich­keit und Verseuchung abgedrängt. Und als abweichend wurden nur die einseitig homosexuellen Männer, die meist für einen Knaben gar wenig Verständnis haben, weil er ihnen noch zu «weiblich» ist, als der Kultur Gleichgültige allein bekannt und im Dunkeln halbwegs geduldet. Das ergibt keine sozial günstige Auswertung natürlicher Tatsachen und Lebens­quel­len. Da hinein habe ich Licht bringen wollen, aus dem er­ken­nen­den Glauben an den wahren Gott – Seelenführer, der nicht blosse «Kreaturen» wie Marionetten zu dem oder jenem, zu Ehre oder Unehre «prädestiniert» und antreibt, «um Zorn zu erzeigen», wie Der, den man uns bisher lehrte.

Besonders gefreut hat es mich, dass auch so viele Frauen ein lebhaftes Verständnis für mein Kunstwerk hatten und so den Wunsch offenbarten, dass auch das Männliche zur Anmut und Harmonie des Lebens mit seiner natürlichen Schönheit beitragen möge, und nicht bloss einer falschen Zirkus­männ­lich­keit dienstbar gemacht werde. Gewiss, es gibt Männer, die eine brutale Anlage haben und nur auf das ergänzende Ge­schlecht eingestellt sind, die aber ein hübsches, bekleidetes Mädchen als fade ärgert, wie ich es so erlebt habe; aber das sind doch nicht die meisten, und es ist kein sozialer Grund, noch ein Kulturziel, solche Anlagen der Brutalität noch extra grosszuziehen, indem jede Neigung zu zarterer Empfindung, mehr erotisch als sexuell, irgendwie verpönt wird. Glückliche Ehen und «wohlgeborene» Nachkommenschaft ergibt das nicht.

Verschiedene Frauen und Männer stellten sich als Be­glückte und Bereicherte zu meinem Werk, als einer Läu­te­rung des Liebeslebens, und haben meine «Klarwelt» für eine Quelle der Kraft erklärt, als einen Ansporn zu erhöhtem Lebens­wir­ken; und es waren meist solche, die meine Bücher als Urheber der Klaren Kunde noch gar nicht kannten.

Und doch liegt in ihr das wahre Werk meines Lebens vor, wie Gott es mich hat in Liebe und Leid erleben und vollführen lassen, als Weg zu Ihm.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers

 

Wahrheit oder Dichtung?

Auf dem Meridian von Delos

Normannisches Muttererbe

Aus väterlich geistigem Geschlecht

Baltische Art

Das letzte Jahrhundert meines Zweiges

Die Wahlsprüche meines Lebens

Geburt – ein Opfer der Freude

Mein Vater – des Klugen blinder Glaube

Kind – in der Wirrwelt

Meine Mutter – duldende Liebe

Tante Mathilde von Maydell

Die geistige Freundin des Kindes

Der erste Tod

Heimschulung

Balten – keine Russen

Hinaus ins feindliche Leben

Der erste Schultag!

Der Bühne erster Zauber

Ein heiterer – ein seltener Christ

Karl I. Stuart?

Der Verzicht auf das Krönungsfest

Der Einzug in Schloss Jootma

Wieder in Reval

Erste religiöse Bedenken

Schwere Erlebnisse

Eltern und Sohn

Russischer Machtwahn und Demokratie

Der zweite Tod

Name ist nicht «Schall und Rauche

Wenn Buben reif werden

Erotisch – nicht sexuell

Agi, die Frühgeliebte

Das Jubiläum meines Vaters

Seelenadel

Die arme Dame

Zwischen Jootma und Lechts: Elisar und Agi

Wandlungen

Letztes Schuljahr in Reval

Ich und die russische Welt

Gedanken, die voraneilen

Sankt Petersburg, das alte kaiserliche

Die Lotterie des Examens

Eine Fügung: Eduard von Mayer

Sankt Annen in Sankt Petersburg

Ein schweres Jahr

Vor der Berufsentscheidung

Die Universität und der Idealist

Liebe, Leid und Torheit

In der Familie des russischen Popen

Der einsame Studiosus Juris

Liebesprobleme

Der junge Denker und Seelenarzt

Vor dem grossen Entschluss

Das Elend männlicher Jugend

Neues Erwachen

Dem Schicksal entgegen

Der Auswanderer

Am Tode vorbei

Falsche Heiligkeit

Selbstwerdung

Aus dem Karneval

Über die Alpen

Erster Zauber des Südens

Schwermut in München

Von München nach Estland

Entfremdung

Fernensehnsucht und nahe Liebe

Berliner Universitätszeit

Meines Vaters Tod

Ich lächle dieser Tränenwelt

Die Tragik des Aufrechten

Tiefstand des Lebens

Lebensbund und Italienreise

Ein Intermezzo – Zwischengedanken

Im deutschen Sommer

Eine männliche und mannhafte Arbeit

Ein kleiner Genius

Ein Spielhagenabend

Liebendes Erwachen

Neapel und Pompeji

Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur

Von Süden nach Norden, von Norden nach Süden

Ein Winter in Rom

Der neue Glaube

Ein Mensch wie Du – kein Zerrspiegel

Erlöste und Unerlöste

Rhythmus der Sprachen

Wunderkräfte des Lebens

Fino von Grajewo

Meine Dramenschicksale

Berlin – Kur – und bunte Ferienwochen

Lichte Wochen am Genfersee

Noch ein Versuch in Berlin

Warum ich nicht geheiratet habe

Schwere Prüfungen

Zur Gesundung des Liebeslebens

Die Aufgabe Europas! – oder Untergang

Florenz: ein Haltepunkt meines Lebens

 

Der Weg der Liebe

Elisàr von Kupffer in Florenz
Jeanli
Jeanli
Jeanli