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Lieblingminne und Freundesliebe
in der Weltliteratur:
Das Vorwort von Elisàr von Kupffer

Wir leben leider in einer so unmännlichen Zeit, dass jedes Eintreten für männliche Rechte, um von Vorrechten zu schweigen, als eine unmoderne Blasphemie und Herabsetzung der weiblichen Vorherrschaft empfunden und getadelt wird. Damit obiger Satz nicht bloss als eine Phrase dasteht, ist es notwendig auf das Wort ‹männlich› ein wenig einzugehen und, so sonderbar es ist, mit einer auf­räu­men­den Verneinung anzufangen. (Ich bemerke, dass hier nur von einer praktischen Betrachtung die Rede sein kann; eine absolute Definition ist bei den unendlich feinen Übergängen des Lebens vielleicht unmöglich.)

Männlich sein heisst nicht: mit gewissen oberflächlichen Merkmalen versehen oder jeden Sinnes für männliche Schönheit bar sein; heisst auch nicht: in jeder Beziehung roher und ausdauernder als das Weib sein und seine Kräfte in den Dienst der Frauen stellen, um sie vor Gefahren zu schützen und ihren geschlecht­lichen Anforderungen Genüge zu leisten. Nein. Männlich sein heisst: den Kampf mit dem Leben führen unter Ausnutzung aller seiner Kräfte, für ein gedeihliches Dasein wirken, und sollten dabei Gefahren zu bestehen sein. Männlichkeit bedeutet die Wahrung der Selbstbestimmung, der persönlichen Freiheit und des gemeinen Wohls, und letzteres umfasst alle und alles. Als der Mann in den fast aus­schliess­lichen Dienst der Frau und ihres Geschmackes trat, verlor er seine Männlichkeit und behielt nur noch eine Scheinherrschaft. Das Weib hat sich persönliche Rechte errungen, auch im juridischen Leben; gut, mag sie das, so weit ihre persönlichen Kräfte reichen. Aber es ist auch Zeit, dass sich der Mann auf sich selbst besinnt, und, so komisch es klingt: im Angesicht der Emanzipation, der Selbstwerdung des Weibes bedürfen wir einer Emanzipation des Mannes zur Wiederbelebung einer männlichen Kultur; und die ist es, für die ich hier eintrete.

Ich bin nicht so aberwitzig zu verkennen, dass auch wir Männer haben, auch wir haben Schlachten geschlagen, wie 1870, aber dennoch ist ist unsere Kultur jetzt keine gesund männliche. Zur Förderung des männlichen Sinns gehört aber vor allem, dass die Männer sich aneinander anschliessen, dass die jüngeren in nahem Verhältnis zu den älteren stehen, dass der männliche Sinn in steter Übung des Lebens genährt wird. Und das wird niemals dadurch erreicht werden, dass wir bloss unsre Muskeln stählen und uns mit Schlägern zerfetzen und vor den Weibern mit unsren Scheinnarben und unserem kräftigeren Geschlecht prahlen, sie scheinbar beschirmen und stets zu dem Weibe wie zu irgend einem unbehilflichen Gotte aufblicken, dem seine Verehrer das Dasein fristen und vor dem sie doch knien.

Ich bin weit davon entfernt, die Bedeutung des Weibes zu leugnen und, wie Schopenhauer oder Nietzsche, Verachtung gegenüber der Frau zu predigen. Eine solche Geringschätzung findet sieh in der Tat häufig gerade bei den ostentativen Verehrern der Frau. Dieser Widerspruch erklärt sich dadurch, dass die betref­fenden Männer sich in den Banden des Weibes fühlen und ihm schmeicheln, um die Gunst zu erbuhlen, im Grunde aber wohl fühlen, wie viele hohle Phrasen sie machen und wie unfrei sie sind, woher sie dann auch in Augenblicken der Überlegung und der gestillten Lust etwas wie Ekel empfinden. Das ist der Rest des männlichen Sinnes, der sich gegen seine Erniedrigung aufbäumt.

Das Weib ist in erster Linie als Mutter ein bedeutender Faktor des Lebens; und wer mit gänzlicher Verachtung vom Weibe spricht, der hat gewiss jene wunderbare Regung des menschlichen Lebens, die echte Mutterliebe, nicht gekannt, die auf das ganze Dasein eines Mannes einen unendlichen Zauber auszuüben vermag, selbst noch in der Erinnerung. Man denke an den Helden Coriolanus, den nur die Bitten seiner Mutter erweichten! Aber auch als Gattin, Freundin und Mädchen ist das Weib eine Blüte, die ich keineswegs aus dem Garten des Lebens verbannt wissen möchte, im Gegenteil. Wer sich die Mühe macht, mehr als einen Blick in die frühen Jugendgedichte (1895) des Herausgebers zu werfen, wird sich davon überzeugen, dass er wahrlich kein Feind weiblicher Tugenden, Anmut und Reize ist.

lm Anschluss daran muss ich gegen die ganze neuere Richtung Stellung nehmen und die kränkelnde Prinzipiensucht unsrer wissenschaftelnden Zeit bekämpfen. Es ist nun mal in human-wissen­schaftlichen und anderseits in nahbeteiligten Kreisen Mode geworden, von einem ‹dritten› Geschlecht zu reden, dessen Seele und Leib nicht zusammenstimmen sollen. Der hannöversche Jurist K. H. Ulrichs, allerdings ein mutiger und ehrenwerter Charakter, aber nicht gerade umsichtiger Kopf, hat gar für dieses dritte Geschlecht, zu dem er sich selbst zählte, eine Bezeichnung erfunden; dieses Wort ‹Urning› (von Venus Urania), ‹urnisch› hat sich wie eine verallgemeinernde Epidemie verbreitet. Es ist von wissenschaftlicher Seite aufgenommen worden, so von dem bekannten Psychiater Professor Freiherrn von Krafft-Ebing in Wien. Die Sache ist untersucht, bekrittelt, klassifiziert, hypnose­mediziniert, popularisiert und Gott weiss was worden. Es haben sich zuletzt Leute daran gemacht, die mit frommen und unfrommen Sensationen ihr Schäfchen bei der Sache scheren wollten; kurz, wir haben einen ganzen Wust von krankhaften und albernen Geschichten, die unsrer Kultur zu nichts fruchten. Und was das Verdriesslichste dabei war, die Spitzen unsrer ganzen Mensch­heits­geschichte wurden dabei verzerrt, so dass man diese reichen Geister und Helden in ihren urnischen Unterröckchen kaum wieder erkennen mochte. Auf der andern Seite, besonders der philologisch-historischen, die natürlich so etwas anekelte, fuhr man munter mit der Fälschung der Tatsachen fort, die man euphemistisch ‹Ehren­rettung› nennt. Auf der einen Seite ein Verkleinern und Verzerren, um nur das Mitleid der Gesetzgeber und Richter zu erbetteln; auf der andern Seite ein Fälschen und Unterdrücken, das nicht weniger schlimm als Banknotenfälschung ist. Und nun gar die Partei der Schimpfenden, die teils aus Unwissenheit, teils aus Bosheit ihre Lauge ausgossen! Musste da nicht einem gesunden Manne, der noch einen Funken ehrlichen Sinns für Wirklichkeit und Geschichte hatte, der Ekel ergreifen?!

Es ist nachgerade eine moralische Pflicht geworden, in all dieses Krank­heits­gedusel und diesen Sumpf von Lügen und Unflätigkeiten einen Sonnenstrahl aus der Wirklichkeit unsrer historischen Entwicklung fallen zu lassen. Wahrlich, es ist keine dankbare Aufgabe, wenn man sich dessen bewusst ist, mit wie viel Unwissenheit, Böswilligkeit und Feigheit man dabei zu kämpfen hat. Es ist weit leichter, die Dinge gehen zu lassen, wie sie gehen, und ungestört seinen Neigungen im stillen zu leben. Aber, wie ich sagte, wo es sich um das gemeine Wohl, um eine gesunde Kulturentwicklung und um persönliche Freiheit handelt, da verlangt der männliche Sinn, dass wir handeln und reden, ohne feige Besorgnis.

Was ich unter Kultur verstehe? Die Möglichkeit des Auslebens unserer Triebe und Kräfte, doch ohne Gewalttätigkeit. Nichts liegt mir ferner, als eine Erlösung durch das Übermass Sinnengenusses zu predigen, gerade in der wiederholten, frei­wil­ligen Beschränkung und Zügelung seines Selbst wird man zum Meister, aber ich möchte auch die Worte des griechischen Weisen wiederholen: «Es zeugt gewiss von Männlichkeit, über die Sinnenfreuden zu gebieten, ohne ihnen zu unterliegen, nicht aber sich ihrer zu enthalten.»

Wir leben – wie immer – in einer Welt der Schlagworte, bei denen man nicht weit denkt. Man hört von Dekadenz und Verfall und tauft damit, ohne erst nach dem Sinn der Worte viel zu fragen. Was heisst denn Verfall? Das Absterben der Lebenskräfte, die Unfähigkeit, den Kampf mit dem Leben zu führen, die Sehnsucht nach der Auflösung, Zersetzung. Nur wo wir das finden, dürfen wir von Verfall reden. Und da kommen gewisse Leute, um hier keinen Namen zu nennen, und sagen: die Lieblingminne ist Ver­falls­erscheinung. Warum? – – Hat etwa Sophokles seine Stellung im Leben nicht ehrenvoll erfüllt, hat er nicht kulturell, ja moralisch gewirkt? Hat Alexander der Grosse den Kampf mit dem Leben gescheut? Ja sogar zeitlich ist jene Behauptung eine historische Unwahrheit, da sich in den Anfängen der Volksgeschichte die Lieblingminne findet. Und ich erinnere an Theognis und Pindar; haben sie nicht beide zu Ehren des Vaterlandes und der Kultur gewirkt? ja sogar eine Nachkommen­schaft haben die meisten in die Welt gesetzt, obgleich das bei solchen Männern wahrlich nicht das grösste Verdienst ist. Und da wagen es die einen, zu deuteln und zu drehen und gar zu fälschen, und die andern suchen ängstlich nach einen Anzeichen des dritten Geschlechts, nach einer rein weiblichen Seele in der armen männlichen Hülle. Da könnte ein Gott ungeduldig werden! Wozu soll das sein?! Wer die reiche Natur mit offenen Augen nicht sieht und hinnimmt, dem hilft auch keine Brille.

Und um von Männern aus christlicher Zeit zu reden: hat, Shakespeare nicht die Kräfte seines Lebens erprobt und die Kultur für immer bereichert? Es gibt absonderliche Käuze, die es für unmöglich und unwürdig erklären, dass ein so hochstehender, reifer Mann wie Shakespeare um die Gunst eines jungen Mannes wirbt – eines feingebildeten jungen Mannes, der ihn versteht und durch seine jugendliche Frische mit Jugend belebt. Und dieselben Herren geben ihre greisen Köpfe dem Gespötte preis, indem sie zu den Füssen einer jungen Schönen liegen, die sie auslacht oder ihnen die Hand reicht, um sie etwa in guter Situation zum Hahnrei zu machen. Mir scheint das eine Tragikomödie.

Und Friedrich der Grosse, jener einzige Mann? Wahrlich, der ist keine Ver­falls­erscheinung, er, der gegen eine Welt von Feinden das Fundament des heutigen Deutschen Reiches schuf. Nein, er ist der männlichste Mann der Tat, obwohl er einen Cäsarion liebte und sich nicht zu einer Staatsmaitresse verpflichtet fühlte. Freilich es gibt ja Leute, die es für allerliebst halten, wenn ein Monarch einem Dienstmädchen eine gefallene Sache aufhebt, bloss weil sie ein Weib ist – so las ich es in einer grossen Zeitung, die allerdings mehr amerikanisch-pariserisch als deutschen Geistes ist. Es ist auch kaum zu verwundern, wenn solche Halbmänner keine Vorstellung von der Würde eines Monarchen haben, dieses ersten Mannes im Staate. Der Monarch ist, wenn er seine Stellung wirklich erfüllt, die Per­soni­fizie­rung der Kraft einer Nation, der natürliche Vermittler aller Parteien. Er ist der Schirmherr der vornehmen Minderheit gegen die Flut von unten, er ist aber auch zugleich die Stütze der wirtschaftlich Schwächeren gegen die starke Minderheit, denn das übergrosse Anwachsen dieser gefährdet seine Machtstellung. So ist die Person des Monarchen der ausgleichende Faktor der sozialen Interessen, dessen Macht nicht so sehr gebunden sein darf, dass seine Wirkung gehindert wird. Der kraftvolle Monarch hat auch kein Wort zu fürchten, wenn er in männlichen Herzen wurzelt. Aber die Zeit, die so gern von der Frau beherrscht wird, versteht keinen männlichen Monarchen; man lechzt nach dem Geschwätz von Demagogen und nach den salbungsvollen Phrasen von Parteiegoisten, wie nach dem gebietenden Geplauder der Salondamen. Es ist verpönt geworden, sich um männliche Kraft und Huld zu bewerben. Ich für mein Teil halte es für würdiger, einem Monarchen, dem Vertreter einer ganzen nationalen Kraft, dem Erben einer machtvollen Vergan­gen­heit, die Hand zu küssen, als einem Dämchen Soundso. Was soll der prunkende Stolz vor Thronen, wenn die Herren doch jämmerliche Pantoffelhelden sind! Ja, das ist eher Verfall.

Und wenn wir einen Frauen und Krankheitssüchtigen, wie Felix Dörmann, mit dem Grafen August von Platen vergleichen, oder diesen wiederum auch mit seinem taktlosen Gegner Heinrich Heine, dem zynischen Frauendichter – wer ist wohl da der Männliche? Man höre jene Verse von Dörmann:

Ich liebe die fahlen und bleichen,

Die Frauen mit müdem Gesicht,

Aus welchen in flammenden Zeichen

Verzehrende Sinnenglut spricht.

Ich liebe, was niemand erlesen,

Was keinem zu lieben gelang:

Mein eigenes, urinnerstes Wesen

Und alles, was seltsam und krank.

oder:

Auch meine Seele wurde krank geboren,

Ihr fehlt die Lust, die Kraft, der Mut zum Leben.

Und Heine ist ja sattsam bekannt. Wer daneben die meist kraftvollen Poesien Platens stellt und mit gesundem Verstande liest, dem wird es wohl nicht schwer fallen, zu sagen, wer hier der Männlichere, Moralischere und auch der Gesündere ist. Gerade Graf Platen, der offener als irgend einer seine Liebe zu Jünglingen bekennt.

Wenn alle jene Grössen unsrer politischen und kulturellen Geschichte so schlecht, so verlumpt oder so krankhaft waren, ja warum preisen wir sie? Warum stellen wir ihnen Denkmäler, warum füttern wir die Jugend mit ihren Werken? Ist das nicht eine jämmerliche, unmoralische, unchristliche Verlogenheit? Es ist eine unmännliche Feigheit, eine Rückgratschwindsucht, an der wir kranken. Und nun gar das Verdrehen und sinnlose Deuteln! Ich will es gewissen Leuten nicht ver­denken, wenn sie von wirklichen Dichtern und Männern behaupten, sie arbeiteten in Nachempfindung oder auf Bestellung. Wie könnte man auch von Menschen, die nicht aus eigener Erfahrung wissen, was innerstes Schaffen ist, erwarten, dass sie da nicht auf Holzwege geraten, wo es sich um Beurteilung eines so ursprünglichen Gebietes handelt. Ein wahrer Dichter schöpft nur aus seinem Herzen und Empfin­den, und sollte es auch scheinbar Anlehnung sein, es klang dann eine verwandte Saite in seiner Seele wider.

Wenn es in der Tat erwiesenermassen der Fall wäre, dass die Lieblingminne (und Freundesliebe) dem Staate, der Gesundheit, der Moral schädlicher werden könnte als die übliche Frauenminne, wenn beide nicht über das Mass gepflegt werden, so wäre ich der ersten einer, der für ihre Einschränkung wäre. Gewiss, der Staat ist um der Menschen willen da, nicht umgekehrt; aber wir brauchen den Staat, denn trotz aller Humanität homo homini lupus – ist der Mensch im Kampf mit dem Menschen, und da ist nichts zu jammern, denn so ist's von Natur. Darum ist der Staat und sein gesundes Gedeihen als eine natürliche Notwendigkeit zu schätzen. Also nur was fördert und gesund und stark macht, wollen wir fördern. Und gerade deshalb und nur, weil ich das nahe Verhältnis von Mann zu Mann, vom Manne zum Jüngling, vom Jüngling zum Jüngling für ein starkes Element des Staates und der Kultur halte, habe ich mich im Interesse des gemeinen Wohls und der persönlichen freien Entwicklung dieser schwierigen Arbeit unterzogen.

Jeder vernünftige und überlegende Mensch muss sich doch fragen: Kann das ein Zufall sein, dass soviel hervorragende Vertreter unsrer Kulturgeschichte diese Neigung und diese Liebesverhältnisse gepflegt haben oder wenigstens, wo sie selbst noch in de Wahn ihrer Zeit befangen waren, von dieser Neigung beherrscht wurden? Erklären wir sie für abscheulich, so müssten wir uns vernünftigerweise mit Abscheu von ihnen abwenden und unsre Kultur auch für die Zukunft vor­nehmer, lebenskräftiger Elemente berauben. Wozu dient es aber, wenn wir soviel Träger der Kultur für halbverrückt erklären? Was haben wir dabei gewonnen, wenn ein grosser Teil unsrer Kultur eine Stiftung von Tollhaus­kranken ist? Was soll uns die Sucht der geistreichelnden Psychiater wie Lombroso?! Es ist eine Krankheit unsrer Zeit, um jeden Preis originell sein zu wollen. Alle Kritik hascht danach, einem Nachahmung vorzuhalten, wenn sie einem eins auswischen will. Daher das Verlangen vieler, sich etwas ganz Apartes auszutüfteln, daher diese Kleinkrämerei und Zerfahrenheit, daher dieses Spüren nach Krankeitsymptomen. Je spezia­lisierter, absonderlicher, müder, stammelnder, je sensitiv-kleiner, blass-blümeranter, niedriger und ärmer eine Erscheinung ist, desto eigenartiger, desto bewunderter. Ich frage nochmals, wozu dient uns solche Krankheit- und Absonder­lichkeithascherei? Das ist den Tonangebern von heute ja gleich, denn wir haben keinen Gemeinsinn. Jeder ist seine Welt, sein kleines Selbst und kommt sich dabei ungeheuer wichtig vor. Da stehen wir wieder vor zwei Schlagworten: objektiv und subjektiv. Das eine soll antik und veraltet, das zweite modern und neu sein. Als ob die Antiken nicht ebenso persönlich empfanden! Wie unterscheidet sich ein Pindar von einem Euripides! Wie ein Aischylos von einem Aristophanes! Jene Männer waren mit einer männlichen Seele begabt, davon zeugen ihre Taten; und der kleine Aberwitz der Feinde und falschen Freunde kann ihnen nichts anhaben. Es ist wie ein Zirpen der Grillen an Pyramiden.

Nun zur Bedeutung der Lieblingminne. Ich bemerke, dass dieses Wort eine Neubildung von mir ist; ich musste ein Wort finden, das – bis jetzt – noch nicht im Munde der Leute beschmutzt worden ist. Einen Doppeltitel wählte ich, um durch die «Freundesliebe» anzudeuten, dass sich in dieser Sammlung manches findet, was weniger den bewussten Charakter der Minne trägt, manches, wo dieses Gefühl vielleicht unbewusst unter der Oberfläche pulsiert. Jede Erscheinung des Lebens, die unterdrückt wird, artet im Verborgenen zu einer hässlichen Schattenpflanze aus. Es ist daher die Aufgabe eines vernünftigen Staatswesens, alles, was nicht Gewalttat wider den Staat und das Gemeinwesen ist, wie Mord, Raub, Diebstahl usw., an die Sonne des öffentlichen Lebens zu ziehen. So auch das innige Verhältnis von Mann zu Mann. Erste Bedingung ist dabei freilich, dass das Straf­gesetzbuch keinen beschmutzenden Paragraphen dagegen enthält, es sei denn gegen einen Gewaltakt. Das ist wohl die Grundlage einer gesunden Entwicklung, genügt aber noch nicht: wir sehen das praktisch im heutigen Frankreich und Italien, wo die Lieblingminne Gesetzesfreiheit geniesst und doch zu keiner Kulturblüte gelangt, mithin dem öffentlichen Leben nicht dienstbar geworden ist. Es handelt sich nicht darum, die Augen vor einem Laster zuzudrücken oder eine Unzurechnungsfähigkeit zu dulden. Das ist eine fruchtlose Halbheit. Es handelt sich vielmehr darum, Nutzen zu ziehen aus einer Erscheinung des Lebens. Es liegt mir ferne, hier dafür Stimmung zu machen, dass die gesetzgebende Regierung sich gewisser ‹Enterbter› des Lebens erbarme, die von der Natur stiefmütterlich behandelt seien; nein, mir liegt es daran, darauf hinzuweisen, dass wir uns eine Quelle der Kraft entgehen lassen.

Ja, eine Quelle der Kraft: das können diese Verhältnisse sein. Wenn wir mit offenen Augen in der Geschichte blättern, werden wir auch Beweise dafür finden. Obenan steht das alte Griechenland, um nicht töricht von der Antike zu reden, denn Römer und Griechen gleichen einander wie Franzosen und Deutsche. Die Griechen waren gewiss kein tadelloses Idealvolk. Wo gäbe es ein solches! Wer aber behauptet, diese Liebe wäre daran schuld gewesen, dass sie politisch zu Grunde gingen, beweist nur, wie wenig er die Geschichte kennt oder kennen will. Es wäre das ebenso töricht, wie zu behaupten, dass Christus an den Greueln des Christentums schuldig sei. Die Zerfahrenheit, die Spaltung und die wachsende demokratische Verständnislosigkeit für grosse Politik und grosse Männer, sowie das Wachsen äusserer Mächte (Makedonien und Rom) wurden am Untergange Griechenlands schuld. So ging auch die frühere Grossmacht Schweden durch Preussens und Russlands Wachsen zurück. Und welches Volk wird nicht zuletzt zur Geschichte? Gerade in der Zeit des Verfalls verschwindet in Hellas die Liebling­minne als ehrlicher, staatlicher Faktor, gleichzeitig mit dem Zerbröckeln aller alten, grossen Institutionen. Dass es sich nicht um Verführung von Kindern handelt, versteht sich von selbst. Es ist auch in Griechenland nicht der Fall gewesen. [1] Es ist auch ganz willkürlich und nur eine Folge unsrer Gewohnheiten, wenn jemand behauptet, die Hingabe vertrage sich nicht mit dem Ehrgefühl des Mannes; sie hat sich stets damit vertragen bis heutigen Tages. Aus welchem absoluten Geiste lässt sich so etwas heraustüfteln!

Und gerade bei uns Deutschen, die wir trotz allem den Griechen am nächsten stehen, trifft sich das innige Verhältnis vom Mann zum Manne, welches in der Liebe seinen höchsten Ausdruck findet. Aus Frankreich, von den provenzalischen Höfen kam jene abgöttische Frauenverehrung, die durch den Marienkultus ihre Weihe erhielt; von dem Hofe des deutschen Erzfeindes Ludwigs XIV. und des Mätressenkönigs Ludwigs XV. ward die Abgötterei des Weibes diktiert. Noch heute heisst es ja, der Deutsche sei nicht so galant wie der Franzose, will heissen: der Deutsche hat noch nicht seinen Rest von Männlichkeit verloren, er sieht im Weibe die Genossin, nicht die Herrin, und im Freunde noch den Genossen. Mag man darüber spotten jenseits und diesseits des Rheins, die Siege sprechen für die Deutschen. Der galante Soubise nahm Reissaus vor dem männlichen Hohenzollern Friedrich, der so innig und zart um seinen Cäsarion zu klagen wusste.

Im Kriege wie im Frieden können diese Verhältnisse von hoher moralischer und staatlicher Bedeutung sein. Wie die Dinge jetzt liegen, betrachtet der Mann den Mann hauptsächlich als Konkurrenten um den Beutel des Dritten und als Neben­buhler um die Gunst einer Schönen oder den Beutel einer Unschönen. Höchst selten findet eine nahe, innige Einwirkung von Mann zu Mann statt, und gerade das ist die beste männliche Erziehung. Was fruchtet es, ob wir soviel mehr oder weniger in der Schule uns eintrichtern, wenn wir nicht praktisch für den Kampf des Lebens durch die Liebe Erfahrener geschult werden? Unpersönliche Ermahnungen wirken nur allzu wenig auf den Knaben oder Jüngling, der dabei doch kein Herz schlagen fühlt. Wie schädlich wirken nicht solche Erzieher und Lehrer der Jugend, die ohne Herz, ja oft mit Bosheit ihre Weisheit den Knaben auskramen! Wer die Knaben nur als Schulobjekte betrachtet, ja wer sie nicht lieben kann, wird ihnen fast nie ein förderlicher, anspornender Lehrer sein. Und das merkt die Jugend.

Was denken sich die weisen Lehrer und Eltern von der männlichen Jugend, die doch erst meist in der zweiten Hälfte der Zwanzig oder gar später zur Heirat schreiten kann? Wenig oder nichts. Wer denkt daran, wie viele ihr Nervensystem schädigen, weil man auf ihre natürlichen Funktionen keine Rücksicht nimmt, die doch ihren Weg gehen müssen, und bald in Selbsterschöpfung, bald bei der verseuchten Käuflichkeit ihre Befriedigung suchen müssen. Wie lange soll diese Nichtachtung der von Gott geschaffenen Natur die Nervosität und Verseuchung der Geschlechter bis ins Grenzenlose steigern! Statt den Forderungen der Sinne und des Gemüts mit offenen Augen in massvoller Weise gerecht zu werden, lassen wir sie im Dunklen wuchern, um unsrer trägen Beschränktheit den gewohnten Lauf zu lassen. Wir ignorieren und leugnen, was doch da ist, oder erheben ein untätiges Klagegeschrei über geheime Sünde und Verderbtheit.

Im offenen Anschluss aneinander muss sich die Jugend der Jugend freuen. Im Anschluss an einen andern verlernt der Mensch nur an sich zu denken; in der Liebe und Fürsorge und Belehrung, die der Jüngling von seinem Liebhaber erfährt, lernt er von Jugend auf die Wohltaten der Hingebung kennen; in der Liebe, die er erweist, bei den kleinen und grossen Opfern eines innigen Verhältnisses gewöhnt er sich an die Hingabe seiner selbst an einen andern. So wird schon der junge Mann zu einem Glied des Gemeinwesens herangebildet, zu einem nützlichen Glied, das nicht nur sich und immer sich im Sinne hat. Wieviel naher verwächst da der Einzelne mit dem Einzelnen, so dass das Ganze sich in der Tat als Ganzes fühlt. Heute scheint das vielen lächerlich, weil sie von ihrer Selbstsucht nicht lassen können. Unsre studentischen Verbindungen haben ihre nationale Aufgabe erfüllt und sind nur noch von geringem äusserlichen Nutzen für das Gemeinwesen, mögen sie auch nebenbei manches treue Verhältnis fördern. Meist steht doch der eine dem andern wie einem eventuellen Feinde gegenüber, den er fordern muss, sobald ihn ein schiefer Blick trifft; es ist stets ein Bürgerkrieg im Kleinen, der im Keime da ist, und das ist dem Staate wahrlich nicht förderlich.

Der raue Verkehr von Mann zu Mann erstickt die Keime einer feineren Kultur und lässt jenen Unteroffizierston aufkommen, der wenig zur Veredelung eines Volkes beiträgt. Ich muss an das Gespräch denken, das der weise Solon mit dem Barbaren Anacharsis bei Lukianos führt. Der Skythe denkt es sich etwa so, wie es bei uns hergeht, und Solon lehrt ihn die Bedeutung der ästhetischen Erziehung Athens. Die Frauen selbst könnten nur dabei gewinnen, wenn die Männer ein feiner geschultes Gemüt mit sich brächten.

Das enge Verhältnis zweier Männer bewirkt ferner, dass man unwillkürlich und nicht ohne Grund von dem einen auf den andern schliesst; ist also der eine achtbar und ehrenwert, so wird ihm naturgemäss daran liegen, dass auch der andre ihm nicht Schande bereite. Es entsteht somit ein Band der moralischen Verant­wort­lichkeit in Bezug auf die Tüchtigkeit. Und was kann dem gemeinen Leben förderlicher sein, als wenn sich eine einzelnen Glieder für einander verantwortlich fühlen? – Das ist es doch, was den nationalen Sinn ausmacht, die Kraft eines Volkes, dass es ein in sich geschlossenes Ganzes ist, wo eins sich im andern angegriffen fühlt. Solche Verbindungen können von höchstem sozialen Werte sein, wie es die Familie ist. Gerade in der Stunde der Gefahr erprobt sich die Wirkung dieser Geschlossenheit, denn wo einer mit dem andern steht und fällt, wo die Opfer­freu­dig­keit, im kleinen geschult, gleichsam zum warmherzigen Instinkte wird, da gibt es eine Macht von unberechenbarer Bedeutung, eine Macht, die nur die Torheit gering achten kann. Die stählende Kraft dieser Bündnisse hat sich ja auch schon praktisch erwiesen, wie in der heiligen Schar der Thebaner, die den Sieg von Leuktra erfocht (vgl. Plutarch, Epaminondas und Flaubert). Dies erklärt sich doch wohl auf höchst natürliche, psychologische Weise: wo jemand sich mit Leib und Seele dem andern verbunden fühlt, sollte er da nicht alle Kräfte anspornen, um ihm förderlich zu sein, um ihm diese seine Liebe auf jede Weise darzutun? Wer das nicht einsehen kann und mag, dessen Verständnis oder guten moralischen Willen dürfte man mit Recht anzweifeln. Natürlich wird es immer Subjekte geben, die allein dem grossen Egoismus und einzig der Befriedigung ihrer nächstliegenden Instinkte huldigen. Diese Elemente werden wir nie ausrotten, mit ihnen haben wir immer und unter allen Gesetzen zu rechnen. Es ist aber, gelinde gesagt, eine Torheit, nach den schlechten Elementen die guten zu beurteilen. Da ich hier nur eine Einleitung geben will, möge der Leser sich die weitere Erläuterung in der Sammlung selbst suchen.

Nur noch einen Blick vom christlich-religiösen Standpunkte. Es hiesse die Seele des Menschen verkennen, wollte man nicht mit der Religion Christi rechnen. Die Religion überhaupt ist ein Bedürfnis der Menschen. Daher ist es nicht zu ver­mei­den, dass auch der Staat und die Regierung auf sie Rücksicht nimmt. Die völlige Trennung von Kirche und Staat ist schon aus dem Grunde nicht gut möglich, weil die Regierenden selbst doch Menschen sind mit religiösen Bedürfnissen. Was ist denn Religion? Die Art und Weise, wie wir uns mit dein Leben aus­einan­der­setzen, mit dem Werden, Wachsen und Vergehen. Es ist eine Weltanschauung, die für den Einzelnen zur Welterlösung werden kann. Bei uns ist die Person Jesu Christi der Brennpunkt einer solchen Religion. Es ist neuerdings Mode geworden, mit tönenden Worten und einem aufgeklärten Achselzucken über das ‹Christliche› hinweg­zu­gehen. Man kommt sich dabei so frei und vorgeschritten vor. Aber «es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten»! Wer mit seiner Unabhängigkeit prahlt, gemahnt mich stets an einen freigelassenen Sklaven, der im geheimen noch den Druck der Fesseln spürt. Wer innerlich frei geboren ist, kann auch in den Schranken einer überkommenen Weltanschauung freier sein, als jener. Man kann ein Christ sein und doch vorurteilsloser und ehrlicher sein, als ein Atheist und Freidenker, wie etwa ein Schopenhauer, der gewiss die Antike und Geschichte kannte und doch sich dazu hergab, eine beschränkte Unwahrheit zu schreiben, die sein Wissen nicht verantworten konnte, indem er diese Neigung einzig dem Alter zuschrieb und das einer spekulativen Konstruktion zuliebe, Erscheinungen, die in der Geschichte der Menschheit ergraut sind, kann man nicht mit einigen Phrasen in die Rumpel­kam­mer werfen; mann muss sie behutsam sichten und klären. Es ist wahr, wir haben mit dem heutigen Christentum zu rechnen, das im ganzen nur ein Zerrbild ist. Das ist das Los aller Ideale, dass sie zu Zerrbildern werden. Wenn wir das alles christlich nennen wollten, was im Laufe der verflossenen anderthalb Jahrtausende geschehen, es wäre lächerlich. Fast die ganze Geschichte des Christentums ist ein Protest gegen die Persönlichkeit Christi. Hass und Verfolgung, Blutvergiessen und grausame Kämpfe, ein gegenseitiges Zerfleischen ohne Schonung des Nächsten … Und das alles im Namen Dessen, der da gebot, seine Feinde zu lieben, im Namen Dessen, der da sagte: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt»! Und all das Schimpfen und Beschmutzen, die Sucht, Fusstritte auszuteilen im Namen der Moral Dessen, der da verlangt, dass wir alles zum Besten kehren. Ist es nicht eine stumpfe Blindheit, den schreienden Gegensatz da zu verkennen?

Nach der Anschauung Christi ist es vor allem die Gesinnung, welche den Unwert, die Sünde einer Handlung bestimmt. Daher sein Unwillen über die Pharisäer, welche auch heute noch zu Gericht sitzen. Käme doch heute derselbe Heiland und spräche dieselbe Sprache und triebe die Feilscher aus seinem Tempel! Was würde man wider so groben Unfug sagen! In einer Notiz der Lokalchronik würden die Zeitungen den Heiland der Welt abtun, und dann kämen die Witzblätter … ein dankbarer Stoff neben all den sogenannten verlumpten Baronen und albernen Leutnants, wie man sie heute für einige Groschen der grossen Menge auftischt. Das Reich Christi ist nicht von dieser Welt, also hat er auch keine Staatsgesetze in dieser Welt. Wem fiele es denn auch ein, die wirklichen ethischen Forderungen Christi zum Gesetz zu machen. Das wäre den Herren viel zu unbequem, dann müssten ja fast alle hinter Schloss und Riegel sitzen. Oder sind die Herren am Ende so gerecht, dass sie alle Gebote Christi erfüllt haben? Dann brauchten wir ja den Erlöser nicht mehr. Darin hat die katholische Kirche recht, wenn sie den Unglauben für schlimmer als irgend eine sündige Tat ansieht. Denn so sagt es Christus selbst: « … Und wo euch jemand nicht aufnehmen wird, noch euere Rede hören, so gehet hinaus aus jenem Hause oder jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füssen. Wahrlich, ich sage euch, dem Lande der Sodomer und Gomorr­her wird es erträglicher gehen am Tage des Gerichts als denn solcher Stadt …» (Matth. 10). Aber Christus hatte auch dafür keine irdischen Strafen, geschweige denn Gefängnis und Scheiterhaufen. Wahrlich, ein Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, braucht doch keine Polizeispitzel und Kerker, um seine Hoheit zu wahren; das sind menschliche, rein staatliche Einrichtungen. Sein Reich ist aber nicht von dieser Welt. Christus hielt wahrlich nicht mit seinen Worten hinter dem Berge, er rügt, wo er rügen will. Verhältnisse, wie sie die Liebling­minne mit sich bringt, hat er nie mit einem offenen Wort verurteilt. Es findet sich keine solche Stelle in sämtlichen Evangelien. Lag es nicht gerade im Orient nahe, davor zu warnen, wo diese Verhältnisse gang und gäbe sind, und gar in einer Zeit, da sich der griechische Geist so stark in Palästina verbreitet hatte. Wir erfahren nur eins immer wieder, dass Christus einen Jünger hatte, den er vor allen liebte, obwohl es doch selbstverständlich war, dass er ihn als seinen Nächsten lieb hatte; aber es wird stets betont, dass er zu ihm in inniger, persönlicher Beziehung stand. Und die ganze christliche Kunst hat es nicht anders verstanden, als dass sie diesen jünger Johannes als einen schönen Jüngling von zartem Gemüte darstellte. Ich ziehe deshalb noch keine übereilten Schlüsse.

Und dennoch klammert sich unsre sogenannte christliche Welt gerade einzig an den ehemaligen Pharisäer Paulus, der mit Christus nicht einmal persönlich in Berührung gekommen war und der Einzige ist, bei dem sich eine Stelle findet, die aber beweist, wie wenig Paulus die ethische Bedeutung dieser Verhältnisse im Auge hatte und dass er dabei einzig an blos einseitige Beziehungen der Über­sät­tigung dachte, wie sie die käufliche Lust noch heute mit sich bringt. Das geht auch nur die jüdisch-römischen Buchstabengläubigen was an. Wer sich als Christ allein an die Person Christi hält, findet nichts dawider und wird sich nicht der Erkenntnis verschliessen, dass Christus mehr als Paulus ist und dass letzterer, als er das schrieb, nicht genügend Einsicht in die Sache genommen, wie das auch heute noch bei vielen ehrenwerten Männern der Fall ist; denn Paulus war als Pharisäer streng im alten Gesetz aufgewachsen, in dem es wörtlich heisst: «Aug um Auge, Zahn um Zahn», wogegen sich ja Christus ausdrücklich tadelnd wendet. In keinem Falle greift Christus mit Gewalt in das Staatsleben ein, denn sein Reich ist nicht von dieser Welt. Freilich, die christlichen Kirchen sind in ihrer Ordnung da und rechtens; aber sie werden sich dass sie durch Verfolgung und Ignorierung dieser Macht sich mehr Feinde als Freunde machen, mehr Gläubige verlieren als gewinnen; und es fehlt auch schon nicht an dieser Einsicht. [2]

Eine wie kurze Weile ist es erst her, dass man noch Hexen verbrannte im Namen Christi! Aber verkennen wir es nicht, es war ein Christ, der Jesuit Friedrich von Spee, der zuerst seine Stimme gegen diesen Wahn erhob. Und es werden sich auch Christen meiner Erkenntnis nicht ewig verschliessen.

Der Herausgeber selbst dürfte wohl, wenn Entwicklung und Gewöhnung durch Generationen etwas bedeutet, dem Verständnis für christliche Kultur nicht ferne stehen, da er, von tiefreligiösen Eltern, einer alten christlichen Familie entstammt, in der sich eine geistliche Herrschaft (Zabeln) ununterbrochen wie ein Majorat durch hundert Jahre gleichsam fortgeerbt hat. [3]

Somit wäre die Erscheinung, um die es sich hier handelt, nach zwei Seiten hin beleuchtet worden und einerseits diejenigen zurückgewiesen, welche sich in feindseliger Verleumdung nicht genug ergehen können, anderseits auch die, welche durch ihre krankhaften Theorien (vom Urning und von der Effemination) alles verwirren und verzerren. Ich will ja nicht leugnen, dass es solche extreme Erscheinungen giebt, denn die Natur ist unerschöpflich reich, aber die Liebling­minne deckt sich mit ihnen keineswegs. Und ich hoffe, die Sammlung tut das ihrige, zu zeigen, wie Unrecht beide Parteien haben, wie sehr sie der Wirklichkeit Gewalt antun durch das Verallgemeinern, diesen Hauptfehler aller Menschen. Demgegenüber sagt Goethe mit Recht von J. J. Winkelmann: «Er hat als Mann gelebt und ist als ein vollständiger Mann von hinnen gegangen.»

Der Nationaldeutsche ist am Ende doch der Mensch in der heutigen Kulturwelt, der etwas ernst nimmt, darum lässt er sich schwer überzeugen, sehr schwer; aber wenn er in seiner Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit dazu kommt, darin erwächst ihm daraus ein Kulturfaktor, im Gegensatz zum Franzosen und Italiener, deren Einsicht, so schnell sie scheint, so wenig in die Tiefe dringt. Ihr Freiheitssinn und ihr «Laisser faire» ist zumeist ein oberflächlicher Kompromiss schroffer Gegensätze, bei dem es sich unter Umständen gut leben lässt, wenn man kein zu peinliches Gewissen und kein starkes, offenherziges Ehrempfinden hat – aber neue Kulturmöglichkeiten entstehen da schwer. So freue ich mich des Deutschen, obwohl er in manchem noch zurück scheint, und ich wünschte nimmer ein andrer zu sein, noch in einer andren Sprache zu schreiben, als in dieser überreichen, schönen, die der altgriechischen am nächsten kommt, die die zartesten Töne der Lyrik hat und zugleich wie ein gewaltiger Strom sich zu ergiessen vermag.

Was die Sammlung anlangt, so versteht sich von selbst, dass sie nur ein Stück­werk werden konnte, schon aus dem Grunde, weil sich eine solche Riesenarbeit vollständig nur unter gegenseitiger Bereicherung entwickeln kann; und hier gab es so gut wie gar keine Vorarbeiten, es musste alles selbst gewonnen, ja allzuhäufig unter der Hülle verblendeter Verstümmelung herausgefunden werden. Ohnehin hat dieses Werk dem Herausgeber viel Zeit von seinen eigentlichen Arbeiten geraubt. Aber wo es sich um eine Kulturarbeit handelt, durfte die Mühe nicht gescheut werden: und sollte damit die sachliche, vernünftige Erkenntnis einen Schritt gefördert werden, so wird es mich mehr freuen, als jedes Lob meiner persönlichen Werke. Häufig sah ich mich zu Neuübersetzungen veranlasst, weil die früheren mir nicht zu entsprechen schienen. Demgemäss habe ich auch fast nur das bringen können, was ich selbst nachprüfen konnte; das Skandinavische fehlt daher ganz. Einige Übersetzungen hat mein Freund, Herr Dr. phil. Eduard von Mayer, übernommen, wofür ich ihm hiermit meinen Dank ausspreche. Da die Übersetzer wechseln, habe ich stets den Namen des Betreffenden zur Orientierung angegeben. Natürlich konnten in dieser Sammlung, die einen so weiten Umkreis hat und nicht zu teuer werden durfte, wiederholt nur Bruchstücke gebracht werden. Ich habe nach Möglichkeit versucht, dabei das Verständnis und den Zusammenhang zu wahren. Daher musste auch die so lehrreiche Beifügung von belegen zur Frauenminne, die sich bei denselben Autoren finden, unterbleiben. Der Anhang, welcher Urteile über führende Geister oder sehr kleine Bruchstücke von ihnen bringen soll, ist allerdings beinahe nur eine grosse Anmerkung geworden und beschränkt sich hier ziemlich auf die bedeutenden Männer Griechenlands. Sollte nach fünfzig oder hundert Jahren vielleicht eine Neuauflage nötig werden, so würde sich ja dieser Anhang zu einem zweiten Teil erweitern lassen, und dann würden vielleicht auch die kleinen Biographien eine andre Gestalt gewinnen und einiges Polemische fallen können, das ich wider Willen hier der Deutlichkeit halber bringen musste. Zur Klarstellung einer so verdunkelten Sache musste auch manches seinen Platz finden, was vielleicht sonst in einer literarischen Lese unterblieben wäre.

Aus all dein wird der Leser im voraus schliessen, dass es dem Herausgeber nicht auf ein sensationelles Werk ankam, nicht auf eine erotische Sammlung, sondern au eine ethische Kulturtat. Wie weit das gelungen ist, ist eine andre Frage. Unter eine Arbeit, die nicht der Ehrlichkeit dient, hätte ich meinen ehrlichen Namen nicht gesetzt, auf den ich nur allen Grund habe stolz zu sein. Es wurde absichtlich nur bereits Gedrucktes gebracht, mit Ausnahme des toten Dichters Verlaine, so dass sich keine einzige sensationelle Enthüllung findet. Daher wurde auf manches Verzicht geleistet, das auch auf bekannte lebende Personen ein erläuterndes Licht geworfen hätte, auf Persönlichkeiten, die bei uns in sozialem Ansehen stehen. Eine genaue Bibliographie findet sich am Schluss des Werkes. Diese Arbeit, von der ich mir noch keinen Dank verspreche, obwohl sich schon Stimmen moralischen Mutes erheben, [4] übergebe ich somit der Öffentlichkeit – der Zukunft.

 

DER HERAUSGEBER
Pompeji, 1899

Die Sammlung, im Jahre 1900 erschienen, ist die erste schwule Anthologie der Welt. Zum Beweis der Universalität und Natürlichkeit der Männerliebe hat Elisarion Texte aus allen Zeiten und aus allen Kulturkreisen zusammengestellt.
Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur, Inserat im «Der Eigene», Oktoberheft 1899
Inserat auf der Rückseite des Magazins «Der Eigene» im Oktoberheft 1899. Dazu gab es auch eine Besprechung im Inhaltsteil, verfasst von Elisàr von Kupffer persönlich.
Titelseite «Der Eigene» des Heftes mit der Besprechung von «Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur»
«Der Eigene» Heft 6/7, Oktober 1899 mit Buchbesprechung und Inserat für «Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur»
Elisarion: Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur
Titelseite des 1900 erschienen Buches
Jünglingsköpfe aus dem Rundbild
‹Klarwelt der Seligen›
Nachdruck der Originalausgabe, erschienen 1995 im Verlag rosa Winkel, mit einem einleitenden Vorwort von Marita Keilson-Lauritz