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Der Sinaiglaube

Der wirre Verlauf der Glaubensgeschichte vom Anfang des dorischen Herrentums bis zur Weltmacht der Römischen Kir­che liegt uns Europäern besonders nah, und vor Augen.

Bei andern geschichtlichen Umständen wechselt das Bild gewiss in den Einzelheiten, doch bleibt der wesentliche Ablauf derselbe. In Indien kam es nie zu der vornehm-klaren Götter­ge­stal­tung, wie der olympische Glaube sie prägte; die arischen Herren, die auch dahin als Eroberer kamen, müssen zunächst im neuen Lande wohl doch die ältere Lebensform, die Vieh- und Pflanzenzucht, weiter geleistet haben und also beim alten Naturglauben geblieben sein. Als sie sich dann allmählich als Oberherren weite Gebiete bemächtigten, musste der nahe Zu­sam­menhang mit dem wieder zu Stammland gewordenen Sied­lungs­ge­biete am Himalaya dennoch die gleichen naturhaften Wesenszüge im Götterbilde weiter bewahren. Die indischen Götter sind darum im Wesentlichen nur mit einigen herren­recht­li­chen Zügen ausgestattete Mächte des reinen Natur­ver­lau­fes, dazu vermischt, verwischt und vergrässlicht durch all den Wirrwarr des rassezerklüfteten Landes voll massloser, wilder Natur­mäch­te: und so herrscht daselbst ein Götterchaos. Ihm wie dem Lebenschaos entgegen musste schliesslich die müde Ablehnung dieses und jenes treten, in Buddhas Lehre der Willenslöschung17 – ein Seelenzustand, zu dem Europa einige hundert Jahre ebenfalls gelangte, freilich nur zwischen zwei Zeiten des Glaubens, als der olympische nahezu tot und der christliche noch nicht erstarkt war, etwa von 300 vor bis 300 nach Christi Geburt. Das Christentum begann als Lebens­um­wäl­zung, fand fruchtbaren Geistesboden zuletzt beim ger­ma­ni­schen Volkstum, doch blieb die entscheidende Einsicht ins Gift des Hungerwahnes noch aus; so brach die Entartung des Geis­tes­le­bens wieder unaufhaltsam herein, und heute herrscht wieder der Seelenzustand der Lebenserschöpfung, wie Buddha sie predigt. Sie ward gereift durch den jüdischen Glauben, der früh die spätere Geistesentwicklung der andern Rassen vor­weg­nahm.

Unsere europäische Glaubensgeschichte nach Abschluss der Alten Welt ist stärkstens vom römischen Geistesgefüge beeinflusst; doch mächtiger ist der geistige Zufluss, der Israels Quellen entströmte. Der Glaube an überirdische Nahrungs­ver­wal­ter, der selbst die besten olympischen Ahnungen nieder­zwäng­te, fand Vertiefung durch leidenschaftlich erlebte Ohn­macht. Dennoch lag in dieser Vertiefung zugleich der Keim der Überwindung des Wahns, und im jüdischen Gottesglauben vollzog sich trotz allem die Abstreifung der Chaos­zu­ge­hö­rig­keit, die noch die Götter von Hellas belastet.

Freilich blieb diese wirkliche, höchste Überwindung des Wahnes, wie die Frohe Botschaft von Jesus Christus sie kün­det, trotz allen Gefühls der Befreiung, das immer wieder Seelen beglückte, als solche noch der Erkenntnis verborgen, bis der Klarismus sie endlich aussprach,18 indem er zeigte, dass in Erscheinung und Kunde des Christus die beiden Wahr­heits­hälf­ten, die jüdische und die olympische, wirklich in eine ganze Erlösungswahrheit zusammenklingen. So stehn wir jetzt am Anfang der dritten Glaubenszeit, die nochmals und endgültig die Lebensermüdung beseitigt, da der Klarismus den Todes­glau­ben durch Klar- und Frohglauben aufhebt, zu neuem Fluge die Seele weckend, deren Eigenwesenheit unverlierbar erkannt ward.

Diese klaristische Wendung des Geisteslebens ist freilich ein Werk germanischen Fühlens, hellenisch durchleuchtet, beraten von der Kunst der italienischen Renaissance. Dennoch musste die Menschheit vorher, obschon in christentümlicher Milderung, erst die Wucht des jüdischen Gottesgedankens ergreifen, um nun den nächsten höheren Schritt zur Kenntnis Gottes, des Unbekannten, zu tun.18a

Die hellenisch-olympische Glaubensgestaltung beruhte darauf, dass ein Herrenvolk sich eine neue Heimat erobert, zu neuer Willensstellung gelangt und dennoch, im steten Flusse lebendigen Daseins, die neuen Empfindungen nur als höhere Stufe der früheren entwickelt. Wo immer sich gleiche Be­ding­un­gen wiederholen könnten, würde der gleiche Geisteszustand gewonnen, unabhängig von jedem «Vorbild» – nicht aus Nach­ah­mung, sondern aus tiefster Echtheit der Ausdrucksformen lebendigen Strebens. Denn selbst die wirklich vorhandnen Ein­flüsse werden nur dort und nur insoweit fruchtbar, als und wo die gleiche geistige Schwelle erreicht ward. Mag deswegen der Totendienst, nach dem ungeheuersten Beispiel, «ägyptisch» heissen, der Sternendienst im gleichen Sinn «babylonisch», so ist die äussere Beziehung dennoch unsagbar weniger wichtig, als die Erkenntnis, wodurch jeweils die Übertragung, die Neu­ent­stehung des Alten möglich, wirklich, notwendig geworden ist; Geistesformen sind Willensformen, im Lebenskampfe erworben.

Um die ganze Tiefe, Bedeutung und Tragik der jüdischen Glaubensgeschichte zu fassen, ist es nun zu erwägen, wie sehr eine Geistesstufe des Glaubens an innerer Kraft gewinnen muss, wenn das Daseinserlebnis, das erstmals dieses Welt- und Gottesbild schuf, sich wie ein Verhängnis an ein und dem­sel­ben Volk wiederholt und das Weltbild sich jedesmal schärfer dem Volkswillen einätzt, das immer bestimmter gestaltet auch die Geistesgestaltung immer bestimmter ausprägt.

Und diese oftmals erneute Seelenprägung durch oftmals erneuten Daseinszusammenbruch gerade nach machtvollem Zwischenglück ist der Schlüssel der jüdischen, ganz be­son­de­ren Gotteserkenntnis. Sie war bedeutender, als die anderen alle ausserhalb ihres Kreises, und dennoch ist ihre innere Grenze gerade durch ihre Geschichte bezeichnet: sie wertet einzig die eine Hälfte des Daseins, gerade wie der olympische Glaube eigentlich auch nur der einen – anderen Hälfte des Daseins gerecht wird. Den heiligen Wert von Schönheit und Freude, die Gotteswirkung in ihnen, bekennt die olympische Gottes­er­kennt­nis – die schreckliche Erdennot und wesenhaft darüber erhaben die Hoheit Gottes, bekennt die jüdische.

Die jüdische Glaubensgestaltung wurzelt in bitterem Bo­den: dem plötzlichen Schreckensabbruch aller gewohnten Nah­rungs­be­dingungen. Darum ist der jüdische Glauben, in sich allein genommen, auch selbst ein Abbruch der tiefsten Lebens­be­ding­un­gen, grade in seiner schroffen Entwicklung des nur-irdischen Zustands, über dessen Nichtigkeit sich die All-Un­end­lich­keit wölbt.

* * *

Es muss ein grausiges Schicksal vor etwa fünf Jahrtausenden über Mesopotamien hereingebrochen sein – die Sintflut.19

Ungeheuerste Wassernot schlug mit einem Male plötzlich das fleissige Ackerleben zwischen Euphrat und Tigris nieder, alles vernichtend. Wer nicht sofort ertrunken, flüchtete: nord­wärts hinauf in die Berge Armeniens retteten sich die Einen, und endlose Zeiten später erzählte die Sage von glücklicher Landung weniger Menschen oben am Ararat; ostwärts ins per­sische Hochland stiegen die Andern; westwärts hinein in die Wüste gerieten die Dritten.

Diese wurden die Vorfahren der Juden.

Aus fleissig ruhiger Bauernarbeit hinausgeschleudert, angewiesen auf weniger, mitgeretteter Herden Besitz, als einzige Nahrungsquelle, fanden diese Menschen, der plötz­li­chen Not entronnen, sich mitten in dauernden Nöten.

Und wieder sprach der Hunger zum Geiste.

Vernichtet war das bisherige Leben, vernichtet der Ar­beits­kreislauf, vernichtet die himmlische Erdenreglung des Daseins. In unermesslicher Zorneslaune hatten die Götter mit einem Schlage das menschliche Schaffen zerschmettert; zer­trümmert war aber eben dadurch zugleich das Werk und Wir­ken, um dessentwillen der Mensch sich ihnen fügte, zu fügen bestrebte. Die Äcker, die Saaten, die Pflanzungen waren dahin und mit ihnen war dahin, was die Menschen hatten, um sich der Göttergnade zu bemühen. Der Weltuntergang, den die Sintflut für den Menschen bedeutete, war zugleich die Götter­däm­me­rung.

Eine einzige ungeheure Schreckensgewalt erhob sich, Erde und Himmel verschlingend, alles beherrschend über den neuen flüchtigen Wüstenbewohnern.

Was ihnen zur Nahrung geblieben, was sie flüchtig ge­ret­tet, der Herden bewegliche Habe, forderte keine feste, vor­her­be­den­ken­de Ordnung, keine Beobachtung göttlicher Zeiten und Folgen. Der Bund der Gottheiten war entthront, bedeutete fer­ner nichts im Leben der Wüstenhirten, mochten sie auch nach alter Gewohnheit weiter nach Monden und Sonnen zählen. Eine einzige Gottheit, kannten die Unsteten noch – das Ent­set­zen; es ward ihr Schreckensbegleiter in allem Wüstenerleben, als glühende Wüsten­un­end­lich­keit, seelenlähmende Wüsten­ein­sam­keit, rasendes Wüstenunwetter.

Nur aus dem Abgrund des Weltenunterganges – der auch, und vielleicht aus derselben Sintflut-Erinnerung, im Glauben des Zarathustra von Einfluss ist und als Mithras-Dienst dem Christentum vorgearbeitet hat – erhebt sich das jüdische Ein­gottestum. Dauernd blieb somit in ihm als heimlicher Keim die Furcht vor dem Weltuntergang, blieb der Weltgerichtsgedanke; die Angst vor neuen schrecklichen Ausbrüchen Gottes durch­bebt diesem Glauben und jede spätere Milderung gilt hinter­drein als Abfall, auf den die Strafe grausamst erfolgt, um stets, verschärfte «Gottesfurcht» einzuätzen.

* * *

Es war durchaus nicht sofort ein fester, klarer, die Götter­viel­heit bewusst bekämpfender Glaube, dieses Bekenntnis zum Einen Gott.

Es war die einfache Geistesfolge dessen, dass diesen Men­schen die Wüste, die eintönige Einförmigkeit des Himmels und der Erden zur Lebensstätte und Lebensgrenze geworden. Dies war die eine und einzige Macht, von der sie abhingen; darauf war ihr Wille gerichtet und so erschien dem Geiste die Welt­ord­nung.

Hierauf war ihr spärlicher Tages- und Lebenslauf ein­ge­stellt, als sie, die vordem eher Sesshaften, nun begannen kreuz und quer durch Arabien zu ziehen, von einem abgeweideten Platze zur andern möglichen Trift. So lebten sie und so mehr­ten sie sich und fielen wohl zeitweise, in abgesplitterten Grup­pen, ein in das blühende Küstenland Kanaan, in Ägypten oder die alte chaldäische Heimat: Abrahams Wanderzüge berich­ten im Umriss davon. Doch blieb ihre Stätte die Wüste.

So gingen viele Geschlechter dahin in gleicher flutender Einförmigkeit unsteten Hirtenlebens. Die Menschen mehrten sich und die Herden mehrten sich und das Leben begann ein gewisses Behagen zu bieten: da mag und muss die furchtbare Gottheit gnädiger, milder erschienen sein, als Gönner und Freund der Stammesahnen, denen er Reichtum an Volk und Herden gelobte.

Aber die Menschen mehrten sich weiter, die Herden mehr­ten sich weiter und schliesslich wurde das Lebensbehagen zu Lebenskargheit und Not: die Weideplätze genügten nicht mehr um die Rindermengen zu nähren, von denen die Men­schen­men­gen sich nährten.

Und plötzlich geschah eine neue, entscheidende Mehrung der Not.

Es mochte ein längst oder unlängst abgesplitterter Volks­teil, die Nilwiesen bewohnend, Ägypten verlassen haben müs­sen, harten Massregeln weichend, mit denen die Landes­be­hör­de aus ungebärdigen Hirten gefügige Arbeiter pressen wollte.20 Jedenfalls mehrte sich plötzlich die Menge des Volkes, der Kin­der, und völlig ungenügend wurde die Weide, das futterlose Vieh mochte fallen, der Hunger musste die Menschen peinigen. Allgemeine quälende Not ward wirklich.

* * *

Da mag ein einzelner, kluger und tätiger Mann zum geistigen Führer geworden sein.

Wohl hat man Moses als ungeschichtlichen Sagenheld oder mindere Stammesgottheit beseite zu schieben gesucht: und dennoch redet aus all den Zügen der Überlieferung deutlich das Wesen grossen Menschentums, wirklichen Waltens. Mit staatsmännischem Blicke erkannte Moses, dass das, was sein Volk bedrohte, die Menge des Volkes, zugleich die Rettung bedeutete: Übermacht zur Eroberung jenes milch- und honig­führenden, Weiden und Acker bergenden, nördlichen Küsten­strichs.

Tiefbezeichnend ist es jedoch, dass Moses nicht einfach sich selbst zum Herrscher und Herzog der notbedrängten und kraftgeschwellten Rinder Israels machte, nicht ein eignes und wahres Königtum gründete – sondern vielmehr das ganze Volk und das ganze Unternehmen auf Glaubenshörigkeit stellte. Tiefste Wurzeln musste in all den Zeiten, da das Volk Israel hin und her durch die Wüste gestreift, das eine Doppelgefühl in der Seele gewonnen haben: die unbedingte gleiche Eingliederung jedes Einzelnen in die Gesamtheit des Stammes, der seinerseits unbedingt von der Schreckens-Einmacht der Wüste abhing.

Die unbedingte Enteignung des Einzelwillens, Einzel­ge­fühls und Einzelerwerbes kraft der nahen inneren Umwelt des Stammes, als Folge der weiteren Umwelt, der alles Dasein uner­bittlich umspannenden, furchtbaren Wüstenmacht – diese Enteignung erwies sich als Grund und Wesen der jüdischen Seele, als Moses auftrat.

Derart fühlte er selbst, bei aller Willenskraft, derart em­pfand, das wusste er, auch sein Volk, bei aller Rührigkeit; und so richtete er die gewaltige Einmacht eindrucksvoller als je zum «Herrn» des Seins, zum «Seienden» aus, dem gegenüber der Menschen Ohnmacht eben als wenig mehr, als Nicht­sei­en­des gelten konnte. Ein furchtbarer Ausbruch irgend eines Wüsten­vulkans mag den Anlass solcher Verkündigung gegeben haben; Erinnerungen daran zittern noch in der späten Sinai-Sage nach.

Nur musste sich die Beziehung von Gott und Mensch­heit in etwas ändern, der alte Sintflutglaube sich wandeln. Zum Heere Gottes bestimmte Moses die frühere Herde Gottes, im Namen Gottes sandte er sie, die bisher in Dumpfheit hörigen Elendsgeschöpfe, zur Massenkraft aufgeweckt, in die Welt hin­aus, dem «Herrn» die Lande zu unterwerfen. Und dafür stand der Wohlstand in Aussicht.

Es war eine wesensgetreue, tiefe Weiterbildung des isra­eli­ti­schen Seins: der Einzelne blieb als Soldat des Stammesheeres unerschütterlich fest in die Stammesordnung eingefügt, all seine Kräfte gehörten dem Stamme, dem Heere, dessen tätig-tüch­tige, dennoch willenlose Waffe er war, ein blosses Werk­zeug – der Stamm als Ganzes blieb aber selbst in völliger Hö­rig­keit Waffe und Werkzeug des Herrn, mit voller Ein­set­zung aller Kräfte, und doch ohne jeden eignen Willen.

Enteignung des Willens zugleich mit höchster Verwertung der Kräfte, früher ziellos vom Zufall der Weidebedingungen um­her­ge­worfen, jetzt aber zielvoll Eroberungspläne hegend, völ­lige Unterwürfigkeit fühlend, und dafür den Wohlstand vor Augen: das ist der Wesenszustand mit dem die Kinder Israel nun in die Weltgeschichte einbrechen, ganz wie zwei Jahr­tau­sen­de später die Kinder Ismaels, Alllahs Soldaten.

Als Söldner ihres Wüsten-Eingottes, zur Mehrung seines Besitzes, fielen die Stämme Israels über das Küstenland her, unterstützt von verwandten Sippen, die früher schon, im Osten des Jordans genügend Weide gefunden und halb-sesshaft wur­den.21 Sie metzelten, wo sie konnten, die Einwohner nieder, die Nichtisraeliten, die Nichthörigen Jahwes. Brauchte die völlige Unterjochung auch längere Zeit, und blieb auch die Meeres­küste ihren Besiedlern, so fanden die Hirtensoldaten doch ziem­lich mit einem Schlage wessen sie bedurften: Nahrung.

Aber sie selber wurden durch diesen Wandel der Hunger­re­ge­lung mitverwandelt. In Ackerländereien geraten, wurden sie Bauern oder aber Fronherren.

So wurde der Hungerwille anders gerichtet und neu ge­stal­tete sich das Weltbild.

Die stetige Fruchtbarkeit Kanaans, ihrer neuen Heimat­er­de, das mildere Walten des Himmels, der sicher gefügte Ver­lauf der Jahresereignisse – all das weckte wieder die Ahnung göttlicher Lebensfülle und Mannigfaltigkeit, die sie einstens vergassen, als die Sintflut sie hinaus in die Wüste jagte. Un­merk­lich nahm ihr schrecklicher Wüstenjahwe, der fast das Wesen des späteren «Satan» aufweist, die milderen Züge des Landesgottes an, des Baal;22 neben ihn trat die Himmels­kö­ni­gin,23 trat das himmlische Heer. Die Gottheit des Schreckens ver­blass­te, die froheren Menschen wurden ihr, ohne es ei­gent­lich selbst zu wissen, abtrünnig. In Wahrheit blickten sie ja im glei­chen Hungergefühle auf zur überirdischen Lebenswaltung, nur trug sie jetzt ein anderes Antlitz, anderen Geist, andere Wer­tung.

Doch kaum kam wieder die Not, durch Misswachs, durch siegreiche Feinde, so hob sich der alte Hörigkeitsglaube, die alte Wüsten- und Gottesfurcht, wiederum zur Gewalt. Die Bedrängnis reifte ein härteres Wollen und schloss die – durch Wohlstand unabhängiger von einander gewordenen – Stam­mes­glie­der wieder zu festerem Bunde zusammen: da richteten sich die Blicke hin auf den alt-überlieferten, halb ausser Acht gelassnen Bund mit Jahwe.

Da trat wohl an die Spitze irgend ein Willensgewaltiger, predigte eifernd den «Namen des Herrn», wies im Leiden des Volkes die Rachestrafe des Abfalls, kündete dennoch Ver­söh­nung, sobald nur das ganze Volk die Götter der andern Völker verliesse. Nun gab die Furcht vor dauernder Rachenot, die Hoffnung auf neuen Wohlstand dem Volke Israel neue Spann­kraft und Macht.

Dann schwand für einige Zeit das mildere Weltbild und wieder war «Jahwe» alleiniger Herr –, der Schrecken allein bestimmte den Glauben.

* * *

Zahllose Mal erneute sich dieser Wechsel von Jahwe-Glaube in Stammesnot, und Jahwe-Abfall in Lebensfülle: die Zeiten der «Richter» als Stammeslenker, die Zeiten der Könige, die sich das Volk, um sich den feindlichen Nachbarn zu wehren, endlich nach langem Widerstande der Jahwe-Frommen, erkor, ver­lau­fen wesentlich gleich in dieser inneren Hinsicht.

Dennoch zeigt sich klar eine innere zweimalige Doppel­ent­wick­lung, das Merkbild der israelitischen Eigengeschichte: erst­lich bis zum staatlichen Untergang, dann als ausser­staat­li­ches Volk.

Es tritt bei der ersten Doppelentwicklung klar eine Spal­tung ein, eine Sonderung im Volksgefüge: die wiederholten Unglückszeiten nähren und mehren in einigen Herzen das dro­hen­de Rachebild Jahwes, die Forderung unbedingten Ge­hor­sams Aller, der unbedingten Enteignung jedes Einzelnen – aber in Vielen erlischt allmählich die unbedingte Stammes- und Gotteshörigkeit; dieses geschieht in denen, die immerhin im jährlichen Arbeitskreislauf und Arbeitsertrag befriedigt, der eignen wenn auch gebundnen Kräfte froh sind, im Bauern­vol­ke, und ebenfalls gilt das von denen, die weniger Not erleiden, den Reichen und Mächtigen. Dadurch sagt sich ein ganzer Teil innerlich los vom Stamme der Väter, vermischt sich wohl mit den Nachbarvölkern, der wohnen gebliebenen Urbevölkerung, wächst in ihre Sitten und Bräuche und Ansichten ein und kehrt sogar in der Not nicht mehr zum Stammesglauben zurück: sie gehörten nicht mehr zur Geschichte Israels.

Israels Schicksalgeschichte teilen und machen mit nur Jene, die noch im tiefsten Empfinden die Sintflut- und Wüstenfurcht vor dem Rachegotte bewahren, als unbedingte Eingliederung ins Stammesganze: denn diese beiden Gefühle sind wirklich Ergänzungshälften des einen Seelenzustandes.

Aus diesen wählt und siebt sich bei jedem Unglück das Saatkorn des späteren Judentums aus – die meisten Übrigen verschwinden im Schosse und Blute der anderen Völker.

Von Mal zu Male züchtet sich so im jeweils neu­er­steh­en­den Volke Israel stärker und schärfer jenes doppelte Wüsten­ge­fühl der eignen Nichtigkeit und der Stammeshoheit heraus, der zitternden Eigenschwäche zugleich mit prahlendem Stammes­stol­ze – die Unpersönlichkeit getragen vom Rassedünkel, das wahre Gefühl allen Rassewahns.

Schliesslich kommt es dahin, dass auch, ja gerade die in­ner­lich Kalten, die geistig eigentlich Gleichgültigen, die sich wenig mit Übererdengedanken abgeben und im Erwerbe auf­gehn, doch in erzüchteter Hörigkeit völlig der Stammeseinheit verbleiben und kaum mehr in andern Völkern verschwinden – ja, wenn sie sich mischen, die andern Völker blutlich mit ihrem Empfinden erfüllen.

Freilich geschieht dies erst dann, wenn der Rasserückhalt allen Nöten zum Trotz die stärkere Macht und Lebens­si­cher­heit darstellt, die wirkliche Lebensgewalt; da schwindet aber der echtere Glaubensgehalt.

Umgekehrt zu der früheren Sonderung trennen sich nun in der zweiten Doppelentwicklung nach und nach von der Väter Glaubenssitte, die nahezu barer Macht- und Hungerwahn wur­de, gerade die tieferen Seelen und tragen die grosse Glau­bens­ent­wick­lung, die wohl am Jahwe-Dienste begann, hinaus aus dem Judentums, das Groll und Hass diesen «Abgefallenen» schwört und bewahrt.

Wie aus der ersten Spaltung das Judentum reifte, so ward aus der zweiten heraus das Christentum vorbereitet.

* * *

Diese Entwicklung des Israelitischen Geistes begann, als zum dritten Male Schicksalsnot die Lebensgrundlage völlig änderte: als das Reich durch Salmanassar und Nebukadnezar vernichtet ward.

Als die nördlichen Stämme Israels Assyrien zur Beute ge­fal­len und gleiches Unheil den beiden südlichen drohte, er­beb­ten in ihrer Seele die Männer, denen am Innerlichsten an ihres Volkes Bestande lag. Ihnen war es unmöglich, den Untergang ihres Volkes als Niederlage und Ohnmacht ihres Gottes zu wer­ten, indessen sonst bei Israeliten, sowohl wie anderen Völkern, einzig der Siegesglanz des Volkes die Macht des Stammesgottes bezeugte – der hungererzeugte Ur-Irrtum im Glaubensleben, wovon beim späteren Alleingottestum noch der sogenannte «Sieg der gerechten Sache» zeugt, das «Gottesurteil», sei es im Zweikampf, sei es im Kriege, wo die «stärksten Bataillone» des Herrgotts Zustimmung finden sollen. Die Karmalehre wurzelt noch im gleichen Wahne, der Erdenerfolg oder -Misserfolg sei heiliger Wertmesser!

Hier im israelitischen Geist geschah etwas anderes, see­lisch Tieferes; hier begann ein Umschwung im Wesensver­hält­nis zu Gott, wie es nochmals und wieder vertieft geschah, als Christus verbrechergleich hingerichtet worden und seinen Anhängern dennoch als göttlicher Sieger erschien.24 Es begann, obschon noch lange verdunkelt, das Licht der wahren Gottes­er­kennt­nis; zunächst in verneinender Weise erwachte die Ahnung der Unvergleichlichkeit Gottes (Inkommensurabilität) und uns­rer irdischen Wirrwelt. In dieser zunächst fast wider­men­schlich-verneinenden Vorbereitung der Wahrheit, hat das jü­di­sche Lebensgefüge ihr Höchstes geleistet und wahrhaft am Men­schen­werte gebaut; ein minder in Leiden durchprüftes Volk hätte wohl diesen Wahrheitsteil niemals erlebt.

Die Männer, die diesen ewigen Geistesschritt taten und deren grösster Jesaja ist, waren derart im Stamme und Stam­mes­gotte wesensverwurzelt, dass nun gerade die innere Be­dräng­nis und äussere Not sie zur Lebensmacht ihres Volkes hintrieben. Diese Männer gerade mussten unschwer erkennen, dass ihre Zeit- und Stammesgenossen sich nicht in gleicher Treue zum Stammesglauben bekannten. Sie sahen ihr Volk in Reiche und Arme, in Klassen zerrissen, sie sahen Un­bill, Bedrückung, Trug und Hass, die Kinder des einen Blutes sich entzweien, sie sahen die herrschende Schicht mit Nach­bar­mäch­ten verhandeln, mit ihnen sich gerne versippen, sie sahen die mannigfaltigen Dienste der fremden Götter verbreitet – sie sahen, kurzum, das Volk durch Wohlstand dem altüberlieferten Stammesglauben entfremdet, der ihnen noch alles war — sie sahen den Abfall des Volkes vom schrecklich mächtigen Wüs­ten­gotte, der Israel sich zum hörigen Heere erwählt hatte. Die Ra­che­strafe, die schon die grössere Hälfte des Volkes ver­zehr­te, bereitete sicher dem Reste dasselbe Geschick.

«Aber» – sprach ihr ganz im Stamme verankerter Sinn: hatte Jahwe statt sonstiger Züchtigung, Dürre, Seuche, Miss­ernte, nun die Strafe des staatlichen Volkstodes gewählt und gesandt, so hatten in seinem Auftrag die Feinde gesiegt, zum Siege hatte Er sie geführt. Nicht der Gott der Assyrer hatte den Gott des Reiches Israel überwunden – nein! der Gott, dem Israel hörig, hatte dem Gott der Assyrer gestattet, Assyrien durch Israels Strafe zu stärken. Nicht ein kleinerer Gott – ein machtvollerer war Gott Jahwe, ein Obergott auch der anderen Völker und ihrer Götter.

So wird die stammesfromme Reueverzweiflung zugleich ein massloser Stammesstolz. Und wirklich, wenn Jahwe der Herr aller Götter und Völker war, durchaus nicht einem ein­zi­gen wie in Naturgrund zugehörig, und dennoch besondern Willen zu Israel hatte, so musste Israel eben doch seines Her­zens Volk, das «auserwählte» Volk sein, über die andern alle völlig erhaben. In neue Beleuchtung rückt damit der sagenhaft überlieferte Anfang des Staates Israel. Was bisher im Gefühle gelebt, die Zueinandergehörigkeit Jahwes und Israels, nimmt die Form eines förmlichen Bundesvertrages an, rückverlegt in die Wüstenzeit, verknüpft mit den Heldennamen Moses.

Zu dem Bunde findet sich auch die Urkunde: plötzlich taucht das sogenannte zweite, in Wirklichkeit erste Gesetz des später als fünftes gezählten Mosesbuches (Deuteronomium) auf.

Und dennoch bedeutet das, worauf sich hinfort der is­ra­eli­ti­sche Stolz besonders berief, zugleich die Drohung des Endes solchen is­ra­eli­ti­schen Vorzugs. Unzweideutig spricht es aus allen prophetischen Reden, freilich als schlimmster der Schre­cken geschildert: die Möglichkeit einer Neuwahl durch Jahwe, der eben nicht mehr Naturgott war, die Möglichkeit einer Auf­hebung des alten, nicht naturhaft notwendigen, sondern frei aus Gottes Willen entstandenen und also lösbaren Bundes – sofern die Israeliten sich nicht in unbedingtem, alles Fremde verwerfenden Stammesgehorsam zu Jahwe bekehren; andere Völker sollten an Israels statt zu Jahwes Gnade und Gunst erhoben werden, wenn die Israeliten beim Abfall von Stam­mes­ein­heit, -reinheit und -hörigkeit blie­ben, allen Gerichten zum Trotz, seinen Gehorsam verwerfen.

Freilich hofften die Besten des Volkes, aufs Tiefste in Jah­we und Israel wurzelnd, auf Wiedererweckung des echten Isra­eli­ten­geistes – wie sie ihn fühlten und schätzten – und dann auf Wiederversöhnung mit Jahwe, auf Wiedererrichtung des Bun­des, auf neue staatliche Herrlichkeit voller Wohlstand, Ge­rech­tig­keit, Sättigung, unter Lenkung des gottgesalbten Er­ret­ters aus Davids Königsblut, auf den «Messias».

Wohl ist es Rachefurcht, ist es Nahrungshoffnung, die stärks­tens in dieser Glaubensentfaltung wirken, und dennoch keimt hier unverkennbar aus tiefster Seelensehnsucht, obschon durch Gemeingefühl, Rasseempfinden und Volksstolz arg ge­trübt, die endliche Gotteswahrheit: dass zwischen Gott und dem Menschen ein freier Bund, und nicht ein verhängtes Zwangs­ver­hältnis besteht. Freilich bedurfte dieser Wahr­heits­keim, der dem zunächst bloss verneinenden Gottesbilde ent­sprang, noch anders läuternder Reife, ehe er der Menschheit aufging; sie musste zunächst die Schranken der Rasse er­lei­den. Jedenfalls zeigt sich schon hier, wie das Leiden, in Leibes- und Seelennot, wie es diese Wahrheitshälfte zur ergänzenden Wahr­heits­hälfte der Freude zeitigt, deren höchste Weihe bisher der olym­pi­sche Glaube gewesen, der nun in Durchdringung mit der Leidenswahrheit, Erfüllung findet, wie auch die Lei­dens­wahr­heit nur durch die Freudenwahrheit die vollendete Weihe empfängt. Und diese Durchdringung biblischer und olymp­is­cher Wahrheit, semi­ti­scher und hellenischer Lebensschau voll­zog in germanischem Geiste der Klarismus, da Elisarion klar vom Eigenwesen als freiem Mitarbeiter am Gotteswerke der lichten Gestaltung gesprochen, die gotteslästernde Göt­zen­furcht ausser Kraft gesetzt, und der Frohen Christusbotschaft die endliche Stätte erwarb, die ihr noch in so vielen Herzen irrigerweise fehlte.

* * *

Die erste Spanne des Judentums erstreckt sich von der Sintflut bis zum Einfall in Kanaan und stand unter der alles um­fas­sen­den Schreckensgewalt der Wüste – der Rudel­ver­fas­sung un­ste­ter Hirten – der hungergepeinigten Ohnmacht des Einzelnen.

Von der Eroberung Kanaans an bis zum staatlichen Un­ter­gang geht die zweite Spanne, sie steht unter der ei­fer­süch­tigen Einherrschaft des Stammeseingottes – der Heeresverfassung des Stammes – der Stammeshörigkeit jedes Einzelnen.

Mit der Verschleppung nach Babylon fängt die dritte Span­ne an und schliesst mit der letzten Zerstörung Jerusalems un­ter Titus; hier sind die Werte: Oberherrschaft des Welten­her­ren Jahwe – geweihte Blut- und Bundesverfassung – un­be­ding­te Enteignung des Einzelnen.

Und die vierte Spanne?

Sie steht im Zeichen der völligen staatlichen Nichtigkeit, unerträglich für solch einen sonderstarken Gemeinwillen: als Rettungsanker erscheint das allerfesteste Stammesgefüge, auf dieses ist der Wille Aller gerichtet, und so durchtränkt das rassische Stammesalleingefühl den ganzen Glauben. Was die Glaubensweihe der Juden bezweckt, das ist – da ihr Willens­leben entstaatlicht worden, strengste Sicherung, Reinheit und Macht des Stammes und Blutes. Das allmähliche aus­ser­staat­li­chen Wiederaufblühn des Judentums gilt dem allgemeinsamen, rück­sichts­losen Reichtumserwerb, die Leistung aller Einzelnen, ist daher über die Grenzen der staatlichen, völkischen Wirt­schafts­gebiete weg, engstens mit einander gegen alle Stammes­frem­den glaubens- und blutgefühlsmässig verbunden, so wie ein gewaltiges Heer von verschwiegnen Freischaren, Spä­hern, Vorposten, ist über das weite Herrschaftsgebiet der Erde ver­teilt; hier dient nicht (wie oberflächlich gemeint worden), der Glaube als Deckmantel schlauer Erlangung irdischen Wohl­stands – hier ist, in logischster Ausprägung des allirdischen, allrassigen Hungerglaubenswahns, der irdische Wohlstand selber zum Glaubensinhalt geworden, die völlige Hunger­re­ge­lung, die der Stammesmacht stolz zum Gradmesser dient. Die einzige Inbrunst gilt dem Rassestamme, als Lebensmacht, Er­hal­ter und Gottheit des Einzelnen – erst infolgedessen besteht die Sucht zum Gelde, als stärkste Macht und Gesamtkraft des Stammes, als Boden seiner aussergebietlichen, «exter­ri­to­ria­len» Staatsform. Gerade als Gegner des Massengeistes, der im Gelde so offenbar, muss ich im geldmächtigen Judentum einen Staat «sui generis», zwar nicht im einzelnen Staat, sondern über den Staaten erkennen – der katholischen Kirche, be­son­ders seit 1870 (dem ersten Vatikanischen Konzil), vergleichbar. Wie sonst die Staaten im Namen der Lan­des­wohl­fahrt, des «territorialen» Massenwillens, die einzeln Ge­bie­te des Staates und Einzelpersonen zur Fügsamkeit zwingen, so herrscht – von dem ei­nen Zwange des Blutes bedient – der jüdische Rassestaat als exterritorialer Massenwille über seine Untertanen –, und derart mittelbar freilich über die ganze übrige Menschheit, da sie den Boden der Massenwirtschaft, das Geld, eroberten. Man hat gesagt, die Heimat der Juden wären alle übrigen Juden: Das heimatliche Wesen der Juden liegt im Geldbedürfnis der übrigen Menschheit, und soweit die Menschheit dem Gelde innerlich hörig ist, untersteht sie der Judenschaft. Un­ver­stän­dig ist daher der «Antisemitismus», wenn er gegen die wirt­schaft­lich-rassische Überelgenheit zu Felde zieht, aber den Massengeist in Mehrheits- und Rassevergötzung weiter gross­zieht, und das als «nationalen Gedanken» anpreist, was nur der nationale Magen ist.

Wie weit auch der einzelne Jude –, dem einzelnen Nicht­ju­den gleich –, persönlich am Lebensvorteil des Geldes hängen mag, so schätzt doch ungleich den Nichtjuden, die festens ge­füg­te jüdische Rassegruppe das Geld vor allem als Stam­mes­ge­mein­gut, als Rasse-«Fideikommiss», des­sen blosser An­ge­stell­ter, Rassebeamter, der Einzelne ist: wo starkes Blut- und Sip­pen­gefühl herrscht, da zeigt sich im Klei­nen genau dasselbe, wie bei Bauern und Adel.

Begreiflicherweise, wenn auch für alle Nichtjuden wenig! er­freu­lich, geht es hier um die oberste Erdenmacht. Da sie ein­mal, der engeren Heimat verlustig, die ganze Erde als Wohn­stätte haben, wollen die Juden die Linie ihres Geschickes in solcher Weise erfüllen, dass sie, auf Wiedererstehung als Klein­staat verzichtend, eben die ganze Erde als Staatsgebiet ein­neh­men, alle Macht und Lenkung in ihren Händen ver­ei­ni­gen. Scheinbar dawider wirkt der Zionismus, und folgten ihm alle Juden, so zehrte sich sicher die Judenübermacht auf. Doch der Zionismus ist wenig mehr als ein kleiner, seelisch tieferer Ne­ben­strom der jüdischen Flut; erreicht er sein Ziel, die Wie­der­er­rich­tung des Tempels in israelitischen Staat Palästina, so wird der Zionismus der jüdi­schen Weltmacht den Tempelbezirk des Glaubens erworben haben, inmitten des erdumspannenden Judenstaates, sichtbarr Mittelpunkt des Glaubens, gleich dem Vatikan. Allen Juden ein möglicher Glaubenstriumph, und vie­len die Aussicht be­ru­hig­ten Daseins, bedeutet der Zionismus für Nichtjuden den­noch keine Entscheidung des Macht­kampfs zu ihren Gunsten, etwa durch Ausschaltung des un­mit­tel­baren jüdischen Wett­be­wer­bes; dieser ist allzu sehr das Triebrad des welt­wirt­schaft­li­chen Arbeitsgefüges geworden, als dass er aus­scheiden könnte.

* * *

Die Neuerstehung des jüdischen Volkes, die Neugewinnung der Nahrungssicherheit stand und fiel, sie steht und fällt mit dem strengsten Zusammenschluss aller, je nach den Schick­sals­schlä­gen wurde und wird sie zu immer festerem Hort die Ge­samt­heit, auf deren Bestehen der Einzelne angewiesen ist. Des Ein­zelnen Wohlstand bedeutet der Mitgenossen Gedeihen! ob dieser, ob jener gewann, ist gleich, denn Jeder besitzt nur als Stammeslehen, was er erworben – der Stamm, die Ge­mein­schaft ist wahrer Besitzer der Güter und Kräfter Aller. Jeder, der nicht diese unbedingte Stammeshörigkeit fühlt und teilt, sich nicht scharf von den andern Völkern, dem fremden Blute, den fremden Bräuchen und Sitten innerlich fernhält, sich vom Glauben an duldsame Lebensmannigfaltigkeit, freiere Gottes­ord­nung ein für allemal lossagt – war und ist ein Abtrünniger, hassenswürdig als Stammesverräter und Feind.

Auf solcher Reinzucht zur Stammesempfindung, zur Ras­se-Einheit, beruht die ganze Machtentwicklung des Judentums: es ist das Geheimnis des Erfolgs, ein Vorrecht, das das Ju­den­tum mit keinem Volke zu teilen wünscht; daher seine Schein­be­kämpf­ung des Rassegedankens bei andern Völkern, die nach gleichen Waffen in Kampf um die Macht streben und Ras­se­ge­schlos­sen­heit wider Rasse­ge­schlos­sen­heit setzen wollen. Statt den tiefen Lebenskampf auf höhere Stufe zu heben – in In­nen­ent­lastung des Eigenwesens – halten ihn die Judenfeinde erst recht auf demselben Massenboden fest; am Gegengifte, das sie empfehlen, wird die Menschheit ebenso lange zu leiden haben, wie schon am Gifte.

Zur unbedingten Stammeshörigkeit, wie sie zuerst die Wüs­tennot, später die Kriegsnot zeitigte, neigten von vorne he­rein am wenigsten die Bauern des eigenen Ackers, die mit eig­nen Mühen Ernte erhofften und Liebe zum eignen Erden­fle­cke gewonnen hatten. So eng sie die nächste Nach­bar­schaft binden mochte, in Sippen und Dorfgemeinden, in Ar­beits- und Fest­brauch und im Gottesdienst – die weitere Stammes­macht blieb ihnen fremd und fern, die grossen Geschicke des Ganzen be­rühr­ten sie innerlich wenig, wenn ihr Feld­betrieb leidlich ge­dieh, wie kluge Eroberer das immer be­grif­fen haben und sicher regierten, wenn sie den Bauern we­nigst be­hel­lig­ten. Mit dem Kreislauf der Erde lebend, verehrten sie un­mit­tel­ba­rer die Erd- und Himmelsmächte, als jenen furcht­ba­ren Jahwe. Sie lebten mehr mit der Scholle und zogen es vor, unter fremder Herr­schaft das Land zu bebauen, als Gross­machts­träu­men zuliebe ins Weite zu wandern; und wurden sie doch in die Fremde verschleppt, so fassten sie schnell auf dem neuen Boden, der Acker war, wieder Wurzeln. Die sesshaften Israeliten machten aus Wesensgründen die Stammesgeschichte nicht mit.

Nur jene Naturen schlossen sich immer fester ans Stam­mes­ge­schick, in denen das alte Wüstenhirtenempfinden wieder erwachen konnte: unstet, flüchtigem Schnellerwerb zugetan, sinnend bedächtiger Tätigkeit eher abgeneigt, musste ihnen ein verpflichtendes, festverbindendes, weitverzweigtes Ge­heim­netz von Kundschaft, Lauerung, Notstandsberichten, Nutz- und Aus­tauschbeziehungen allersicherste Le­bens­grund­la­ge schei­nen – sicherer als blühende Liegenschaften von Äckern und Wiesen. Sie konnten sich leicht vom Lande, schwer von dem Stamme trennen, sie wurden je länger je mehr ihrer Volks-Gemeinmacht willige Werkzeuge, ohne stammeswidriges Ei­gen­stre­ben, voll regen Erwerbsinns, der jedem Einzelnen doch nur insoweit fruchtete, als er die anderen Volksgenossen mit­beteiligte. Jedes Einzelnen Vorteil war nur ein Zins vom Ge­samt­ver­mö­gen, dem Stammesbunde – ein Anteil («Dividende») am Stammesgewinn. Anders Geartete hätten auch gar nicht ver­mocht, die unbedingte Demuts­hö­rig­keit, wie ihr Ein­gott­glau­ben sie forderte, treu zu befolgen und doch geschäftig tätig zu sein, den eignen Willen zu nutzen und doch den Kreis des Gemeingehorsams nie zu verlassen. Hier ist geradezu die Mus­ter­lösung der schweren Frage: wie den Ein­zelnen ent­eig­nen ohne ihn zu vernichten: er ist Speiche des allgemeinsamen Rades, Rädchen des allgemeinen Ge­wer­kes.

So wurde aus ackerfremden Naturen, die wesenhaft zu beweglicher Zwischenwirkung, als leichtester Hungerregelung neigten, der Grundstock des Judentums.

* * *

Dann kam es zum steigenden Völkerverkehr; die Mehr­be­völ­ke­rung liess überall die Bedeutung des Ackers sinken, für dessen Bestellung ja weniger Hände genügen, als Hände nach Brot und Erwerb sich strecken: immer grössere Menschenmengen muss­ten ausserhalb des Ackerbetriebes leben: immer mehr geriet die Ge­sit­tung auf Warenerzeugung und Arbeits­aus­tausch.

Da wurden bewegliche bare Mittelwerte und Mittels­män­ner des Austauschs erforderlich – weil der bare Tausch­ver­kehr durch den regen Austausch zu Ende kam. Die Tagesleistung der Ein­zel­be­rufe nahm immer mehr unterschiedlicheren Son­der­wert an, andererseits dienten die Ergebnisse dieser beruflichen Son­der­leis­tun­gen, ihre Erzeugnisse immer weniger unmittelbar der Ernährung, also werden sie zwar höher bezahlt, doch in min­de­rer Menge vom Einzelverbraucher beansprucht. An Nah­rungs­mit­teln ist ein grösserer Verbrauch als sonst an Waren – der Schuster kann wohl ein erstes Mal mit seiner Stiefelware dem Bäcker die Brotware bezahlen, doch längst eh die Stiefel ver­braucht sind, ist ihr Gegenwert in Brot verzehrt, und der Schus­ter braucht früher von neuem Brot, als der Bäcker neue Stiefel in Zahlung zu nehmen willig ist; so muss der Schuster statt Ware nun eine Warenanweisung – Geld – dahin geben, das er anderswoher für seine Stiefelleistung statt uner­wünsch­ter Gegenware empfing, deren Verbrauch eben wieder geringer, als der seiner eignen Ware ist. So kommt es zum Gelde, in erster Stufe, zum schwebenden Arbeitsausgleich.25 Eine höhere Berufsart entsteht, sobald die niedere ein Teil seiner Ar­beits­kräf­te durch technischen Fortschritt, verbesserten Ar­beits­be­trieb, entbehren kann. Jeder höhere Beruf wird dabei von immer weniger Einzelkräften zu allgemeinem Genüge bedient, und da der höhere Arbeiter grössere Leistungsmengen liefert, als der Einzelverbraucher bedarf, und folglich zum Ge­gen­aus­gleich, das er sich durch den höheren Preis seiner Leistung erwirbt, des Zwischenmittel des Geldes bedarf. Zuwachs der Volkszahl und Arbeitsfortschritte stei­gern immerzu das Ge­mein­bedürfnis an Geld.

Hier ersah sich der kleine semitische Rassesplitter die Erdenrolle. So musste er schnellstens zur Geldmacht werden, wiederum sinken als im Mittelalter das Trümmerfled des römischen Weltreichs wieder zum Acker wurde, und musste wieder stei­gen, sobald die Bevölkerung anwuchs und wieder ackerfremd wur­de.

* * *

Es muss in aller Schärfe gesagt werden: die unvermeidliche Ackerentfremdung bei steigender Volksdichte erzeugt in jedem Volke gerade die Unstetigkeit, jene boden- und wurzellose «Exterritorialität», wie sie den Juden eigen ist, seit sie mit einem Schlage ihr Land verloren hatten. Ohne schon vor­han­dene Ackerentfremdung kann ein Volk dem jüdischen Ein­fluss gar nicht verfallen.

Die Mehrung der Volkszahl, von der die völkischen Juden­geg­ner in Rassevergötzung schwärmen, züchtet somit den Zu­stand, die Rassestufe heran, vor dem sie ihr Volk bewahren wol­len, und dem zuletzt sogar die ackerständigen Schichten durch Weltmarktverhältnisse unterliegen. Doch wäre diese äussere Abhängigkeit nicht das Schlimmste, zöge die Allfron der Massenwirtschaft nicht die innere, mammonistische Hö­rig­keit, all die Sucht nach den Scheinwerten des Lebens­er­sat­zes gross, an denen am meisten verdient wird, bei denen die Le­bens­ent­eignung, die Lebensalterung stets beschleunigt um sich greift. Und diese mammonistische Stufe des Geldes begünsigt allzu eindringlich der Einheitsglaube, sei es als Bibel-, Natur- oder Rassedogma.

Nur dann bedeutet die unvermeidliche Lösung vom Acker­stande keine Lebensminderung, wenn die Handwerker, Kauf­leu­te, Techniker, Arbeiter, Lehrer, Beamten – die we­sent­liche städtische, stadtbildende Volksschicht – in höherer Geis­tes­er­fas­sung zugleich mit der engen Naturgebundenheit, die dem Bauern entspricht, auch die Götzenverehrung der All-Na­tur­ge­set­ze, der starren Gemeinhörigkeit aufgäben und sich als be­auf­trag­te Kämpen der Umgestaltung der Welt, der Natur­er­hö­hung bekennten. Wer in der gegebnen wirren Natur die Le­bens­gren­ze empfindet, muss entarten, wenn er nicht auch den wirklichen Arbeitsumgang mit der Natur, dem Boden der Nah­rung behält. Nur wem die Zukunft der Natur, der Kla­ris­mus, seine höhere Heimat ist, kann des steten Erdenfleckes ent­sagen.

Und diese innere Notwendigkeit zwingt die Juden, wie sie einmal geschichtlich wurden, die ganze Erde und Erdenmacht zum Ersatz der verlornen Acker an sich zu bringen, wie sie auch grade die schärfsten Bekenner des baren Naturwahns sind, verwurzelt in Allmacht-Vergangenheit.

Dieses Volk ohne Land, dem bald die ganze Erde gehört, ohne Heim und dennoch im Stammesverbande Heim, Stät­te und Lebensboden besitzend, ist in seiner Macht oder Ohn­macht der Gradmesser des Massentums in der Menschheit; selbst in Unpersönlichkeit und Allgemeinsinn wesenhaft wur­zelnd –, Masse, aber in Minderzahl, dünn verbreitet und doch im Blute unzerreissbar verknüpft, gedeiht das heutige Juden­tum nur auf dem Boden massenmächtiger Allgemeinheit, die zahl­lose Einzelne fest in Enteignung umspannt, und sie da­durch dem Massentum früher oder später übergibt –, auch wenn, wie in Russland, noch Scheinhemmungen walten, be­grün­det im vorwiegenden Ackerbaustand. Und so ge­deiht das Judentum vorzüglich, als Massenoberschicht, Mas­sen­adel, Oberbesitzer der Erde. So hart es klingt, so stimmt es doch.

Wie lange wird es noch dauern, bis das Massentum die «demo­kra­ti­sche» Maske von sich wirft!

* * *

Wirklich, die bare Unpersönlichkeit alles Geldes bestimmt dieses sozusagen zum all-jüdischen Zukunftseigentum; kluge Un­per­sönlichkeit in erbgefühlmässig, überlieferungstreu ge­schloss­ner Erwerbsgenossenschaft, das was die Rassezüchtler als rassestaatliches Ziel erstreben –, ist das innere Wesen des Judentums und wird bei gleichem Gemeingefüge jeder an­ders­blü­ti­gen Rasse ebenso eignen. Der Kampf in dieser Ebene, der Rassewirtschaft, wird nur mit dem inneren Siege des Ras­sen­geis­tes enden, selbst wenn der Orient alle Semiten zurück­em­pfängt. Andre Wege allein vermögen zu höherem Ziele zu füh­ren: zur inneren Freibelebung der Einzelpersönlichkeit, wie sie gegen den Mammongeist die tiefsten Geister bereits in Israel selbst erahnten.

Denn freilich ist diese rassemächtige Stammesentwicklung Israels gradezu Gegenpol dessen, was echte Gottesahnung im Seelenleiden der besten Jahwegläubigen ward, wie gleich­er­wei­se in jedem Volke, das diesen Entwicklungsweg geht, die innere Scheidung reifen muss: hie die äussere Massenmacht! hie die Beflügelung des Eigenwesens! Die Erdengewalt wird nur durch Preisgabe seelischen Höherwuchses erworben, wie er dennoch in jeder geschichtlich gewordenen Rassengemeinschaft ei­gen­tüm­lich veranlagt ist. Das ererbte Blut, die reinen oder getrüb­ten Willensklänge im eignen Leibe bestimmen dem Menschen die Art seiner Höherentfaltung, in eigner Besonderheit neben den andern Menschen und andern Kassen; doch wird das er­erb­te Blut aus köstlichem Ahnenschatze ein lähmendes Gift, sobald der Mensch mit diesem Schatz und Pfunde nicht waltet, sondern auf ihm sich versitzt, und statt eines Lebensmehrers ein Grabhüter wird – aus falscher Ahnenehrfurcht, die blosse müde Lebensfeigheit bedeutet. Da wird er zum Rassesklaven, gerät in Massensinn und seelischen Schwund.

Aus diesem Grunde laufen in jeder Volksgeschichte zwei grosse Linien mehr und mehr auseinander: die Reihe der Geis­ter, die hoch und höher das Lebensbild der Sehnsucht tragen, das Lebensziel des Willens stecken – und jene Folge der äus­se­ren Zustände, die im Massenglanze des Grossgewerbes den seelischen Stillstand erreichen. Je näher diesem das äussere Volksleben, desto unverstandner, ferner, erhabner stehen da­rü­ber die einsamen Sprecher der tieferen Seele des Volkes, das in dem rassenmächtigen Staate zur «petrefakten Mumie» ge­wor­den, naturstarr bei aller Arbeitsunrast, dem inneren Ras­se­zie­le entfremdet.

Diese Trennung geschah genau so in Israel, wie sie sich jetzt in den neuen Völkern vollzieht, die durch den «Auf­schwung» der Volkszahl allmählich dahin kommen, wohin die Juden längst beschleunigt gelangten.

Bei solcher Entwicklung, die alle Nahrungsbeschaffung vom Einfluss der Wettergewalten löst und die Hungerstillung durch Stammesgemeinmacht regelt, schwindet allmählich die Glaubensbeziehung des Einzelnen. Einziger wahrhaft höherer Inhalt des Einzelstrebens ist schliesslich der Stamm, und alle Gebote und Sitten, wären sie auch mit älterer Glaubensweihe umkleidet, haben den einzigen Auftrag, die unbedingte Stam­mes­herr­schaft über die Einzelnen völlig zu festigen. Zwar die Vielgötzenfurcht schwindet, die erste Verbildung des Glaubens, doch bleibt der Hunger als Wesenskern der Ehrfurcht vor Stamm- und Stammesgrösse bestehen, verdorren tut aber ste­tig die Wurzel alles Glaubens und Lebens: das eigene Streben, das dem Willen ein Tatenziel in Naturerhöhung weist.

* * *

Seit Babylonien der Juden Herr geworden, lebte in ihnen einzig der eine Gedanke: die Wiedererrichtung des Staates, die Hoff­nung aus künftige Macht. Und ward ihnen auch nach wenig Ge­schlechtern durch höfisch-gute Beziehungen zu Persiens Mo­nar­chen die freie Rückkehr nach Palästina, so blieben sie doch unter persischer, hellenistischer, römischer Herrschaft, ge­drückt und gebrandschatzt und lebhaft blieb die Hoffnung auf ihren Messias, indes sie im ganzen Mittelmeergebiete Schät­ze erwarben — noch vor den Zeiten des Ghetto.

Die Nährer und Pfleger dieses völkisch-staatlichen Glau­bens waren die Priester des Tempels auf Zion, von Esra dem geistigen, und Nehemia, dem weltlichen Leiter an. Mit klugem Sinne schrieben sie nun, zur Stärkung des Stammesgedankens, die Vorgeschichte des Volkes Israel. Jahwe, der Stammes­ein­gott, der schon seit Jesaja als aller Fremdgötter Obergott galt, erschien, ob mit, ob ohne chaldäisch-zoro­ast­ri­schen Einfluss, als Herr und Schöpfer der Welt, der gleichsam als zweite ver­besserte Schöpfung den Stammvater Israels, Abraham aus­er­wähl­te und ihm die Herrschaft über die Erde versprach, dann, als dritte Schöpfungstat den besondren Sinaibund mit den Nachkommen Abrahams schloss und zu Hütern des Bundes die Aaronsippe bestimmte. So ward im Namen des Stammes­stol­zes den Priestern die erste Stelle gesichert.

Und doppelt suchten sie diesen Standesposten dadurch zu festigen, dass sie im früheren Untergang nun mit andrer Be­grün­dung, als die früheren Propheten, Jahwes Strafe deuteten. Jahwe hätte die frommen Opfer an «allerlei Stellen» verboten, sie nur in dem einen Bundesheiligtum eingesetzt, doch dem Einzelnen jeden Opfervollzug untersagt, ihn nur den Priestern, Levi's Geschlecht, überwiesen – und hätte doch (so hiess es nun!), als Pflicht eines Jeden und all des Volkes die tägliche Opferung ausdrücklich gefordert, da er den Bund auf Sinai schloss, wovon allerdings Jeremias! gar nichts wusste (Je­re­mias 7:22). Rachewürdige Sünde war es, gar nicht zu opfern und rachewürdige Sünde war es, ohne Priester und nicht am Bundesaltar zu opfern. So wurden alle die Opfer, die frommen Sinnes das Volk seinem Jahwe seit langen Zeiten auf allen ho­hen Hügeln, bei allen grünen Bäumen gebracht, mit einem Male hinterher für Abgötterei erklärt und darin der Grund für das racheschreckliche Schicksal des Volkes gesucht. Die ganze Königsgeschichte wird in diesem Sinne zurechtgestutzt, und die «Sünde Jerobeams» – eben die Jahweverehrung ausserhalb Zions – erscheint nun nachträglich so schwer, wie die «Sünde Ahabs», der Dienst anderer fremder Götter, den die früher» Buss-Propheten nächst der inneren Standeszerklüftung vor allem getadelt hatten.

Dadurch wird der Priesterschaft Zions ein mächtiger Ein­fluss; zugleich erklärt sichs, warum bei dieser, schon vor­exi­lischen Richtung, der Bauernstand nach und nach sich der Stammesgemeinschaft entzieht, die schliesslich vor allem aus Städtern, Zwischenhändlern und Handwerkern besteht.

Die Ackerbauern pflegten, begreiflicherweise, den alt­ü­ber­lie­fer­ten Jahwedienst –, der eigentlich gar nicht so sehr von andern Götterdiensten sich unterschied –, fern von Jerusalem unter Bäumen, auf Hügeln, bei Steinen; fremd und lästig war ihnen nun die neue, als ältest vorgespiegelte Pflicht, den jähr­li­chen Demutsgang nach Jerusalem anzutreten, inzwischen aber dem alten Gottesbrauch zu entsagen, der eingewohnten Fröm­mig­keit. Derart fallen die Bauern nach und nach dem Leben und Glauben der nichtisraelitischen Umwohner zu, und ent­fal­len der späteren Zeit Israels, wo die reisebeweglichen Stadt­ge­schäfts­leu­te mühelos fromm zu sein vermochten, lag ihnen doch am Gottesdienste da draussen nichts, war doch Jeru­sa­lem so wie so der Mittelpunkt ihrer verzweigten Ge­mein­schaft.

Die Priester Jerusalems haben die örtlichen Gottesdienste teilweise aufgesaugt, teilweise ausgestossen, und durch Ge­winn­be­tei­lig­ung der Leviten, der früheren Landpriester, sich die Leitung des Grossbetriebes an Weihen und Opfern ge­si­chert, genau wie auf dieser Stammesgrundlage später der Han­del und eigentlich alles Vermögen dem jüdischen Gross­be­trieb untergeordnet wurde.

Doch wussten die Priester der örtlichen Fröm­mig­keit ent­ge­gen­zukommen, durch dass sie aller Orten Gesetzes­schul­en gründeten, wo ein Jeder am Wochenfeiertag Jahwes Ge­set­zes­leh­re zu hören bekam, die Lehre, dass nur in Jerusalem Jahwe wirklich verehrt und zu versöhnen sei. So wurden die Schulen zu allerwirksamsten Werbeämtern der neuen priesterlich-straf­fen, städtisch-geschäftlichen Stam­mes­ge­mein­schaft, zu­gleich zu Meldeämtern von Han­del und Wan­del, den ältesten Börsen. Und neben die Priester traten als Laien­brüder die Schrift­ge­lehr­ten, die Aus- und Zurechtleger des immer noch nicht ge­nü­gend priesterlich durchverbesserten Bibelbuches,26 das erst im Talmud den Abschluss fand.

* * *

Begreiflicherweise musste an solchen Mächten die Botschaft des Heilands erbitterte Feinde finden.

In Christus, der den Rachegesetzesglauben bekämpfte, und so die seelenbeklemmende Satzungsherrschaft niederriss, die Opferverpflichtung zu Zion, die den Priestern so reiche Zinsen eintrug, mussten sie den gotteslästernden Stammesschädiger sehen, ihn hassen und bis aufs Blut und über den Tod hinaus ver­fol­gen. Mit ihnen mussten die Schriftgelehrten gemeinsam fühlen und handeln, sie, deren Ansehen und Brot auf dem Deu­tungs­be­dürf­nis all der Gesetzesstellen beruhte: desgleichen die Phari­säer, deren aller Seelenkraft darin bestand, durch pein­liche, eitle Befolgung der Schrift ihrer frommen Pflicht gegen Gott und Stamm zu genügen, und weiter durch Rücksichten un­be­hin­dert dem Gelderwerbe nachzugehen. Durch Jesu Worte brach dieses Glaubensgerüst zusammen, die ganze Lebens­füh­rung erschien bedroht.

Und jene, wenig von Glaubensfragen bewegten, staatlich Gesinnten, mussten, nach kurzem Aufmerken dank dem Zulauf des niederen Volkes zu Christus, bald enttäuscht von seiner Leh­re der Liebe, die Hoffnung fallen lassen, er werde das Kö­nig­tum Davids, das Reich Israels wieder errichten; so fürch­te­ten sie doch eher Unannehmlichkeiten mit Rom, gaben ihn preis und wandten sich wieder ihren Geschäften zu.

* * *

Zwar keine Juden, doch grade derart Gesinnte, erdenkluge Machtmenschen, nehmen in Rom den Vorteil gewahr, den das Kreuzesschicksal des Christus bietet –, als daran die Bewegung des Christentums und dessen glühende Anhängerschaft an­knüpf­te. Die Frohe Botschaft umbiegend, umdeutend fand der rö­mische Amtsgeist allergeeignetste Hilfe zur Welt­be­herr­schung im Glaubensgedanken, der alle frühere Götzenfurcht voll zu­sam­men­fasste, im Wahne: die nichtig-sündige Mensch­heit habe einzig durch göttliches Selbstopfer Rettung vor Untergang finden können.

Die ersten Christen hofften, in Missverständnis, auf bal­di­gen Anbruch des irdischen Herrlichkeitsreiches, nach vor­her­ge­hen­dem Weltgericht; als weder dieses noch jenes kam, rich­te­te sich die Kirche als Daueranstalt ein – schon damit eine and­re, nicht minder enge Gesinnung bezeugend. Als Erbe der Zion­priester und Erbe der römischen Amtsverwaltung ent­wi­ckelt die Kirche mit unübertrefflicher Klugheit, durch alle spitzen Klippen des blossen Wortgezänkes lotsend, den Sinai­glau­ben weiter und –, mit ihn die heidnischen Dienste ver­schmel­zend. Die Göt­ter­ge­meinde lebt als Schar der Heiligen weiter, an Gottes­häu­sern wird nicht gespart, im Gegenteil schiessen die ört­li­chen Heiligtümer und Wallfahrsorte empor, doch eingemeindet in Rom, das sich mit echten und falschen Urkunden (wie den pseudoisidorischen Dek­re­ta­len), vor allem aber mit zähem Willen, die Kaiserhoheit in allen Glaubens­ent­schei­dun­gen zulegt, und jede Unbot­mäs­sig­keit niederzu­schla­gen weiss mit den neuen Schre­ckens­ge­dan­ken der «Ketzerei».

Die Zionpriesterschaft, gleich der ägyptischen, indischen, griechischen, lebte zumeist vom Gedanken des falschen und richtigen Opfers; die Kirche aber lebt von der falschen und richtigen Lehre, und Glaubensirrtum ist jetzt so sündhaft, wie vordem Opferversehen. Das liegt da­ran, dass das Gottesopfer von Golgata, als ein einmaliges Welt­ge­schehen, nur einen einzigen Wesensverlauf gehabt haben konnte; und hierin irren, hiess, es entwerten, es ungeschehen machen und Gottes Zorn zum Höchsten reizen, der nur durch dieses einzige Opfer und seine gläubige Hinnahme be­sänf­tigt schien.

Den Anspruch auf einzig richtige Glaubensverkündung, durch die Sen­dung Petri geweiht, die Rom im Namen des alten Ruhmes erhob, und diesen Anspruch gegen Byzanz durch­setz­te, war die wichtigste Rechtsurkunde der kirchlichen Macht. Die Unfehlbarkeitslehre des ersten Vatikanischen Konzils war der folgerechteste Abschluss dieses Gedankens, das wahre, verwirklichte Erbe des Jahweglaubens. Zwar war die jüdische Opferoberbehörde unvereinbar mit Weltherrschaft, und also unverwendbar beim Siegeszug des Alleingottestums –, die römische Glaubensoberbehörde und ihre Dekretalen dagegen allerverwendbarst.

* * *

Aus diesem Obergedanken – der Rache Gottes für jeden wider­rö­mi­schen Eigenglauben – flossen dann alle übrigen Dogmen, so die Macht und die Pflicht der Kirche, das Sittenleben zu regeln, Sittenfehler zu strafen oder durch gute Werke sühnen zu las­sen. Das führte zur feinsten Seelendurchforschung durch die Beichte, zur Unterwerfung jedes Einzelnen unter die obers­te Macht, die dadurch zu völlig willigen Hörigen kam, frei­lich zugleich auch zu umfassendsten Einnahmen, sei es in bar oder an Ein­fluss, in Wertbesitz oder Bussearbeitsleistungen wirt­schaft­li­cher, staatlicher, geistiger Art.

Wohl behauptet die Kirche einzig die geistlichen An­ge­le­gen­hei­ten, das Seelenleben gottgefällig leiten zu wollen, die irdischen Dinge nicht; doch behielt sie sich immer vor, selber die Grenze zu ziehen, wo das Geistliche aufhöre.26a Schwere Arbeit und unbeliebte Verrichtungen, wie das Henkeramt, über­liess sie gern dem weltlichen Arm, aber in jede noch so neue Er­werbs- und Einflussmöglichkeit wusste sie sich als lei­tende, nutz­nies­sen­de Kraft hineinzufügen – vielmehr, das jeweils neuste Erwerbsgefüge sich selbst dienstbar zu machen; sie tut es heute mit Presse und Arbeitsverbänden. Es muss aber bil­li­ger­wei­se zugestanden werden, dass wie schon unter dem Hungerwahn, und besonders auch laut dem Bibelglauben, wirk­lich alle Lebensbeziehungen geistlicher Art sind, und die niederste Leistung noch, die allerstofflichste, unter der höch­sten Lebensregelung steht; es ist nicht Anmassung, wenn die Kirche in alles sich einmischt, weit eher wäre es fahrlässig, wenn sie sich nicht um alles kümmert. Denn darin ist der Bibel­glau­be durchaus dem «heidnischen» gleich: sie beide for­dern Brot und Wohlergehen von Gott und beugen sich darum dem, was als Wille der Gottheit gilt. Geht es beim Glauben um Brot, Erwerb und Volksmacht, dann dringt der Wille Gottes mit Fug in die allerweltlichsten Dinge, und namens seiner waltet die Priesterschaft.

Das «heidnisch» echte Mittel, wie die Kirche zur Macht kam und wie sie die Macht bewahren muss, ist die stete Be­ru­fung auf Gottes Rache durch Höllenqualen im Jenseits und Hungerqualen im Diesseits, die Einängstigung jeder Seele vor unerbittlichem Launewalten des Weltengottes. Neben dieser Züchtung der Götzenfurcht stand, sie ergänzend und nutzend, die stete Bereitwilligkeit ihrerseits gegen bare Bezahlung die verscherzte Gottesgunst wieder durch Busse zu gewähren. Am Hun­ger­er­leb­nis den Menschen packend, durch das Hunger­mit­tel des Geldes Errettung versprechend, die Machtmittel der Hungerregelung derart an sich ziehend – stempelt die Kirche das Leben wirk­lich zum Hungerereignis, die Welt zum Hun­ger­spiel­platz gött­licher Willkürlaune, den Menschen zum Lakaien, der für Brot und Lohn seinen Herrn zu hintergehen trachtet.

Das Weltbild, das seit der Sintflut vor der jüdischen Seele schwebte, und durch die Ungunst des Erdenschicksals sich ihr weit früher und schärfer, als all den übrigen Völkern, eingeätzt hat – das hat die Römische Kirche zur allgemeinen Gel­tung erhoben. Ging es nach ihr, so würden ihre Beamten, die Pries­ter, deren Truppen die Orden sind, allmählich aus der Mensch­heit eben denselben «Gottesstaat» völlig enteigneter Höriger machen und deren Glauben ganz ohne Umschweif auf Hun­ger­reg­lung gestellt, ein Staat dessen Verwirklichung unter Be­sei­tig­ung eigen­per­sön­li­cher Gottesahnungen, das Judentum tätig erstrebt.27 Der neu­zeit­lich-grossgewerbliche, massengleiche Allstaat – einerlei wel­cher Rasse, semitischer oder arischer – ist nur eine Neben­form der römisch-biblischen Kirche; beide sind die letzte Dop­pel­form jenes Wüstenbildes der Kinder Israels, die den al­lge­mei­nen Wahn aller andern Völkern und Menschen, schärfer als sie erlebten und ihnen das allgemeine, zum Ideal erhobene Schick­sal des Hungerwillens, geradezu vorgelebt haben.

Wie anders steht dawider das Wort Christi: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» und welche Erhabenheit liegt in jener Ablehnung des gleissenden Teufelsangebots, ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit abzutreten «so du nie­der­fällst und mich anbetest»: Hier ist ein bewusster Wen­de­punkt in unserer Menschheitsgeschichte, die Absage an den Götzenwahn des Hungers.

Warum ward Christus zu Jesus

Jeremias 7:22 Über Brandopfer und Schlacht­opfer habe ich euren Vorfahren nichts gesagt und ihnen nichts geboten an dem Tag, da ich sie herausgeführt habe aus dem Land Ägypten!

Irrgänge des Geistes

Inhaltsverzeichnis

 Vorwort

 Einleitung

Das monistische Weltbild:
Die Welt als Laune

IDer Urwaldglaube

IIDer Bauerglaube

IIIDer Beginn des Götzenwahns

IVDer Olympische Herrenglaube

VDer Sinaiglaube

 Warum wurde Christus zu Jesus?

 Die Rassegefahr

Das legalistische Weltbild:
Die Welt als Zwang

VIDer bürgerliche Glaube I

VIIDer bürgerliche Glaube II

VIIIDer bürgerliche Glaube III

IXStützen der Gesellschaft

 Das Geheimnis des Hungers

Das individualistische Weltbild:
Die Welt als Trotz

XVerbrecher

XIDas Widergeschick des Lebens

XIIPaulus

XIIINietzsche und Ich

 

Die Irrgänge des Geistes PDF

Arche Noah, Gemälde von Edward Hicks, 1846, Philadelphia Museum of Art

Die Sintflut wird in den mythologischen Erzählungen verschiedener antiker Kulturen als eine göttlich ver­an­lass­te Flutkatastrophe beschrieben, die die Vernichtung der Menschheit und der Landtiere zum Ziel hatte. Als Gründe für die Sintflut nennen die historischen Quellen zumeist Verfehlungen der Menschheit. Die bekanntesten Berichte sind im 1. Buch Mose der Bibel (Genesis), im Gilga­mesch-Epos und im Atraḫasis-Epos überliefert. In frühchristlichen Schriften und im Koran wird ebenfalls auf die Geschichte Bezug genommen bzw. davon erzählt.

Die Arche Noah war nach dem biblischen Buch Genesis, Kapitel 6–9, ein von dem Patriarchen Noah gebauter schwimmfähiger Kasten. Noah wurde laut der biblischen Erzählung von Gott erwählt und vor einer grossen Flut gewarnt. Er erhielt den Auftrag, eine Arche zu bauen, um damit sich und seine Familie, bestehend aus acht Personen, und die Landtiere vor der Flut zu retten.

Vieles spricht dafür, dass es zwischen 3000–2500 vor Chr. eine kurze Kaltzeit gab. In den heutigen Wüsten­ge­bie­ten Vorderasiens, in der Sahara und den Steppen Innerasiens entstanden blühende Gärten. Als das Klima wieder wärmer und trockener wurden, entstanden die Hochkulturen der Sumerer und Ägypter, wel­che die grossen Flüsse Euphrat, Tigris und Nil zur künst­li­chen Be­wässerung nutzten. Gleichzeitig muss auch der Spiegel des Aralsee und des Kaspischen Meeres, obwohl das Klima in Innerasien trockener wurde, infolge der Abschmelzung von Gletschern sehr schnell an­ge­stie­gen sein. Auch eine damalige Überflutung der vielen Senken in Mesopotamien wäre vorstellbar (heute teilweise als Stauseen genutzt). Die Sage von der Sintflut könnte ein solches Ereignis schildern.

Der Engel verhindert die Opferung Isaaks,
Gemälde von Rembrant, 1635,
Eremitage, Sankt Petersburg

Abraham ist als Stammvater Israels eine zentrale Figur des Tanachs bzw. des Alten Testaments. Er gilt auch als Stammvater der Araber; von seinem Sohn Ismael soll der Prophet des Islam, Mohammed, ab­stam­men. Abrahams Geschichte wird im biblischen Buch Genesis bzw. Bereschit erzählt. Danach gehört er zusammen mit seinem Sohn Isaak und seinem Enkel Jakob zu den Erzvätern, aus denen laut biblischer Überlieferung die Zwölf Stämme Israels her­vor­gingen.

Abrams Vater Terach zieht aus der Stadt Ur in Chaldäa nach Haran in der heutigen Türkei, um dort zu woh­nen. Er nimmt seinen Sohn Abraham und seinen Neffen Lot – dessen Vater Haran bereits verstorben ist, sowie Sara, die Frau Abrams, mit.

Die biblische Erzählung von Abraham findet einen Hö­he­punkt in der Bindung Isaaks, als Gott Abraham befiehlt, seinen Sohn zu opfern. Damit wird der Glaube Abrahams auf eine harte Probe gestellt. Tatsächlich sen­det Gott jedoch im letzten Augenblick einen Widder, den Abraham an Stelle seines Sohnes opfert, und bestätigt ihm die früheren Verheissungen mit einem Schwur. Die Bindung Isaaks findet auf einem Berg im Land Moria statt. Nach jüdischer Überlieferung handelt es sich hierbei um den Tempelberg in Jerusalem.

Mit der Opferung seines Sohnes, den Abraham im Glau­ben an die Allmacht Jahwes, vollziehen will, bestätigt Abraham die absolute Unterordnung an die Eine Wahr­heit. Mit der Verhinderung des Opfers durch einen Engel und dessen Ersatz durch ein Widder, wird Gott zum Beschützer des Menschen.

Ganz im Gegensatz zu den Azteken, welche glaubten mit Menschenopfern die Gunst der Götter zu er­langen.

Moses mit den Gesetzestafeln, Gemälde von José de Ribera, 1638, Museo Nazionale di San Martino

Moses ist die Zentralfigur im Pentateuch. Nach biblischer Überlieferung führte der Prophet Mose als von Gott Beauftragter das Volk der Israeliten auf einer vierzig Jahre währenden Wanderung aus der ägyptischen Skla­ve­rei in das kanaanäische Land.

Die Erzählungen um Moses sind im Alten Testament eng mit den Traditionen des Auszuges aus Ägypten, der Ge­setz­ge­bung während der Wanderung durch die Wüste und dem Aufenthalt der Israeliten in Kadesch-Barnea verbunden.

Die Deutung der Figur des Moses und die Versuche, sie historisch zu verorten, haben über die letzten Jahr­hun­der­te nicht nur Exegeten beschäftigt, sondern auch His­to­ri­ker, Literaten, Philosophen, Ägyptologen usw. Im 20. Jahr­hundert haben Exegeten und vor allem Bibelhistoriker vorwiegend die Funktion und die Rolle des Moses in der Entstehung Israels und seiner Religion in den Mittelpunkt der Fragestellungen gerückt.

David spielt für Saul die Harfe, Gemälde von Ernst Josephson, 1878, Nationalmuseum, Stockholm
David, Statue von Michelangelo, 1504, Galleria dell’Accademia, Florenz
Salomons Urteil (Ausschnitt), Fresko von Tiepolo, 1730, Palazzo Arcivescovile, Udine

Saul war um 1000 v. Chr. der erste König Israels. Er steht für den Übergang eines losen Zusammenschluss einzelner Stämme zu einem fest gefügten Staat. Er stand in ständigem Konflikt mit den Philistern. Saul wurde von seinem Sohn Jonatan unterstützt, und auch David, konnte bald die Anerkennung des Königs gewinnen. Allerdings neidete Saul seinem Schwiegersohn zu­neh­mend dessen Erfolge und Beliebtheit. In seinen durch einen bösen Geist ausgelösten Verstimmungen glaubte er einerseits von Jonatan und David, andererseits von Samuel bedroht zu werden. Saul starb im Kampf gegen die Philis­ter, mit ihm fiel sein Sohn Jonatan, von dem David später sagte, seine Liebe habe ihm «mehr als Frau­enliebe» bedeutet. Da es nun keinen Thronfolger mehr gab, salbten die Ältesten der Israeliten David zum König.

Salomo war der dritte König des vereinigten König­reichs Israel und Erbauer des ersten Tempels in Jeru­sa­lem. Sein salomonisches Urteil, ist im allgemeinen Sprachgebrauch verankert. Seine Regierungszeit gilt als goldenes Zeitalter des Judentums.

Nebukadnezar

Dem biblischen Bericht zufolge musste sich Hoschea, der letzte König des Nordreichs Israel Salmanassar unterwerfen. Hoschea soll mit dem Pharao konspiriert und ihm etwa 725 v. Chr. einen Boten mit der Bitte um Hilfe gegen die Assyrer geschickt haben. Zu Beginn der dritten ägyptischen Zwischenzeit hatte sich Ägyp­ten bis tief in die Levante ausgebreitet, dann aber seinen Einfluss in der Region an das Assyrische Reich verloren.

Nebukadnezar II. spielt infolge der Eroberung Jerusalems 597 v. Chr. eine wichtige Rolle in der Bibel. Er wird einerseits als Tyrann, andererseits durch die Pro­phe­ten als Werkzeug Gottes zur Bestrafung der Sünden Israels dargestellt. Ein Teil der Judäer assimilierten sich wohl recht schnell in die babylonische Gesellschaft. So tauchen relativ bald jüdische Namen auf Inschriften auf, die belegen, dass sie in Hofstaat und Militär Nebu­kad­ne­zars Karriere machen konnten. Die Zeit des baby­lo­ni­schen Exils war für die jüdische Theologie ausserordentlich fruchtbar. Es musste erklärt werden, warum der Tempel zerstört und das auserwählte Volk aus dem Heiligen Land vertrieben worden war. Das Buch Daniel der Bibel berichtet davon.

Daniel in der Löwengrube, Gemälde von Rubens, 1615, National Gallery of Art, Washington D.C.

Daniel gilt als Vorbild eines auch in lebens­be­droh­li­cher Verfolgung gottestreuen Menschen.

Nebukadnezar hat einen beunruhigenden Traum und befiehlt allen Wahrsagern und Traumdeutern seines Landes, den Traum zu erraten und zu deuten. Bei Ver­sa­gen droht ihnen die Todesstrafe, bei Gelingen reicher Lohn. Als sie dieses Ansinnen als für Sterbliche unmöglich zu erfüllen zurückweisen, befiehlt der König, sie alle zu töten. Damit bedroht er auch Daniel, den jüdischen Seher und Traumdeuter in babylonischer Gefangenschaft. Daniel erbittet eine Frist und betet zu Jahwe, der ihm den Traum und seine Deutung in einer «nächtlichen Vision» offenbart. Jahwe habe ihn durch den Traum wissen lassen, «was am Ende der Tage geschehen wird». Der König habe im Traum ein riesiges metallisches Standbild mit Füssen aus Eisen und Ton gesehen. Ein von einem Berg rollender Stein habe die Füsse zertrümmert, das Standbild habe sich in Staub verwandelt, der Stein sei zu einem Berg ge­wor­den, der die ganze Erde erfülle. Das Standbild sym­bo­li­siere Babylon und drei folgende Reiche, die Füsse die Teilung des vierten Reichs. Dann werde Gott wie den Stein die Reiche vernichten und sein ewiges Reich errichten.

Daraufhin erkennt der Nebukdnezar Jahwe als Schöpfer der Welt an und macht Daniel zum Obersten aller Weisen im Land.

Der auf Nebukdnezar folgende König Darius wird von Neidern Daniels gedrängt, ein Gesetz zu erlassen, das die Anbetung von fremden Göttern bei Androhung der Todes­strafe verbieten soll. Weil Daniel dies nicht befolgt, wird er in die Löwengrube geworfen, die der König selbst ver­sie­gelt. Am anderen Morgen ist er noch am Leben: «… und man fand keine Verletzung an ihm, denn er hatte seinem Gott vertraut.» Daraufhin lässt der König Daniels Feinde hinrichten und erlässt ein Gesetz, das die reichsweite Ach­tung des biblischen ersten Gebots festschreibt:

«Er ist der lebendige Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich und seine Herrschaft hat kein Ende.»

Jesaja, Ausschnitt aus dem Dekengemälde der Sxitinischen Kappelle von Michelangelo, 1509, Vatikan

Jesaja wirkte zwischen 740 und 701 v. Chr. im da­ma­ligen Südreich Juda und verkündete diesem wie auch dem Nordreich Israel und dem anrückenden Grossreich Assyrien Jahwes Gericht. Er verhiess den Israeliten aber auch eine endzeitliche Wende zu universalem Frie­den, Gerechtigkeit und Heil und erstmals einen zu­künf­ti­gen Messias als gerechten Richter und Retter der Armen.

Jesaja trat ab etwa 740 v. Chr. öffentlich in Jerusalem auf und reagierte auf die damalige Verarmung grosser Bevölkerungsteile mit einer scharfen Sozialkritik, die «Recht und Gerechtigkeit» für die Armen einklagte und Israels Überleben davon abhängig sah.

Jesaja interpretierte war die Bedrohung Israels durch die Assyrer als Strafe Gottes für die Abweichung Israels vom rechten Weg Jahwes. So betrachtete er die assyrischen Heere als Jahwes Strafwerkzeug: «Wehe Assur, dem Stock meines Zorns! Der Knüppel in ihrer Hand, das ist meine Wut.»

Der Titusbogen in Rom

Der Titusbogen wurde Ende des ersten Jahrhunderts zu Ehren des Kaisers Titus für dessen Sieg über die Aufständischen in Judäa und die Eroberung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. errichtet.

Er ist ein Symbol und steinernes Zeugnis für das Ende des staatlichen Judentums und der Zerstreuung der Juden im ganzen Römischen Reich. An die Zerstörung des Tempels erinnern sich die Juden am Fastentag Tischa beAv.

Theodor Herzel

Theodor Herzl war ein dem Judentum zugehöriger österreichisch-ungarischer Schriftsteller, Publizist und Journalist. 1896 veröffentlichte er das Buch Der Judenstaat, das er unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre geschrieben hatte. Herzl war der Überzeugung, dass Juden eine Nation seien und dass aufgrund von Antisemitismus, gesetzlicher Diskriminierung und gescheiterter Aufnahme von Juden in die Gesellschaft ein jüdischer Staat gegründet werden müsse. Er wurde zu dessen Vordenker, organisierte eine Bewegung und be­rei­te­te so der Gründung Israels gedanklich den Weg. Er gilt als Hauptbegründer des politischen Zio­nis­mus. Die ersten sechs Zionistenkongresse fanden unter dem Vorsitz Theodor Herzls statt. Die Idee des zio­nis­ti­schen Staates fand jedoch damals unter den euro­päi­schen Juden keine grosse Anhägerschaft.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (nach der Drucklegung dieses Buches), fiel das Osmanische Reich mit tätkräftiger Hilfe der Engländer und seines Agenten Lawrence of Arabia (sowie etwas Hilfe der Franzosen) auseinander. Palästina wurde zu einem britischen Protekorat, Libanon zu einem fran­zö­si­schen. In Anatolien und an der Küste der Ägäis übernahmen die Jungtürken die Macht. Der so entstandene moderne Staat Türkei, der Tributzahlungen seiner früheren Vasallen verlustig, fiel wirtschaflich und geistig-kulturell ins Bodenlose.

Die Türken waren Krieger, Beamte oder anatolische Bauern, der Handel und das Handwerk lag in der Hand der armenischen, griechischen und jüdischen Minderheit. Die Türken wollten ihr Land von «untürkischen» Ele­men­ten säuberen, gemeint waren damit nicht-muslimsche Glaubensgemeinschaften, welche untereinander in griechischer, armenischer oder hebräischer Schrift und Sprache verkehrten. Zu dieser Zeit wurde auch die mo­der­ne türkische Sprache geschaffen im lateinischen Alphabet, die vormalige in arabischer Schrift war un­brauch­bar für den Alltag und nur für Gelehrte ver­ständ­lich.

Die «fremden» Bevölkerungsgruppen, oder wie Eduard von Mayer das schreiben würde, «Rassen», die Griechen, Armenier, Juden wurden zunehemd drangsaliert. Im Vertrag von Lausanne wurde ein Be­völ­ke­rungs­aus­tausch zwischen Griechenland und der Türkei vereinbart. Die Griechen wurden in Smyrna, heute Izmir, zusammengetrieben für die Überfahrt nach Griechenland, unzählige kamen dabei ums Leben. Zusammengtrieben wurden auch die Armenier, doch wohin diese gehen sollten, wusste niemand, auf einem langen Marsch schickte man sie in die syrische Wüste, der Völkermord an den Armenieren. Die Juden, die kleinste Minderheit, setzen sich nach Europa und Amerika ab, oder zogen nach Palästina, wo ihnen die Engländer Asyl gewährten, die Vertreibung der Juden aus arabischen und islamischen Ländern. Vertriebene Juden aus dem ehemailgen Osmanischen Reich, heute würde man sagen türkische Juden, wurden in den Zwan­ziger Jahren des letzten Jahrunderts, neben wenigen euro­päi­schen und schon seit ewigen Zeiten ansässigen «palästi­nen­si­schen», die Urzelle des heutigen Israel.

Das Warenhaus Jahndorf, 1906, Kotbusser Damm, Berlin

Die Juden, dem «Volk ohne Acker», im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in Ghettos gedrängt, blieben nur die Erwerbsbereiche nichtzünftiges Handwerk, Kramhandel, Pfandleihe, Kleinkreditgewerbe, Vieh- und Pferdehandel, Tuchhandel, Hau­sie­re­rei und reisender Landhandel. Juden waren eine sozial geächtete, arme Minderheit.

Für die französischen Revolutionäre von 1789 galten für alle Landesbewohner die gleichen Men­schen­rech­te. Zur Nation konnte jeder gehören, der sich zu den Prinzipien Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bekannte. Schon vorher in England, dann seit der Revolution in Frankreich und den südeuropäischen Ländern, erst um 1870 in Deutschland, Habsburg-Österreich und der Schweiz, erhielten sie die bürgerlichen Rechte: Nie­der­las­sungs­frei­heit, freie Berufsausübung und das Wahl- und Stimmrecht.

Im sich spät industrialisierenden Deutschland war der soziale Aufstieg der Juden besonders augenfällig. Durch die Jahrhunderte lange Tradition des Studiums der he­bräi­schen Thora und des Talmuds, durch Lesen und Reflektieren des Textes, war für die Juden der Zugang zur bürgerlichen Bildung leichter: Viele ihrer Kinder wurden Ärzte, Juristen, Wissenschaftler, Bankiers und Industrielle. Aus armen, reisenden Tuchhändlern und Hausierern wurden innerhalb einer Generation, im einfachen Volks­em­pfin­den, unermesslich reiche Warenhauskönige.

Adolf Jandorf war geschäftsführender Inhaber der Warenhauskette A. Jandorf & Co. Durch modernste Ver­kaufs­tech­niken stieg er aus einfachen Verhältnissen zu einem der vermögendsten Grosskaufleute Deutschlands auf. Mit dem Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in Berlin gründete er 1907 das heute bekannteste deutsche Warenhaus. Um 1914 gehörten ihm sieben grosse War­en­häuser in Berlin.

The Singer Company wurde 1851 vom Unternehmer und Erfinder Isaac Merritt Singer und dem New Yorker Rechtsanwalt Edward Clark gegründet. Inn­er­halb kürzester Zeit stieg das Unternehmen zum grössten Nähmaschinenproduzenten der Welt auf. In fast jedem bürgerlichen Haushalt Deutschlands stand bald eine Nähmaschine von Singer oder ein Nachahmer-Produkt.

Aus der früheren Ablehnung, infolge Fremdheit der jüdi­schen Gebräuche und Sitten, dem Erkennen des neuen Reichtums, der Tradition der christlichen, scholas­ti­schen Kritik am Judentum, der Furcht vor dem Kom­mu­nis­mus Engles’ und Marx's, entstand ein gedank­liches Gemenge, das hinführte zu einem intellektuell verbrämten Antisemitismus, der darin gipfelte in der Be­haup­tung, es gäbe eine jüdische Weltverschwörung.

Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI.

Das schwierige, komplizierte Verhältnis der römisch-katho­lischen Kirche zum Judentum beschäftigt seit Jahr­hun­der­ten die christlichen Scholastiker. Christus war Jude, Christus wurde gekreuzigt, weil die jüdischen Religionsführer ihn fürchteten. War das ein Verbrechen, von Juden begangen an Gott? Doch ohne das Kreuzopfer und die Auferstehung Christi, gäbe es das Christentum nicht! Ist das Alte Testament, das dem jüdischen Tanach mit wenigen Abweichungen entspricht, ein elementarer Teil des christlichen Glaubens? Oder bloss eine Vorgeschichte? Sind Juden Halbchristen? Oder sind Christen bessere Juden? Ist das Judentum eine mindere Religion? Das Christentum die heilbringende Wei­ter­ent­wick­lung desJudentums? Haben die Juden den Messias nicht erkannt? Müssen sie darum immer wie­der die Strafe Gottes erfahren bis in alle Ewigkeit?

Das zweite Vatikanische Konzil, 1962–1965, hat mit Nostra aetate das Verhältnis der römischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen neu definiert. Mit einer klaren Absage an den traditionellen Antijudaismus beginnt eine Aussöhnung der Kirche mit dem Judentum. Das Dokument betont das Verbindende mit den anderen Religionen, ohne den eigenen Wahrheitsanspruch zu schmä­lern. Die katholische Kirche, so heisst es, leh­ne nichts von dem ab, was in den Religionen «wahr und heilig» sei. Christen, Juden und Muslime werden er­mun­tert, gegenseitig Missverständnisse im Dialog aus­zu­räumen.

Dignitatis humanae über die Religionsfreiheit ver­weist auf die unverbrüchliche Menschenwürde jedes Einzelnen und spricht allen Menschen das bürgerliche Recht zu, ihre Religion frei nach dem eigenen Gewissen zu wählen. Gleichwohl betont das Konzil die Überzeugung, dass die «einzig wahre Religion» verwirklicht sei «in der katholischen, apostolischen Kirche».

Doch die Diskussion innerhalb der Kirche geht weiter. Papst emeritus Benedikt XVI. hat mit einem Beitrag Gnade und Berufung ohne Reue in der Zeitschrift Communio das Verhältnis aus seiner Sicht neu dargelegt.

Ist das nun Antisemitismus, Antijudaismus oder der Beginn eines «vertieften theologischen Dialogs» zwischen Christen- und Judentum, wie das Kurt Kardinal Koch, in seinem Vorwort schreibt? Kommentar auf kathpress.at und in der Neuen Zürcher Zeitung.

 

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Die gleiche Frage stellt sich auch zu Eduard von Mayers Betrachtungen über den Sinaiglauben, allerdings schon vor rund hundert Jahren geschrieben, als der Holo­caust noch in weiter Ferne lag. Sind seine interessanten Aus­füh­rungen Antisemitismus, Antijudaismus und Teil der geis­ti­gen Hinführung des deutschen Volkes zum National­so­zia­lis­mus, mit seinen schreck­lichen, unfassbaren Verbrechen an der ganzen Menschheit?

Oder sind seine Bet­rach­tun­gen das Gegenteil –, war er der Rufer in der Wüste mit prophetischer Voraussicht? Er schreibt in diesem Kapitel den bedenkenswerten Satz:

«Statt den tiefen Lebenskampf auf höhere Stufe zu heben – in In­nen­ent­lastung des Eigenwesens – halten ihn die Judenfeinde erst recht auf demselben Mas­sen­boden fest; am Gegengifte, das sie empfehlen, wird die Menschheit ebenso lange zu leiden haben, wie schon am Gifte.»

Jersusalem, Klagemauer und Tempelberg

Zion hiess ursprünglich eine Turmburg der Jebu­si­ter an der südöstlichen Stadtgrenze des vorisraelitischen Stadtstaats Jerusalem. Seit deren Eroberung durch König David und dem Bau des ersten Jeru­sa­le­mer Tempels unter Salomo wurde der Zion im Tanach zum Synonym für den Wohnsitz Jahwes, des Gottes der Israeliten. Er rückte damit ins Zentrum der Hoffnungen des Judentums, die sich auf weltweite An­er­ken­nung dieses Gottes und seiner Rechtsordnung richten. Diese Zion-Theologie durchzieht die Prophetie im Tanach seit Jesaja und bestimmte auch die End­zeit­er­war­tung des Urchristentums mit.

David hatte bereits den Bau eines Tempels auf dem Berg Zion geplant, den sein Sohn und Nachfolger Salomo um 930 v. Chr. verwirklichte. Damit wurde der tatsächliche Berg Zion, die Davidsstadt, zum Tempelberg.

Zion als Ort der kommenden Offenbarung des Gottes Israels, zu dem eines Tages alle Völker hinströmen wür­den, hat die Darstellung der Geschichte Christi im Ur­chris­ten­tum mitbestimmt: Denn dieser Messias war für sie der, der durch sein Lehren, Heilen, stell­ver­tre­ten­des Sterben und Auferstehen das Reich Gottes ver­körpert.

Als Berg Zion bezeichnet man heute einen Hügel südlich des armenischen Viertels der Altstadt. Diese offensichtliche Fehlidentifizierung stammt mindestens aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., als Josephus Jerusalems Westhügel «Berg Zion» nennt. Die deutschsprachige Benediktinerabtei der Dormition befindet sich heute auf dem Hügel. Während seiner Palästinareise im Jahre 1898 übernahm Kaiser Wilhelm II. an­läss­lich der Einweihung der evangelischen Er­lö­ser­kir­che zu Jerusalem das für 120 000 Reichsmark erworbene Grundstück auf dem Berg Zion von Sultan Abdül­ha­mid II. und übergab es dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande.

Zion bezeichnet heute auch allgemein das ver­heis­se­ne Land, oder den Ort, wo der Messias erscheinen wird.

Christus im Hause des Phariäers, Gemälde das Tintoretto zugeschrieben wird, um 1570, El Escorial

Die Pharisäer waren eine theologische, lebens­prak­tische und politische Schule im antiken Judentum. Sie bestanden während der Zeit des zweiten jüdischen Tempels und wurden nach dessen Zerstörung 70 n. Chr., als treibende Kraft im rabbinischen Judentum, die einzige bedeutende überlebende jüdische Strömung.

Im Neuen Testament werden Vertreter der Pha­ri­säer als Heuchler kritisiert und herabgewürdigt. Dieses Prädikat ist in vielen Ländern mit christlicher Tradition umgangssprachlich für den Selbstgerechten oder Heuch­ler tradiert worden oder allgemein für Positionen, die in kleinlicher Weise Kritik üben und dabei den Zu­sam­men­hang vernachlässigen.

Nach der Darstellung der Apostelgeschichte war Paulus selbst Pharisäer. Auch nach seiner Hin­wen­dung zum neuen Weg, betonte er seine Zu­ge­hö­rig­keit zum Volk der Judäer, die Treue zu traditionellen Riten und speziell die pharisäische Vorstellung einer Auferstehung.

Papst Innozenz II., Laurentius und Calixtus,
Mosaik, 12. Jahrhundert,
Chiesa Santa Maria in Trastevere, Rom

Das Zweite Laterankonzil tagte im April 1139 unter dem Vorsitz Papst Innozenz’ II. im Lateran in Rom. Dasz weite Laterankonzil beendete das Schisma von 1130. Nachdem der Gegenpapst Anaklet II. 1138 ge­stor­ben war und Bernhard von Clairvaux dessen Nach­folger Viktor IV. zum Rücktritt hatte be­we­gen können, wurden deren Anhänger wieder in die Kir­chen­ge­mein­schaft aufgenommen, jedoch entgegen vorherigen Zusagen ihrer Ämter enthoben. Das Konzil verurteilte die Lehren Arnolds von Brescia, und verabschiedete 30 Canones. Das daraufhin erstellte Decretum Gratiani gilt als Beginn der Kanonistik als eigenständige Wissenschaft. Vom 12. bis zum 14. Jahr­hundert sind De­kre­ta­len die Hauptquelle für die Ent­wick­lung des ka­no­ni­schen Rechts.

Pseudoisidorische Dekretalen sind übergreifender Name für die umfangreichste und einflussreichste kir­chen­recht­liche Fälschung des Mittelalters. Entstanden sind diese Fälschungen im zweiten Viertel des 9. Jahrhunderts im heutigen Ostfrankreich.

Die bewegte Geschichte des Frankenreiches im zweiten Viertel des 9. Jahrhunderts gibt den Hintergrund für die Fälschungen ab. In den dreissiger Jahren wurde Kaiser Ludwig der Fromme von seinen Söhnen abgesetzt, um seinen Thron kurz darauf zurückzuerhalten. Bei diesen Absetzungen und Wiedereinsetzungen spielten kirchliche Würdenträger schon deswegen eine Rolle, weil sie die Kirchenbusse für das angeblich sündhafte Leben der Herr­scher verhängen mussten. Der kirchliche Strafprozess waren das Hauptinteresse der Fälscher.

Weitere Passagen der Fälschungen handeln in kon­ven­tio­nel­ler Weise vom rechten Glauben, vor allem von Fragen der Trinitätslehre, also vom Verhältnis der Personen in der Dreifaltigkeit (Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist) zueinander.

Die «Leistung» der Fälscher wird noch deutlicher, wenn man sich vor Augen führt, dass die Fälschungen nicht etwa frei erfunden, sondern mosaikartig aus echten Texten zusammengestückelt sind. Die Fälscher müssen äusserst belesene Leute gewesen sein. Die Bibel, das römische Recht, fränkische Gesetzgebung, Konzilien, echte Papst­brie­fe, obskure Diözesanstatute, theologische Schriften, Geschichtswerke und mehr mussten als Bausteine für die Fälschungen herhalten.

Für etwa 150 bis 200 Jahre war der Erfolg der Fälscher eher mässig. Dies änderte sich im 11. Jahrhundert. Unter dem Eindruck klösterlicher Reformbewegungen und von Reformbestrebungen mancher Kaiser, bemühte sich eine Gruppe von Kardinälen und eine ganze Reihe auf­ei­nan­der­fol­gen­der Päpste ab der Mitte des Jahrhunderts, die Kirche von Missbräuchen zu reinigen.

In dieser Situation kamen die Papstbriefe der ersten Jahr­hunderte aus der Werkstatt der lange begrabenen Fäl­scher wie gerufen. Das enge Zusammenspiel zwischen Bischöfen und Papst war ein willkommener Beweis dafür, dass die Praxis der Kaiser in eklatantem Widerspruch zu den ältesten und ehrwürdigsten Traditionen der Kirche standen.

Wichtige Dekretalen im Mittelalter waren auch die Dekre­tale Venerabilem und die Dekretale Vergentis in senium, 1199, die grosse Bedeutung für die Entwicklung der Inquisition, dem kirchlichen Prozessrecht gegen die Ketzerei und Häresie erlangte.