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Zweierlei Ewigkeit

Das zweifache Dasein, das Zwiesein vollkommner und un­voll­kom­mener Welt ergibt die gespaltene Wirklichkeit alles Erden­lebens. Klar bezeugt sich diese in all dem Gestaltungsstreben und Sehnsuchtsringen inmitten des Wirrwarrs, in all dem un­auf­hörlichen Tun und Geschehen der ewigalten Wirklichkeit.

Drang zur Tat: das erscheint dem prüfenden Sinne als Wesensgrund alles Geschehens.

Doch dieser Drang erweist sich als Zweiheit («Dua­lis­mus»).

Im «Drang» ist zunächst die bare Daseinsmacht aus­gedrückt, die bare Unaufhaltsamkeit quellenden, treibenden Seins; im Drange «zu etwas hin» erhebt sich ein Zielpunkt. Jene erste Bedeutung stellt die bare Gewalt des Daseins dar, von fernher und früher wirkend: Vergangenheit waltet darin; die zweite Bedeutung enthält den Bestimmungsinn, weist auf die Zukunft hin. Vergangenheit und Zukunft liegen doppeleins da in dem Sinne gegenwärtiger Wirklichkeit: die un­voll­kom­me­ne Welt des Dranges ist zu vollkommner Erfüllung bestimmt.

Diese Erfüllung kommt ihr jedoch durch eine bereits vor­hand­ne, vor-vollkommene Welt.

So ist die Zwieheit wirklicher Daseinsweite, ihr ewiges Alter bei unerloschener Tätigkeit, nur aus der Zwieheit ihrer Wesenstiefe recht zu begreifen. Und diese lässt sich gerade am wahren Verlaufe des Daseins erschauen.

Nicht unwichtig ist es dabei, sich die Schritte des Ur­ver­lau­fes klarzustellen, die allereinfachste Vorgangsfolge ein­zu­sehn. Denn daraus ergeben sich Wegweiser und Warn­zei­chen zugunsten der laufenden Lebenspanne. Es gilt zu erkennen, wie weit der Tatendrang, ist er sich selbst überlassen, zu kommen vermag – wo und warum er der Zielbahn entirrt und Unwerte auftreten – wann und wie die Gotteskraft eingreift – welche Wir­kungen ihr entstammen und so die Erfüllungslinie, die Ziel­bahn des Tatendranges wiedergewinnen helfen, Werte er­zeu­gend.

* * *

Im Drange zur Tat ist Zwieheit, stellt sich ein Gegensatz wahr­haf­ter, barer Machtgewalt und rastlosen Ungenügens dar. Dieser Urgegensatz zeigt sich als lastende Stockung inmitten der Dranggewalt, und durchsetzt zahllosfältig das Dasein; der Urgegensatz setzt sich in endlos viele Sondergegensätze um, in stets vertiefte, erneute, vermehrte Zwieheit. Wirklich aber beweist die in solchen Sondergegensätzen sich auswirkende Zwieheit, dass in allem Geschehen wirkliche Sonderwesenheit waltet. Das Dasein quillt aus Sonderkeimen, die sich als Tat­mächte darstellen.

Nicht ein all-umfassender Welt-Gesamtdrang ist der Bar­stoff des Daseins, sondern dieses verwirklicht sich einzig in selbständigen Einzelpunkten, Tatmächten, Sonderwesen. Die tätigen Sonderwesen können sich mit oder wider einander richten, in gegenseitiger Förderung oder Hinderung: hierin ist sofort die Zwiefachlinie alles Geschehens gegeben, freier Ein­klang in Wesenserfüllung oder Wesenslähmung in Streit und Zwang. Hinauf zur Klarwelt führt jene Linie, diese beharrt in der schiefen Ebene der Wirrwelt.

Gäbe es die Sonderwesen nicht, die Einzeltatmächte: ur­sach­los wäre dann die Wirrwarrvielheit des wirklichen Daseins. Die Wesensbedingung der Einzeltatmacht lässt hingegen in Klarheit alle Daseinsnotwendigkeit einsehen.

Die Sonderwesenheit ist die erste der Tatsachen; Ein­zel­drang zur Einzeltat ist das Wesen des Tatendranges.

* * *

Freilich ist diese Tatsache fast ein Geheimnis. Es hat die Geis­tes­ver­wir­rung des hungerverfronten Willens sich ganz und gar der «Allgemeinheit» ergeben; die gar so lange ge­mein­ge­zähm­ten Menschen vergassen allmählich den festen Eigenpunkt ihres Eigendaseins, ihr Selbst. Sie liessen sich selber sich aus­reden, geradezu wie um schmerzloser folgsam zu sein. Und man­cher­lei wirre Gedankengespinste ersann der Ent­eig­nungs­wunsch der Enteigneten, zwischen dem «Nichts» und dem «All-Eins» kreisend.

Widerwillig muss sich die Willensklarheit dennoch mit diesen Todesgespinsten befassen, von gnostischer und scho­las­tischer Fata Morgana erzeugt in der Wüste des Hungers.

Es ist nicht wahr, wie Lebensmüde behaupten, dass all das Ungenüge dem Tatendrang deshalb innewohnt, weil er in Son­der­einzelung («Individuation») geraten ist. Diese Son­der­ein­zel­ung sei, so sagen sie, eben die Unvollkommenheit selbst, hätten sie Recht, so müsste die «wahre» ungesonderte Ur­macht des Daseins irgendwie ihr ruhiges Allgenüge verloren haben, ihr Wesen ins Gegenteil umgeschlagen sein. Durch wel­ches Mirakel wäre das möglich?!

Hätten sie recht, so müsste entweder unter oder neben dem Urgrund des Daseins ein zweites Dasein entstanden sein. Aber wie?

Durch bare Unmöglichkeit! — also nirgendwo.

Denn wesensunmöglich ist es, dass solch eine All-Eins-Urmacht den Urzustand, der frei von jeglicher Un­voll­kom­men­heit, einbüsst und plötzlich ein minder vollkommenes Dasein eingeht, ein «Unterdasein»; wesensunmöglich ist es, dass sie zunächst sich zereinzelt, in Sonderung sich «erniedrigt», dann aber, wie verunglückt, nach Wiederaufhebung aller Son­der­ein­zel­ung streben sollte, nach Wiedergewinnung des leidlosen Einheitsurzustandes, den sie, wer weiss, warum?, wozu? und wie? verliess. Wesensunmöglich ist es, dass sie das Ungenüge hervorruft, nur um es dann mit Qualen zu überwinden, den Tatendrang mit unnützer Tat zu belasten. Wesensunmöglich ist dies, weil wesenswidrig, es sei denn, sie habe von vornherein ein Zwiewesen; dann ist die Urmacht des Daseins eben nicht all-eins, nicht ewig allein, nicht ewig unveränderlich.

Und eben darum ist es wesensunmöglich, dass solche All-Eins-Urmacht, ohne sich selbst zu ändern, doch ein «Ne­ben­da­sein» ins Nichts hinaussprüht, ein zweites Dasein, das nur eine blosse qualvolle Minderung wäre: verlorne Sonderfunken der Urkraft. Und täte die göttliche Urmacht das, so müssten all die entsendeten («emanierten») Einzeldinge dennoch der Wesens­voll­kom­menheit teilhaftig sein, wenn nicht, so müsste die Ur­voll­kom­men­heit statt in der inneren Wesenstiefe bloss in dem äusseren Machtgrad bestehen. Eine Mengenmacht mindert sich freilich durch Teilung, doch einzig schwächlicher Massensinn kann die Lebensurmacht nach Mengenmassen bewerten und folglich die äussere Masslosigkeit über jedes gemessne Ein­zel­sein stellen, ein länderverwüstendes Erdbeben über stille Hilfe. Fürwahr! solche Ohnmachtsurteile gelten gerade, und sie be­kämpft die klaristische Einsicht.

Nein! die Urmacht des Daseins kann keine Un­voll­kom­men­heit, sei es erleiden oder bewirken, wenn ihr Wesen wirk­lich Vollkommenheit ist, innere Selbsterfüllung.

* * *

Was folgt daraus?

Zunächst nur, dass – wie das Dasein nun einmal in Qualen und Sehnsucht ist – neben dieser vollkommnen Daseinsmacht der Gottheit, wirklich und wahrhaft und selbständig sich ein unvollkommenes Dasein, das Chaos, befindet und beide zu­sam­men den Zwiestand des Daseins ergeben.

Aber welcherweise? käme nun dieses unvollkommene Dasein zur Sondereinzelung, wäre es wesenhaft ungesonderter Alldrang …

Die Lebensmüden suchen auch diese Frage so zu ent­schei­den, wie ihr Enteignungswunsch es vorschreibt. Sie sehen in aller Sondereinzelung entweder den Weg zur Vernichtung, und zwar Erlösung in solcher Vernichtung, erlösende Wirkung der Gottheit; oder sie nennen sie ewige Selbstquälerei.

Also Wesensvernichtung durch göttliche Rettung?!

Aber der Gottheit entsprach es durchaus nicht, Dasein in Nichtsein zu wandeln, ein unbefriedigtes Sammelwesen da­durch zu lösen, zu löschen, zu tilgen, dass sie ein Ewig-Grosses (und wäre es Allqual!) nun in Unendlich-Kleines zereinzelnd, zerbröckelnd, zersplitternd vernichtete. Wesensberaubung kraft Wesensfülle? – ein logisches Unding ist solch meta­phy­si­scher Raubmord aus Mitleid.

Jedenfalls ist diese «Rettung» doch nicht gelungen, und offenbar nicht zu erreichen, denn nach dem Verlaufe von Ewig­kei­ten ist dennoch die Wirklichkeit nicht von lauter Nullen, vom «Nichts»! – «erfüllt», besteht vielmehr aus zahllosfältigen Wesen von Mass und Wert. Ein «Unendlich-Kleines», wovon die Leute so leichthin reden, ist nur ein andrer Ausdruck für «nichts», denn mathematisch ergibt die Teilung jeder noch so grossen bestimmten, wirklichen Zahl durch «unendlich» (1:00) einzig das Nichts, die Null (1/∞= 0). Und Nullen ergeben mit­einander immer nur – Null. Und Nullen wirken nicht, sind ewig unwirklich.92

Nein! die Wirklichkeit ist von Sonderwesen erfüllt, und diese streben durchaus nicht immer mehr der Auslöschung oder Rufhebung zu, der Wesenszersplitterung, We­sens­ver­nich­tung, dem angeblichen (doch in Ewigkeiten noch uner­le­dig­ten!) Ziel der Erlösung. Ganz im Gegenteil.

Die Sondereinzelung hat das Chaos doch nicht beseitigt, so wenig als aus der Gottheit ein Chaos gemacht; die Gottheit ist durch sie so wenig zum Chaos geworden als aus dem Chaos ein Nichts. Sie ist also ebensowenig ein göttlicher Rettungsversuch am Chaos, wie etwa ein Selbstverlust Gottes.

Wäre die Sondereinzelung also – wie Hartmann meinte – nun etwa ein Selbstvernichtungsversuch des Chaos, der Un­voll­kom­menheitsmacht? ohne jegliche Teilnahme der Gottheit – suchte etwa das Chaos selber in solcher Zersplitterung endliche Rettung im Nichts?

Dann fragt es sich, warum diese endliche Rettung im Nichts, die Zereinzelung und Zernichtung dem Chaos in aller Ewigkeit doch nicht gelang. Wer hinderte es an solcher Er­lös­ung? Doch nicht die Gottheit! – die grade Erlösung bringen muss.

So müsste es denn eine ewige Selbstquälerei des All-Chaos sein, das sich von selbst in solche Zer­ein­zel­ung stürzte. Dann aber müsste sie Wesensziel des Chaos sein und die Zer­ein­zel­ung Wesenserfüllung bedeuten. Die ergibt aber Glück und nicht Qual. Ginge das Chaos wesenhaft auf Zereinzelung aus, so müsste, je mehr sie zunimmt, der Qual-Drang, die Unrast verschwinden. Warum aber sträuben sich dann die Son­der­we­sen gegen Vernichtung und Minderung? Stammten sie bloss aus barem Selbstvernichtungsdrange der Urmacht, so müssten sie willig dahingehen.

Und warum währt trotz dem ewigen Ablauf der Wirk­lich­keit doch noch die Unrastqual solches Tatendranges zum Nichts?

Keine einzige logische Antwort gibt es auf all diese Ge­gen­fragen, die klarer Lebensinn an die gnostisch-scholastischen Hirngespinste zu richten berechtigt ist. Weder der Wahn der Einheits-Urmacht stimmt zu der Wirklichkeit, noch genügt das Zugeständnis des Zwieseins, solange jede der Daseinshälften bloss als sonderungsloser Einheitsurgrund erscheint. Der üb­li­che Dualismus ist nur verschleierter Einheitswahn, der im Ur­geist, im Schöpfergotte dennoch die Einheitsursache sucht und die Widersprüche nicht sehen mag. In ihm, wie im offnen Mo­nis­mus, bekundet sich blosse Alllsucht aus Willensenteignung.

Einzig aus rückhaltloser Erkenntnis der Sonderwesenheit ergibt sich die Klarheit. Nur aus der Sonderwesenheit, die sich darauf zur Eigenwesenheit läuternd vertieft, ergibt sich der Wirrwarr der Wirklichkeit, wird das wahre Erlösungswerk der vollkommenen Welt an der Unvollkommnen auch möglich. Denn freilich ist die vollkommne Welt, das Gottesreich, die Erlösung und Hilfe der Wirrwelt: doch gerade in höchster Ent­faltung des Sonderwesens.

* * *

Ein Sonderwesen, nicht ein Geschöpf noch Bruchteil ist die einzelne Tatmacht.

Und nicht ein Rücklauf-, noch Abfallstreben bedeutet ihr Drang, vielmehr ein Vorwärts- und Aufwärtszielen. Das Un­ge­nüge, das ihren Zustand erfüllt, ist nicht die Folge irgend eines Sündenfalls oder Abstiegs, keiner Minderung, sondern der Ausdruck werdender Mehrung. Nicht im Zeichen eines «Nicht mehr» sondern dem des «Noch nicht» befindet sich die un­voll­kommne, die Wirrwelt. Dagegen steht die vollkommne, die Klarwelt im Zeichen eines «Bereits».

Auf Mehrung des Daseins, auf Wachstum ist ganz und gar die Tatmacht gestellt; ihr liegen in der Zukunft Sinn und Be­stim­mung, nicht die Vergangenheit misst ihr die Werte und Zie­le zu, auch wenn sie die Wege beeinflusst, und mehr noch die Umwege!

So ist es auch gar keine Sonderwürde, die ihr als un­er­schaf­fenem, eigenem Machtwesen zukäme, es knüpft sich durch­aus kein Vollkommenheit- oder Hoheitsanspruch daran.

Freilich: im alten, nicht klaristischen Welt­bild, im Welt­bild des Allverhängnisses, da! ist es eben die Ausschlusswürde der All- und Urmacht: sich selbst selbst zu entstammen: da! ist den Einzelwesen nur Wesensabhängigkeit zugebilligt, We­sens­ab­ge­lei­tet­heit, die eigentlich Wesenlosigkeit ist. Freilich: in jenem Weltbild des Wahns beruht der Wert der Einzelwesen nur in dem zugewiesenen und zugemessenen Kraftvorrat, mit dem sie haushaltend bare Arbeit zu leisten verpflichtet sind. Dieser Sklavenmassstab, fürwahr, setzt unbedingt die Allein­macht eines All-Ein-Urwesens voraus.

Aber bei solcher Alleinmacht, die ewige Zeiten hindurch bestand und aller Vergangenheit Allgebieter war, musste alles geschehn und vollendet sein, was überhaupt geschehen kann: vielmehr ein «Geschehen», ein Werden im Zeitverlaufe, ist schon ein Unding bei ewig allvollkommener Urmacht, die alles durchdringt und gar keine widerstandsleistende Nebenmacht hat: was sie will, ist da, und sie will nur, was ewig ihr Wesen darstellt.

Und nun soll gar ein «Undenklich-Kleines», die Nullheit des Einzelwesens, im Weltbetriebe neues Geschehen bewirken? die ewige Wesenserfüllung der Allmacht berichtigen??!

Nein: eine jede Tat wäre blosser Schein, eine jede Le­bens­bes­serung wäre ein Unding, ein jeder Fortschritt ein Unsinn, Entwicklung ein hohles Wort, wenn es keine Sonderwesen aus ewiger Eigenheit gibt.

Jede tätige Lebenswirkung hat einzig dann einen Sinn, wenn es wirklich der vollkommenen Welt gegenüber ein un­voll­kommenes Dasein gibt, innerhalb dessen die Son­der­we­sen aus eingebornem Tatendrang walten. Die Sonderwesen als Bin­de­glied einer Zwiewelt: das ist die einzig logische Lebens­grund­lage.

Diese klaristische Grunderkenntnis des wirklichen Zwie­seins, von Wirrwelt und Klarwelt, enthebt die Tatmächte allerdings der früheren Dienstordnung, spricht ihnen wahre Selbstheit zu; doch sie sieht darin eine Hoheitspflicht, deren Würde einzig in Zukunftswirkungen sich zu erweisen hat, in der Mehrung des Daseins sich zu erfüllen vermag.

* * *

Die unvollkommne, die Wirrwelt stellt sich also nun nicht etwa schon deshalb neben die Klarwelt, die Vollkommenheitsmacht, neben Gott und sein Reich in gleicher Würde, weil ihre Einzel­mächte aus Selbstheit da sind und streben; sie bleibt ja in all ihrer strömenden Fülle doch ein ewiger Wirrwarr, dem sich die Sonderwesen entringen.

Nicht dass er ewig ist, gibt dem Wirrwarr irgend eine Be­deutung, sondern dass die Sonderwesen, die ihn bilden, als Eigenmächte bestehen und gottwärts streben. Das Wertwort «Ewigkeit» sagt nicht mehr als: wirkliches Dasein, das sich im Zeitverläufe zwar auswirkt, aber nicht vom Zeitverlaufe her­vor­gebracht worden ist.93

Hätte die Zeit den Anfang des Chaos irgend bestimmt und kam ihm also durchaus nicht Ewigkeit, seinen Mächten somit durchaus nicht Selbstheit zu: so wäre das Chaos, diese Ge­samt­heit der Wirrwarr-Tatmächte, logisch gedacht ein Auswuchs der anderen Welt, die aber laut eines solchen Ergebnisses, wie nun die Wirrwelt mal ist, wahrhaftig keine Vollkommenheit, keine Allmacht, keinen irgend begriffenen Gotteswert darstellt.

Ist das Chaos nicht ewig, so ist eine Vollkommenheitswelt überhaupt nicht vorhanden; dann gibt es auch keinen Gott, sondern einzig das Wirrwarr ohne jegliche Würde und – den­noch ewig.

Der rückwärts blickende fronselige Wahn, der um schein­barer Gotteswürde willen des Chaos ewigen Urbestand kei­nes­falls zugeben mag, beraubt den Urgott, als einzigen Urheber des Chaos, nicht nur der Würde, sondern eben damit sogar des wirklichen Daseins: er macht ihn zum Chaos selbst, er gibt dem Chaos, der Wirrwelt die ihr gerade bestrittene Ewigkeit grade wieder und überdies noch die Einzigkeit.

So verzehrt sich in Widersinn die falsche Gottesverehrung, die nichts vom ewigen Wert der Menschenseele weiss, obschon dieser Wert in Christi Botschaft gegeben ist.

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Freilich, den Grund des Daseins im Eigentatendrang spüren, den Daseinsinn in der Daseinsmehrung erfassen, die Würde der Eigenmächte in Zukunftswerken bewerten, die ewige Wür­de und Hoheit Gottes im ewigen Hilfewirken erkennen, im ewigen Werk der Erlösung: das ist die Sache des starken Wil­lens, dem seine tiefstgegründete Selbstheit keineswegs schon ein Höhenabschluss und Ruhestand heisst – eines Willens, dem diese Selbstheit die einfache Daseinstatsache ist, der Aus­gangspunkt seiner rastlosen Tätigkeit. Sie gerade weist ihn aus Unvollkommenheit aufwärts, hinauf zur Vollkommenheit, ohne lähmenden Wahn – sei dieser nun der monistische: jeder Ei­gen­wil­le wäre ein zukunftsnichtiger Schein vor der un­per­sön­li­chen Allmasse; oder der theologische: jedes Einzelwesen wäre ein Kraft- und rechtloses Willkürerzeugnis einer allein­per­sön­li­chen Allmacht.

Nein: Willenswürde, Willensklarheit und Willenskraft ist einzig in Elisarions froher klaristischen Einsicht von Wirrwelt und Klarwelt, durch Eigenwesenheit verknüpft.

* * *

Trotz seiner Ewigkeit ist das Chaos eben das unvollkommene Dasein und trotz seiner Unvollkommenheit ist es ewig ohne «Schöpfungsanfang» und «Weltenende».

«Ewigkeit» ist ja auch, streng erwogen, zunächst nur ein barer Formelbegriff verneinenden Inhalts: Bestreitung des wirklichen Daseinsendes, entwickelt am Anblick des irdischen Todes.

Was die frühere tastende Ahnung nur überirdischen Mäch­ten zugestand; was der verfronte Wille dann nur der Gesamt-Urmacht, dem Allgemein-Eins bewilligte: Unvergänglichkeit! – das erkennt der Klarismus als innere Eigenschaft jeglicher Tat­macht; und daher ihrer Gesamtheit, des Chaos, der Wirr­welt. Aber das ist zunächst eine Anfangseigenschaft, die noch nicht die mindeste Vollkommenheitswürde bedeutet, sondern die bare Tatsächlichkeit, Wirklichkeit, Wesenshaftigkeit.

Dreierlei Möglichkeit gibt es fürs Dasein: Stillstand, Min­de­rung oder Mehrung.

Ist das Dasein ein Stillstand ewiger Einheit, dann ist das tätige Einzeldasein nur unbegreiflicher widersinniger Schein ohne jeden Wert und Belang.

Ist das Dasein ewige Minderung, abwärts sinkend, so könn­te es freilich zahllose nichtige Halbwesen geben, doch könnten diese dann logisch ja kein Aufwärtsstreben besitzen.

Oder endlich das Dasein ist ewige Mehrung! Dann sind die Einzelwesen auch wahrhaft unvergängliche, eigene Quell­punk­te strebender Kräfte. Sie können einander sehr wohl hemmen, und so erzeugen sie alle Mängel, die Wirrgemeinschaft, das Missgefüge des Chaos.

Und so erkennt und bekennt es die Weltenschau des Kla­ris­mus, wenn sie der unvollkommenen Welt die Ewigkeit zu­spricht, ihre Schöpfung und ihr Ende bestreitet.

Indes die All-Ur-Einheit des Seins auch alles Geschehen ausschliesst; indes die ewige Minderung immer niedrere Wel­ten der Höheren zum Zielpunkt setzt und als uner­reich­ba­ren Stand der Vollkommenheit endlich das Nichts – weiter: indes die Ull-ur-einheit des Seins eine zwar vollkommne, aber keine wirkliche Welt besagt, und die ewige Minderung einzig eine unvollkommne, doch ebensowenig wirkliche Welt behauptet: bedeutet hingegen fürwahr einzig die «Ewige Mehrung» An­er­ken­nung des wirklich tätigen, leidend strebenden Daseins, der Unvollkommenheit, und zugleich die Anerkennung der wirklich tätigen, helfend waltenden Daseinsfülle, der Vollkommenheit – setzt jenes als Ausgangspunkt, diese als wahren Zielpunkt, Massstab und Wert.

Der Zwiewert der ewigen Mehrung, die eben die Zwiewelt wirklich setzt, ist unbedingtes Wesenszeichen des Eigen­tat­en­dran­ges: Daseinskraft und Ungenüge – Unvollkommenheit, die ihn peinigt, anspornt und wieder hemmt, zugleich mit dem Massstabsziel der Vollkommenheit – Spornkraft und Zielsinn im Tatendrang einverbunden.

Klaristische Logik

Die Verjüngung des Lebens

Inhaltsverzeichnis

Klaristische Vorfragen

XIVDie Zwieheit des Daseins

XVWillen und Glauben

XVIZweierlei Ewigkeit

XVIIKlaristische Logik

 Klarwelt und Wirrwelt

Klaristische Dynamorhythmik

XVIII Urmächte

XIXDer Pulsschlag des Urwesens

 Raum und Zeit

Die Wirrwelt

XX Die Schicksalgeschichte des Stoffes

XXI Die Grundlinien des Lebens

XXII Das Walten des Bewusstseins

XXIII Paarung und Fortpflanzung

XXIV Pflanzentum und Tiertum

XXV Mann und Weib

XXVI Der Sinn der Gestalt

XXVII Das Reifen der Seelen

 

Die Verjüngung des Lebens, PDF (Auszug)

Die Erde, fotografiert von Apollo 17

In der mythologischen Vorstellung der Griechen entstand die Erde, die Welt, aus dem Chaos, welches die erste Gottheit Gaia (Mutter Erde) aus sich selbst gebar. Als ihre später geborenen Geschwister gelten Tartaros (Unterwelt), Eros (begehrliche Liebe), Erebos (Fins­ter­nis) und Nyx (Nacht). Gaia gebar dann auch ihre ersten drei Kinder aus sich selbst: Ponots (den die Welt umgebenden Ozean), Ourea (die Gebirge) und Uranos (das Himmelsgewölbe). Durch die Zeugung mit ihrem Sohn Uranos entstand dann das erste Götter­ge­schlecht der Titanen, welche später von den olym­pi­schen Göttern gestürzt wurden. Die griechischen Götter ordnen die Welt, das Chaos, nach Wille und Laune. Prometheus erschafft den Menschen aus Lehm, stiehlt von Zeus das Feuer, um es den Menschen zu geben. Das erzürnt Zeus, er macht die Menschen sterblich und aufer­legt ihnen die Pflicht zur Arbeit und zum Ge­hor­sam gegenüber den göttlichen Gesetzen. Zusätzlich be­auf­tragt er Hephaistos eine verführerische Puppe aus Lehm zu schaffen, der Hermes das Leben ein­haucht, Pandora die erste menschliche Frau. Sie erhält auch ein verschlossenes Büchse, das sie nicht öffnen darf. Zeus aber überredet sie, doch mal einen Blick hinein­zuwerfen. Da entweichen Laster, Übel, Mühen und Krank­heit, nur die Hoffnung bleibt zurück. Bei der Nicht­er­fül­lung der Gesetze der Götter droht Strafe, doch mit Trug und List, mit Intrigen (unterstützt durch andere Götter) und Opfern an die Götter kann man sie davon abhalten, die Strafe zu vollziehen. Der griechische Mythos der Erschaffung der Welt.

 

In der hebräisch-christlichen Vorstellung entstand die Erde, die Welt, aus dem Willen Gottes in sechs Tagen, oder anders gelesen in sechs Schritten. Am sechsten Tage erschuf Gott Adam aus dem Lehm der Erde nach seinem Vorbild, haucht ihm seinen Atmen, seinen Geist ein und gibt ihm den Garten Eden als Wohnsitz. Da Adam einsam ist und unter den Tieren keinen Gefährten findet, schafft Gott aus einer Rippe Adams Eva. Es herrschen para­die­si­sche Zustände, Nahrung gibt es in Hülle und Fülle. Nur die Früchte von zwei Bäumen sind für sie verboten. Der Teufel in der Gestalt einer Schlange überredet Eva, doch mal einen Apfel vom Baum der Erkenntnis zu essen. Als sie diesen dann Adam übergibt, und er auch davon pro­biert, erzürnt das Gott dermassen, dass er die beiden aus dem Paradies hinausjagt, da Gott nicht riskieren will, dass die Menschen auch noch vom Baum des Lebens probieren». Die Menschen haben sich mit dieser Rebellion gegen Gott, dem Sündenfall, alle Mühsal des ir­di­schen Lebens eingehandelt. Fortan sind sie bemüht die Regeln Gottes einzuhalten, damit Gott keine Rache an ihnen nehme.

 

Aus beiden religiösen Vorstellungen kann man ableiten, dass des Menschen Schicksal und die Pflicht zur Arbeit, von Gott, den Göttern vorbestimmt ist.