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Verbrecher

Das Einerlei einer allgemeinen Nichtigkeit stellt –, laut wis­sen­schaftlichem Gutachten unsrer Zeit –, den Sinn des Lebens, die Weisheit des Weltalls dar.

Verliefe das Leben in kühler Gelehrtenzelle, so könnte die plumpe Täuschung des forschenden Tüftelgeistes so stehen bleiben; es ist das Recht eines Jeden, sich selbst zu betrügen.

Aber im wirklichen Leben zerplatzt diese Blase

Den Weisheitsregeln des «unerschütterlich fest geord­ne­ten» Weltalls zum Trotz, sind Tod und Krankheit, Zertrüm­me­rung, Elend, Vergeudung allzu wirklich; und selbst nach reiner Arbeitsordnung und Kraft-«Bilanz» bedeuten solche Zufälle immerhin Arbeitshemmung, Widersinn gegen den Arbeitsinn des Alls; wieviele Kräfte gehen verloren durch immer erneute Heranschulung brauchbarer Arbeiter! deren erworbenes Leis­tungs­ver­mögen durch Alter und Tod vernichtet wird.68 Und der eigennichtigen Gleichheit, dem Leistungszwang nach «Natur­ge­set­zen» widerspricht in beklemmender Weise der tägliche Kleinkrieg zwischen der Arbeitsordnung und ihren Verächtern.

Die alte Denkerfrage nach Zwang oder Freiheit des Willens hat gar ein ernstes Gesicht im wirklichen Leben. Begriffs­tüf­te­lei mag schnüffeln, ob Wirkungen ohne Ursachen, Willens­ent­schei­dun­gen ohne Antrieb erfolgen –, im wirklichen Leben be­an­sprucht das Freiheitsgefühl des Einzelnen, ohne an logi­sche Kniffe zu denken, als wirklichen Freiheitsinhalt die Eigen­ho­heit des Willens, die Eigengesetzlichkeit seines Handelns, be­zeugt im Empfinden der Freudigkeit, die sich vor Mühen durch­aus nicht scheut.

Das ist der springende Lebenspunkt.

Doch grade diese Eigengesetzlichkeit will der Hunger­un­geist durchaus nicht dulden, und tritt ihr mit doppelter Waffe entgegen, die durch den Selbstwiderspruch nur den verlognen Verlegenheitswirrwarr bezeugt.

Die Werkbeamten des Arbeitslebens, die Lenker, Ordner, Richter des staatlich gefestigten Arbeitsbetriebes, erklären den Einzelnen unbedingt für willensfrei und durchaus ver­ant­wort­lich, um ihn bei jeder Eigenregung durch Strafe brechen zu dürfen und so allmählich «vom Eigenwillen frei» zu machen, zur zuverlässigen Arbeitsmaschine; so pascht auch Kant durch seine «Denkform der Zeit» alle Beweggründe weg und un­ter­stellt den zeitfreien Willen der Allpflicht.

Die Forschungsbeamten eben desselben Arbeitsgefüges – Gelehrte und Denker – erklären den Einzelnen unbedingt für willensunfrei, für bar des Eigenwesens, und also verpflichtet zu völliger Unterwerfung. So brechen sie gleichfalls den Ein­zel­nen, nicht durch Drohung, jedoch durch Willens­ent­mu­ti­gung, hier mit Scheuklappen, ja durch Blendung –, dort mit Peitsche und Trense, wird das menschliche Lasttier von jeder Eigenbahn weg in das Nutzgeleise der Hungerfron eingeknechtet.

Aber hätten die Forschungsbeamten Recht, so wäre kein Eigenwiderstand möglich, nicht in blindem Aufstand und weni­ger noch in zielbewusster Umgestaltung; und doch ist er wirk­lich –, so haben sie, nach Logik und Leben, Unrecht.

Sache der Staatsbeamten, die mitten in Lebensgetriebe ste­hen, wär es, da sie die Eigenauflehnung grade erkennen, nun nachzuforschen, ob solche Kräfte nicht überflüssigerweise, vergeudenderweise sich in blossem Widerstande verzehren, und wohl zu fruchtbarer Leistung gewonnen werden könnten, so­bald man ihnen den ihnen entsprechende Hebelpunkt dar­böte. Diese Beamten sind aber selber nur bare Werkzeuge über­ge­ord­ne­ter Vorschriften, die bestimmt sind die Hun­ger­ordnung zu wahren und nicht zu wandeln; so zehrt sich in ihnen ein grosser Teil der Gemeinkraft in völlig vergeudeter Reibung und Leistung auf, das Gemeingewerk mehr belastend, als för­dernd beeinflussend. Fürwahr, das Gemeingewerk – der Staat ist jammerwürdig gefügt, und könnte doch wesentlich heilsamer sein, selbst auf der Hungererde, besänne er sich ohne Göt­zen­furcht auf seinen wahren Lebenskeim, eben das Eigenwesen, das tätig zu Eigenwerken strebt.

Von diesem Gemeingefüge der Hungerarbeit ist keine Wand­lung zu hoffen, der Einzelwille muss sich selbst an die Umgestaltung machen.

* * *

In plumper, bloss zerstörender Weise tat es seit je der Ver­brecher.

Ob Rohheit, Faulheit, angeborne oder erworbene Neigung, Zwang oder Zufall ihn leiten –, er ist mit seiner gemein­wid­ri­gen Tat der einfache Tatsachenbeweis, dass in ihm die be­stimm­ten Gemeingefühle der Andern nicht gelten, er diesen ungleich ist. Gewiss! er schliesst sich mit ähnlich Ungleichen seinerseits bald zusammen und bildet mit ihnen neue Ge­mein­schaft: Bande, Geheimbund, Camorra, Staat im Staate. Geht es auch meist um eben denselben Hun­ger­in­halt, sogar in ver­grö­ber­ter Weise, so zeigt das Verbrechertum doch als sol­ches die Nicht­allgemeinheit, die Sonderwirklichkeit.

Doch der Gesetzesbruch bloss aus Eigengier, all die Ver­bre­chen wider Personen – Vergewaltigung, Totschlag, Not­zucht, Diebstahl, Betrug, Ehebruch – hat keinen Auftriebswert.

Anders steht es, wenn sich der Eigenwille, getreu seinem ordnenden Wesen darauf richtet, die geltende, ungenügende Ordnung umzugestalten; da wird das Leben gemehrt und ge­klärt, und dennoch gehört ein solches Wirken im tiefsten Sinne unter die Un­ge­setz­lichkeiten.

Jede Neuordnung, sei es durch Wort oder Tat, verletzt, und war es bloss an Achtung, den geltenden Zustand, ändert ihn mehr oder minder gewaltsam ab, und wird daher von den früheren Ordnungsnutzern als Ungesetz, als Verbrechen wider die Rechtsordnung gebrandmarkt, verfolgt, geahndet. Jeglicher Neuordner kann nach geltendem Recht im gegebnen Au­gen­blicke Verbrecher heissen, sein Wirken, und bliebe es bloss ein Empfinden, sagt blank und bar aller Lebensstarrheit, allem Mas­sen­wahn ab, um derentwillen ja überhaupt erst die «Hei­lig­keit» des Gesetzes erfunden wurde –, das eigentlich nur eine Regelung der baren Vergewaltigung ist. Die Weihe, die dem Gesetz verliehen wurde, beweist, gerade durch diesen see­li­schen Nach­druck, dass es auf jene Naturen abgezielt ist, in Ein­schreck­ung und Einschränkung, die in feiner seelischer Regung aufs Lebensganze achten, also gar nicht der Drohung bedürfen, um fruchtbar dem echten Gemeinleben sich zu fügen –, aber nun der Massenfron hingeopfert werden sollen. Die «Würde des Gesetzes» hat noch keinen Untermenschen gebändigt –, das tut nur notdürftig! die Furcht vor Strafe und diese selbst; wohl aber hat die erlogene Hoheit zahllos oft die bauenden, ord­nen­den Lebenstriebe wertvoller Menschen gehemmt, ge­lähmt und vernichtet: zugunsten der Masse.

Jede Lebensänderung, jede «Reformation», auf welchem Gebiete immer: staatlich, wirtschaftlich, kirchlich –, ist eh sie zuwege gekommen, Umsturzbestrebung, Revolution; und jede «Revolution» erscheint hinterher denen, die ihre Früchte in ruhiger Arbeit geniessen, heilsame «Reformation», indes die Zugehörigen früherer Ordnung sie weiter verwerfen. Luther war ein Verbrecher am römischen Kirchengesetze, ein Frevler an allem römisch Heiligen, grade darum denen ein Seelen­be­frei­er, die in der römischen Welt eine Zwingburg fühlten. Peter der Grosse stürzte die alte Ordnung um, was ihm viele heute noch nicht verzeihen; wärs ihm missglückt, so hiesse er nur ein Verbrecher. Die Berner erschossen als frevelnder Hoch­ver­räter den Waadtländer Major Davel, den heute sein freies Land als Märtyrer hoch verehrt. Washington war vom englischen Stand­punk­te – dem des geltenden Rechtes aus – ein Ver­brech­er, und Louis XVI. ward es für den zu Macht gelangten Konvent. Theo­dor Yorck, der mit klarem Willen ohne Furcht vor dem Stand­recht den königlichen Befehl übertrat, kannte im Innern die Pflicht zum Ungehorsam.

Die Macht, die grad im Besitz der Gewalt ist, prägt wie Münzen all die Gesetzeswerte, die grade solange Kurs haben, als die Gewalt die sie schuf besteht. In recht­li­cher Hinsicht erscheint das Leben als eine riesige Zwangs­herr­schaft, gemil­dert durch steten Gesetzesbruch.

Den Nutzen von diesem Zustand haben jedoch einzig die Lebensstörer, all die Personenverbrecher, die ein blosses Roh­zei­chen der Eigenkraft sind; empfindlichst geschädigt wird der Lebensaufstieg durch das Personenverbrechertum, aber nicht minder durch Gesetze die mit Berufung auf die «göttliche Ord­nung» er­las­sen wurden –, zu der Ordnungsbrecher berufen ist sie zwecks Lebensaufstieg zu missachten. Der Ordnungs­bre­cher ist nicht bloss der Förderer reicheren Lebens –, er ist auch die Sinnesklärung aller Gemeingebrechen, der Richter der Hun­ger­falschberechnungen, ist das Vorbild des Bruches, der Über­win­dung all der erlogenen «Naturgesetze», in deren Namen das Leben ewig dem Chaos vereidigt wird.

Die unbedingte, triebhafte, blinde Verehrung des baren Gesetzes als solches, im Namen der Hoheit von Faust, Ver­gan­gen­heit oder Zahl –, ist gradezu ein Verbrechen wider das kei­men­de höhere Leben, wider die göttliche Klärung, Erlösung und Ge­stal­tung.

Hoheit besitzt ein Gesetz, nicht weil es Gesetz ist, sondern insofern als es dem Gotteswerke entspricht, und Gott ist wohl ein Feind von Rohheit, Zerstörung, Lüge und Hass, jedoch der höchste Freund des aufwärts strebenden Eigenwesens, dem er gerade in Liebe und Schönheit den Weg aus dem Zwange der Massennotdurft weist, empor zur Zukunft erhöhter Natur.

Dieser Zwang der Massennotdurft vermummt sich aber in dem, was kurzweg und breitspurig «Gesetz» genannt wird –, ist zwar auch eine teilweise «Korrektur» der Natur, freilich in blossem Sinne einseitiger Hörigkeit.

* * *

Freilich: solange der Hungerwahn noch nicht durchschaut ist, noch nicht das Ziel des Willens – die Lebensgestaltung – be­grif­fen ist, wird auch die grösste Persönlichkeit kaum eine andre Aufgabe ihrer bewussten Kraft empfinden, als eben so oder anders den Hunger zu stillen, die Missstände der Hun­ger­reglung abzustellen.

Der starke Wille, in welchem eigentlich grade gegen das Chaos die sichtende Ordnung ersteht, ist anfangs geneigt zu meinen, durch blosse Ordnung der Chaoserhaltung alles ge­leis­tet zu haben; und dieser Wahn erfüllt den Willen dann sicher­lich mit derb­ster Selbstsucht, ja kann ihn zum Gegner wirk­li­cher Lebens­er­neue­rung und neuer Ordnung machen. Solche Beschränktheit ist öfters bedeutenden Staatsmännern eigen.

Furchtlos in seinem Wesen wird ein solcher Mensch des Willens einstens in erster Regung einsam durch Wälder und Wüsten geschweift sein –, seiner sicher, der Beute mächtig, in flüchtigem Liebesumgang sich hie und da mit Wollust sät­ti­gend. Haben aber einmal die Mütter die Schutzgemeinde ge­bil­det, so wird der willensstarke Mensch dies neue Ordnung be­grei­fen, als Schützer leiten, als Leiter ordnen, als Ordner sich zur eignen Hungerentlastung aller Nutzen bedienen. Er wird aus dem Doppeltriebe des Ordnungswillens und Eigennutzens die Arbeitsgemeinde an feste Gesetze legen, er wird als Ober­haupt das erwerbliche Leben ordnen, als Oberpriester das geistige lenken, als Held die Kämpfe führen, als Seher, Dichter und Bildner dem tastenden Sinne der Meisten die Bahnen weisen –, er wird als Lebensformer die ihm gebührende Fürs­ten­stelle im Volksrat besitzen.

Je mehr jedoch das Lebensgefüge sich festigt, die Brot­ge­win­nung gesichert erscheint –, je mehr die bewährte Ordnung zur Lebensgrenze geworden und alle Lebensgüter von ihr be­stimmt sind, indes das Neue ungewiss, überflüssig, ja schäd­lich erscheint –, je mehr der Gemeinzwang des Brauch­em­pfin­dens, Gewohnheit, Nachahmung, Sitte, das unmittelbare, allgemeine und gleiche Gesetzesband bilden –, je mehr es einzig erhalten, sich fügen heisst, desto weniger Platz ist dem starken Willen inmitten des Staates. Nur der «Monarch» bewahrt, indem er über dem Gesetze steht, den Vorrang des Eigenwesens vor dem Gemeingefüge und stellt in sich den Sinn aller Hoheit dar – ein unentbehrliches Amt.69

Die Plätze, an denen er vorzeiten wirkte und wo er zu wir­ken vermochte, besetzen nun scheinbar genügend ge­wis­sen­haf­te, kluge, doch antriebslose Mittelwillen – Beamte. Ist die Re­gel­ung des Gemeinlebens einmal gesetzt, bedarf (– so scheint es –) nur zuverlässige Diener: Hee­res­beam­te, Arbeitsbeamte, Gottesbeamte, Staatsbeamte; Beamte und Arbeiter, das wird der einzig erforderte Menschenschlag. Überflüssig ist der star­ke Wille der Eigenpersönlichkeit.

Nur in Notzeiten, Wirrwarrzeiten gelingt es solchen, sich wieder die Spitze zu sichern, Führer und Fürsten zu werden, für kurze Geschlechter. Im Ganzen hat sich der hungrige Chaos-Ungeist dieser Ordnungsgeister in schlauer Weise ent­ledigt; er hat auch sie –, soweit ihre Kraft kriegerisch, pries­ter­lich, staat­lich, gewerblich von Wert ist –, im besten Falle zu Oberbeamten gestempelt, durch Ehren (den Schein der Macht) ihren Macht­wil­len geködert, durch Reichtum ihre Selbstsucht bestochen, durch Auftrag der blossen Ordnungserhaltung den Ord­nungs­trieb eingeschläfert. Was drüber hinausging und den wahren Lebensinn ahnend erstrebte, wusste der Hungergeist aus­zu­mer­zen. Als Träumer verspottet, nach Wolken­ku­cku­cks­heim ausgewiesen, als Zeitvertreiber und Narren vernutzt –, so muss­ten die reichsten Persönlichkeiten, geborene Erzieher der Menschheit –, wirkungslos bleiben zugunsten des Chaos, zu Schaden der höchsten Ziele.

* * *

Wenn nach und nach kein Platz für Persönlichkeit übrig ge­blie­ben –, wenn Fürsten, Helden und Priester zu «be­deu­tungs­lo­sen Grössen» wurden, und fast nur aus Trägheit noch bei­be­hal­ten werden –, wenn alles Erwerbsleben gewerkmässig ver­läuft und jede Einzelkraft bloss als Betriebskraft bewertet wird: dann muss für den Einzelwillen der seelische Hunger be­gin­nen. Was dem Leib das tägliche Brot ist, ist der Seele die tätige Freude, die ei­gen­mu­ti­ge Lebensgestaltung; was Nahrungsmangel dem Leibe, ist Lebensstillstand dem Willen –, ist bare Sinnestötung die meist zu Heuchelei und Rohheit der Sinne führt, und jede läuternde Schu­lung verhindert.

Der innere Lebenshaushalt des Willens ist durch Hun­ger­kurz­sicht nahezu unbegriffen. In plumper, stofflich grober Weise galten nur Nahrung (samt ihrer Verdauung), Arbeit und Arterhaltung als Lebensanspruch des Willens. So tauchte kaum jemals die klärende Ahnung auf, und niemals ward sie wil­lens­be­wusste Einsicht, dass in der offnen Freude sich grade die bauenden Kräfte der Seele regen –, dass in aller Ernährung in Wahrheit nur eine derbe Sinnlichkeit, in der schön­heits­freu­di­gen Sinnlichkeit aber die feinere, innere Lebensernährung waltet –, dass ohne diesen wahrhaften inneren Lebensaufbau auch der äussere leidet –, dass die hungerblinde Ächtung der Sinnenfreude zu innerer Unterernährung des Leibes und krampfhafter Spannung der Seele führt, aus denen die Ner­ven­seuche und Willenslähmung unserer Gesittung stam­men.69a Man hat in «Reinheit» das Leben «sterilisieren» wol­len, man hat die Nahrungsmittel künstlich der Nähr­salze be­raubt und hat den Lebenswillen in Leib und Seele des geis­ti­gen Nähr­sal­zes beraubt, die Sinnenfreude, die nicht mit Ge­schlecht­lich­keit zu verwechseln ist.

Da gab es aber den krampfhaften Rückschlag: die innere Unterernährung führte zu Esssucht und roher, herzloskalter Geschlechtssucht, zu allen Masslosigkeiten, denen die öf­fent­li­che Gewalt ohnmächtig gegenübersteht. Und um doch etwas zu tun, bekämpft sie den Ausweg der Selbstheilung, den das sto­cken­de Leben sich fand: die schönheitsfreudige Kunst; und sie begründet diese Bekämpfung damit, dass Erregung der Sinne drohe.

Aber die schönheitsfreudige und die liebesfreudige Kunst ist nicht eine Auspeitschung der Sinne, keine Verführung, son­dern sie ist Seelennahrung anstelle ungereifter Sinn­lich­keit, deren Verpönung zwar dem Leibe unentbehrliche Nah­rungs­kräfte entzog und so dem Willen sein Werkzeug ver­darb –, deren zügelloses Walten aber freilich zu blosser Ge­schlecht­lich­keit ohne Herzlichkeit ausartet. Die schön-menschliche Kunst hat gerade dieser Entartung vorzubeugen, indem sie die Sinne seelisch unterhält. Auch ohne durch Kunst «verführt» zu sein, befriedigen Kinder ihren Drüsendrang, sobald er da ist –, ohne schöne Kunst jedoch beharrt das Liebesleben in blosser Derbheit.

Gerade wer den Aufstieg, die Läuterung, das Mass, die Gesundheit, den öffentlichen Wert des Menschen fördern will, muss durch schönheitsfreudige Kunst den ewigen Wert der Gestalt, des freien Leibes bekennen und derart die Sin­nes­re­gun­gen bildend erziehen, mit innerer Weihe begeisternder Ehr­lich­keit nähren. Ehrlichkeit allein führt zum Gleichmass der Lebensströme, der geistigen und der leiblichen, sie behebt die einseitige Derbheit der Sinnlichkeit wie die einseitige Ge­hirn­fuch­serei.

Freilich ist dazu der Hungerwahn gar nicht fähig; er führt seinen Todesreigen in Lüge und Gier abwärts zur Wie­der­ver­tier­ung des Menschen. Die Klare Kunde vom Eigenwesen, der klaristische Glaube an Gott den Freudebringer der Welt ist allein imstande, hier die Wendung vom Tod zu neuem Le­ben zu bringen. Aus Elisarions Denkerworten, aus seinen Dich­ter­ge­beten, aus seinen Bildwerken ward mir klar und klarer diese heilige Wahrheit, die tiefen Geistes in Gottes Namen ziel­be­wusst aus seinem Schauen und Bilden strömt:70 die Ge­ne­sung des seelisch Hungerleidenden, die höchste Weihe des stre­ben­den Menschenwillens durch sinnenfreudig-herzliche Lebens­gestal­tung zu erfahren – die frohe Vorbesinnung der Seele auf ihre Zukunft; wie von einem Kleinod ergriffen zu sein in sol­chen tiefen Augenblicken des Daseins, da ahnende Schauer den Willen zum Rufgebete beschwingen:

«Verweile doch, du bist so schön!»

* * *

Auf diesen Lebenshaushalt des Willens in Leib und Seele wird sich die Menschheit – werden sich jene Menschen endlich be­sin­nen, in denen die Zukunft des Lebens stärker als aller Wahn der Vergangenheit pocht. Sie werden dem Massenwahne der Freudefurcht trotzen und dadurch sich den gesunden Leib wie­der erwerben.

Die Leibessicherung ist dem Willen das feste Sprungbrett, Waffe und Werkzeug zu Höherem. Leidet der Leib – stofflich wie sinnlich – so findet der Wille in dessen Rettung die nächst wichtigste Aufgabe, baut und festigt er doch dabei den eigenen Untergrund im persönlichen wie im Gemeinleben. Ist aber dieser Untergrund halbwegs gesichert, halbwegs der Leib ver­sorgt, die Lebenserhaltung geleistet, die sinnliche Lebens­span­nung gewahrt –, dann muss sich der Wille dem wirklichen Ziele, der Lebensentfaltung in freier Gestaltung zuwenden; alles Frühere ist nur Mittelbeschaffung, nur Werkzeugerwerb. Wird ihm die Lebensgestaltung, die Werkzeugverwendung ver­wehrt, so wird er gerade im dem Mass als der stoffliche Lei­bes­hunger schein­bar beruhigt ist, nun in Qual, in Bedrohung versetzt –, in eben denselben Zustand, der leiblich als Hunger empfunden wird.

Da sammeln sich gärende Kräfte an, die vorwärts zu wir­ken behindert, schliesslich gegen die Quelle der Qualen drän­gen, gegen die starre bürgerlich satte Erwerbsordnung –, die nun im Seelischen das bedeutet, was im Leiblichen einstens Ur­wald­dick­icht und Wüstenflugsand: ein Hindernis. We­sent­lich nur zum Ordnen bestimmt, verwandelt der stärkere Wille sich ganz zum Feinde solcher Ordnung, die nichts als Still­stands­star­re des Hungergeistes im Tretmühlkreislauf zu sein be­an­sprucht.

Trifft es sich nun, dass neben den starken Willensnaturen breitere Arbeitsschichten ebenfalls unbefriedigt sind und die Leitung der Oberen nur als Ausbeutung hassen, so ist die Ver­such­ung gross, zum Freiheitsführer der Sklaven zu werden, ein Spartacus, Götz von Berlichingen, Mirabeau, Lassalle –, und die zur Macht zu leiten, die doch im Grunde nur die bare Hun­ger­ord­nung zum Eigennutzen verändern, die Rollen des Ar­beits­le­bens vertauschen wollen, die doch gar nicht nach Le­bens­er­höh­ung zu streben vermögen. Aber der tatenhungrige Wille ver­greift sich ebenso sehr wie der Nahrungshunger in seiner drän­gen­den Wahl, die willensstarken Persönlichkeiten verfallen dem Umsturztruge, weil sie den drosselnden Lebens­still­stand, das Unrecht auch dort wiederzufühlen glauben, wo nur ein Zerr­bild ihres tiefen Bestrebens vorhanden ist. Sie stellen sich an die Spitze der niederen Kräfte zum Sturz des verhassten Druckes, ohne zu ahnen, dass sie – nach kurzer chaotischer Druckbefreiung – nur den vielfach gesteigerten Massendruck för­dern.

Wohl mögen sie eine Zeit lang im heldischen Kampfe Be­frie­digung finden – solange es eben kämpfen, Gefahren be­ste­hen, den Widerstand leiten, Rechte erobern heisst; da findet ihr Wesen Entschädigung langer Qualen, seelische Nahrung. Sobald jedoch der Sieg der unteren Kräfte gegen die alte Ord­nung entschieden, verliert am meisten gerade der höhere Wille, denn seiner bedarf das neugeordnete Hungerleben we­ni­ger, denn zuvor. Nur kluge Macher finden in neuen Pfründen die Zinsen des Kampfes: wer seelisch strebte, ist schliesslich ärger geknechtet denn je zuvor, unter welchem Vorwand, Namen und Klang die Masse siegen mochte: Fortschritt, Weltmacht oder Rasse.

Das ist das innere Leidensschicksal, das Widergeschick, die Tragik des scheinbar unvermeidlichen Aufstandbundes von Freiheitsinn und Massenbestrebungen, Lauterkeit des Willens und stumpfem Hungerdrang, von Liberalismus und De­mo­kra­tie: ein wahrhaft widersinniger Wechselbalg.

Es ist die bittre Bestimmung der Eigenpersönlichkeit, dass sie im Zwange der Hunger-Scheinordnung Brecher und Feind der Gesetze wird und dabei erst recht sich selber den Strick um den Hals legt, an neuer Hungerordnung sich Feindschaft gross­zieht. Setzt sich jedoch die neue Ordnung nicht durch, weil sie nicht genügend die Massen mit sich gerissen, oder vielmehr weil die Massen gar nicht so leicht zu neuer Ordnung zu brin­gen sind, sondern zunächst einzig zu neuem Chaos –, so endet der Freiheitswille und scheinbar mit Recht am Richtplatz. Dem hungergesitteten Stillstandsgeiste gelten die lebensbefreienden Ordnungsstifter so viel wie gieriges Raubzeug, ja scheinen Ver­brecher schlimmeren Grades.

Unbestreitbar beweist jedoch das Verbrechen, welcher Art es auch sei und wie man immer es wertet, dass keine Wil­lens­gleich­heit im Arbeitsgefüge besteht –, dass wuchtiger oder flau­er, gesammelter oder roher, als wie es dem Mittelmass ent­spricht, Eigenströmungen auftreten –, sei es beschleunigend oder hemmend. Sie wären unmöglich, stellte das Einzelwesen nicht allen Gemeinlügen zum Trotz eine wirkliche Eigenkraft dar.

Das Widergeschick des Lebens

Die Irrgänge des Geistes

Inhaltsverzeichnis

 Vorwort

 Einleitung

Das monistische Weltbild:
Die Welt als Laune

IDer Urwaldglaube

IIDer Bauerglaube

IIIDer Beginn des Götzenwahns

IVDer Olympische Herrenglaube

VDer Sinaiglaube

 Warum wurde Christus zu Jesus?

 Die Rassegefahr

Das legalistische Weltbild:
Die Welt als Zwang

VIDer bürgerliche Glaube I

VIIDer bürgerliche Glaube II

VIIIDer bürgerliche Glaube III

IXStützen der Gesellschaft

 Das Geheimnis des Hungers

Das individualistische Weltbild:
Die Welt als Trotz

XVerbrecher

XIDas Widergeschick des Lebens

XIIPaulus

XIIINietzsche und Ich

 

Die Irrgänge des Geistes PDF

Martin Luther
Peter der Grosse
Major Davel
George Washington
Louis XVI.

Frevler gegen die herrschende (alte oder neue) Ordnung:

Martin Luther, deutscher Reformator

Peter der Grosse, russischer Zar

Major Davel, Waadtländer Volksheld

George Washington, erster Präsident der USA

Louis XVI., hingerichteter König von Frankreich

Theodor Yorck, deutscher Gewerkschafter

Berta Pappenheim, 1882

Bertha Pappenheim war eine österreichisch-deut­sche Frauenrechtlerin und Gründerin des jüdischen Frauenbundes. Der Nachwelt bekannt ist sie als Pa­tien­tin Anna O. Ihre von Josef Breuer zusammen mit Sigmund Freud in den Studien über Hysterie veröffentlichte Fallgeschichte war für Freud Aus­gangs­punkt für die Entwicklung seiner Theorie der Hysterie, und daraus der Psychoanalyse.

Wie weit Eduard von Mayer die Theorien und Schriften Freuds kannte, weiss man nicht. Es ist aber anzunehmen, dass er davon keine Kenntnis hatte. Doch die Krank­heits­ge­schichte der (wohl lesbsich fühlenden) Berta Papenehim zeigt, das um 1900 Hysterie (vorallem bei Frauen) eine verbreitete Qual der Seele war. Lebensentwürfe, eigene oder von der Umwelt als «normal» geltende, basierten in vielerlei Hinsicht auf falschen, aber stingenten Vor­stel­lun­gen, auf wirklichkeitsfremden Lebenseinsichten und unerfüllbaren Wünschen. Erwies sich nun eine An­nah­me als falsch, oder fehlte plötzlich der Garant dieser An­nah­men wie bei Anna O. (durch Krankheit und Tod des Vaters), brach das ganze gedankliche und emotionale Lebensgebäude zusammen.

Heute wird das Krankheitsbild der Hysterie in der Psy­chia­trie nicht mehr gebraucht und zeigt sich im ursprüng­li­chen Sinn nicht mehr. Dafür grassiert krankhafte Mager­sucht (Bulimie), masslosse Fresssucht (Adi­po­si­tas), selbstzertörerische Drogensucht und ab­stum­pfende Medikamentensucht.

Spartacus, allegorische Statue, Musèe du Louvre, Paris
Götz von Berlichingen
Honoré Gabriel Riqueti Comte de Mirabeau
Ferdinand Lassalle

Geistige Väter und Anführer von Sklaven- und Arbeiter­auf­ständen:

Spartacus, Sklave und Gladiator im alten Rom, Anführer des Volksaufstandes von 73–71 v. Chr.

Götz von Berlichingen, Anführer des schwäbischen Bauernaufstandes 1525.

Honoré Gabriel de Riqueti Comte de Mirabeau war eine wichtige Figur der Französischen Revolution, 1789 bis zu seinem Tod 1791 (ermordet?).

Ferdinand Lassalle, Wortführer der frühen deutschen Arbeiterbewegung.