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Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur

Die Bedeutung der Lieblingminne
in Krieg und Frieden

Bericht des Römers Claudius Aelianus in griechischer Sprache
um 200 n. Chr. in «Varia historia»

9 Mit einem Manne, den die Liebe beseelt, wird wohl niemand, der keine Liebe hegt, im Gedränge der Schlacht handgemein werden, wenn der Kampf sie zusammenführt. Denn der Mann ohne Liebe meidet und flieht den Liebe­ent­brannten, da er ungeweiht und dem Gotte (Eros) fremd ist und nur solange tapfer, als ihm sein Mut  geht und sein Körper Kräfte hat: er fürchtet den anderen, da er weder vom Gotte (Eros) beseelt und begeistert ist, und zwar nicht, weil er von Ares entflammt wird, was ihnen gemeinsam ist, sondern eben um des Eros willen. …

Die Jünger des Eros, die sich im Kampfe von Ares an­trei­ben und von Eros entflammen lassen und einen dop­pel­ten Dienst nicht verschmähen, vollführen, wie die Kreter meinen, und wie es billig ist, doppelt glückliche Taten. Also dürfte es wohl niemand tadeln, wenn ein Schwerbewaffneter, der selbst nur von einem Gotte und nicht von beiden gelenkt wird, keinen Kampf mit einem Manne bestehen möchte, der um Ares und Eros willen von Kampfeslust erfüllt ist.

 

10 Über die lakedämonischen Ephoren hab ich auch so viel Treffliches zu berichten: was ich nun ausgewählt habe, das will ich jetzt sagen.

Wenn einer ihren schönen jungen Männer eine reicheren Liebhaber einem tüchtigen, aber armen Manne vorzog, so straften sie (die Ephoren) in am Vermögen und bändigten so gleichsam sein Verlangen nach Geld durch eine Geldbusse. Sie straften aber auch einen an Leibe und Seele vortrefflichen Mann, wenn er keinen schön gewachsenen Jüngling begehrte, gerade deswegen, weil er tüchtig war und doch keinen liebte. …

Denn die Gunst der Liebhaber gegen ihre Lieblinge vermag ihre Fähigkeiten herauszubilden, wenn sie selbst würdige Män­ner sind; übrigens gibt es auch folgendes lakonisches Gesetz: sofern ein Jüngling sich vergangen hat, so berück­sich­tigen sie zwar seine Achtlosigkeit und unerfahrene Männ­lich­keit, den Liebhaber jedoch strafen sie um seinet­willen: denn sie verlangen, dass die Liebenden richten und prüfen, was ihre Lieblinge tun.

 

12 Weder spröde noch hochfahred sind die schönen jun­gen Männer in Lakedämon [Sparta] gegen ihre Lieb­haber, den im Gegensatz zu den anderen Jugendschönen lässt sich das von ihnen lernen. Sie selbst bitten ihre Liebhaber sie zu beleben (εὶσπνεὶν), denn dies ist der lakedämonische Ausdruck, welcher minnen (ἐρὰν) bedeutet. Die spartanische Liebe ist nicht schlecht, den sei es, dass ein Jüngling die Kühn­heit hatte ein Verbrechen zu wagen oder ein Liebhaber eine Gewalttat zu begehen, so war es von keinem von beiden ratsam, in Sparta zu bleiben; denn entweder wurden sie des Vater­lan­des verwiesen oder auch, falls die Tat noch verwegener war, am Leben bestraft.

Varia Historia, III. Buch, Kapitel 9, 11, 12. Übersetzung Elisàr von Kupffer.

 

Anmerkung von Elisàr von Kupffer

ἐρὰν bedeutet im Griechischen, die leidenschaftliche, sinnliche Liebe; es ist daher ganz klar, dass die folgenden Bestimmung, wenn sie überhaupt den Gesch­lechts­verkehr trifft, nur die Vergewaltigung und das Verschweigen einer solchen, sei es aus Schwäche oder im Vorteil meinen kann, wie es auch noch heute Mädchen in abhängigen Stel­lun­gen begegnet. Es durfte also solchen Falls ein Jüngling, dem Gewalt angetan worden war von niemandem, der ihn mit seiner Neigung verfolgte, dies nicht hinnehmen, noch sich bestechen lassen. Etwa wie heute ein freiwilliger Kuss nicht entehrt, wohl aber ein geraubter. Abgesehen von der Unzwei­deutig­keit des Wortes ἐρὰν ist oben auch noch ausdrücklich gesagt, dass die Jünglinge nicht spröde waren. Woraus wohl gesunder Men­schen­ver­stand entnehmen kann, dass sich bei dieser Liebe nicht bloss um eine Unterhaltung über die Wurzeln des Welt­alls handelte. Wenn manche noch behaupten, wie der hierin völlig unbewanderte Otfried Müller (so hochverdient er sonst ist), die Lieblingminne würde irgendwoher eingeführt in Gegenden, wo sie bis dahin noch nicht bekannt war, so zeigt das von vollkommener Unkenntnis der Sache. Dieses Verlan­gen entsteht ebenso wie die Frauenminne ohne jegliches Bekanntmachen damit oder physische Ansteckung – von innen heraus, wo die Natur den Trieb geschaffen hat.

Lieblingminne: Apollo, Hyacinthus und Cyparis, Gemälde von Alexander Ivanow (1834), Tretyakov Gallery, Moskau
Lieblingminne am Bankett des Euaion,
etwa 460 bis 450 v. Chr., Musée du Louvre, Paris
Kouros von Anavyssos, idealisierte Darstellung der männlichen Jugendlichkeit, 530 v. Chr.,
Archäologisches Nationalmuseum Athen
Harmodius, Torso (Auschnitt), Archäologisches Nationalmusem Neapel