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Nietzsche und ich

Sicherlich hat der Massenzustand sein Hungerrecht auf der wechselnden Massenerde.

Sicherlich ist der erbitterte Kampf zwischen eigenstän­digen Le­bens­er­neuerern und all der geschlossnen Macht der Vergan­gen­heit unvermeidlich, solange eben der Hunger jeden und alle an den Broterwerb bindet, und die Meisten noch die enge Hun­gerordnung zugleich als göttliche oder sittliche Lebenshöhe verehren, und jede wirklich höhere Ordnung als Raub am Leben hassen.

Doch den Meisten sind ja eigentlich alle Lebensgrundsätze gleich belanglos. Die Umgestaltung der äussern Ordnung kraft einer neuen Lebensschau geht nur allmählich vor sich, ohne Erschütterung für des Einzelnen Arbeitsverlaufes und Brot­er­werbes, dem gegenüber jede neue Maschine weit fol­gen­schwe­rer werden kann. Der Kampf zwischen Altem und Neuem sollte sich daher mildern, ja könnte fruchtbares Neben- und Mit­ei­nan­der in freiem Gefüge werden.

Da stürzen sich aber gleich Kettenhunden jene Naturen gegen die Lebenserneuerung, die geistig zwar regsam sind, doch willensgebunden. Sie wittern den Feind der ihnen ent­spre­chenden starren Lebensgestaltung, hindern den Lebens­mehrer, solange es irgend geht, durch verborgenen Wider­stand, wecken danach, wenn das Schweigen schliesslich nicht half, mit Angstgekläffe die Macht der Masse, sie eifrig vor «dro­hen­dem Untergang» warnend.

Könnte man diese Zwischenträger beseitigen, stände die Lebenserneuerung bald auf früherer Bahn!

Da gilt es vor allem den Wahn zu beseitigen, dass die Le­bens­leistung, die Einzelernährung, das Staatsgefüge leiden müsse, wenn die blinde Hörigkeit, Starrheit, Ver­gan­gen­heits­sucht abnimmt, von diesem Wahne leben auskömmlichst die Zwischenträger, die Sittenpriester des glaubenslosen Ge­mein­zwangs –, schlimmere Satzungspfaffen als je ein herrischer Glauben sie sah.

* * *

Einen ersten Schritt zur Beseitigung dieses Sumpfes versuchte Nietzsche.

Er stellte der Massen- und Sklavenmoral die Herrenmoral entgegen und wünschte die Werte der staatlichen Da­seins­ord­nung nicht auf schwächliche Hörigkeit, sondern auf starkes Wollen zu gründen.

Es bleibt seine unvergängliche Tat, die Möglichkeit ganz entgegengesetzter Wertung der Dinge erkannt zu haben und damit den ersten Stoss gegen unsre erstarrte Gesittung geführt zu haben.

Dennoch ist sein Versuch ein Fehlversuch.

Er stützt seine neue Wertung ja doch im Grunde ganz auf dieselbe Ebene, auf der das Alte beruhte. Er spricht wohl von Herrentum –, doch er will es auf eiserne Rassezucht gründen, auf der es gewisslich fussen muss, wenn sein Ziel alleinzig die Lebenserhaltung ist, die auch das Ziel des Massentums ist. Aber Lebensentfaltung?!

Rassezucht heisst: die Beugung des Eigenstrebens unter das Gutbefinden der Rassemehrheit. Belanglos wird der Ein­zel­wil­le, wenn Blutzucht die einzige Quelle der Wesenskraft ist und wenn es die eignen innerlich mächtigen Willenstriebe aus­zu­roden gilt, sofern sie dem Mehrheitswunsche nach Macht widersprechen; und solche Triebe schiessen doch grade aus reinstem Blute empor, aller Rasseziele trotzend.88

Mit Rassezucht hat es die Menschheit bereits versucht, doch die Herrenkraft der Erhaltung konnte das Werden neuer Einzelkeime so wenig verhindern, als auch dem Aufstieg der Unterworfenen vorbeugen. Das ist nicht einmal den harten Spartanern geglückt und auch nicht den baltischen Rittern, und über­all hat der Adel die andersblütigen Unterschichten an sei­ne Seite und seine Stelle treten sehn, sobald die alte Be­triebs­kraft des Gemeinlebens aus dem «Blute», sich die neuen Betriebs­kräf­te «Geist» und «Besitz» zugesellten; dies ist eine sozialtechnische Frage. So mussten heute, da das Geld den Lebensumsatz auch der Hocharier bestimmt, die Juden zum «Semi-Gotha» gelangen, ist doch das Geld zum Machtmesser des Mehrheitsstaates geworden. Innen und aussen zersetzt, erlöscht allmählich die Rasseherrschaft; doch wo sie siegt, entwickelt sie eben solches Massentum.

Der Rassegedanke –, von grossem Werte, sobald er den Bluteinklang zum Rohstoff höheren Eigenwillens bestimmt –, wird aber schliesslich gerade Förderer aller Massenentartung, wenn er dem Einzelwillen die Eigenhoheit nimmt. Und gilt die blosse Hungerordnung, so muss er freilich sinnwidrig vernutzt werden und schafft am Ende nicht mehr als eine, etwas enger geschlossne Masse mit Massengesetzen, beherrschte diese Ras­se dann auch den ganzen Erdball mit seinem Ras­se­ge­nos­sen­netz. Die Juden sind ja in solchem Sinne ein erstes «Herren»-Volk.

So bleibt denn Nietzsches Herrenmoral ein eigenwidriger Massenwahn bloss zugunsten derbster Wirtschaftsmacht.

Zwar spricht er vom Übermenschen – dem über die Mas­sen­triebe emporgereiften Einzelwillen – doch wieder ist es die alte Massenebne, auf der er verharrt, die Ebene, auf der sich die Masse herausgebildet hat und wo jede neue Kraft sich zu Masse entwickeln muss, sei sie anfangs massenfeindlich im schärfsten Grade. Und diese Niederung ist die äussere Macht.

Nietzsche durchschaute den Grund des Gemeinzwangs – den Hunger – nicht. So schob er die Schuld an der Massen­herr­schaft dem Christentum zu.

Und zwar belastete er damit durchaus nicht den jüdischen Glaubensanteil, der einstens grade Rassefron durch Blutzucht besagte und dann einen jeden Menschen im starren Al­lein­got­tes­tum enteignete, dadurch allerdings mächtiger Förderer unserer Gemeinhörigkeit wurde – nein! er warf auf Christus den Hass – auf den wahren Befreier des Ei­gen­ge­wis­sens aus rassischen Massensatzungen.

Er tat es, weil Nächstenliebe dem Unterdrückten, Hun­ger­fro­nen­den sicherlich herzliche Geltung verleiht und freilich Christi Gedanke die Reichen und Mächtigen abschätzt, den Armen hingegen Lebensmut gibt. Gewiss, für Satte und Glücks­ver­wöhn­te, denen die Hungerordnung gerade entspricht, ist Christi Erdenüberwindung noch viel zu früh; sie können daher so wenig ins Gottesreich, wie ein Kamel durchs Nadelöhr gehen kann oder ein Nilpferd fliegen. Die Armen aber erleben tief das ganze Elend des Hungerchaos.

Nietzsche nennt darum das Christentum einen Skla­ven­auf­stand. Und all sein erbittertes Zürnen gilt dem Jen­seits­glau­ben, den die Christi Todesüberwindung wie niemals früher ver­heisst. Im Jenseitsglauben sieht er den ärgsten Gegner des Her­renstolzes, obschon die Geschichte ihn hätte lehren kön­nen, wie Götzenpriester und Herren gerade mit solcher Ver­trös­tung aufs Jenseits die Armen beherrschten, für sich das präch­tige Diesseits behaltend; das ist ja von sozialistischer Seite weidlich ausgeschlachtet worden.

Da Nietzsche also in allem Jenseits den Gegner der frohen Kraft erblickte, erstarrte der «Übermensch», sein Wunsch­ge­dan­ke, trotz aller Lebensbejahung zu barer Verneinung der tiefsten Eigenkraft, strebt doch diese wesenhaft über das Mas­sen­gewordene hinaus in ein Jenseits ohne Massenzwang. Da­rum ist der «Übermensch»-Gedanke Nietzsches nicht we­sent­lich vom Massenglauben verschieden, der diesen ir­di­schen Massenzustand als letzte Daseinsmöglichkeit feiert.

Der Wille zur Macht, worin er die letzte Wurzel der Werte setzte, ist innerlich weiter nichts als jämmerlich kurzfristige Herrlichkeit, denn der tierischste, blödeste, traurigste Un­ter­mensch ist dem Übermenschen im Tode gleichwertig – sobald der Eigenwille des Eigenlebens nicht über das Ende des Leibes hinüber nach neuer Gestaltung langt, die dann auch je nach der Reife des Lebenswillens verschiedene Formen annimmt. Der Übermensch ist nichts ohne Übererde, in der die Massen­zwangs­be­din­gun­gen der Hungernatur überwunden sind.

Zum Ziel der All- und Gleichnichtigkeit läuft wie der Mas­sen­glau­be auch Nietzsches Glaube hinaus; im wirklichen Leben vollends beruht auch der Macht- und Herrenwille schliesslich auf Massendasein, sobald er sich tätig beweisen will. Ein Wil­lens­mensch wie Napoleon konnte ohne Mas­sen­heere seine Herr­schaft nicht halten.88a

Der Diesseits-Übermensch ist so wenig wie die Her­ren­mo­ral eine Rettung vom geltenden Wahn – es bleibt der Wille zum Ameisenleben.

Nun redet Nietzsche ja noch von der ewigen Wiederkehr aller Dinge.

Doch damit bekennt er die ewige Todesstarre, die quä­len­de Nichtigkeit, Ziel- und Sinnlosigkeit alles und jedes Strebens. Ein Uhrwerkkreislauf in überwirklicher Aufmachung wäre das Dasein bei Nietzsches «ewiger Wiederkehr». Nietzsche sträubt sich nach Kräften gegen Kants Gedankengänge – und doch ist die ewige Wiederkehr aller Dinge wesentlich ganz dasselbe, was Kant mit der Unwirklichkeit aller Zeit- und Rau­mes­stre­bun­gen meinte. Beim einen «logisch», beim andern «my­thisch» vermummt, ist es derselbe Todessprung der Ver­zweif­lung, aus höriger Erdengenügsamkeit, in die Übermetaphysik – hinein in den abergläubischen Wahn der Eigennichtigkeit.

Nein, eine Lebensmehrung bedeutet Nietzsche nun doch nicht, da ihm die Wertmehrung des Lebens Kraft eignen Wesens, die Zukunft der Natur, die Verjüngung des Daseins, unverständlich geblieben ist, allem Sehnen zum Trotz. Er hat die Grunderscheinung des Daseins doch nicht erfasst. Und ebensowenig ist sein Werk als solches nun Befreiung vom Massenzwang – höchstens der Selbstbankrott der «Macht­mo­ral», das «Nein», das dem früheren «Ja» entgegengesetzt, zum endlichen Nullpunkte führt.

Der Skorpion ersticht sich selber.

Auch das ist verdienstlich, dies ist Nietzsches Bedeutung am Vorabend der Weltenwende.

Nicht mit ihm, erst nach ihm beginnt es zu tagen.

* * *

Nietzsche erwähnt ein Wort von Balzac: philosophieren hiesse die eigenen Wunden aufdecken.

Sicherlich: aus dem Erleiden quellen dem Menschen alle die Fragen, die er ans Dasein stellt, und die Antworten zeigen, was für Schmerzen er stillen musste. Im leidend-duldsamen Willen taucht das Bild der Welt als Verhängnis auf (als Laune oder als Zwang empfunden); im leidend-drängenden Willen entsteht das Weltbild des Trotzes; doch im genesenden Willen kommt es zum Weltbild der Leidensüberwindung und Le­bens­ver­jün­gung. Die Willenseinstellung löst die Geistesart aus: so gibt es eben auch die Philosophie geheilter Wunden.

Die Genesung des Willens, die Abkehr von allem Aber­glau­ben der Willensenteignung bei voller Anerkennung der Wil­lens­nöte des Daseins – die zeigt sich in meiner Gedankenwelt.

Die Selbstüberwindung des philosophischen Urwahns, und zwar mit den eignen Waffen der Philosophistik, bedeutet meine Lebensschau; derart bin ich der Schluss eines drei­ein­halb­tau­send jährigen Geistesverlaufes. Zwar wird es unendlich oft noch nach mir eigendenkende Philosophen geben; die werden aber in eigener Weise nochmals die früheren Geistesstufen erleben, denn jede Stufe bleibt ja innerlich ewig lebendig und ist die echte Wahrheit für den, der sie im Willen entsprechend geartet betritt. Dies ist die einzige «ewige Wiederkehr», zwar nicht der Dinge, jedoch der Zustände. Aber jeder gesundende, lebenstüchtige Denker, kommt er im Willen reifend voran, wird meine Gedanken – und hätt er niemals von ihnen gehört – aus sich selber eigenneu wieder erleben.

Wird ein solcher Denker dann, eben wie ich, noch weiter zur Lebensklarheit reifen, so wird er das Weltbild der Welt­bil­der, den Klarglauben (Klarismus) Elisarions freudig ergreifen und für ihn zeugen.

Gewiss: in mancher Hinsicht ist Kant der Abschluss der Philosophie, insofern als er, die begrifflichen Werte als blosse Denkformen deutete, alle Denkgebäude zu blossen Kulissen stempelte und, als Schlusswort begrifflichen Denkens, im Na­men des reinen Begriffs den Allgemeinzwang verkündete, der einen jeden Willen enteignen und alles Denkens für immer ent­he­ben sollte.

Doch damit war erst die Geistessophistik erledigt, es blieb – verschärft – die Willenssophistik, die sich in Fichte, Scho­pen­hauer, Hartmann und Nietzsche entwickelt: zu wi­der­per­sön­li­cher Allunterordnung bei Fichte, zu eigenwidriger Wil­lens­flucht bei Schopenhauer und Hartmann, zum Wil­lens­starr­krampf bei Nietzsche.

Aus dieser Sackgasse der Unlebendigkeit riss den Wil­lens­ge­dan­ken das Weltbild, das ich erlitt und erstritt, und das mich meinerseits für den Klarismus vorbereitete. Über Kant hinaus erkannte ich die Denkformen als Willensformen und seine Ka­te­go­ri­en, Schemen, Verstand- und Vernunftgesetze wurden mir zu «funktionellen Metamorphosen der Individualität», zu Ab­ar­ten dieser einen Ur-Kategorie und Ur-Form des Willens­geis­tes: der Eigenwesenheit, gab es auch dieses Wort, das erst Elisarion 1910 geprägt hat, damals noch nicht; und etwa selbst es zu schaffen, war ich aus Mangel an tiefster Einsicht noch unfähig. Aber es lebte bereits in mir, der stets den Einfluss des «Milieus» nur insofern spürte, als es mich auf mich selbst zu­rückwies.

* * *

Ich war vielleicht nach meiner geistigen Anlage bloss zum tau­sendundersten Sophisten bestimmt – da rief mich, den grade Dreizehnjährigen, frühe Liebesleidenschaft wach und weckte in mir für immer als Daseinsgrund die Persönlichkeit, wies mir auf immer als Daseinshöhe die Liebe.

Ich ward darüber zum Dichter – das wurden zahllose an­dere auch – doch zugleich und sogleich zum Richter der lie­bes­geschlechtlichen Ordnung und all ihrer Missstände. Kindisch überscharf, doch gedanklich folgenstreng, kundig der Le­bens­tat­sachen, bar der Lebenserfahrung, erhob ich in mir zum Le­bens­mass­stab die unbedingteste Treue, den Willen zum ewig-einen Herzen- und Leibesbunde. Ich wurde Asket aus tiefer Erotik.

Niedriger Sinn und Lüge erschien mir das Treiben der Menschen. Mit starkem Gefühl übertrieb ich im Willen den «Pietismus» des Elternhauses, der mich gedanklich eher zu­rück­stiess. Gänzlich von jedem, sogar dem brieflichen Umgang mit dem geliebten Mädchen durch Jahre und Jahre getrennt, überstieg mein Gefühl sich selber, genährt von einer einzigen mündlichen Botschaft der Liebeserwiderung und von der Hoff­nung dereinstiger Lebensgemeinschaft.

Nicht willens den Liebesdrang, der mein Wesen ganz dem einen andern Wesen vereidigt hatte, in käuflichem Umgang zu stillen und zu entwerten, und also einzig angewiesen auf Wech­sel­kampf zwischen Enthaltsamkeit und schliesslicher ent­span­nen­der Einsamkeit in der Liebe, die Unbefriedigung blieb –, geriet ich in Freudenfeindschaft und schliesslich Le­bens­ver­bit­te­rung.

Noch auf der Vorschule wirklichen Lebens drängte sich mir ein Doppelempfinden auf: neben der unverminderten, aber übergeistig blutarm gewordenen Liebe wuchs mir der Wunsch empor, mit dem Leben zu brechen. Als Siebzehnjähriger kamen mir in einer Todesgefahr die Worte:

 

Ist das der Tod? Ach, wär ers doch! Das Sterben

Sollt mir nicht leid sein, sondern eitel Lust!

Bekomm ich Gold doch, statt der dürftgen Scherben

Des Lebens, das sich keiner Pflicht bewusst.

 

Die krampfhaft eingeengte Willensstärke hatte zur Wil­lens­er­kran­kung geführt, und als Lebensrückhalt gab es, neben der einen beherrschenden Treusucht der Liebe, einzig den Ei­gen­stolz, der in verschlossener Anmassung solche Wertung vor­weg beanspruchte, die erst das wirkliche Leben mit seinen Leis­tun­gen begründen kann. Begreiflich ist es, dass der Geist des El­tern­hau­ses, der Geist der strengsten Unterordnung solchen Anspruch zurückwies – begreiflich aber auch, dass ich inmitten von Wohlstand und liebender Fürsorge, die mir niemals gefehlt hat, dennoch elend, einsam und arm war, allein zwischen den Lern- und Spielgenossen, seitdem der erste Jugendfreund weit weggezogen war.

Geistig trieb es mich weg von dem dürren Wortgepränge der Schule, hin zur Naturerforschung, und damit erstand die Feindschaft gegen das Christentum, das für mich nur Un­ter­ord­nung und Willensenteignung bedeutete. Eher mochte ich damals das Leben wegwerfen, als auf den Willen verzichten, und wenig bedeutete mir mein «Sonderwesen», meine Person – alles mein «Eigenwesen», meine Persönlichkeit. Zwingender Widersinn zerklüfteten Fühlens trieb mich vom biblischen Gottesglauben weg und all dem Jubel zum Trotz, den hel­le­ni­sches Formenleben mir eingab –, ward die gestaltenfeindliche Welt Spinozas mir Zuflucht. Daseinsmüde aus Wil­lens­hem­mung, gottesfeindlich aus Eigenpersönlichkeit schien mir der Alll-Eins-Glaube deshalb Wahrheit, weil er in Leugnung der Gottespersönlichkeit mir Befreiung vom Himmelszwingherrn versprach und das, was er dafür forderte – die Allauflösung des Sonderwesens – mir eher willkommne Erlösung denn Einbusse deuchte.

Die völlige Unmöglichkeit eignen Sonderwillens bei sol­chem Weltbilde ging mir damals nicht auf, betätigte sich mein Eigenwille doch grade im starken Erfassen dieses verneinenden Glaubens, der ja eine Auflehnung gegen den geltenden Glauben war. Die scheinbare Unabhängigkeit dieser Freigeisterei liess mich den alten Irrtum erleben, dem mancher starke frei­ge­sinn­te Wille verfällt, wenn er von Zwangsbehördlichkeit angewidert sich gegen das Fürstentum wendet, um der noch vielmals ei­gen­wi­dri­gern Massenherrschaft zu huldigen; derart empörte ich mich gegen Gott – wie ich ihn aus Götzenfurcht sah – und ver­fiel dem Naturzwang. Diesen Selbstmordversuch der Per­sön­lich­keit habe auch ich mitgemacht.

Wohl sah ich als junger Student nach siebenjähriger Tren­nung das Mädchen wieder und fühlte unenttäuscht den Lie­bes­zau­ber, doch scheute ich mich ein naivgläubiges Herz in meine Gottesstürmer-Krämpfe hineinzureissen, fürchtete eine Ent­frem­dung und – schwieg.

Weiter die Bahn der freudenscheuen Lebensverekelung ab­wärts gedrängt, vom dürren Hochschulgetriebe ebensowenig befriedigt, wie vordem vom Schuldrill – ebenso satt der äus­ser­li­chen technischen und anatomischen Ex­pe­ri­men­tier­wis­sen­schaft wie vordem der Schulscholastik – nach grösserer Le­bens­er­fas­sung lechzend: geriet ich auf Schopenhauer und trank mich satt an der Wollust der Lebensverneinung.

Willenskrank – ja! das war ich aus Liebeshemmung: allein in aller Verkehrtheit war es ein starker Wille, der mich be­stimm­te. So war die leidenschaftliche Vollerfassung Scho­pen­hau­ers das rechte Mittel den heilenden Umschwung zu reifen. Schon hatte ich, Schopenhauer durchdenkend, die Willens­fra­gen bis in die Wurzeln erlebend, für mich die Selbständigkeit meines eignen Denkens, die eigne Denkhoheit entdeckt. Ab­ge­tan war der Abwehrkampf mit den früheren Geis­tes­for­meln, und der Wille war da, ein eignes Gedankenreich zu gründen.

Da geschah es, dass plötzlich der Jahre hindurch gehegte Liebestraum weggefegt wurde: durch das anderweitige Ver­löb­nis des Mädchens, das um meine währende Liebe gar nicht wusste – hatte ich doch in Verdüsterung geschwiegen.

Mein ganzes Wesen ward von Verzweiflung durch­schüt­tert; aber am Rande des Abgrundes, grade im Augenblick, der mein letzter sein sollte, loderte plötzlich der Wille zur Le­bens­ge­stal­tung auf. Den einseitigen Treubund der Liebe, der schliess­lich zu spukhaftem Nessoshemde geworden, hatte frem­der Wille zerrissen: im Angesichte der bittern Wirklichkeit un­er­wünsch­ter Befreiung ermannte sich endlich mein Eigen­wille.

Zwei Wochen darauf erklang in mir laut und bestimmt der Wahlspruch, der unbewusst immer mein Wesen gelenkt hat und nun zum bewussten Wegweiser wurde:

 

Sei du selbst! In Eigenformen

Lass dein Wesen sich gestalten,

Zwänge nicht in tote Normen

Deiner Kräfte reges Walten!

Schranken muss der Blitz zerfetzen,

Soll er heilige Glut entzünden,

Will in mächtigern Gesetzen

Sich der Lebensdrang verkünden.

 

In eben jenen Tagen kam mir Nietzsche zuerst in die Hand.

Überrascht las ich fast wortgetreu Sätze in ihm, die vorher auf Streifgängen sich mir selber geprägt hatten.

Ich fühlte sofort, dass Verwandtschaft des Zustandgrades vorlag und legte das Nietzsche-Werk weg, teils um nicht in meiner Entwicklung durch vorgedachte Ergebnisse unbemerkt abgelenkt zu werden, teils weil mein Wille eben drängte, die Welt im Geiste selbst zu erobern – nicht bloss zum Lehen zu nehmen. So bin ich, ohne mehr als in Nietzsches Werktiteln ragende Wegzeichen erblickt zu haben, eine Zeit lang doch Nietzscheaner gewesen. Doch dass ich in eigner Entwicklung früh gerade den Zustand erlebte, den Nietzsche in Geistesreise erreichte, bezeugte meine Bestimmung, wesentlich über seine Wertergebnisse, seine Welterkenntnis hinauszugelangen.

Wirklich war mein Denken der folgenden Spanne vom ein- bis vierundzwanzigsten Jahr vor allem vorbereitende strenge gedankliche Auseinandersetzung mit allem Sitten-Zwang.

Überdrüssig der baren Naturscholastik, die mir statt ech­ter Naturerfassung geboten wurde, ergriff ich kultur­ge­schicht­li­che Forschungen, die mir – durchaus in Nietzscheschem Sinne – wertgeschichtliche Prüfungen waren. Mein reger Wille erspürte in allen Werten den Ausdruck von Wirkungsaustausch – somit erlosch wie von selber der unbedingte Gemeinzwang, ob sklavischer oder herrischer Art, das Sittengewirr der Mensch­heits­ge­schich­te klärte sich, alle Mannigfaltigkeit grade ehrend, zur einfachen Einsicht der abgestuften Wirkung. Dem Willen zur Macht, der Nietzsche noch immer im Massenboden verankerte, trat mein Wille zur Tat entgegen, als Eigenwurzel des Lebens. In trotziger Auflehnung wider sämtliche Mas­sen­wer­te – doch nicht um des Trotzes willen, sondern zur Le­bens­ge­stal­tung gewendet – schuf ich die Bücher Kains vom ewigen Leben, worin ich in schärfstem Eigenempfinden die Un­ver­gäng­lich­keit jedes Einzelwesens gegen die Furchtlehren aller vorhergegangenen Schwächezustände aussprach. Es war ein Wille zur Lebensgestaltung, noch krampfhaft und freu­den­scheu, eher nach Not und Gefahr, als nach Glück und Genuss begierig – ein abenteuerndes Spiel mit dem Unhold «Leben», vor dem Denkmal der sterbenden Löwin am Brandenburger Tor in Berlin hatte sich mir diese Stimmung ausgesprochen:

 

So wills das Leben! Es soll entrissen

Das Liebste uns, das Heiligste sein:

Vermag ums Geheimnis des Lebens zu wissen

Der Schmerz doch, der Kettenbrecher, allein!

 

Erst wenn dein Herzblut die Schuld beglichen,

Gibt dich der Wahn, der gleissende, frei –

Nur wer aus den Schlingen des Glückes entwichen,

Bleibt Sieger im ewigen Lebensturnei …

 

* * *

Und nun kehrte ich der mir nicht länger fruchtbaren, weil er­le­dig­ten Sittenprüfung den Rücken, und betrat die Bahn der wirk­li­chen Einsicht.

Die mathematische Formelhaftigkeit der von mir er­kann­ten «abgestuften» Wirkung konnte mir nicht genügen, ich muss­te die Formel in Lebensgehalt umsetzen; andrerseits trieb mich gerade die Formel zur Einsicht, dass Wirkungs­be­zieh­un­gen dann nur Sinn haben, wenn sie Einzelmächte voraussetzen, die in Beziehung und Wirkung treten und dadurch Wert ge­win­nen; sonst ist das Ganze ein hohler Spielkram, wie heute das Denken der Wissenschaft, die darauf prunkend ausgeht, in allen Erscheinungen statt das Wesens die blosse Leistung zu sehn, zu werten, zu messen – in triebhaft enteignetem Nut­zen­sinn der Hörigkeit.

Ich, meines Eigenwillens als wirkender, widerstehender, richtender Kraft bewusst, musste in allem Geschehen eigne Willensdinge begreifen, das Dasein wesenhafter, wirklicher Daseinspunkte.

So sah ich nun in unendlichfachem Drange zur Tat, im Dasein zahllos-zahlreicher Tatmächte, die ich Urtaten, später «Aktiden» nannte, klar das Gefüge der Welt. Doch eben, weil mich Wirkungswille zu allen Einsichten trieb und ich fühlte, die Werte des Lebens durch meine Wirkung zu steigern – so ward mir zum ersten Wesensinhalt der Tatmächte die Wert­stei­gerung, Lebensmehrung, das Wachstum der Kraft.

Allem Massenglauben entgegen, der sich hinter Natur­ge­set­zen eigner Auswahl verschanzt und alles Einzelne nur als festgemessenen Bruchteil der ewigen Daseinssumme bewertet-entwertet, erhob ich die Einsicht der stetigen Mehrung des Wel­ten­wer­tes, der Weltkraftsumme durch stetig quellende Kraft aus dem Wesensgrunde der tätig einander überflügelnden Einzelmächte.

So nur erschien mir das Dasein auf solche Ewigkeit hin­zu­zie­len, die Leben bedeutet, und nicht einen stumpfen Still­stand, was Nietzsches ewige Wiederkehr und Kants Welt der Dinge an sich und Spinozas Gottesnatur und Platons Ideen und alle sonstigen Zwischengedanken des Uneigenheits-Glaubens besagen. Im Gegensatze zu allem bisher bestehenden Stoff-, Kraft- und Gewerkglauben geistlicher, geistiger, mystischer, mathematischer Art – im Gegensatz zum wesenhaft un­or­ga­ni­schen Glauben begründete mir einzig dieser organische Glaube des Eigenwachstums das Einzelstreben in sinnvoller Le­bens­fülle: und eben aus diesem Glauben begriff ich alle Mas­sen­er­schei­nun­gen nur als Strebenshemmungen, Drangsentartung. Im Zeichen des Wertwachstums erstand mir die Eigenhoheit des tatdrängenden Einzelwillens.

Am knappsten bezeichnete ich diesen Glauben im fol­gen­den Satze:

 

Ginge die ganze Welt zugrunde und eine einzige Tatmacht bliebe erhalten, so würde aus ihr als Daseinspunkt des Ei­gen­dranges die ganze ungeheure Weltenfülle sich in aller Mannigfaltigkeit wieder ergänzen.

 

Wie Plus zu Minus stellte sich meine neue Anschauung gegen alle bisherigen.

* * *

Hier, an diesem Punkte wäre meine Eigenleistung zu Ende ge­we­sen, und schwerlich wäre ich schon in diesem Leben da­rü­ber hinausgelangt, hätte nicht Elisarion mich gefördert. Das, was ich weiter erkannte und nun bekenne, ist Le­bens­frucht vom Baume Elisarions.

Ich erachte es für ein geistiges Vorrecht, Höheres über sich hinaus zu verehren; nur ein stumpfer Sinn, in dem das innere Lebenswachstum zum Stillstand kam, wie wild auch das äussere tobe, ist verehrungslos. So ist es gerade Willenskraft, Ehrlichkeit und Dankbarkeit, wenn ich für Elisarion eintrete; es wäre Geringschätzung meiner selbst, wollte ich Elisarions Gedanken ausschlachten, ohne nachdrücklichste auf ihn, als das mir von Gott zugeführte Ursprungslicht meiner weiteren Einsichten hinzuweisen.

Es ist nicht Personenkult, den ich treibe, wie kleinseelige Neider meinen mögen. Eine Persönlichkeit, die so in Miss­er­folg, Feindschaft, Leiden, Entbehrung emporwuchs, abseits dem Erdentrubel, und niemals in seinen Werken, weder den dichterischen noch den bildnerischen, sein Leid zur Schau trug, sondern vorwiegend dessen Überwindung aussprach, ist über Ehrgeiz und Ruhm hinaus. Seine folgenden Worte aus einer sehr schweren Zeit (1896) bezeugen es:

 

Was zählst du deine Tränen, krankes Herz,

und deines Kummers, ach, so reiche Blüten?

Was weinest du? Es ist ja bloss ein Scherz.

Was klagst du so? Wie schön die Stürme wüten!

 

Was zählst du deine Schmerzen? Winde sie

mit froher Laune dir zum Totenkranze.

O horch! in deinem Leid ist Melodie;

und Leid und Lied, wie bald verklang das Ganze!

 

In deinen Tränen perlt das Sonnenlicht,

das schöne Licht. O scheine du im Herzen!

Nacht wird es erst, wenn müd das Auge bricht.

Du krankes Herz, was zählst du deine Schmerzen?89

 

Freilich will er heute besser sagen: «Tag wird es, Tag! wenn müd das Auge bricht.»

Grosses tagt ihm, doch nichts liegt seinem herzlich-gü­ti­gem Wesen ferner, als Überhebung, so geistige, wie soziale; die ihm persönlich näher kennen, wissen das.

Aber es ist meine geistige Berufung – gerade weil ich so vielfach anders geartet bin als er – die heilige Fackel der Kla­ren Kunde weiterzureichen, die er mir entzündet hat, nach­dem in ihm die Frohe Botschaft wahrhaft ausleuchtete.

Freilich: ich wäre unfähig gewesen, die Klare Kunde zu fas­sen, wenn mich nicht die eigne Willensentwicklung bereits aus der Niederung des Geistes, aus dem Massenglauben weg­ge­führt hätte. Und freilich, wiederum, bin ich bei nächstem Um­gang mit Elisarion dennoch unverständig geblieben, solang ich noch nicht zur völligen Abrechnung mit allem früherem Wahne gereift war. Und freilich – gestehe ich – wäre die Frei­heits­rei­fe durch Elisarions Gedanken sicherlich viele Jahre später er­folgt, hätte nicht Elisarions stiller Einfluss gewirkt.

Elisarion hat sich in mir – nicht ohne Müh und grosse Herzensgeduld – den ersten Erkenner seiner Lebensbotschaft heranerzogen! so ist es begreiflich, dass vielen gerade ich den Weg zur Befreiung zu weisen vermag. Für diese bereite ich den ersten Pfad zur Hochwarte der Klarheit, zur Heiligen Burg des Klarismus, dem Werk Elisarions.

Elisarions Geistessprache in Worten und Linien ist klar wie ein Lebensquell oder eine frische Sonnenlandschaft.

Aber vielen ist diese heldische Heiterkeit und Schlichtheit noch befremdlich. Der Weg zu dieser klaren Aussicht und Ein­sicht geht oft durch düstere Schluchten, durch dorniges Ge­strüpp einer verbildeten Gesittung und über Gemäuer, das je­den Weg zu sperren scheint. Den Wanderern durch solches Labyrinth könnte ich freilich nicht die höhere Lebensordnung weisen, hätte ich nicht den ganzen Irrgang, in dem sie fronen, selber durchlebt. Ich kenne ihr Suchen und Doch-Nicht-Fin­den, ich bin über alle früheren Mitsucher um Wesensweite hin­aus­gelangt und gestehe dennoch: auch ich bin selbst nur noch Vorwort der Wahrheit.

Ungenügend war an meiner Anschauung, dass sie zwar alle Kraftfülle, jeden Eigenantrieb tiefstens begründete – aber doch noch ins Leere zielte.

Indem ich in aller Massenerscheinung Entartung des ein­zel­nen wie gemeinsamen Eigenstrebens erkannte, fasste ich alles Dasein in eine gemeinsame Ordnung, die besser Un­ord­nung hiesse zusammen; die Wertunterschiede, die sie erkennt, sind Binnengrade ein und derselben Ebene; die bare ziellose Überflügelung minderwuchtiger Zustände durch höher­wuch­tige bleibt ein leeres Gedränge nach Art der schwingenden Äther­wirbel und strömenden Elektrone, ergebnislos und be­deu­tungs­los, gleich wie die allerschnellste Bewegung im end­losen Weltraum an sich nicht mehr als völliger Stillstand besagt. Den zukunftslosen Chaoszustand also begriff meine Anschauung, selber noch Chaos, vollständig. Der drängenden Unrast blieb aber unbegriffen, was dennoch mein Fühlen und Sehnen schon ahnend umkreiste: die dunkelsten Rätsel des Chaos, die hellste Zwillingsbotschaft verklärter Welt – die Gestalt und der Geist.

Elisarions schauende Erkenntnis lichtete mir mit bil­den­dem Schöpfergeiste das Dunkel: als Werdezeichen des Got­tes­rei­ches inmitten des Erdenwirrwarrs liess er mich alle Ein­klangs­bil­dung erkennen – die Form: in edler Freude lehrte er mich den Erlösungsjubel der gottwärts steigenden Seele füh­len; der unvollkommenen Leidens- und Wirrwelt gegenüber zeigte er mir die vollkommne Klarwelt Gottes, des helfenden Urerlösers, als dessen Herold er Christus, den Urüberwinder der Erde bekennt: ein neuer Evangelist und Apostel, der das alte, von Christi Liebe schweigende, in tieferem Sinne chris­tus­widrige «Apostolikum» der Schöpfung und Rache durch die «Klare Kunde» der befreienden Liebe Gottes zum Eigenwesen überwunden hat.

Da ward ich sehend im frohen Verklärungsglauben, der mir die Heilige Geheimschrift der Gotteswahrheit entzifferte, die nicht in einem blossen «Spiegel dunkler Worte» (I. Korin­ther 13:12) erscheint, sondern in lichten Spuren an Schönheit, Freude und Güte die düstre Urkunde des Chaos durchflicht, wie bedeutungsvolle Einzelleitern ein wirres Palimpsest. Es heisst für jeden, sie im Zusammenhang erkennen und lesen; es hiess aber zunächst sie erstmalig in Wesenszusammenhang, Sinn und Gegensinn ausleuchten lassen. Und das hat Elisarion, von Gott erleuchtet, getan – für sich, für mich und die übrige Menschheit.

Den früheren Bildern der Welt als Zwang und als Laune schwand das Weltbild des Trotzes nach – als heldischer Glaube tagte das Weltbild der Überwindung und Lebensverjüngung in mir. Die Überwindung der Chaoshemmungen – Schwere und Tod, Hunger und Fron, Lüge und Hass, der Ketten der Seele – durch überweltliche Klärungskräfte im strebenden Eigenwesen: das ward mir zur Lebenswahrheit.

«Ich bin ein Eigenwesen» kann als Klarist ich nun mit Elisarions Worten das hohe Bekenntnis zum «Unbekannten Gotte» beginnen, das er im Verklärungswerke des «Neuen Fluges» als wahre Verfassungsurkunde höherer Menschheit niederlegte, für jeden die Quelle der selbstläuternden Sehn­suchts­klärung. Da ist die Antwort der Frage: «Was soll uns der Klarismus?», dessen Seelenfeuer in den «Hymnen der heiligen Burg» so macht- und weihevoll lodert.89a

* * *

«Geh hin und lies!»

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Auf Elisarion nun die Menschheit hinzuweisen, ist meine Sen­dung, so wie es seine ist, im klaristisch erkannten Christus den Erdenurüberwinder, den höchsten Befreier, in Gott den ur­er­lö­sen­den Allsieger und Schöngestalter zu weisen. Er muss es, in Wort und Tat und Gestalt, weil er dazu berufen wurde, zum Lebensoffenbarer erwählt, durch Leid wie Freude geheiligt – ich aber kann das Meine leisten, weil ich des Chaos Zwangs­ord­nung durchlitt und doch die Liebesordnung des Got­tes­rei­ches erlebte.

So war es dennoch nicht unnütz, dass mich die frühe Lie­bes­leidenschaft weckte, verarmend bereicherte, zermürbend stähl­te, die Leidenswege des Menschengeistes zu Ende gehen hiess, und dennoch in tiefem Sehnsuchtsdrange mich vorwärts und aufwärts führte, bis zur Schwelle von Elisarions Got­tes­welt. Wahrlich: mein Seelenführer durch die Wirrwelt zum Lich­te hinauf war Liebe.

Die Verjüngung des Lebens

I. Korinther 13:12 Denn jetzt sehen wir alles in einem Spiegel, in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin.

Irrgänge des Geistes

Inhaltsverzeichnis

 Vorwort

 Einleitung

Das monistische Weltbild:
Die Welt als Laune

IDer Urwaldglaube

IIDer Bauerglaube

IIIDer Beginn des Götzenwahns

IVDer Olympische Herrenglaube

VDer Sinaiglaube

 Warum wurde Christus zu Jesus?

 Die Rassegefahr

Das legalistische Weltbild:
Die Welt als Zwang

VIDer bürgerliche Glaube I

VIIDer bürgerliche Glaube II

VIIIDer bürgerliche Glaube III

IXStützen der Gesellschaft

 Das Geheimnis des Hungers

Das individualistische Weltbild:
Die Welt als Trotz

XVerbrecher

XIDas Widergeschick des Lebens

XIIPaulus

XIIINietzsche und Ich

 

Die Irrgänge des Geistes PDF

Friedrich Nietsche, 1875

Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844–1900, war ein deutscher klassischer Philologe. Erst postum machten ihn seine Schriften als Philosophen weltberühmt. Im Neben­werk schuf er Dichtungen und musikalische Komposi­tio­nen. Ursprünglich preussischer Staatsbürger, war er seit seiner Übersiedlung nach Basel 1869 staatenlos.

Im Alter von 24 Jahren wurde Nietzsche unmittelbar im Anschluss an sein Studium an der Universität Basel Professor für klassische Philologie.

Den jungen Nietzsche beeindruckte besonders die Philosophie Schopenhauers. Später wandte er sich von dessen Pessimismus ab und stellte eine radikale Lebensbejahung in den Mittelpunkt seiner Philosophie. Sein Werk enthält scharfe Kritiken an Moral, Religion, Philosophie, Wissenschaft und Formen der Kunst. Die zeitgenössische Kultur war in seinen Augen lebens­schwä­cher als die des antiken Griechenlands. Wiederkehrendes Ziel von Nietzsches Angriffen ist vor allem die christliche Moral sowie die christliche und platonistische Metaphysik. Er stellte den Wert der Wahrheit überhaupt in Frage und wurde damit Wegbereiter postmoderner philosophischer Ansätze. Auch Nietzsches Konzepte des Übermenschen, des Willens zur Macht oder der ewigen Wiederkunft geben bis heute Anlass zu Deutungen und Diskussionen.

Freiherrliches Taschenbuch, 1893

Gothaischer Hofkalender hiess eine Buchreihe des Justus Perthes Verlages, benannt nach seinem Verlagsort Gotha und ist als «Der Gotha» weltbekannt geworden. Es ist ein Verzeichnis des europäischen Adels, ein Eintrag in diesem Kalender galt als Beweis der adligen Herkunft.

Der Hofkalender erschien erstmals 1763. Bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde der Kalender in jährlichen Ausgaben mit unterschiedlichen, immer wieder leicht veränderten Titeln inhaltlich aktualisiert und ergänzt.

Immanuel Kant, 1791, Gemälde von Gottlieb Döbler, Ostpreussisches Landesmuseum, Lüneburg

Immanuel Kant, 1724–1804, war ein deutscher Philo­soph der Aufklärung. Kant zählt zu den be­deu­tends­ten Vertretern der abendländischen Philosophie. Sein Werk Kritik der reinen Vernunft kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie.

Kant schuf eine neue, umfassende Perspektive in der Philosophie, welche die Diskussion bis ins 21. Jahrhundert massgeblich beeinflusst. Dazu gehört nicht nur sein Einfluss auf die Erkenntnistheorie mit der Kritik der reinen Vernunft, sondern auch auf die Ethik mit der Kritik der praktischen Vernunft und die Ästhetik mit der Kritik der Urteilskraft. Zudem verfasste Kant bedeutende Schriften zur Religions-, Rechts- und Geschichtsphilosophie sowie Beiträge zur Astronomie und den Geowissenschaften.

Johann Gottlieb Fichte
Eduard von Hartmann

Johann Gottlieb Fichte, 1762–1814, war ein deutscher Erzieher und Philosoph. Er gilt neben Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel als wichtigster Vertreter des Deutschen Idealismus.

Karl Robert Eduard von Hartmann, 1842–1906, war ein deutscher Philosoph. Er gilt auch als «der Philosoph des Unbewussten». Von Hartmann versuchte in seinem Werk «Philosophie des Unbewussten» zwei verschiedene Denkweisen (Rationalismus und Irrationalismus) zu­sam­men­zu­führen, indem er die zentrale Rolle des Un­be­wuss­ten betonte. Sein Werk hatte Einfluss auf Tiefen­psycho­logen wie Sigmund Freud und Carl Gustav Jung.

Arthur Schopenhauer, 1815,
Gemälde von Ludwig Sigismund Ruhl

Arthur Schopenhauer, 1788–1860, war ein deutscher Philosoph, Autor und Hochschullehrer.

Schopenhauer entwarf eine Lehre, die gleichermassen Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik um­fasst. Er sah sich selbst als Schüler und Vollender Im­ma­nuel Kants, dessen Philosophie er als Vorbereitung seiner eigenen Lehre auffasste. Weitere Anregungen bezog er aus der Ideenlehre Platons und aus Vor­stellungen östlicher Philosophien. Er vertrat als einer der ersten Philosophen im deutschsprachigen Raum die Über­zeugung, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liege.

Nessos und Deianeira, Gemälde von Arnold Böcklin

Das Hemd des Nessus ist ein Verderben bringendes Geschenk.