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Eduard von Mayer, 1873–1960

Eduard von Mayer wird am 5. Juni 1873 in Analowo bei St. Petersburg als Sohn von Charlotte von Mayer und des Arztes Dr. Karl von Mayer, dem Gründer des Evangelischen Hospitals in St. Petersburg, in eine neunköpfige Familie geboren. Die Familie von Mayer ist deutsch­stämmig und gehört dem ukrainischen Adel an.

Über seine Kindheit liegen nur wenige Angaben vor. In seinem Elternhaus habe, laut Eduard, durch den Einfluss der Mutter mit dem ‹Wesen einer Äbtissin›, eine pietistisch geprägte Stimmung geherrscht. Seine Erziehung wird Theologen übergeben, neben Deutsch und Russisch spricht er schon früh weitere Fremd­sprachen. Seine literarischen Bestrebungen fanden keine Unterstützung in seiner Familie und auch Theaterbesuche blieben untersagt – es handle sich hierbei um Sünde.

Mit 13 Jahren verliebt er sich während eines Sommeraufenthaltes in Reval in die junge Elisabeth von Stackelberg – eine Liebe, die in ihm die Einsicht der ‹Persönlichkeit als Daseinsgrund› weckt, aber unerfüllt bleibt, ihn in seiner anerzogenen, asketischen Einstellung bestärkt und ihn, wie er es nennt, in eine ‹Freudenfeindschaft› führt. Als 17-Jähriger zeigt er sich ‹schwermütig› bis zur Suizidalität. In seiner Isolation wird er zur Naturerforschung getrieben und entdeckt einen tiefen Widerwillen gegen das Christentum, das er als ‹Unter­ord­nung und Willenenteignung› bezeichnete. Er bemerkt eine Affinität zum Monismus, weil er ihm in Leugnung eines übergeordneten Gottes, eine Befreiung vom ‹Himmelzwingherrn› verspricht. Doch auch diesen ‹Naturzwang› wertet er schon bald als ‹Selbstmordversuch der Persönlichkeit›.

Am 15. August 1891 – er hat bereits sein Abitur gemacht – lernt er im Garten der elterlichen Villa Elisàr von Kupffer kennen. Dieser bezeichnet ihn später als ‹ganz in sein Gefühl verkapselt›, äusserst gastfreundlich, aber unzugänglich. Erst durch diese Bekanntschaft beginnt Eduard von Mayer sich aus den Zwängen seiner pietistischen Erziehung zu lösen und pflegt seine Interessen für den Bereich des Theaters und der bildenden Künste.

1894 beschliesst die Mutter Eduard von Mayers aufgrund der gesundheitlichen Probleme mehrerer Familienmitglieder an den Genfer See überzusiedeln. Auch die Hochschulzeit in der Schweiz bringt ihm keine Antworten auf seine ‹Gottes­stürmer-Kämpfe›. Seine religiösen Fragestellungen finden vorläufig in Schopenhauer ‹eine bestimmte Befriedigung durch dessen Wollust der Lebens­verneinung›. In dieser Lektüre und durch die endgültige Auflösung des Verhältnisses zu Elisabeth von Stackelberg stürzt er in eine tiefe Lebenskrise, die in einen Selbstmordversuch mündet, die ihn jedoch auch zur ‹Erkenntnis des Eigenwillens› bringt. Elisàr von Kupffer schreibt dazu, Eduard von Mayer werde:

« ... in seiner Weise gestählt und, nach weiteren Krämpfen, in einigen Jahren befähigt, der Lebensgenosse meiner Botschaft zu werden.»

In dieser Zeit widmet er sich den Werken Nietschzes, zu dem er spontan eine Verwandtschaft fühlt. Er distanziert sich jedoch von einer tieferen Lektüre, um durch die Affinität nicht in seinem originären Denken beeinflusst zu werden.

1897 beendet er mit seiner Dissertation Schopenhauers Ästhetik und ihr Verhältnis zu den ästhetischen Lehren Kants und Schellings in Halle an der Saale sein Studium. In den kommenden Jahren entwickelt er in Anlehnung an zeitgenössische Theorien der Naturwissenschaften die Erkenntnis der ‹Aktiden›, beseelter, eigenständiger Kraftpunkte und setzt dem ‹Willen zur Macht› Nietzsches den ‹Willen zur Tat› im Sinne des Klarismus entgegen. In zahlreichen Schriften stellt er die Wirksamkeit wissenschaftlicher Erkenntnismethoden in Frage. Bald entdeckt er die ‹Mehrung des Weltenwertes› und gelangt zu einem ‹organischen Glauben›, den er in seinem monumentalen, mehrbändigen Werk Die Zukunft der Natur 1916 im Klaristischen Verlag veröffentlicht.

Die äusseren Ereignisse seines Lebens verlaufen ab 1897 nahezu parallel zu denen Elisàr von Kupffers. Gemeinsam mit ihm entwirft und untermauert er durch theoretische Schriften den Klarismus. Trotz oder – nach eigener Ansicht – wegen seines ausgeprägten Intellekts ordnet er sich dem Werk Elisarions unter und nimmt seine Autorenschaft zurück. ‹Das›, schreibt er, ‹was ich weiter erkannte und nun bekenne, ist Lebensfrucht vom Baum Elisarions.›

Die Frage nach der Autorenschaft grundlegender Werke des Klarismus, etwa Was soll uns der Klarismus? – eine menschliche und soziale Neugeburt und Ein neuer Flug und eine heilige Burg bleibt ungeklärt. Sind diese theoretischen Schriften tatsächlich nur von einem der Protagonisten des Klarismus, nicht vielmehr im Dialog verfasst? Eduard von Mayers Interessensgebiete sind weit: so ist er in Fachkreisen durchaus als Mathematiker wegen der Entdeckung des spiraligen Primzahlengesetzes bekannt.

Auch seine kunsthistorischen Werke bleiben zu seinen Lebzeiten nicht ohne Beachtung. 1904 erscheint Pompeji in seiner Kunst, das eine weite Verbreitung findet und 1907 auch ins Englische übersetzt wird. Im März desselben Jahres erscheint Fürsten und Künstler – Zur Soziologie der Kunst in Berlin.

Besonders die Zeit nach 1927, also seit der Entstehung der Weihestätte scheint für Eduard von Mayer gänzlich im Zeichen des neuen Glaubens zu stehen. Während Elisar von Kupffer in der Umsetzung des Klarismus hauptsächlich das ikono­gra­phische Programm seines Glaubens ausgestaltet, engagiert sich Eduard von Mayer im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, das heisst er stellt den Klarismus in namhaften Zeitungen und Zeitschriften vor, hält Lichtbildvorträge und knüpft auf Tagungen unterschiedlichster Organisationen Kontakte. Er versteht sich als Botschafter, als Vorkämpfer des Klarismus und als Bindeglied zwischen dem Religionsverkünder Elisarion und der Welt:

«Elisarion hat sich in mir – nicht ohne Müh und grosse Herzengeduld – den ersten Erkenner seiner Lebensbotschaft herangezogen; so ist es begreiflich, dass Vielen gerade ich den Weg zur Befreiung zu weisen vermag. Für diese bereite ich den ersten Pfad zur Hochwarte der Klarheit, zur Heiligen Burg des Klarismus, dem Werk Elisarions.»

Die Jahre nach dem Tod Elisarions, also ab 1942, verbringt Eduard von Mayer mit der Dokumentation und Sicherung des gemeinsamen Lebenswerkes. Nicht nur die Bibliothek des Sanctuarium Artis Elisarion, sondern auch der erhaltene Brief­ver­kehr und Veröffentlichungen, ebenso die Skizzen, Zeichnungen, Entwürfe und Gemälde mit ins gesamt über 2400 Nummern werden in vier Jahre währender Arbeit inventarisiert.

In diesem Prozess des Archivierens findet – nach dem bisherigen Stand der Erkenntnisse – auch eine Art ‹Säuberung› statt. Offensichtlich befürchtet Eduard von Mayer nach seinem Tod eine Diffamierung des Gesamtwerkes. Schon vor 1960, dem Jahr seines Todes, scheinen intime Briefwechsel zwischen den beiden Männern, aber auch Dokumentationen des Kontaktes mit Persönlichkeiten wie Magnus Hirschfeld verschwunden zu sein. Ebenso bleiben die Mitarbeit an der Zeitschrift Der Eigene, der ersten Homosexuellenzeitschrift, die Beiträge in Hirschfelds Jahrbuch der sexuellen Zwischenstufen und die Autorenschaft des Werkes Das Mysterium der Geschlechter, einer klaristischen Geschlechtertheorie, im Nachlass weitestgehend unsichtbar. Auch sein 1902 erschienener Roman Falsche Feuer, der ein kritisches Bild des deutsch-evangelischen St. Petersburgs sein sollte und fast zu dem Bruch mit seiner Familie führte, blieb seinerseits – ebenso wie die erfolgreich vertriebenen Werke der älteren Schwester Sonia E. Howe – nahezu unerwähnt und wurde den klaristischen Zeugnissen untergeordnet.

 

Fabio Ricci

Eduard von Mayer,
Gemälde von Clara Wagner-Grosch
Eduard von Mayer, Gemälde von Elisarion
Eduard von Mayer, ein Vorkämpfer der Lebensreform. Porträt in der Zeitschrift «Zum Edelmenschen», Juli 1930
Eduard von Mayer, Zeichnung von Clara Wagner-Grosch
Eduard von Mayer, 1932,
Zeichnung von Clara Wagner-Grosch