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Zukunft der Natur, Teil II

Die Verjüngung des Lebens

Reich dem Gefesselten die freie Hand!

 

Elisarion (Leben und Lieben)

Die Zwieheit des Daseins

Elisarions Botschaft bekennt eine Licht- und Klarwelt, wirklich und wirkend in und über der ebenso wirklichen Schatten- und Wirrwelt. Es ist eine grundlegende Zwieordnung des Daseins, mit der er allen bisherigen Weltgedanken entgegentritt und der Frohen Botschaft Christi endlich den wahren Lebensboden der Freiheit erobert.

Wohl ahnten und fühlten des Lebens Zwiegesicht gar Viele, doch suchten sie immer solch eine letzte wesensgründige Einheit, die alle beide und mindestens eine der Gegenhälften beseitigte. Zarathustra errichtete wohl eine Daseinszweiheit – doch endlich siegt ja das Gute völlig, das Böse verschwindet völlig, – bei Mani90 aber, wo die Urdinge Licht und Fins­ter­nis freilich ewig bestehen bleiben, kommt es nach der vor­über­ge­hen­den Mischung des Lebens zu solch einer endgültigen Trennung, dass für jedes der beiden das andre völlig aufhört, jedes ganz und gar sich selbst überwiesen bleibt und mit dem Anderen nichts zu tun hat die Zwieordnung des Lebens ist bloss ein Zwischenfall zwischen dem uranfänglichen und dem schliesslich erneuten Doppel-Monismus. Der christliche Gott wird zwar von der Welt unterschieden, allein er ist ihr Schöpfer und sie ist mit sämtlichen Übeln die Folge seines Wesens, wurzelnd in ihm. Die Geistesgläubigen, Platon vorab und Kant hintennach, zerteilen freilich das Dasein in zwei Hälften, doch gilt das sinnlich-leibliche Stoffgetriebe als blosser Schein ohne Wirklichkeit. Die Lehre vom geistig leiblichen Doppelverlauf des Geschehens, dem «psychophysischen Parallelismus» bekennt sich als blosse Doppelansicht der unergründbaren Daseinseinheit. Buddha und Schopenhauer bekennen – viel­leicht! – ein Überdasein, doch ist es nur durch Vernichtung dieses Weltendaseins der Täuschung je zu erzielen: das eine stempelt das andere zum Nichtsein und derart herrscht hüben und drüben, wie bei Mani, je eine Einheit. Der Kraft- und Stoffglaube gleichfalls, ein plumper Versuch, drängte stets zur naturgesetzlichen Einheit und fand sie im Elektronenzustand oder der Energetik.

So sind die bisherigen Doppellehren alle im Grunde Ein­heitslehren, die ebensowenig wie die offene All-Einheitslehre den Sinn und Grund des unvollkommenen Daseins durch­leuch­ten, da sie noch das ewige Drama des Daseins nicht erfassten.

Die Unvollkommenheit unsres irdischen Daseins hat Elisarion unbestochen erlebt, er kennt ihr grause Wirklichkeit, aber er schaute ebenso wirklich die lichte Vollkommenheit höheren Daseins. Kein blinder Lebensbejaher, kein blinder Lebensverneiner konnte er sein – er musste Leben und Tod, Freude und Leid, Jenseits und Diesseits zugleich bekennen, als ewige Daseinshälften, als die Zwie-Ewigkeit eines voll­kom­me­nen und eines unvollkommenen Daseins. Das Dasein schliesst beides ein – in solcher inhaltsleeren, begrifflichen Formel­gleich­heit wäre auch dem Einheitswunsche des Denkens genügt – doch wirklich und wahrhaft stehen die beiden Daseinshälften wirkend gegeneinander.

* * *

Wäre das Dasein in aller Weite vollkommen brauchten dann Fragen, Klagen und Plagen des Menschen Leben zu trüben?

Nein! – denn Ungetrübtheit und Fülle des Daseins schliesst jeden Mangel, jede Verworrenheit aus.

Die Mängel sind da, sie werden leidend empfunden: unvollkommen ist also das Dasein.

Wär aber einzig die «Unvollkommenheit» wirklich – könn­ten dann Ahnungen, Wünsche, Versuche (und wär es auch im Traum!) einen Reigen «besserer» Möglichkeiten führen? Könn­te der Mensch einen wertenden Massstab an Dinge, Ereignisse, Zustände legen, sich selbst und die Welt bekritteln und was da ist, mit dem vergleichen, was «eigentlich» da sein «sollte» – wenn es einzig die niedere Wirklichkeit gäbe?

Nein! – denn Einzigkeit schliesst einen jeden Vergleich vollständig aus. Ja, nicht mal als «unvollkommen» empfunden könnte das einzig unvollkommene Dasein werden – hin­ge­nom­men müsste es werden: müsste leidlosen Sinnes alle Störungen und Zerstörungen dulden und nichts bemängeln.

Also: dieses als unvollkommen empfundene Dasein ist ganz unmöglich die einzige Wirklichkeit.

Nein! gegenüber der unvollkommenen Daseinshälfte er­hebt sich als spornender Wert und Richter die andre –, er­steht eine Welt der Vollendung, stempelt jene als un­voll­en­det, wirkt ihr entgegen, verwandelt das dumpfe Erdulden des minderen Daseins zuerst in Leiden und dann in Sehnsucht, Empörung und Willen. Der Geist, der das Dasein scheidet, richtet und wer­tet, ist die Gnadengabe für den leidend gereiften Menschen vol­ler Sehnsucht.

Ist nun die nahe Wirklichkeit selber Quell er­dich­teten Tadels, ersehnter Hoffnung? – sind es nichts als Erin­ne­run­gen vergangenen eigenen Glückes? – ist es der Anblick ge­gen­wärtigen fremden Wohlergehens? – was dem Menschen sein Dasein vergällt und unbegründete Wünsche in ihm erzeugt …

Sicherlich führt der Anblick des Lebenswechsels zum Lebenstadel, frohes Gedenken zur Lebenshoffnung. Doch wäre das Leben vom Wechsel, der grade die Zwieheit schroffstens belegt, von Mängeln frei – hätte sich je ein Einwand, und war es aus Übersättigung (wieder ein Mangel!), dagegen erhoben? Wäre es ohne Höhepunkte, gleichförmig niedrig – hätte sich je eine Höhenerinnerung wunschhaft eingestellt? Wär es voll Gleichmass, Einheit und Einzigkeit – hätte sich je, und wär es zum Schein, ein Gegensatz zwischen «ehemals» und «jetzt», zwischen «jetzt» und «dereinst», zwischen «Ich» und «Nicht­ich» bilden können? Sogar ein nichtiger Einwand und eitle Hoffnungen, selbst ein erklügelter Gegensatz wäre einfach un­möglich, stimmte das Leben völlig mit sich überein. Die Selbst­quälerei – sie mag auch eine Wollust sein – ist ein Zeug­nis dafür, dass das Leben nicht bloss eine einzige Richtung inne hat.

Wahrlich: der mindeste Gegensatz gegenwärtiger Qual zu vergangener Freude, eigenen Leides zu fremdem Behagen be­zeugt, wie ungleichmässig das Dasein ist – bezeugt, dass dieses nicht immer und nicht überall in gleichem Grade unvoll­kom­men oder vollkommen ist, unerfüllt oder erfüllt, im Wider­spruch oder Einklang mit sich selbst. Grössere Unvollkom­men­heit gibt es und mindere. Grade und Arten der Vollkommenheit wechseln – hin nach zwei entgegengesetzten Richtungen treibt es das Dasein, in zweifacher Reihe bewirken Ursachen wirk­li­che Zwiestände – Zustände inneren Zwiespaltes.

Diese grundbestimmende Einsicht hat Elisarion klarstens gebracht.

* * *

Welches aber sind Sinn und Gegensinn dieser Daseinspole?

Das ist gerade die tiefste Menschheitsfrage gewesen – zu jeglicher Zeit. Doch keine der Antworten blieb ohne Wider­spruch, eben weil jede bisher versucht hat, den Zwiestand weg­zu­reden, die Frage als gegenstandslos beiseite zu schieben, mit Einheitsgeklingel die Spaltung vergessen zu machen. Niemand erkannte bisher den Grund dieser Frage ruhig und un­um­wun­den an.

Und schon die «Frage» als solche war eine Antwort!

Denn was ist überhaupt eine Frage?

Sie ist eine Einsichtshalbheit – halbe Gemeinschaft mit ir­gend einer Erscheinung – Ungewissheit über die weiteren, wah­ren Verhältnisse solch eines Dinges, das doch an einem Punkte bereits ins Bewusstsein eingriff und Gegenwirkung her­vor­rief; sie ist Spannung, Erwartung, welche weiteren Kraft­be­ziehungen folgen werden – ein schwebender, tastender Vor­ver­such, die ungeschehenen Ereignisse günstig zu nehmen, die schon geschehenen den noch unbekannten günstig in Rech­nung zu stellen. Fragen, die nicht ein beliebiges müssiges Spiel mit Worten sind, entspringen immer dem Willen und suchen der Willensbetätigung offene Bahn.

Und erst die Daseinsfrage nach Herkunft und Zukunft des Lebens!

Sie zeigt, dass ein tätiger Wille da ist, gehemmt durch quä­lende Wahl, beirrt durch wirre Entscheidungen. Wirken muss der Wille, und weiss nicht wozu? Sich bewegen muss sich der Wille, und weiss nicht wohin? Unentschieden und untätig und ruhelos muss der Wille am Sinn und Werte des Daseins ver­zwei­feln und kann ihm doch nicht entsagen. So entsteht das ärgste von allen Übeln: die Ungewissheit – schlimmer als Lei­den und Müh.

Aber grade dadurch enthüllt sich als aller Leiden ge­heim­ste Wurzel, als Kern und Quelle der Unvollkommenheit, Grund und Sinn aller Mühen: die Zielverwirrung der Kräfte.

Und deutlich taucht die Erkenntnis auf: die Voll­kom­men­heit liegt in der alle Kräfte entbindenden Klarheit des Zieles, das Ziel in der Klärung der Kräfte zum gegenseitig befreiendem mehrendem Austausch.

Als Willenshemmung und Willensüberdrang steht die un­voll­kommne, die Wirrwelt da –, als tätigfreie Willens­ge­mein­schaft zeigt sich die vollkommne, die Klarwelt: Chaos und Got­tes­reich, beide wirklich und wahrhaft, beide von Ewigkeiten her, beide zu Ewigkeiten hin.

Wäre die eine von ihnen nicht ewig – die andere wäre einzig, das Dasein wäre nicht das, was es ist.

Hätte die eine einmal begonnen, in einem Augenblick – warum ward sie nicht früher? warum brachte die andre sie nicht früher hervor oder hinderte dauernd den Anfang?

Wäre die eine von ihnen zum Ende bestimmt – warum kam es nicht längst dazu? Alles, was ablaufen muss, was eine begrenzte Spanne Daseins umfasst, wie gross diese auch wäre –, konnte und musste, in all der vergangenen ewigen Zeit ge­schehen sein.

Das kleinste gegenwärtige Geschehen bezeugt, dass die unvollkommene Welt, die Wirrwelt, das Chaos nicht zu Ende ist, also niemals zu Ende geht, also ewig ist – aber ebenso ewig zur andern Daseinshälfte hinstrebt, die ebenso ewig ist – nicht an anderem «Orte» im Weltraum, sondern als andre Ordnung inmitten der Wirrwelt, ungewahrt von dem wirren Sinne, doch von der Sehnsucht erahnt und dem inneren Schauen bisweilen klar, wie die Sonne hinter dem Wettergewölk. Die Sehnsucht ist es, die jene Gottesordnung bezeugt, und nur soweit die Sehn­sucht im Eigenwesen reifte, tritt zwischen jener Welt und der Seele ein Austausch ein. Für den, der nicht zur Sehn­sucht reifte, ist die Klarwelt jedoch unwahrnehmbar und er ist für sie unempfänglich, ja ebenfalls unwahrnehmbar, und teilten sie dasselbe Raumgebiet: wie Schall- und Lichtwellen ein und denselben Raum durchzittern können, aber die Schallelemente nichts von der Lichtwirkung, die Lichtelemente nichts von der Schallwirkung spüren – zwei Daseinsordnungen ineinander und dennoch wesens- und weltenfern in Doppelgegenwart.90a

Nicht aus einem vollkommnen Ur-Eins strömte das unvollkommne Dasein hinaus, nicht aus unvollkommnem Ur-Eins hob sich vollkommnes Ursein empor – nicht entfiel das Chaos dem Urgott, wie laut biblischem Glauben und aller asiatischen oder armanischen Theosophie, nicht entstieg dem Urchaos die Gottheit, wie beim olympischen Glauben. Beide sind ewig, keines des andern Urheber.

Aber aus dieser unvollkommenen Welt des Chaos-Diesseits in jenes vollkommene Reich des Gottes-Jenseits streben im­mer­zu die Eigenwesen empor – aus dem Jenseits langen in das Dies­seits im­mer­zu die Helferkräfte und reifen den Gottesflug, die Seele befreiend.

So kündet Elisarions Lebensbotschaft, die Klare Kunde klaristischen Willensglaubens von Gott dem Befreier.

Willen und Glauben

Zukunft der Natur, Teil II
Die Verjüngung des Lebens

 

Die Verjüngung des Lebens

Inhaltsverzeichnis

Klaristische Vorfragen

XIVDie Zwieheit des Daseins

XVWillen und Glauben

XVIZweierlei Ewigkeit

XVIIKlaristische Logik

Klarwelt und Wirrwelt

Klaristische Dynamorytmik

XVIII Urmächte

XIXDer Pulsschlag des Urwesens

 Raum und Zeit

Die Wirrwelt

XX Die Schicksalgeschichte des Stoffes

XXI Die Grundlinien des Lebens

XXII Das Walten des Bewusstseins

XXIII Paarung und Fortpflanzung

XXIV Pflanzentum und Tiertum

XXV Mann und Weib

XXVI Der Sinn der Gestalt

XXVII Das Reifen der Seelen

 

Die Verjüngung des Lebens, PDF (Auszug)

Yin und Yang

Yin und Yang sind zwei Begriffe der chinesischen Philo­sophie, insbesondere des Daoismus. Sie stehen für polar einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte oder Prinzipien. Die beiden Begriffe des Yin und des Yang genau zu definieren, gestaltet sich schwierig, da sie in der klassischen Literatur für unterschiedlichste Dinge verwendet werden und auch dort keine genaue De­fi­ni­tion existiert. Eine allgemeine Definition bietet Roger T. Ames: «Yin und Yang sind Begriffe, mit denen eine ge­gen­sätz­liche Beziehung zwischen zwei oder mehr Dingen aus­ge­drückt wird.» Yin und Yang bezeichnen «Gegensätze» in ihrer wechselseitigen Bezogenheit als eine Gesamtheit, einen ewigen Kreislauf. Daher können sie zur Erklärung von Wand­lungs­vorgängen und Prozessen und zur Darstellung der gegenseitigen Begrenzung und Wiederkehr von Dingen benutzt werden.

Yin und Yang erwähnt Eduard von Mayer nicht, dies zeigt, dass fernöstliche Philosophie in seine Gedanken nicht eingeflossen sind, wahrscheinlich kannte er diese nicht, obwohl sein Denken in Vielem dem geistigen-philosphischen Vorstellungen der späteren Hippie-Bewegung gleicht. Yin und Yang wurde zu einem Symbol der Hippies, als modisches Assesoire in Form eines Medaillon getragen, auf T-Shirts gedruckt und war Quelle vieler Darstellungen der Pop Art.